🌸|romcom
RomCom, die
(auch ‚Liebeskomödie' genannt)
Beschreibt im Filmbereich eine ganz bestimmte Filmgattung.
Der Begriff ist ein Kofferwort.
„Romcom" besteht aus den Worten „romantic comedy"
•••
„Hallo?"
„Hi, Chanyeol."
„Warum rufst du an?"
Gelangweilt blies ich mir eine Haarsträhne aus der Stirn als ich meine Beine so streckte, dass meine Zehen die Lehne meines Sofas berührten.
„Muss ich einen Grund haben, um einen Freund anzurufen?"
Lachen am anderen Ende der Leitung.
„Nein, ich denke nicht."
Mich hatte diesen Abend wieder die plötzliche Lust ergriffen auf Youtube nach Kurzfilmen zu suchen, weswegen ich es mir mit meinem Laptop auf meinem Schoß auf meiner Couch gemütlich gemacht hatte.
Zwei Stunden, sämtliche schlechte und interessante Kurzfilme- und eine Analyse ob ein Ghiblifilm nicht auf LGBTQ+-Charakteren basiert, sowie ein leerer Akku meines Laptops später, fand ich mich immer noch auf dem Sofa liegend wieder.
Mit dem entscheidenen Unterschied, dass es dunkel geworden war und ich meine kleine Lampe neben dem Sofa angeschaltet hatte.
Die perfekte Zeit, um Chanyeol anzurufen.
„Was machst du?"
Ein mechanisches Klicken und Klacken bei Chanyeol. Kurze Stille; dann ein Leises Auflachen.
„Ich spiele Schach."
„Oh.", kurz befeuchtete ich meine Lippen, „Wenn du jemanden gerade da hast und ihn fertig machen willst, dann müssen wir auch nicht-"
„Online.", ein Rascheln bei Chanyeol; wahrscheinlich holte er sich Chips aus einer Tüte. Das Knuspern danach bot mir Zustimmung. Ein Kichern, „Also alles gut, wir können gerne telefonieren."
Ich konnte nichts gegen das Grinsen machen, dass sich bei dieser Antwort auf meine Lippen schlich.
„Schach also, hm?", amüsiert richtete ich mich auf.
Chanyeol steckte in der Tat voller Überraschungen und unerwarteter Wendungen. Und Schach war einer der Dinge gewesen, die ich noch nicht einmal in Erwägung gezogen hatte in Verbindung mit ihm zu bringen.
Vielleicht Basketball oder Staffellauf. Vielleicht auch Weitsprung. Aber Schach? Nie in einer Millionen Jahren. Dieses Hobby hatte ich mir eigentlich mehr für Kyungsoo aufgespart.
Ausnahmen bestätigten wohl wirklich die Regel und davon abgesehen schloss es immer noch nicht aus, dass ich wenigstens bei Kyungsoo den richtigen Riecher hatte.
Vielleicht mochte Chanyeol ja sogar Basketball.
Oder Weitsprung.
„Das wollte ich seitdem ich Damengambit geschaut habe, eh nochmal lernen."
Chanyeol lachte: „So wie ungefähr 80% der restlichen Zuschauer der Serie."
„Touché."
Ich erinnerte mich immer noch gut daran, wie überrascht ich über die immensen Zahlen und den riesigen Einfluss der Netflix-Serie in Foren gelesen hatte.
So lange zumindest, bis ich mich selbst an die Serie herangetraut hatte. Scott Frank hatte ganze Arbeit geleistet die Novelle interessant in Szene zu setzen.
Ganz davon abgesehen, dass Anya Taylor-Joy die Rolle der Beth Harmon fantastisch verkörpert hatte und sämtliche andere Hauptrollen absolut richtig ihren Platz in der Serie gefunden hatten.
Ich fand es immer noch bewundernswert, wie die Serie es geschafft hatte, etwas, was von einem Großteil der Gesellschaft als so „Langweilig" betrachtet wurde, Schach so interessant und spannungsvoll zu präsentieren, sodass der Sport an sich eine ganz neue Bedeutung bekam.
Ich selbst war dem schließlich auch verschuldet.
Mit einem Ächzen stand ich schweren Herzens von der Couch auf.
Chanyeols Chips-Geknister hatte mich hungrig gemacht.
Und ich hatte eh noch nicht zu Abend gegessen.
Etwas was nachgeholt werden musste.
„Was hältst du von der Serie?", fragte ich als ich schweren Schrittes in meine Küche stolperte. Mein rechter Fuß war eingeschlafen.
„Vom Damengambit?"
„Mhm."
Mein Toaster und das Toast daneben lächelten mich so sehr an, sobald ich die Küche betrat, dass ich gar nicht anders konnte als die längliche Plastikverpackung zu öffnen.
Zwei Toasts würden mir wahrscheinlich reichen.
„Ich fand die klasse.", leise, fast so als wäre es ihm peinlich, lachte er in sich hinein, „Habe sogar versucht bei den Spielen, die teils gezeigt wurden mitzuspielen."
Bei der Vorstellung konnte ich nicht anders als zu schmunzeln. Chanyeol der im Schneidersitz vor seinem Fernseher saß, alles ganz genau mit Adlerauge beobachtete, die Szenerie pausierte und selbst überlegte.
Vielleicht hatte er ja sogar ein Schachbrett vor seinen Füßen liegen gehabt.
Einhändig legte ich die Toastscheiben in die zwei Spalten und drückte sie runter.
Ein rotes Licht leuchtete unterhalb des Geräts.
Jetzt fehlte nur noch Belag.
Wenig elegant öffnete ich meine Kühlschranktür mit meiner linken Hand, während die andere mein Handy angeschrägt vor meinen Mund hielt.
„Und? Konntest du gegen Beth Harmon ankommen?"
Dieses Mal lachte er laut. Weniger reserviert. So wie es mir besser gefiel.
„Allein, wenn es um das Zeitliche geht hätte ich im Vergleich direkt verloren. Ich bin bei sehr guten Gegnern sehr vorsichtig.", scharf atmete er Luft zwischen seinen Zähnen aus, „Sie würde mich alleine mit ihren Blicken in die Ecke treiben."
Grinsend nickte ich. Ihre Blicke konnten wirklich sehr eindringlich sein (ein weiterer Punkt, der mir an der Serie sehr gut gefallen hatte. Vieles konnte durch Mimik mitgeteilt werden). Der Ehrgeiz, der Ansporn und irgendwo tief auch die Selbstgefälligkeit hatten ihren Blick so stechend wirken lassen.
Ironischerweise hatte ich mir Chanyeol mit einer ähnlichen Mimik vorgestellt, die sich mit dem Kommentar allerdings begann zu ändern.
Vorsichtiger, planender, gespannt.
Nach einer kurzen Debatte zwischen Roter-Bohnen-Paste und Spiegelei, griff ich entschlossen nach der Kartonverpackung und schloss die Kühlschranktür wieder.
Toast mit Spiegelei sollte für den Moment reichen.
„Was hast du heute sonst noch so gemacht, oh böser Wolf?", kurzerhand legte ich Chanyeol auf eine Gewürzdose neben meinem Herd, „außer Schach zu spielen meine ich."
In der Schublade neben dem Herd lagen meine drei Pfannen gestapelt. Ohne groß weiter darüber nachzudenken, entschied ich mich für die Kleinste.
Das würde schon funktionieren.
Chanyeol heulte am anderen Ende der Leitung auf – so wie ein Wolf es tun würde und ich konnte nichts gegen das Grinsen tun, dass sich daraufhin auf meine Lippen schlich.
Er lachte mit mir.
Die Butter in der Pfanne begann zu brutzeln.
„Ich habe ein neues Filmposter gekauft, das ich eigentlich nicht brauche und wofür ich eigentlich auch keinen Platz habe.", so als wäre ihm damit eine neue Eingebung gekommen, seufzte er tief, „Ich sollte echt mal ausmisten."
Schuldbewusst glitt mein Blick für einige Sekunden in meinen Flur, in dem über meiner Kommode nur eins von meinen A1-Filmpostern hing. Viel blau zu wenig orange und dem „Back-To-The-Future"-Schriftzug in dem unteren Drittel.
Ich hatte auch viel zu viele Poster, die ich gerne aufhängen würde. Das machte sich besonders in meinem Zimmer bemerkbar, dessen Wände eine Farbexplosion war und nicht schlicht weiß, wie der Rest meiner Wohnung. Mehr oder weniger zumindest.
Als ich frisch eingezogen war hatte ich kurz die Idee gehabt, sie monatlich zu wechseln, aber der Gedanke war bereits nach dem ersten Monat verworfen, weil der faule Teil meines Gehirns an Überhand gewonnen hatte.
„Das verstehe ich nur zu gut.", murmelte ich wahrheitsgemäß und lachte verlegen, „Ich hab' viel zu viele Plakate von Kunstausstellungen oder Filmen, aber viel zu wenig Platz, um sie zu ehren."
Ich spürte, wie sich meine Mundwinkel in einem herausfordernden Grinsen weiteten: „Allerdings kein geklautes Großes aus dem Kino."
„Ach, halt die Klappe!"
In seiner Stimme schwang nicht das kleinste bisschen Wut mit.
Stattdessen konnte ich mir gut sein Lachen vorstellen.
Mit einem hohen Ping sprang mein Toast hoch.
Früher hatte ich mir immer gern vorgestellt, dass es dem Brot im Toaster zu warm wurde und deswegen versucht an die kühle Luft zu springen.
Jetzt allerdings ging ich nur einen Schritt auf ihn zu und zog mein Toast heraus.
Oder versuchte es zumindest, denn es schien so als hätte sich die eine Scheibe am Toastgitter verhakt. Es blieb an Ort und Stelle, egal wie vorsichtig-grob ich es versuchte.
„Ey.", stöhnte ich auf und versuchte es weiterhin. Sonst musste das Messer Beihilfe leisten, „Mein Baby gehört zu mir!"
Chanyeol lachte leise auf. Furioses Klicken.
„Das denke ich mir auch gerade, der Typ hat mir meinen einen Springer geklaut.", kurze Stille, dann ein tiefes Raunen, „Pass ja auf. Das ist dein Tanzbereich und das ist meiner. Verstanden?"
„Das gilt vielleicht für deinen Gegner, aber nicht für meinen Toaster.", murrte ich, während ich mich an meiner Besteckschublade zu schaffen machte. Stecker vom Toaster raus und mein Buttermesser als Hilfestellung.
So langsam hatte ich das Gefühl, dass sich meine Küchengeräte gegen mich wandten.
Es fehlte nur noch, dass mein Ofen ausfiel oder meine Spüle begann auszulaufen.
„Dirty Dancing hin- oder her."
•
„Sag mal Baekhyun.
Warst du schonmal verliebt?"
Chanyeols Stimme war mittlerweile ganz leise und ruhig – ganz noch im Kontrast zu der aufgeweckten Art, mit der er seinen Online-Schach-Sieg gefeiert hatte. Und ich mit ihm.
Sein verlorener Springer hatte ihn letzten Endes doch nicht in den Ruin getrieben.
Das war mittlerweile unser zweiter Anruf.
Nach zweieinhalb Stunden legte unser Handy eigenständig auf.
Die Zeit war verstrichen; beinahe wie feine Sandkörner, die durch die eigenen Finger rinnen. Unaufhaltsam und schnell.
„Hm?", fragte ich, während meine Zehenspitzen an dem Rahmen meines Fensters angelehnt waren.
Die laue Frühlingsnacht hatte wortlos eingeladen mich auf die Fensterbank in meinem Wohnzimmer zu setzen.
Ich war ihrem Wunsch nachgekommen.
Etwas raschelte in Chanyeols Hintergrund. Wahrscheinlich setzte er sich in seinem Bett auf oder änderte seine Position.
„Ob du schon mal verliebt warst.", wiederholte er, nur ein kleines bisschen lauter als zuvor, „Also ich meine so richtig verliebt; verstehst du?"
Ich lachte leise auf: „Ja, ich denke ich weiß, was du meinst."
Es war nicht so, dass ich hatte kommen sehen, was kam. Das hatte ich wirklich nicht und ich begann mich langsam damit abzufinden, dass Chanyeol schlichtweg schaffte zu überraschen.
Vielmehr bot die Stille des Abends und der von Wolken bedeckte Himmel die Atmosphäre für Ehrlichkeit.
Für persönliche Gespräche.
„Zwei Mal.", sagte ich und konnte nichts gegen das Schmunzeln tun, dass sich auf meine Lippen schlich. Es waren schöne Erinnerungen.
Und sehr melancholische.
„Was ist mit dir?", fragte ich schnell, bevor mich die anderen überkommen konnten.
Sie kamen trotzdem.
Frischer, neuer, aufregender, aufbrausender.
Ich lachte leise: „Wer hat es geschafft den bösen Wolf liebevoll werden zu lassen?"
Ich hörte wie Chanyeol in mein Lachen einstieg, müde und belustigt als hätte er den Spitznamen mittlerweile anerkannt.
„Mich macht keiner so schnell schwach, Rotkäppchen."
Ich begann zu grinsen. Genoss den seichten Luftzug und musterte zwei Lichtkegel eines Autos aus der Ferne.
„Hard-To-Get, hm?", ich lachte ehrlich, ehe ich begann zurückzurudern.
„Aber nein, ich weiß was du meinst."
Ich wusste nicht, ob ich es als wählerisch bezeichnen würde oder ob ich einfach lange abwartete.
Ich hatte mich nie sonderlich schnell verliebt. Nicht so schnell wie Lia aber auch nicht so wenig wie Yumiko. Wenn ich Interesse an jemandem hatte, dann konnte es gut sein, dass es sehr schnell wieder verfiel.
Es war beinahe wie ein zarter Ast an einem Baum. Jeglicher Wind konnte ihn abknicken. Dass er dem standhielt und weiter wuchs kam durchaus selten vor.
„Nee, aber mal ehrlich.", die Leitung knisterte als Chanyeol schwer ausatmete, „Keine Ahnung."
Kurzes Schweigen. Eine Polizeisirene irgendwo in der Ferne. Ein Räuspern.
„Wie fühlt sich das denn so an? Verliebt in eine Person zu sein, meine ich?"
Ein erneutes Schmunzeln legte sich auf meine Lippen als ich an die Anfänge dachte und die Realisation, dass da vielleicht etwas war. Etwas was neu und besonders und aufregend und einfach...anders war.
Wie eine Knospe an dem Ast der standhielt.
„Also für mich war es immer wie das klassische Gefühl von Schmetterlingen im Bauch.", sagte ich nach einer Weile, „nur irgendwie stärker...schleudernder." Ich lachte leise, „Als würde sich der Magen umdrehen, aber auf die beste Art und Weise."
Wir waren sechszehn gewesen und unerfahren und hatten gerade eine Runde Mario Kart auf dem DS nebeneinander gespielt, bei welcher er gewonnen hatte. Und während er mich so triumphierend anlächelte war da etwas. Irgendwas Ungewohntes. Etwas Schönes.
„Ich merke es immer, wenn ich nervös werde, doppelt und dreifach über meine Worte stolpere, weil ich zu lange über sie nachgedacht habe und mein Körper ganz...kribbelig wird."
‚Du küsst...echt gut.'
‚Dann tu' es doch nochmal.'
Eine feine Gänsehaut überkam meinen Körper. Nicht aus Kälte, da war ich mir sicher.
Chanyeols leises: „...Ein Kribbeln?", ging in demselben Moment ein, aber nicht unter als ich meine Gedanken weiterhin laut aussprach.
„Oder wenn es sich anfühlt als würde das Herz kurz aussetzen, wenn man ein Kompliment bekommt oder die Person lacht oder einfach neben einem steht und lächelt.", sein Lächeln war immer hypnotisch gewesen. Seine Lippen fesselnd, auch, wenn seine Worte wie Seide über diese fielen,
„sowas."
Chanyeol schwieg und ich konnte nicht anders als der schwangeren Stille entgegenzulachen.
„Tut mir leid für den Kitsch, aber du hast es darauf angelegt."
Ich war sicher nicht die beste Person, die man ansprechen sollte, wenn es um das Gefühl ging verliebt zu sein.
Fing ich einmal an, dann war es schwer wieder einen Punkt oder ein endgültiges Ende zu finden.
Vielleicht hielt ich auch deswegen zu lange an Beziehungen fest.
Weil ich allein schon das Gefühl liebte, verliebt zu sein.
Es war eindeutig bittersüß.
Fast so wie Zartbitterschokolade.
„Alles gut.", ich konnte aus Chanyeols melodischem Unterton eindeutig heraushören, dass er ebenfalls schmunzelte. Vielleicht war ein Lächeln bei solchen Themen einfach ansteckend, „Um diese Uhrzeiten sind kitschige Sachen doch ein Muss."
„Das stimmt allerdings."
Fahles Mondlicht, dass sich aus der Wolkendecke stahl.
Ein leises Lachen von Chanyeol: „Dann war ich wohl als Kind in Spiderman verknallt."
Harmonisch stieg ich in sein Lachen ein.
Generell war die Atmosphäre, die uns umhüllte seltsam harmonisch.
„In welchen?"
„Tom Holland.", gab er zu. Erneutes Rascheln. Vielleicht ein Richten seines Kissens. Ich konnte mir gut vorstellen, dass er ein Kissen im Rücken brauchte, wenn er mit diesem an der Wand lehnte, „Ich finde er war eine super Mischung, so wie ich mir immer einen Peter Parker vorgestellt hatte. Keine Ahnung. Er hatte mich ganz schnell überzeugt."
„Ah, verstehe.", ich nickte ehrlich. Ich war mir noch nicht ganz sicher, ob ich das bei Chanyeol erwartet hatte. Marvel passte, da war ich mir sicher. Peter Parker irgendwie nicht ganz. Mein Bild von ihm begann sich nur ein weiteres Mal umzuformen. Es bekam mehr Tiefe. Etwas, worüber ich mich nie beschweren könnte.
„Ich kann mir gut vorstellen, was du meinst.", gab ich offenkundig zu, „Ich bin jetzt nicht allzu sehr im Marvel-Universum verstrickt, aber er hat die Rolle gut gespielt, das muss man ihm lassen."
Eine Meinung, die ich mir auch selbst gebildet hatte, ohne, dass mir Lia ein Bild nach dem anderen von dem Schauspieler hatte zeigen müssen. Er hatte sie überzeugend angenommen. Und der zusätzliche Punkt, dass er durchaus sehr gut aussah, kam sicherlich auch nicht zu schaden.
„Er hat in unserer Generation fast so viel Potential wie der junge Leonardo DiCaprio damals.", überlegte ich laut, ehe ich innehielt und mich an einen Artikel erinnerte, den Lia in einer Schicht einmal laut vorgelesen hatte, „nach Timothée Chalamet versteht sich."
Er und Saoirse Ronan waren nach Lady Bird und Little Women bereits zu dem Rose&Jack-Couple der heutigen Generation gekürt wurden. Diese Auszeichnung wollte ich natürlich nicht vorenthalten.
„Oh, das ist gewagt.", summte Chanyeol tief, „Leo war einfach ein Schönling."
„Wobei wir wieder bei der Konfliktfrage sind, ob er nur gut aussieht oder auch was kann."
Ich war sehr versucht bei dem Feixen zu zwinkern, hielt mich aber zurück als ich mir ins Gedächtnis rief, dass Chanyeol mich überhaupt nicht sehen könnte.
„Klingt auf jeden Fall nach einem wahren Celebrity-Crush.", urteilte ich schließlich, während ich spürte, dass mir ein Gähnen den Hals hochkroch.
Ein Schnalzen mit der Zunge: „Crush! Das war das Wort, das mir gefehlt hat.", ein kurzes Schweigen, das Platz für Gedanken und Überlegungen bot. Ich schwieg.
„Ich glaube wirklich verknallt sein, ist wahrscheinlich ein sehr großes Wort.", ergänzte Chanyeol schließlich.
Ein großes Wort für große Emotionen und große Reaktionen.
„War es bei deinen beiden erst ein Crush?"
Ich konnte nichts gegen das Lachen tun, das mir über meine Lippen kam.
„Ich denke ich bin da ein wenig unfähig.", gab ich wahrheitsgemäß zu, „Ich merke nie, dass es ein Crush ist, bis ich verliebt bin. Oder zumindest fließt das irgendwie nahtlos ineinander über."
Vielleicht hielt ich einfach zu lange an dem Gedanken fest, dass Freundschaften auch ein ganz warmes und aufregendes Gefühl auslösen konnten – zu was sie in jedem Fall auch imstande waren, das stand außer Frage.
Vielleicht nahm ich es auch einfach nicht wahr, bis mich eine riesige Welle übermannte. Wie Salzwasser. Nur in süß.
Mit herausfordernd klebrigen Gefühlen.
„Oder mein Gehirn denkt sich ganz oder gar nicht."
Jetzt war Chanyeol an der Reihe zu lachen.
Mein Handy vibrierte. Ich hatte nur noch 15% Akku.
„Wenn dann stürzt es sich komplett in's Chaos als nur den kleinen Zeh."
„Ganz genau."
Chanyeol wusste nicht – er konnte gar nicht wissen – wie gut er es mit dem Wort ‚Chaos' traf.
Wie eine Waschmaschine auf Schleudergang in den Waschküchen, zu den ich immer ging. Oder Gedanken wie ein Wirbelsturm.
Ich war mir sicher eine bestimmte Prise Chaos machte eine Beziehung auch erst aus.
Eigentlich.
Mein Mund wurde trockener.
Ich sollte wohl bald wieder etwas trinken.
Erinnerung wie Sandkörner knirschten zwischen meinen Zähnen.
„Aber deine bisherigen Beziehungen waren sicher schön und eher wenig chaotisch oder?"
Seine Stimme galt nicht mehr als einem müden Murmeln.
Ich schluckte.
„Das kommt ganz darauf an, welche du meinst.", die Atmosphäre lockte wirklich Ehrlichkeit mit ihrer stummen Stille.
„Von welcher willst du denn hören?", leise lachte ich, „der RomCom oder dem abenteuerlichen Dramafilm?"
So oder so ähnlich hatte ich Sihyun vor knapp zehn Monaten meine beiden Beziehungen dargelegt. Nachdem sie mich gefragt hatte, ob ich glücklich in meiner aktuellen Beziehung war.
Ich erinnerte mich noch gut daran, wie ich ohne mit der Wimper zu zucken mit ‚ja' geantwortet hatte.
Tja.
Zartbitterschokolade schmeckte bekanntlich auch besser bevor man sie herunterschluckte und nichts als ein bitterer Nachgeschmack auf der Zunge zurückblieb.
Bittersüße hin oder her.
‚Muss ich überhaupt fragen, wer von beiden die RomCom ist?', hatte sie mit gehobener Augenbraue gefragt.
Nein, das musste sie allerdings nicht.
„Sindae und ich waren zweieinhalb Jahre zusammen.", antwortete ich als Chanyeol sich nach kurzem Überlegen gegen das abenteuerlustige Drama entschieden hatte.
Ich tat nichts gegen das Lächeln, das unaufhaltsam auf meine Lippen kletterte. Und auch nichts gegen das beflügelnde Gefühl in meiner Brust, das sich überraschend gut in die gesamte Situation einbettete.
Es lag wahrscheinlich eben doch etwas an dem Sprichwort, dass einen die erste Liebe niemals vollends verlässt.
„Das waren die ersten, typischen Erfahrungen, die man als Teenager hat. Mit Herzklopfen und ersten Dates und eigentlich allem, was man von einem typischen, romantischen Coming-Of-Age-Film erwarten kann."
Und es war so viel mehr als das gewesen.
Ein reines, holpriges Herauswachsen aus einer Freundschaft; ähnlich wie aus unseren eigenen Klamotten.
Genau dann beginnend, in dem der spannendste Abschnitt der Jugend erreicht ist.
Ein sicherer Endspurt zu einem unsicheren, wackeligen Herantasten. Zwei Parallelen, die mit Knoten verbunden wurden und Erinnerungen preisgaben, die man in den einjährigen Fotoalben oder Mittags-Guten-Morgen-Küssen festhielt.
Gemeinsame, ersterlebte, richtige Zweisamkeit.
„Das war eigentlich echt ganz schön."
Aufgestapelte gemeinsame Zukunftspläne, welche letztlich von der Strömung der Zeit fortgerissen wurden.
„Wir haben uns erst getrennt, kurz bevor ich nach Seoul gegangen bin."
„Also habt ihr euch nur wegen der Entfernung getrennt?"
Ich seufzte schwer; war mir sicher den kleinen Resttropfen reiner Wehmut in meiner Brust zu spüren. Es waren Realisationen, die auf uns eingeprasselt hatten wie Hagelkörner.
„Es hat auch so nicht mehr wirklich funktioniert."
Immer öfter Streits und offensichtlich unnötige Gereiztheit – kurz vor dem Kollidieren, sodass es nur richtig war, die Fugen umzustellen, anstelle die Wogen zu glätten.
Wir hatten beide merken müssen, dass unsere Gleise in andere Richtungen führten.
„Niemand von uns weiß wirklich, was der andere mittlerweile macht."
Er wusste noch nicht einmal, dass ich wirklich Film studierte.
Er hingegen war sicherlich seinen Weg strikt weitergegangen. So etwas zielstrebiges, dickköpfiges passte sicher zu ihm.
Zumindest mochte ich mir das erdenken.
Kurz erhaschte ich einen Blick auf mein Handydisplay.
Acht Prozent.
Mein Handylautsprecher knisterte als Chanyeol schwermütig ausatmete.
Eine weitere Windböe erfasste mich.
Ich fröstelte.
„Und...die andere?"
Es war wie als hätte sich ein Schalter in mir umgelegt. Ganz plötzlich.
Null auf hundert.
Meine Brust verfestigte sich.
Der Zartbitterschokoladen-Nachgeschmack kam wieder. Meine Mundwinkel schrumpften. Ich schluckte.
„Die war ganz anders."
Und zwar wirklich wie eine Hundertachtzig-Grad-Drehung. Vielleicht, ganz vielleicht sogar Dreihundertsechzig.
Turbulenter.
Ungewohnt.
Noch nie gewonnene Eindrücke zu Erinnerung werden lassen, damit es sich neu anfühlt und ich mich wieder unerfahren fühlen kann.
Ich räusperte mich: „Alles ging schneller, plötzlicher...es war ziemlich aufregend.", leise lachte ich auf, sobald ich an mein Herz dachte, das mir damals bis zum Hals geklopft hatte, „Wie ein kleiner Wirbelsturm, nur dass es sich anfühlt als gäbe es kein oben und unten mehr, sodass..."
...man Intimitäten austauschte, weil man zu Beginn einfach nur pures Verlangen spürte. Ein magisches Anziehen.
„...man gar nicht anders kann als sich Hals über Kopf zu verlieben."
Sich verlieben, während man schon etwas am Laufen hat.
Kein Herantasten.
Stattdessen ein Sprung in's kalte Wasser.
Vielleicht hatte ich deshalb gedacht es wäre perfekt.
Weil sich die Art der Beziehung so gut mit meinem Verliebtsein abglich.
Eine weitere Möglichkeit. Ohne endgültige Antwort.
Chanyeol summte tief in die Nacht hinein.
„Und das ging nicht gut aus, wie ich es verstehe?"
Ein weiterer Seufzer fiel über meine Lippen.
Schwer wie losgelöstes Geröll.
Das war es allerdings nicht.
Die richtige Prise an Chaos liebte ich – konnte mir kaum etwas Besseres vorstellen.
Zu viel Chaos hingegen war einfach nur verwirrend.
Und es konnte wehtun.
Es waren Momente gewesen, in denen ich geglaubt hatte, Dayong zu kennen nur um doch wieder vom Gegenteil überzeugt zu werden.
Nicht auf die aufregende Art und Weise, in der man sich sogar freut, sich getäuscht zu haben.
Mehr als fände man Ecken und Kanten, die man zuvor nicht gesehen hat.
Ich war schlichtweg einfach zu blind gewesen. Zu sehr damit beschäftigt etwas zu idealisieren, was sich eigentlich nicht zu idealisieren lohnte.
„Ich glaube durch das ganze Tohuwabohu hat man die Ecken und Kanten nicht richtig sehen können, die davor wahrscheinlich schon die ganze Zeit da waren.", meine Zunge wog schwer, während ich sprach.
Es hatte lange gedauert zumindest im Ansatz zu verstehen, dass der Fehler nicht bei mir lag auf etwas zu hoffen, was niemals passieren würde. Nicht vollends zumindest.
Er hatte mir das gegeben, was ich wollte, aber nicht über den Tellerrand hinausgeschaut.
Mich mit seinen Augen und seinem verdammten Lächeln um den Finger gewickelt.
Ein ständiges auf und ab, wie bei einem Boot auf stürmender See.
Ich schluckte und versuchte vergeblich den Zartbitterschokoladen-Nachgeschmack loszuwerden.
„Dayong war sich mit dem Label unserer Beziehung nicht sicher.", kurz hielt ich inne.
‚Ich bin kein sonderlich großer Fan von Beziehungen, die eigentlich keine sind.'
Immer dieses verdammt hypnotische Lachen.
„Oder vielmehr war ich das, der sich unsicher war.", korrigierte ich, und schwieg für einige Sekunden, um das er in meinem nächsten Satz zu umgehen, „Dayong bestand darauf, dass wir...was auch immer das war weiterhin beibehalten können, aber halt nicht wirklich...öffentlich."
Mein Handy vibrierte erneut.
Fünf Prozent.
Ich sollte es wirklich bald aufladen, fühlte mich aber noch nicht bereit, der Atmosphäre auf der Fensterbank nachzugeben.
Ein paar weitere Minuten könnte ich noch ausharren.
„Letzten Endes ist Dayong zurück nach China als ich ihn konfrontiert habe."
Es hatte keine Diskussion gegeben. Er hatte einfach nur still dagestanden und mir direkt in die Augen gesehen, während ich als Einziger verzweifelt versuchte an dem festzuhalten, von dem ich glaubte es zu haben – hatte inständig gehofft es würde in einer Diskussion enden, um zu sehen, dass es ihm genau so viel bedeutete wie mir – dass wir miteinander kollidieren konnten, Druck ablassen, nur um dann einen gemeinsamen Neuanfang zu wagen.
Seine Reaktion verneinte.
‚Das trifft sich gut', hatte er gesagt und einfach nur geseufzt, ‚Ich muss eh nach China zurück.'
Und mit diesem Satz war alles zerschellt. Salzige, tosende Wellen an einer Steinklippe.
Ich hatte mich an dem Abend nicht verabschiedet und ihn nie wiedergesehen.
Ich hatte das einengende Bedürfnis atmen zu wollen, musste an die frische Luft, einfach nur weg von ihm.
Der Moment hatte sich so angefühlt als hätte er mit dem Satz alles was ich glaubte zu haben in Luft auflösen wollen, die mir zum Atmen fehlte.
‚Du bist wunderschön.'
‚Dann küss' mich doch nochmal.'
All das war letzten Endes ein großer Haufen nichts gewesen.
Nur das nichts manchmal eine Menge sein konnte.
„...Verstehe.", murmelte Chanyeol, „Das sicher nicht leicht."
„Es war mehr verwirrend."
Naja.
Genau deswegen lernte ich immer wieder über mich selbst, dass ich meine Zeit brauchte. Um aus dem ‚naja' ein ‚Ich habe daraus gelernt' zu machen.
Es brauchte seine Zeit.
Ich brauchte sie.
Und irgendwann hätte ich es verstanden, das ganz sicher.
Irgendwann.
•••
Ich nenne diesen Abschnitt stolz: Metaphorik bis zum geht nicht mehr und Gefühlsduselei ^^
Ein kleiner Einblick in Baekhyuns Beziehungen und mehr Infos zu Sindae, der ja mal immer wieder vorher eingestreut wurde.
Ein schönes Wochenende euch~~
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