🌸|actbreak

Act Break, der
(Fernsehen, Werbung)
TV-Spielfilme sind nach amerikanischem Muster oft in sieben relativ abgeschlossene Segmente des Gesamtdramas eingeteilt, weil sich der Aktschluss als Gelegenheit anbietet, die Werbeunterbrechung zu platzieren. Die Programmpsychologie begründet: Da hier sowieso eine Strukturpause des Geschehens erreicht sei, sei die Akzeptabilität der Sendungsunterbrechung für den Zuschauer recht hoch.

•••

„Okay", mein Notizbuch traf erneut auf einen der dunklen Holztische, „Lass uns anfangen!"

Dieses Mal war unser Stammtisch in der Mitte des Cafés leider besetzt gewesen.
Stattdessen hatten Chanyeol und ich uns für den Platz an der bodenlangen Frontscheibe entschieden, auf dessen Glas in blassgelben Buchstaben der Name des Cafés geklebt war. In einem perfekt abgemessenen Halbkreis und in unserem Fall spiegelverkehrt.

Chanyeol blies die Wangen auf und nickte schließlich: „Stimmt, wir haben womöglich lange genug prokrastiniert."

Und uns ebenfalls lang genug über die Vorteile von Fahrrädern und Autos unterhalten, wodurch Chanyeol begann von seinem eigenen Wagen zu schwärmen.

Wir waren wie die letzten Male nicht ohne Grund in das Café gegangen. Es schien beinahe so als wäre der Ort mittlerweile schon verdammt dafür unsere Ideen zu bergen. Unsere eigene kleine, öffentliche Schöpfungsquelle.

Ein paar Kaffeebohnen klickten und klackten über meinen Kopf hinweg durch die Röhren in Richtung Kaffeemaschine. Kurz darauf folgte ein Schreddern.

Als Herr Jung, mein Regie-Dozent vor einigen Tagen von dem ersten, großen, eigenen Filmprojekt gesprochen hatte, hatten meine Finger automatisch zu kribbeln begonnen und meine Mundwinkel gekitzelt, sodass mich Jongdae, einer meiner Kommilitonen belustigt von der Seite angesehen hatte.

Thema „Illusion.", murmelte ich abwesend, während ich meine Worte links oben auf der leeren Buchseite ergänzte, „Zeit knapp drei Monate, Länge liegt bei höchstens zehn Minuten."

Und zudem ein ‚übergreifendes Projekt in mehrere Studiengänge.', wie Herr Jung nur wenig später ergänzt hatte.
Um sich schonmal an der späteren Gruppenarbeit an realen Filmprojekten' zu messen.

Genau aus diesem Grund hatte Herr Chwe uns vorgestern im praktischen Filmkurs mitgeteilt, dass diejenigen, die an diesem langwierigen Projekt arbeiteten (schließlich beschäftige es uns bis Juni, wenn nicht sogar Anfang Juli), gerne seine Zusatzkurs-Stunden für diese Arbeit nutzen konnten.

Das war der erste Moment gewesen, in dem ich erfuhr, wen das alles in die mehreren Studiengänge' einschloss und als Chanyeols Name fiel trafen sich unsere Blicke zwar im Stummen, sagten allerdings umso mehr aus. Gepaart mit einem dämlich-triumphierend-zufriedenen Lächeln als wir realisierten, dass das Interesse auch dieses Projekt gemeinsam zum Leben erwecken definitiv bestand.
Kai, der neben Chanyeol gesessen hatte, hatte daraufhin nur laut gelacht, irgendetwas gemurmelt, was ich des Abstandes wegen nicht verstand und in typischer Kai-Bro-Etikette Chanyeol auf die Schulter geklopft.

Chanyeol, der nun ebenfalls seine Federtasche auf den Tisch fallen ließ und ein ähnliches Grinsen aufgesetzt hatte, wie im praktischen Filmkurs.
Kurz darauf faltete er ein großes DIN-A3-Blatt aus, auf dem wir ganz nach der Logik ‚Ein größeres Projekt bedarf ein größeres Blatt für größere Ideen' wahrscheinlich gleich brainstormen würden.

„Wir brauchen ein Drehbuch, ein grobes Storyboard für einen kurzen Check-In, wohin sich unsere Story verlaufen wird und ein reflektierendes Portfolio.", ergänzte er.

Ich nickte. All das war insgesamt schon sehr viel größer als unser kleines Projekt davor. Ich freute mich riesig.
Chanyeol und ich würden das alles gut meistern, da war ich mir sicher.
Wenig später machte Chanyeol die ersten Bilder.
Allein für dokumentarische Zwecke verstand sich.

„Alles klar.", grinste ich in dem Moment, in dem er sein Handy wieder in seine Jackentasche wegsteckte, „dann lass' uns mal überlegen und auf die gute, alte Art und Weise wieder auf neue Ideen kommen."
„Ganz nach der alten Leier."
„Exakt."

Chanyeol lachte, griff nach einem Stift und hielt ihn in meine Richtung. Seine Stimme war tief und gepresst als er die eines typischen B-Promi-Interviewers imitierte.
„Was meinen Sie, Herr Byun? Woran denken Sie, wenn sie das Wort ‚Illusion' hören?"

Ich schmunzelte, während ich den zielstrebigen Blick in seinen Augen erwiderte. Nachdenklich fasste ich mir an's Kinn und blickte theatralisch aus dem Fenster, an dem ein Pärchen vorbeilief. Ein Regenschirm baumelte an dem Handgelenk des Mädchens.
Kein Wunder.
Es sollte schon den ganzen Tag regnen und die Luft war schwer.

Ein Schnalzen mit der Zunge.
„Lassen sie mich einen Moment überlegen.", näselte ich.
Chanyeol grinste.

Illusion.
Optische Täuschungen.
Etwas oder jemand, der einen an der Nase herumführt.

„Zauberer.", sagte ich schließlich wahrheitsgemäß und griff Chanyeols Blick wieder auf.
„Zauberer?", harkte er nach, ohne auch nur ein kleines bisschen sein überraschtes Amüsement zu verbergen. Seinen Stift zog er wieder zurück.

Ich nickte.
War das nicht offensichtlich?

Herausfordernd kopierte ich seine Mimik: „Naja. Ich schätze sie werden mit ihren Zaubertricks nicht umsonst Meister der Täuschung genannt."

Zauberer hatte ich früher unglaublich faszinierend gefunden.
Besonders nach dem achten Geburtstag eines guten Freundes, bei dem einer aufgetreten war. Mit Zaubertricks, niemals enden wollendem Tuch und sogar einer Taube aus dem Zylinder.

Wenig später hatte ich von meiner Tante einen eigenen Zauberkasten geschenkt bekommen, dessen Interesse sich allerdings in Grenzen hielt.
Zwar lernte ich einige Tricks und führte diese mit Stolz vor, aber mit der Zeit verlor ich einfach das Interesse.
Einerseits fand ich es zu blöd, all diese Kniffe auswendig zu lernen – sich wirklich hinzusetzen und sich mit der Anleitung zu beschäftigen. Und zum anderen Teil war es einfach schade, weil egal wie triumphierend es sich auch anfühlen mochte zu verstehen, was hinter den Täuschungen und Illusionen steckte, so wurde es genau dadurch auch weniger magisch.

„Ach so.", murmelte Chanyeol, während er sich verlegen am Hinterkopf kratzte, „du meinst die Art von Zauberer."
Ich lachte als ich verstand: „Dumbledore hatte leider keine Zeit, tut mir leid."

Nickend winkte er ab: „Ist schon okay, ich hab' schon gehört, dass sein Terminkalender sehr voll sein soll."

Daraufhin gingen wir in alte Muster über und mischten diese mit Neuen.
Zu Beginn interviewte ich noch Chanyeol, dann schrieben wir unsere Gedanken in die Mitte des A3-Blattes auf.

Ein weiteres Spektakel aus Kugelschreibertinte.

„Ich denke wir können uns darauf einigen, dass eine Illusion nichts Reales ist.", murmelte ich als ich unsere Notizen schließlich begutachtete, „also etwas, was nur echt erscheint, es aber nicht ist."

Chanyeol nickte und trank einen Schluck Kakao.
Etwas worüber ich hatte schmunzeln müssen als ich seine Bestellung gehört hatte.
Eine Schokoladen-Mokka-Torte und ein Kakao.

Ich schien ihn wohl oder übel und unausweichlich anzustecken.
Etwas, worüber ich nie klagen könnte.

„Was meinst du allerdings damit?"

Zwei Mal tippte ich mit der Spitze meines Kugelschreibers auf eine Idee, die Chanyeol aufgeschrieben hatte.
Sich selbst anlügen'.
Erinnerte mich vom Stichpunkt an unser voriges Projekt. Gerade aus dem Grund interessierte es mich umso mehr in welchem Kontext Chanyeol sich das erdacht hatte. Beim Thema Illusion.

Er räusperte sich nur, setzte die Tasse von zwischen seinen Händen zurück auf die Untertasse und musterte seine eigene Handschrift für einige Sekunden lang als müsse er sich vergewissern was da nochmal stand.

„Naja.", sagte er schließlich, „der Gedanke ist mir gekommen als du über Zauberer geredet hast.", ein Schmunzeln begann seine Lippen zu umspielen, „und dann dachte ich, dass sich das Gehirn bei einigen Täuschungen nie ganz erklären kann, wie es dazu gekommen ist. Deswegen wirkt die Illusion oder Täuschung trotzdem real...verstehst du?"

Ich nickte langsam. Das ergab auf jeden Fall definitiv Sinn. Als trickse man sich selber aus. Als steigere man sich in Dinge hinein, um die man sich eigentlich nicht zu sorgen braucht.

„Sowas wie...Hirngespinster?", fragte ich vorsichtshalber.
Chanyeol lachte: „Wenn du es so nennen willst, klar."

Hm.
Hirngespinster.

Unmittelbar sprangen mir Erinnerungen vor das innere Auge. Abende, an denen ich mit Sindae diverse Horrorfilme gesehen hatte, was zur Folge hatte, dass wir bis zum Morgenbrauen beim besten Willen nicht schlafen konnten und stattdessen versuchten Karten zu spielen, wozu uns allerdings die Konzentration fehlte, weil unser Körper partout nicht aufhören konnte unter Strom zu stehen.
Weil unser Kopf zu sehr unter Einfluss von unnötigen, fiesen, kleinen Hirngespinsten stand.

Wir konnten beim besten Willen dieses ungute Gefühl nicht abschütteln. Gingen zu zweit ins Bad und schielten immer wieder zu den Spiegeln, gingen gemeinsam hinunter in die Küche und behielten unsere Fensterreflexionen im Auge, weil wir das Gefühl hatten irgendwas würde auf uns warten oder wir würden verfolgt.

„Glaubst du das schließt sowas wie Paranoia ein?", überlegte ich laut, während ich meinen Stift zwischen meinen Fingern drehte, „Eine Angst vor etwas Unrealistischem, was einen trotzdem in Schrecken versetzt?"

Noch jetzt lief mir ein unguter Schauer über den Rücken, wenn ich an den Moment zurückdachte. Trotzdem bespielte meine Lippen ein Schmunzeln.
Wir waren solche Idioten gewesen.

Chanyeol nickte langsam und gab mir mit einer ausladenden Handgeste zu verstehen, dass ich meinen Gedanken aufschreiben sollte. Ich tat wie mir befohlen.
„Na klar, ich denke schon. Das wäre vielleicht auch ganz interessant darzustellen."

Das wäre es allerdings. Schatten, die nicht da waren hinter einer Person, die sich schreckhaft umdreht. Musik die in dem Moment aufhört, in der man realisiert, dass eigentlich niemand da ist.
Mit einer Linie verband ich Chanyeols und meine Gedanken.

„Ich finde die Idee auch gar nicht schlecht."
Mit einem fragenden Blick rasteten unsere eigenen ineinander ein. Daraufhin das gleiche dämliche Grinsen, wie im praktischen Filmkurs.

Dann waren wir uns also einig.
Wir hatten einen gemeinsamen Ansatz.
Es hatte mal wieder Klick gemacht.

Ein Vibrieren in meiner rechten Hosentasche, dass mich aus der triumphierenden Situation riss.
Sihyuns Name leuchtete mir in hellen Lettern entgegen als ich mein Handy herausfischte und eine ungute Gänsehaut breitete sich auf meiner Haut aus als ich es las.
Ein entschuldigendes Lächeln: „Sorry, aber ich muss da ran, dauert aber nicht allzu lang."

Ich wartete nur noch auf Chanyeols Nicken, ehe ich aufstand und auf den Eingang des Cafés zulief.

"Sihyun?", nahm ich besorgt den Anruf an. Die abendliche Frühlingsbrise schlug mir wie eine dicke Wand aus Kirschblütenduft entgegen, als ich aus dem gewärmten Café heraustrat.

"Hi, Baekhyunie.", lächelte sie in ihr Telefon hinein. Die Ausgelassenheit in ihrer Stimme lockerte meine Schultern augenblicklich. Als hätte sich ein Zauberspruch auf sie gelegt.

"Was gibt's?", fragte ich, während ich mir eine lästige, schwarze Haarsträhne aus der Stirn strich. Es war ein Wunder, wie schnell meine Fingerspitzen wieder kalt geworden waren. "Es ist nichts bezüglich Minseok oder...?"

Minseok und sie waren wirklich ein Traumpaar. Aber wie jedes Traumpaar neigte es auch zu Imperfektion.
Sie hatte mich erst gestern angerufen, nachdem sie sich gestritten hatten. Und ich war voll und ganz darauf vorbereitet sie zu trösten, wenn es immer noch nicht besser geworden war.

Jetzt lachte sie laut. Laut und deutlich, als schellten schöne Glocken: "Nein, keine Sorge, kleiner Bruder. Da hat sich alles wieder geklärt."

"Sicher?", harkte ich vorsichtshalber nach und kaute misstrauisch auf meiner Unterlippe herum

Ich wusste, meine Schwester war gut darin Dinge zu verstecken und noch besser darin, sie einfach hinunterzuschlucken, wenn es sie selbst betraf.

Ich merkte es immer wieder. Wenn ihre Augen aufblitzten, sobald das Thema Fotografie wieder auf den Tisch kam oder mein Vater darüber herzog, dass sie ihren ersten Klienten enttäuscht hatte. Diese kleinen schwachen Momente, das Glitzern, der verlorene Blick, sagten mehr, als ihre auflachende Zustimmung, dass alles okay war.

Ich kannte sie. Wobei ich mir nicht sicher war, ob meine Eltern es sahen oder es nicht sehen wollten. Seohyun sah es. Da war ich mir sicher. Jedes Mal wurden seine Augen ganz groß als er meine Schwester musterte, wenn sie reserviert lächelte.

Ich konnte mir gut vorstellen, dass sie lächelnd nickte, als sie ein warmes: "Ja.", als Antwort gab.

Geräuschvoll atmete ich aus: "Okay, das ist doch schon mal gut zu hören."

Ein kleines Kind spielte mit einem roten Hüpfball auf dem Spielplatz der anderen Straßenseite.

"Weswegen rufst du an?"

Ich merkte, wie mich Chanyeol durch die dicke, geräuschisolierende Glasscheibe musterte. Meinen Rücken zumindest. Ich ignorierte es. Stattdessen verfestigte sich der Griff um mein Handy, als meine Schwester in dem Tonfall anfing, den ich schon allzu gut von ihr kannte.

„Du kannst dir denken warum."

Mein Kiefer verspannte sich.
Ja, ich konnte mir durchaus denken, um was es hier ging. Augenblicklich wünschte ich mir, ich hätte den Anruf nicht angenommen und das Brainstorming Brainstorming sein lassen.

„Ich habe Seohyun heute schon eine dreiminütige Geburtstagsaudio geschickt.", sagte ich knapp und musterte einen Kaugummi, der festgedrückt auf dem Asphalt klebte.

Sihyun seufzte tief an dem anderen Ende der Leitung. Dann ein Rascheln; wahrscheinlich blätterte sie durch ein beliebiges Dokument hindurch.

„Glaubst du nicht, er würde sich mehr freuen, wenn du auch wirklich kommen würdest? Er war schon letztes Jahr enttäuscht."
„Solange, bis er am Wochenende bei mir übernachtet hat."
„Das ist nicht das Gleiche und das weißt du."
„Das Einzige was ich weiß, ist, dass das gerade nicht fair ist."

Ein erneutes Seufzen.

Sihyun schwieg an der anderen Leitung.

„Es ist sein neunter Geburtstag, Baekhyun."

Ich weiß.

Ich wusste auch, dass Seohyun sich wirklich freuen würde, wenn ich käme.

Das Problem war nur das ganze drum herum. Etikette.
Goesan-Gun. Entfernte Verwandte. Kommen, obwohl man noch nicht zur Vernunft gekommen war.

„Und?", fragte ich. Meine Stimme klang gelangweilt.

„Mutter hat sich gewünscht, dass ich dich frage."

Ich konnte nicht anders als ironisch aufzulachen: „Damit sich die Nachbarn und Arbeitskollegen nicht wundern müssen? Ganz toll."

„Nein.", Sihyuns Stimme war schneidend. Ich wusste, ich reizte ihre ruhige Geduld aus, obwohl sie wirklich nichts dafürkonnte. Trotzdem konnte ich nichts gegen das dunkle Gefühl in meiner Brust tun, das gerade dabei war sich auszubreiten.
Ich fühlte mich hintergangen.

„Sie vermisst dich, Baekhyun."

Ich schnaubte: „Das hätte ihr vielleicht vorher einfallen müssen als sie geschwiegen hat, nachdem Vater mich-"

„Weißt du was?", unterbrach sie, „Du bist gerade genau so unfair, wie ich auf dich wirken muss."

Ich wusste sie hatte Recht.
Ein kleiner Teil in mir schrie sich zu entschuldigen und nachzugeben.
Der wesentlich größere Teil überwog.

„Na dann ergänzen wir uns doch perfekt.", zischte ich.

Es war so kindisch.

„Ich habe gerade eigentlich keine Zeit für sowas."
„Schön, ich auch nicht."

Das Kind mit dem roten Hüpfball verschwand von dem Spielplatz.
An der Hand seines Vaters.
Der Ironie wegen lachte ich tonlos auf.

Sihyun schwieg erneut.
So wie ich sie kannte war sie gerade dabei ihre Gedanken zu sammeln.
Es schien kein Moment für sie zu sein, indem sie ihren Emotionen die Überhand gewinnen ließ.
Ich war fast ein wenig enttäuscht darüber.

Ihre Stimme war entschieden als sie wieder das Wort aufgriff und ich wusste, es gäbe nur zwei Wege mit der kommenden Aussage umzugehen.

„Ich bin um 19 Uhr unten vor deiner Wohnungstür und warte auf dich. Komm' runter oder lass' es sein."

Mir lag gerade auf der Zunge, dass sie nicht zu warten bräuchte als ich hörte, wie sie aufgelegt hatte. Es piepte an meinem linken Ohr – 10-mal – bis mich die Stille empfing, sich der Satz auf meiner Zunge auflöste und einen bitteren Geschmack in meinem Mund hinterließ.

„Worum ging's?", fragte Chanyeol interessiert als ich mich wieder gegenüber von ihm auf meinen Platz setzte.
Seine Augen verfolgten jede einzelne Bewegung von mir.

Tief atmete ich aus.

Das Café schien wärmer als noch vor einigen Minuten.
Ich spürte wie meine Wangen glühten.
Sihyuns Worte hallten mir noch immer im Hinterkopf nach.

„Nicht so wichtig.", murmelte ich, während ich erneut nach dem Stift griff, der stumm und schräg auf den Holztisch lag.
Die Musik im Hintergrund war melancholisch.
Ich hatte gar nicht mitbekommen, dass das Café heute überhaupt Musik abspielte.

„Sicher?", harkte Chanyeol nach.
Seine Stirn war in Falten gelegt.

Ich nickte schnell und setzte ein Lächeln auf, von dem ich wusste, dass es nicht ehrlich aussah.
Trotzdem hoffte ich blind, Chanyeol würde verstehen, dass ich jetzt nicht darüber reden wollte.

Nicht jetzt und besonders nicht, solange ich meine eigenen Gedanken noch nicht sortiert hatte.

Er nickte langsam: „...Okay."

Ich räusperte mich; in der Hoffnung der bittere Geschmack und das Kratzen im Hals würde dadurch verschwinden.

„Okay.", mein Stift war wieder ganz kühl geworden und nicht mehr so warm, wie als ich ihn beiseitegelegt hatte, „Wo waren wir?"
Vergeblichst versuchte ich meinen Blick auf das Papier vor mir zu fokussieren.

Chanyeols Augen ruhten noch einen kleinen, weiteren Moment auf mir, bevor er den Kopf schüttelte und seinen Blick erneut auf das Mindmap schweifen ließ.
„Bei der Paranoia.", murmelte er schließlich.

Ah ja stimmt.
Paranoia.
Jetzt wo er es sagte, sah ich es auch wieder in unseren Ideen.

„Was...fällt dir dazu ein?", fragte ich, um meine Gedanken zu übertönen. Ich hasste es wie belegt meine Stimme klang.

Es waren zu viele tosende Emotionen in mir, die gerade so aufgewühlt waren, dass sie ihren Platz wieder finden mussten. Es toste und tobte in meinem Kopf.

Natürlich würde sich Seohyun freuen, wenn ich käme, natürlich würde ich mich freuen ihn zu sehen und natürlich könnte es sein, dass mich meine Mutter vermisste.
Es war einfach nur nicht fair.
Der Griff um meinen Stift verfestigte sich.

„Vielleicht könnten wir...weglaufen einbringen?"

„Mhm."

Ich würde nicht zurückkommen, das konnten sie vergessen. Nicht, wenn da alles und nichts war an das ich mich erinnerte. Ich konnte es nicht und ich wollte es nicht. Ob ich mich wegen Seohyun schlecht fühlte hin oder her. Das war in dem Moment scheißegal. Mir ging es gut hier! Besser als jemals zuvor also sollten sie sich nicht an dem ergötzen, wenn ich erschien. Lieber blieb ich hier als mich zurück in...das zu begeben.

Ich spürte Chanyeols Blick auf mir. Die Worte auf dem Papier verliefen sich vor meinen Augen. Wut.

Sie vermisst dich, Baekhyun.'
Es war ja schön und gut, dass sie das tat, aber wieso sagte sie mir das nicht? Wieso brauchte sie Sihyun für ihre vermaledeite Übersetzerin und trat nicht selbst an mich heran? Richtig. Weil sie feige war. Nicht für sich selbst einstand, geschweige denn für andere. Schwieg, wenn ich Sohn sprach, schwieg, wenn er jemanden brauchte und dann verdammt nochmal schwieg, wenn er gerade sie gebraucht hatte-

„Bist du dir sicher, dass alles okay ist?"

Der Stift schlug dumpf und laut auf der Tischplatte auf,
„Chanyeol, ja!"

Ich hatte nicht beabsichtigt laut zu werden.
Es nicht an Chanyeol auszulassen, weil er alles nur nichts dafürkonnte, dass...es eben so verworren und beschissen war, wie es nun mal war.
Dass er nichts dafür konnte, dass es mir gerade so ging.
Dass das Fass kurz vorm Überlaufen war.

Chanyeol war unmerklich zusammengezuckt. Seine Augen waren groß und seine Augenbrauen überrascht nach unten gebogen.

Schnell schüttelte ich meinen Kopf, um zurück zu meinen Gedanken zu finden.
„Sorry, ich wollte echt nicht laut werden.", murmelte ich und versuchte vergebens nach meiner Fassung zu suchen, „Du kannst nichts dafür, es ist nur..."

Ich schwieg. Versuchte die richtigen Worte zu finden, mit denen Chanyeol verstand, was gerade passierte, obwohl ich noch nicht mal selbst richtig anerkennen wollte, was gerade in mir abging.

Ich wusste es.
Aber sagen konnte ich es wohl kaum.
Nicht so.

Stumm blickte ich auf den Stift auf der Tischplatte als würde ich hoffen er würde beginnen mir die richtigen Worte aufschreiben.
Er blieb liegen.
Natürlich.

Ich schluckte schwer. Sammelte mich für ein paar Sekunden.

„Tut mir leid.", murmelte ich ehrlich und blickte Chanyeol wieder in die Augen. Sie waren nun weniger überrascht. Stattdessen guckte er mich besorgt an. Mit Fragezeichen in seinen Augen.
„Das war nicht fair."

Einige Sekunden angespannter Stille breitete sich zwischen uns aus, in der keiner von uns den Blick löste. Mein Gewissen schrie.
Ich ließ es schreien. Ich hatte es wohl oder übel verdient.

Mein Herz pochte mir bis zum Hals.
Blöde Nervosität.
Blöde Angst.
Blöde Impulsivität.

Das Schweigen zerbrach in der Sekunde, in der Chanyeol sich räusperte und den Blick kurz auf seinen Kakao schweifen ließ.
„Schon okay."

Ich nickte leicht, obwohl ich ganz genau wusste, dass es das nicht war.
es war nicht okay.
Chanyeol hatte nichts damit zu tun.
Er war nur am falschen Ort zur falschen Zeit.

Nein.

Der Anruf war zur falschen Zeit gekommen.
Und Chanyeol war zu lieb.

Erneute kurze Stille.

Ich bemerkte erst jetzt, wie der getrocknete Schaum meines Kakaos einen Rand von lauter kleinen Bläschen unterhalb der Keramikkante hinterlassen hatte.
Es war eine Mischung aus hellbraun und weiß.
Mein Teelöffel lag angeschrägt auf der weißen Untertasse.

„Willst du reden?", bot Chanyeol leise an.

Ich konnte nicht anders als leise aufzulachen.
Meine Finger verknoteten sich unter dem Tisch.
Wie ich es bereits gesagt hatte.

Chanyeol war einfach zu lieb.

„Ich hab' dich gerade blöd angemacht und du fragst ob ich reden will.", stellte ich nüchtern fest.

Ich hatte das nicht verdient.
Davon war ich überzeugt.

Mein Gegenüber zuckte klein mit den Schultern – als würde die Anspannung größere Bewegungen untersagen.
„Meine Mutter meint immer Reden hilft das Herz leichter- und den Kopf freizumachen.", murmelte er genau so leise wie ich.

Ich spürte wie meine Mundwinkel leicht zuckten und sich zu einem Schmunzeln verziehen wollten.
Chanyeol erzählte immer wieder von seiner Familie.
Seine Mutter schien ein sehr großes Herz zu haben.
Vielleicht hatte er von ihr seine warme Art.

Die Ironie des Schicksals.

„...Und ich meine so können wir eh' nicht weiterarbeiten.", fuhr Chanyeol fort und fasste kurz unseren Tisch und uns beide mit einer Handbewegung in das ‚so' ein.

Ich nickte langsam.

Da würde er wahrscheinlich recht haben.
Nicht, wenn ich noch das Gefühl, dass der Nebel aus Emotionen mir die Sicht auf Ideen versperrte.
Es würde wahrscheinlich sinnlos werden.

Chanyeol schwieg kurz, musterte meinen Gesichtsausdruck und zog für einen kleinen Moment seine Augenbrauen kraus.
Er überlegte.
Dann seufzte er.

Ein Schlucken.

„...Und außerdem ist es doch klar, dass ich einem Freund ein offenes Ohr biete, wenn er...", erneute kurze Gedankenstille. Ein vorsichtiges Schmunzeln legte sich an seine Mundwinkel, „...durch den Wind ist."

Ich konnte nicht anders als leise aufzulachen.
„Ich denke durch den Wind trifft es ziemlich gut."

Chanyeol erwiderte das Lächeln zaghaft.

Opa hatte mir früher erklärt, dass die Redewendung aus der ursprünglichen Segler-Sprache kam als ich ihn an einem Nachmittag in seiner Wohnung besucht hatte – wie jeden Sonntag eigentlich.

Ich erinnerte mich noch gut, wie er meinte, dass Segelschiffe dann durch den Wind mussten, wenn die ihre Richtung wechselten.
In einem kleinen Moment während des Wechsels würde der Wind direkt vorne durch die Segel blasen.

Das ist dann gar nicht mehr so einfach, das Schiff weiter zu wenden.'; hatte er herzlich und in Erinnerung schwelgend gelacht, ‚je größer das Segelschiff ist, desto anstrengender ist das für die Besatzung.'

Damals hatte ich fasziniert genickt und mir meinen Großvater in typischen Segelklamotten vorgestellt.

Jetzt gerade dachte ich mir nur, dass Chanyeol keine bessere Redensart hätte wählen können.

Nicht wenn ich gerade die Besatzung meines eigenen Segelschiffes war und von Sihyun notgedrungen in eine Richtung lenken musste, die ich eigentlich schon längst abgeschrieben hatte.

Der Wind wehte so stark, dass ich nicht mehr klar denken konnte.

Ich merkte wie Chanyeol mich direkt ansah – in seinen Augen lag etwas wie Erwartung.
Ich lachte leise und nervös auf:
„Es ist eine ziemlich lange Geschichte."

Und vor allem war es eine Geschichte, die ich wenn dann eigentlich lachend und scherzend erzählte – mit keiner Ernsthaftigkeit, mit der sich unsere Umgebung gerade füllte. Aus dem einfachen Grund, dass es einfacher war Dinge durch Humor leichter zu machen, die einem sonst schwer und versteckt auf der Seele lagen.
Es war ungewohnt und fremd.

Sein Lächeln war warm als verstand er. Langsam begann er unser Mindmap zusammen zu falten.
„Wir haben Zeit.", sagte er sanft und bestimmt.
Eine zweite Faltung in der ungefähren Mitte des Papiers.

Ich spürte, was er mit dieser Aussage meinte.

Chanyeol verstand wirklich, was ich unausgesprochen ließ.
Es überrumpelte mich um ehrlich zu sein ein wenig.
Ich wusste nicht, was ich darauf sagen sollte.

Es war als wäre das ‚Wir haben Zeit' nicht nur spezifisch darauf bezogen, dass wir für die Geschichte genug Zeit hatten, bis sie erzählt- und für ihn dargelegt war.
Stattdessen fühlte es sich so an als wolle er mich beschwichtigen, dass es okay war, wenn ich einen Moment brauchte, um mich zu sortieren und ihm entgegen zu treten.

Chanyeol war der Wahnsinn.

„Ich weiß um ehrlich zu sein nicht wirklich, wo ich anfangen soll.", murmelte ich wahrheitsgemäß. Erneutes Lachen, in der Hoffnung es würde die Situation auflockern.
Es klang nervös.

Chanyeol summte verständnisvoll und nickte langsam.

„Wie wäre es mit deiner Schwester?", fragend hob ich meinen Blick an.
Chanyeol erinnerte mich mit seinem Blick an einen Therapeuten.
Wäre die Situation lockerer, hätte ich ihn sicherlich lachend darauf hingewiesen.
Stattdessen schwieg ich und schluckte schwer, „Warum hat sie angerufen?"

Ich konnte nicht anders als trocken aufzulachen.
Ich war mir jetzt schon sicher, dass Chanyeol nicht verstehen würde.

„Weil meine Mutter sich wünscht, dass ich zu dem zehnten Geburtstag meines Bruders nach Hause komme."
Es fühlte sich unglaublich fremd an, Goesan-Gun wieder zu Hause zu nennen.
Zu Hause war für mich meine Wohnung in Seoul. Sihyuns und Minseoks Wohnung. Die Wohnung meines Opas.
Vielleicht fühlte sich die Universität sogar mehr wie zu Hause an als unser Haus in Goesan-Gun. Immerhin gab sie mir das Gefühl, am richtigen Fleck zu sein.

Chanyeol schien meine spöttische Betonung gehört zu haben. Fragend hob er eine Augenbraue an.
„Und warum ist das ein Problem?"
Seine Stimmfarbe erinnerte mich an Wind, der durch die Kirschbäume unserer Nachbarn wehte. So ruhig und irgendwie...harmonisch.

Ich schluckte erneut. Das Kratzen blieb. Der Knoten in meinen Fingern auch.

Weil ich nicht zurückwollte.
Ich wollte ihnen nicht die Genugtuung geben, dass ich wieder kam.
Ich wollte mich nicht wieder in etwas stürzen, von dem ich nicht wusste, ob ich bereit war.

Meine Stimme war gepresst als ich an dem Kratzen vorbeisprach.

„Weil es ihr dabei nur ums Prinzip geht."
Ich sah in Chanyeols Mimik, dass er nicht verstand. Seine Augenbrauen waren zusammengezogen und sein Blick angestrengt.
„...Welches Prinzip?"

Ich seufzte schwer.
Ich glaube ich musste weiter zurückgreifen, damit er es nachvollziehen konnte.

Aber das schuldete ich ihm. Mindestens für meinen Aussetzer und darüber hinaus definitiv für die Freundschaft und Bereitschaft mir zuzuhören.

Ich spürte, wie ich ohne mein Zutun den Rücken straffte.

„War jemand in deiner Familie schon einmal in einem juristischen Streit verwickelt?"

Chanyeol blinzelte über den plötzlichen Themenwechsel, fing sich aber schnell wieder.

Kurz dachte er nach, dann schüttelte er langsam den Kopf.
„Ich denke nicht."
Ich nickte: „Das ist gut."

„Warum fragst du?"

Leise legte ich meine zusammengelegten Hände auf den Tisch. Ich fühlte mich plötzlich in die Zeit von vor zwei Jahren zurückversetzt.

Achte auf deine Haltung und Körpersprache. Wenn du ruhig wirkst, strahlst du Souveränität aus.'
Schien so als hätte ich das noch nicht vollends abgelegt.
Es war schwer einzusehen, dass so manche Tipps wirklich hilfreich waren.

Gäbe es keine guten Seiten wäre es wesentlich einfacher mit den Dingen abzuschließen.

„Die Sache ist Folgende.", ich seufzte schwer, „Wenn jemand schonmal in so einer Situation war, dann braucht man Anwälte."

Das Kratzen in meinem Hals wurde stärker.
Räuspern.
Fortfahren.

„Und wenn man nach Anwälten sucht, dann dauert es nicht lang, bis dir Anwaltsfamilie Byun empfohlen wird."
„Byun?"
Ich nickte.

Verwirrt zog Chanyeol seine Augenbrauen zusammen. Dann wurden seine Augen groß.
„Oh."
„Ja."

Etwas, worauf mein Vater immer unfassbar stolz gewesen war und womit er sich auszeichnete.

Und ich damals mit ihm, weil es so gesehen unser Aushängeschild war.
Die perfekte, makellose, erfolgreiche Anwaltsfamilie Byun mit herausragender Reputation.

Absoluter Blödsinn, wenn ich heute darüber nachdachte.
Selbst Gold wurde matt, wenn man es zu oft polierte.

Chanyeols Mund war einen Spalt breit offen.
„Deswegen auch das Jurastudium."

Ich nickte langsam: „Ganz genau."

„Kurzgesagt: ‚Ich komme aus einem Haushalt mit Geld, aber ohne Seele'."

Ich zitierte gewollt Brody aus Life Is Strange 2. In solchen Momenten war es so viel einfacher die Worte anderer wiederzuverwenden als seine Eigenen zu finden. Und seine Geschichte hatte mir schon immer gefallen.

Spöttisch schnalzte ich mit der Zunge: „Was so viel heißt wie, dass der Ruf wichtiger ist als alles andere."

Wichtiger als die eigene Familie.
Wichtiger als die eigenen Träume.

Solange man in die vorgeschriebene Passform der Vorstellung entsprach war schließlich alles perfekt.

Der bittere Geschmack auf meiner Zunge war immer noch nicht verschwunden. Stattdessen wurde er nur noch stärker.

Chanyeols Blick war unglaublich weich als er den meinen traf und ich von meinen Händen aufschaute. Es war wie Balsam für die Seele.

„Du willst nicht wissen, was passiert, wenn jemand aus der kalkulierten Reihe tanzt und auf einmal beschließt eigenhändig und ohne Absprache das Jurastudium und die geplanten Ziele abzubrechen."

Mein Vater hatte geschrien. Meine Mutter hatte geschwiegen. Sihyun war die Verbindung zwischen beiden gewesen und war gescheitert.

Ich hatte beim besten Willen versucht, mich zu erklären und an dem festzukrallen von dem ich mir sicher war.

Mein Vater hatte selten mit mir gestritten. Und nie in so einem Ausmaß. Ich erinnerte mich noch gut an den blanken Zorn in seinen dunklen Irden, die mich ins Taumeln gebracht hatte.

Es hatte sich so angefühlt als wäre ich kurz davor in einen Abgrund zu stürzen. Dem tiefen, schwarzen Nichts, in dem ich ihm recht gegeben hatte und weitergemacht hätte wie davor.

Die Annahme an der Filmuniversität abgelehnt hätte und mein Semester wieder aufgegriffen.

Doch dann passierte es und dann war es still.

Nichts bis auf Weißrauschen in meinen Ohren, ein Schrei meiner Mutter und Sihyun, die mich mit ihr zog.

Komm erst wieder, wenn du zur Vernunft gekommen bist.'

Wenn ich jetzt zurückdachte, sah ich in der Situation nicht mehr meinen Vater. Nicht mehr die Person, für die er sich ausgab zu sein, nein. Ich hatte an dem Abend das erste Mal wirklich ihn gesehen.

Und ich wollte es nicht nochmal tun.

Chanyeol schwieg und kaute stumm auf seiner Unterlippe. Ich war mir sicher er versuchte sich gerade in die beschriebene Situation einzufinden.

„Das klingt nicht schön.", schlussfolgerte er leise.
Ich schüttelte den Kopf.

„Nicht wirklich, nein."

„Wie lange warst du jetzt schon nicht da?"
„Anderthalb Jahre."

Chanyeol blies die Luft aus seinen Wangen.
„Das ist...ganz schön lang."

Humorlos lachte ich auf: „Ja, ich bin auch gespannt, wie sie rechtfertigen, dass ich an Familienessen nicht gekommen bin."

Im Äußeren waren wir schließlich immer noch die perfekte, tadellose Familie mit dem juristischen Hintergrund, von dem sich jedes der Kinder kein besseres Leben erträumen lassen könnte.
Im Äußeren waren wir schließlich immer noch eine Familie die zusammenhielt und ineinander übergriff, wie ein Mechanismus mit Zahnrädern.

Vielleicht hatten sie mir ein Auslandsjahr verpasst. Oder an den jeweiligen Abenden gesagt ich wäre bei einer neuen Partnerin oder, dass es mir nicht so gut ging.

Chanyeols Blick war überlegend. Er kaute stumm auf seiner Unterlippe herum; musterte ab und zu mein Gesicht und dann wieder den Tisch.
„Glaubst du, denn sie haben nicht gesagt, dass du dein-"
Ich lachte humorlos auf: „Chanyeol, ich weiß es."

Sihyun hatte mir jedes Mal auf meine Frage ehrlich geantwortet. Mit den Bekannten, mit denen sie gesprochen hatte, waren alle aus unerfindlichen Gründen immer noch überzeugt, ich würde weiterhin Jura studieren.
Vielleicht ja an einer anderen Universität oder so.
Es war so absurd.

Er verfiel daraufhin wieder in Schweigen.

Schwerfällig atmete ich aus.

„Die Sache ist, dass ich für Seohyun eigentlich gerne hingehen würde. Ich weiß, dass er sich freuen würde."

Chanyeols Blick traf den meinen.
„...aber?"

Erneutes Lachen.

„Um ehrlich zu sein will ich meinen Eltern nicht die Genugtuung geben, dass ich da wieder hingehe, nur damit sie zeigen können, dass ihr Sohn noch in die Familie investiert ist."

Und weil ich Angst hatte, dass ich wieder zurückgeschleudert werden könnte. Das wisperte mir meine Sorge leise ins Ohr. Ich versuchte so gut es ging zu ignorieren.
Ich hatte gelernt, der Angst standzuhalten. Das hieß allerdings nicht, dass sie immer mal wieder auftrat.

Es war jedes Mal aufs Neue einschüchternd.

„Verstehe."

Sorgfältig entknotete ich meine Finger.
Tief atmete ich aus.

Ich begann wieder ungefähr durch meine Gedanken zu blicken. Der Nebel in meinem Kopf löste sich auf. Der Wind legte sich allmählig.

Es tat gut.

„Und gleichzeitig will ich hin und ihnen zeigen, wer ich wirklich bin, weil...", händeringend suchte ich nach den richtigen Begriffen, obwohl ich tief in mir selbst wusste, was es war.
Tief atmete ich aus.

„Weil sich nichts besser anfühlt als ehrlich zu sich selbst zu sein."

Etwas, was ich in Seoul gelernt hatte. Es war, wie als hätte etwas Klick gemacht. Als würde man sich trauen einen Schritt aus dem sicheren Versteck zu gehen, in dem man die ganze Zeit Schutz gesucht hat. Nur, dass sich vor einem eine neue Welt ausbreitet, die du dir nur in Träumen gewagt hast auszumalen.

„Es ist vielleicht gruselig, aber gleichzeitig die beste Entscheidung, die du treffen kannst."

Es hatte Jahre gedauert, fast mein gesamtes bisheriges Leben, bis ich das begriffen hatte. Bis mein Großvater mir die Welt vor Augen geführt hatte. Dass es eine schüchterne Realität sein konnte, wenn ich nur wollte.

Es hatte wehgetan, die ersten Schritte zu gehen. Es war schwer gewesen. Nicht umsonst war Goesan-Gun ein verwundeter Ort für mich, den ich bislang zurückgelassen hatte.

Zurückgelassen, weil ich es nicht mehr konnte.
Nicht mehr die Rolle spielen wollte, die mir vorgeschrieben wurde. Nicht, wenn ich es nicht selbst war.

Ich konnte Chanyeols Blick nicht deuten als er mich ansah. Es war nicht Verwirrung, auch nicht Trauer und auch nicht Wut.
Es war irgendwie viel mehr auf einmal.

„Du willst also nicht länger...eine andere Version von dir zeigen?", fragte er leise.

„Ich will nicht länger lügen.", sagte ich entschieden.

Auch das hatte ich erst spät bemerkt.

Dass das, was ich geglaubt hatte ich zu sein, nie wirklich ich selbst war.
Es war in erster Linie schon immer etwas gewesen, was meine Eltern von mir verlangt hatten. Etwas, was ich getan hatte, um dem idealistischen Bild meines Vaters zu imponieren.

Eine Rolle von der ich dachte, dass ich das ganz ich selbst sei.

Ich war mir sicher, dass selbst die besten Schauspieler nicht für ewig eine Rolle aufrechterhalten könnten.

Nicht, ohne das Risiko einzugehen, dass die Rolle irgendwann ein Stück weit sie selbst würde.

„Was hält dich dann zurück hinzufahren und die Wahrheit zu sagen? Dich der Welt zu offenbaren?"

Weil es so endgültig war. So unumkehrbar. So riesig.

So gruselig.

So ehrlich, dass man nicht mehr auf heile Welt tun konnte, selbst wenn man es wollte.

„Ich weiß nicht.", murmelte ich. Meine Finger hatten begonnen mit der Serviette zu spielen, „Es ist so...groß."

Ich nahm aus dem Augenwinkel war, wie Chanyeol nickte und ich wusste nicht warum aber als ich ihn ansah konnte ich sehen, dass er verstand.

Dass er in dem Moment ganz genau wusste was ich meinte.
Durch meinen Sturm aus Gedanken und unvollendeten Sätzen.
Er sah direkt hindurch.

„Es fühlt sich an, als wäre man kurz vor der Abfahrt. Bei einer Achterbahn.", kurz befeuchtete er seine Lippen, blickte kurz aus dem Fenster, dann fuhr er fort.

„Aber man schwebt in der Luft, einem wird schlecht, doch die fährt einfach nicht weiter. Und alles tut weh."

Es war genau das.
Ich konnte nicht anders als darauf zu nicken.
Zu schlucken.

Warum war alles so schwer, sobald man an Dilemmas dachte. Wieso vereinfachten sie sich nicht von selbst, wenn man sie verdrängte.
Das war doch einfach ungerecht.

Chanyeol räusperte sich vernehmlich; strich sich mit seinen Fingern durch seine unbändigen Locken.

„Andererseits hast du es schonmal geschafft. Mit deinen Eltern.", an seinen Mundwinkeln klebte immer noch das etwas an Emotion, dass ich nicht zuordnen konnte. Es war zu viel auf einmal, zu deutlich, um es deuten zu können.

Ein erneutes Räuspern.
„Und wenn du nicht mehr lügen willst, dann...kannst du das heute beenden. Eine Achterbahnfahrt und dann ist es vorbei."

In seinen Augen lag Ernsthaftigkeit als ich seinen Blick erwiderte.

„Wenn du heute die Lüge beendest, kannst du danach für immer in einer Wahrheit leben."

Und dieser Satz wog schwer.

"Dein Rollkragenpullover ist nicht gebügelt, der hat ganz viele Falten.", sagte Sihyun, als ich in ihr Auto einstieg und mich tief in die weichen, hellbraunen Ledersitze eingrub.

Langsam schloss ich meine Augen und atmete den blumigen Duft ihres Parfums ein.
"War das nicht irgendwie zu erwarten?", lächelte ich schwach.

Sihyun seufzte.

Ich konnte mir gut vorstellen, wie sie ihre vollen Lippen zu einem schmalen Strich zusammengepresst hatte.
Aus Konzentration auszuparken.

Sie hatte mich mit den Worten ‚Ich hab nicht mehr daran geglaubt, dass du kommst.', begrüßt.
Ich hatte es auch nicht, um Ehrlich zu sein.
Chanyeol war nur sehr gut darin, Dinge abzuwägen und die richtigen Worte zu finden.

"Mutter wird dich dafür köpfen, das ist dir bewusst."

Ich öffnete meine Augen und zog die Augenbrauen kraus.

Der unebene, geteerte Boden der Straße wurde von dem grellen Licht ihrer Autoscheinwerfer beschienen und warf mikroskopische Schatten auf die weißen Einpark-Linien.

"Das will Vater doch eh schon. Was hab' ich also zu verlieren?", lächelte ich kühl.

Es war nicht so, dass es wirklich wehtat.
Über diese Phase war ich schon längst hinweg, nachdem ich die Trauer mit meiner blanken Sturheit abgelöscht hatte.

Manchmal, ganz selten, schlichen sich die knochigen, zweifelnden Finger unter der Löschdecke hervor und stachen mich.
Heute nicht.

Heute waren es Scheuklappen, die ich schon aufgesetzt hatte, sobald Sihyun kein Wenn-Und-Aber gelten lassen hatte.
Nüchternes Abwesend.
Das, an dem ich mich jedes Mal versuchte.

Sihyun sagte nichts mehr.

Seufzend hielt sie an der roten Ampel und wechselte die Schaltung von ihrem Wagen.

"Bist du müde?", fragte sie stattdessen als ihre Augen mein Profil abfuhren.

Ich würde lügen, würde ich sagen, dass ich in den letzten Tagen so viel geschlafen hatte, wie ich sollte.
Vielmehr hatte ich wieder zu lange mit Chanyeol telefoniert, dessen Gesprächsinhalt belanglose Dinge gewesen waren, während ich meine Instantramen mit Ei und Kimchi in der Pfanne angebraten hatte.
Thema: Dinosaurier und wie sie verschwanden. Ein Gesprächsthema, das sich schnell in andere Fäden verlief.

Ich wusste nicht, wie wir es geschafft hatten, aber als mein Handy mich daran erinnerte, dass es aufgeladen werden sollte, war es schon wieder drei Uhr morgens gewesen.

Meinen Augenringen war es scheinbar anzusehen.

Ich lachte als ich spürte, wie sich ein Gähnen bei dem Gedanken an mein Bett, meinen Hals hochschlich.
"Vielleicht ein wenig.", antwortete ich wahrheitsgemäß.

Ein kurzer Blick zu der ruhenden, roten Ampel, ehe sie ihren Schal elegant und schnell von ihrem Hals ablöste.

Ich konnte mir vorstellen, was sie mir vorschlug, während der Schal zwischen uns beiden in ihrer Hand lag. Ich lachte auf.

"Du hast zwei Stunden Zeit.", sagte sie und nickte mir zu.
"WIllst du nicht mit mir reden?", grinste ich.
"Du bist müde und du kennst deine Augenringe."
Richtige Vermutung.

Immer noch lächelnd schüttelte ich den Kopf, nahm den Schal allerdings an und stopfte ihn als Kopfkissen in den Autositz.

Augenblicklich umhüllte mich ihr blumiger Duft nach Rosen und Tulpen.
Beruhigend wie immer.

Zufrieden seufzend lehnte ich mich noch weiter zurück.

"Du benutzt wieder dein altes Parfum.", stellte ich fest, als es wohlig warm wurde.
Sihyun hatte die Heizung angestellt.

"Du hast es schon immer gemocht.", lächelte sie.

Leise begann es zu regnen.
Da war also das angekündigte Tief vom Wetterbericht.
Im Radio spielten leise Klänge von einem melancholischen Popsong, den ich nicht kannte.
Ich tippte auf die Charts.

Die Klänge vermischten sich mit den Regentropfen und dem leisen Motor zu einer ganz neuen Melodie.

Ich hatte Regen schon immer geliebt.

Meine Mutter hatte immer mit mir geschimpft, wenn ich mit meinen gelben Regenstiefeln in die großen Pfützen gesprungen war, weil die sich die schmutzigen Sprenkel immer an meinem Mantel festsetzten und sie den dann immer öfter als nötig hatte waschen müssen.

Auch liebte ich die Tropfen, die sich ihren eigenen Weg bahnten, den ich immer gern verfolgte, wenn ich auf dem Boden an dem Panoramafenster saß und eigentlich Hausaufgaben machen sollte.

Es war jedes Mal so schön.
Angenehm und ruhig.

Als weinte die Welt und jeder schwieg, um ihre Trauer zu besänftigen.

Sihyun wechselte mit einer großen Kurve auf die Autobahn.
Sie war eine hervorragende Fahrerin. Fast, wie als fahre man mit einer großen Fähre.

"Weiß Vater von deinem Plan?", murmelte ich zwischen der Bridge des Songs.

Sihyun atmete laut und tief durch, ehe sie sich wieder fasste: "Jain."
"Wie Jain?"
"Ich hab' gesagt, dass ich dich frage."

Ich lachte leise auf. Meine Augen blieben geschlossen.

Es war nicht sonderlich lange her, dass wir unser letztes Gespräch...oder viel mehr Streit ausgetragen haben und doch fühlte es sich an, wie eine halbe Ewigkeit.

Ich wusste ich lag mehr im Recht als er.

Es war seine Schuld, dass wir uns nicht einigen konnten.
Für die unnötigen Beleidigungen, die ich meinen Eltern im blanken Wutausbruch an den Kopf geworfen hatte, hatte ich mir sogar entschuldigt.

Und keine Antwort erhalten.

Ich konnte keineswegs versichern, dass es heute friedlicher als letztes Mal ausgehen würde.
Das kam ganz darauf an, wie akzeptierend mein Vater dieses Mal sein würde.
Meine Mutter würde wahrscheinlich wieder schweigen.

Wie so oft.

Ich hoffte auf etwas Gutes.
Konnte jedoch schon sehen, dass es nicht ganz so sein würde.
Die weiße Enttäuschungsglut würde in ihren Augen wohl nicht so schnell erlöschen.

Den Gesichtsausdruck würde ich wohl nie vergessen.

"Was hat er gesagt?", fragte ich leise, als ich mir auf die Unterlippe biss.

Dumme, kleine Hoffnung.
Scheuklappen.
Ein entflammtes Streichholz.

Ich öffnete die Augen und sah meine große Schwester von der Seite an.

Ich hatte selten so ein zierliches Gesicht gesehen, wie meine Schwester es besaß.
Sie war wirklich wunderschön.

"Nichts. Er hat geschwiegen."

Ich schluckte. Die Flamme erlöschte.
"War ja auch nicht anders zu erwarten."
Meine Stimme klang enttäuschter und trockener als beabsichtigt. Fuck.

"Baekhyun-", begann sie, doch ich unterbrach sie.
"Nein, Sihyun. Es ist okay.
Ich musste schließlich damit umgehen können.
Es ist schließlich meine eigene Entscheidung."

Sie schwieg, musterte mich kurz und eindringlich, schaute dann wieder auf die Autobahn und nickte dann langsam und bestimmt.

Gerade als ich wieder meine Augen schloss und mich zurücklehnte, sagte Sihyun: "Ich bin für dich da. Übertreib' es heute einfach nicht."

Ein ‚Wenn er mich nicht provoziert, dann gerne', lag mir auf meinen Lippen.
Ich besann mich jedoch des Besseren und schwieg.
"Ich weiß.", sagte ich stattdessen.
Und damit war das Thema vom Tisch.

Es dauerte nicht mehr lange, bis mich die Geräusche und die Wärme einlullten und ich tatsächlich schaffte einzuschlafen.

•••

soo, familiensituation: aufgelöst
familiendrama: ausstehend

deswegen habe ich innerhalb dieser woche noch zwei extrakapitel, einmal am 03.05. und am 05.05., ich hoffe ihr seid dabei und gespannt es zu lesen, die kapitel sind für baekhyuns charakterisierung und tiefe auch extrem spannend UND ein neuer charakter wird vorgestellt, also kann das auch nicht schaden c;

wir sehen uns innerhalb der nächsten woche und ansonsten bislang erstmal ein schönes wochenende euch!!

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