🌸|nostalgie

Nostalgie, die
(Bekannt durch Frederic Jamesons Begriff des nostalgia film (1980))
Diese räumliche Konnotation rückt seit dem 19. Jahrhundert zunehmend in den Hintergrund, spielt aber etwa im Kontext des Heimatfilms noch eine Rolle. Alltagssprachlich versteht man heute unter Nostalgie v.a. die sentimentale Sehnsucht nach vergangenen Zeiten, i.d.R. im Sinne einer – nicht zwingend biographisch bedingten – Romantisierung bzw. Verklärung der Vergangenheit.

•••

Im Kontrast zu Sihyuns melancholischer Musik, schallte in Sindaes Autoradio die Rockmusik von Fall Out Boy.

Während wir wortlos und schnellen Schrittes aus der Tür getreten waren, hatte die frische Luft meinen Kopf durchgeblasen.
Langsam aber sicher gewann ich wieder Ordnung an meinen Gedanken.
Die Blicke meiner Verwandten hatte ich so gut es ging ignoriert.
Wenn ich ehrlich war, hatten sie sich in meinen Rücken gebrannt. Als prasselten ihre unausgesprochenen Fragen auf mich ein.

Sindae hatte stumm nach meiner und seiner Jacke gegriffen, während ich mir die Schuhe angezogen hatte.

Ich spürte erst nachdem ich mich angeschnallt hatte, dass meine Wangen und Ohren von der Diskussion noch ganz rot zu sein schienen. Zumindest fühlten sie sich warm an. Ich sackte kraftlos in seinem harten Beifahrersitz zusammen, hielt den Blick nach vorne und murmelte ein leises: "Danke."

Ich spürte erst jetzt, wie fertig mein Körper war und wie dankbar er mir zu sein schien, dass er sich in einen Stuhl graben konnte.

Sindae lachte genau so leise, als er den Motor startete. Laut, tief und ohne vorgehaltene Hand.

Er lachte immer noch genauso.
Nach Jahren, in denen wir uns nicht gesehen hatten.

„Schon gut."

Kraftlos pinnte ich meinen Blick nach vorne auf den spärlich beleuchteten Kiesweg als Sindae begann auszuparken.

Ich seufzte tief und schloss für einen kleinen Moment meine Augen.
Das war alles irgendwie zu viel für einen Abend.
Zu viele Eindrücke. Zu viele Gedanken, Fragen, Emotionen.
Zu viel von allem.
Zu viele Erinnerungen.

„Deine Ohren werden immer noch rot, wenn du wütend bist."
Ich konnte aus seiner Stimme herausholen, dass er schmunzelte.
Er sah mich nicht an, das wusste ich, aber trotzdem fühlte sich meine linke Wange so an, als würde sie brennen.

Ich lachte leise.
„Manche Dinge ändern sich nie, hm?"

„Nein, ich denke das tun sie nicht."

Unser Gespräch verlief sich in der Stille.

Für eine Weile blickten wir beide nach vorne und hingen unseren eigenen Gedanken nach, die sich mit den Songs aus dem Radio vermischten.

Ein paar Mal trommelten Sindaes Fingerkuppen den Rhythmus auf dem ledernen Lenkrad, die sich perfekt zu dem Nieselregen einreihten, der immer noch aus den grauen, schweren Wolken fiel.
Der Mond war versteckt.

Vielleicht war es die Geräuschkulisse die meditativ auf mich wirkte oder die Wärme in Sindaes Auto, aber es kam mir so vor als bemühte sich mein Herz sich an die Rhythmen anzupassen.
Langsam aber sicher war auch die Glut erloschen und nichts als Müdigkeit fand Platz in meinen Knochen.

Und Melancholie in meinen Gedanken.
Wie die seichte Melodie einer Geige tief in meinem Gehirn verborgen.

Langsam und unauffällig stahl ich mir einen Blick von Sindaes Seitenprofil, da ich ihn zuvor nur kurz hatte sehen können und einfach nicht die Möglichkeit bekommen hatte, ihn genauer zu betrachten.

Er sah gut aus. Erwachsener.
Wenn ich mich nicht täuschte, hatte er abgenommen, wodurch sein Kiefer und seine Wangenknochen noch definierter waren, als ich sie in Erinnerung hatte. Vielleicht war es auch nur das harte Licht der Autoleuchte oben.
Auch seine Schultern waren breiter geworden. Sein dunkelblaues Jackett schmückte diese ideal aus.

Der Rocksong endete, bevor ein neues Lied angespielt wurde.

Ich musste schmunzeln als ich realisierte, dass ich den Fall-Out-Boy-Song kannte.
Als Sindae und ich noch jünger gewesen waren, hatten wir gedacht, dass es eine hervorragende Idee war, zu genau diesem Song ein Musikvideo zu drehen.

Opa hatte uns einen Daumen nach oben gezeigt und mein Vater...hatte schon damals den Kopf geschüttelt. Etwas anderes war auch nicht zu erwarten gewesen.

Sindae lachte leise auf und durchbrach so die vollkommene Stille, die sich in dem kleinen Raum des Autos ausgebreitet hatte.

„Ich kann echt nicht glauben, dass du es wirklich gemacht hast."

Auf seinen Lippen war ein leichtes Grinsen gespannt, während seine Fingerspitzen erneut auf dem kunstledernen Lenkrad zu dem Rhythmus des, wesentlich ruhigeren, Softrocksongs trommelten.

Kurz leckte ich mir über meine trockenen Lippen, um sie zu befeuchten, dann hob ich fragend meine linke Augenbraue an. Die rechte alleinig anzuheben hatte ich früher immer am Abend vor dem Spiegel geübt. Ich hatte es bis heute nicht geschafft: „Was? Das Jurastudium abzubrechen?"
Er zuckte mit den Schultern und sah mich kurz von der Seite aus an.
Meine Augen schrien ihm ein Ausdruck von ‚Guck auf die Straße' entgegen. Zum Glück folgte er meiner stummen Anweisung.
Ich hatte Recht.
Manche Dinge änderten sich womöglich nie.

„Nicht nur das. Einfach alles hinzuschmeißen. Jura, dein Zuhause, deine Familie. Ich meine du hast dich mit deinem Vater heute gestritten. Sonst war dir immer so wichtig, dass seine Sicht auf dich weiß bleibt, wie eine Friedensflagge. Aber jetzt kommt es mir so vor, als hättest du sie eigenhändig mit schmutzigem Grinsen zerrissen. Und das vor seinen Augen."

„Du bist immer noch so unfassbar theatralisch in deinen Formulierungen, weißt du das?"

Seine Grübchen vertieften sich: „Früher fandest du das immer sexy."

Und seine direkte Art und Weise hatte er offenbar auch nicht abgelegt.

„Gute Selbstreflexion.", murmelte ich. Er lachte erneut auf.

„Immer noch so frech."
„Immer noch so skrupellos."

Wir tauschten im Stummen ein Lächeln aus, ehe wir beide wieder nach vorne guckten.
Die Stille, die sich danach ausbreitete war wesentlich angenehmer.
Vollkommen.

Irgendwie tat es gut, sich mit Sindae zu unterhalten. Es war...erfrischend?
Es war wirklich lange her, dass wir uns gesehen hatten. Das letzte Mal. Es war...zwei Jahre her? Zweieinhalb? Ich wusste es nicht, aber es war echt schön.

Sindae bog die nächste Ausfahrt ab und fuhr nach rechts. Meine Augen fixierten einen großen Bonsaibaum an der Ecke, der sein Blätterkleid gerade wieder aufbaute.

Langsam lehnte ich mich tiefer in seinen Beifahrersitz. Gerade in dem Moment, in dem ich begann wieder in Gedanken unterzugehen.

„Das stimmt nicht.", zerriss ich nach einer Weile die Stille, als Sindae vor einer roten Ampel anhielt. Ich spürte seinen Blick auf mir.
Meiner klebte noch immer an den silbernen Straßenabgrenzungen.

„Was von dem, was ich gesagt habe?"

„Das mit meinem Vater."
Ich überraschte mich beinahe selbst, dass meine Stimme so viel Ernsthaftigkeit in sich trug. Es war, als wäre sie dunkle Farbe, die sich in dem Moment in einem Wasserglas ausbreitete. Unausweichlich.
Ich räkelte mich in seinem Sitz. Irgendwie war es ungemütlich. Sein Blick machte es nicht besser. Ich kaute auf meiner Unterlippe herum: „Es ist nicht so, dass ich immer der Mustersohn sein wollte. Das war ich schon von vornerein nicht. Nur wollte er es nicht sehen, denke ich.", kurz dachte ich nach, „um mich deiner Theatralik anzupassen, hat er lieber zum Deckweiß gegriffen und die Fehler übermalt, anstelle mit dem Gemälde zu arbeiten, dass man ihm geschenkt hat."

Eine Falte bildete sich zwischen seinen Augenbrauen. Langsam fuhr er sein Auto wieder an. Die Ampel war grün geschaltet; wir waren der einzige Wagen auf der Straße. In Augenweite zumindest.
„Und wieso hast du dich dann nicht...nicht geoutet?"

Mein Hals wurde immer trockener. Ich wusste, dass das kommen würde.

Sindae war mein erster Freund gewesen. Meine erste Liebe, mein erstes Mal. Wir waren zusammengekommen, als die Kirschblüten unseres Nachbars gerade aufblühten und trennten uns zwei Jahre danach wieder, als die Blätter der Bäume zu Boden glitten. Ich war sechzehn gewesen. Jugendlich. Aufgeregt, unwissend und so vollgestopft von: „Angst.", sagte ich stumm, „Das war einfach naive Angst vor der Reaktion."

Jetzt war ich an der Reihe, Sindae von der Seite anzublicken. Sein markantes Profil mit der geraden Nase und den geschwungenen Lippen, deren Geschmack ich immer noch wusste.
„Nicht jeder nimmt die Homosexualität seines Kindes so gut auf, wie deine Eltern, weißt du?"

Er nickte kaum merklich. Sein Blick war sanft, ganz anders als der beinahe burschikose Blick zuvor: „Ich weiß."

Sindae hatte wirklich großes Glück gehabt. Seine Eltern hatten für zehn Jahre in Amerika gelebt – hauptsächlich, um sich beruflich weiterzuentwickeln und ihre Akte wertvoller zu machen, waren aber mit so viel mehr Weltoffenheit zurückgekommen, die Sindae wirklich gutheißen konnte. Er hatte sich, im Gegensatz zu mir vor seinen Eltern geoutet, und das im frühen Alter von vierzehn Jahren. Von seinen Eltern war es über andere Leute zu meinen Eltern durchgedrungen, dessen Reaktionen immer noch in meinem Kopf brannten. Ich würde sie womöglich nie vergessen. Mein Vater hatte sich geräuspert und danach einen Schluck aus seiner Kaffeetasse genommen. In seinen Augen hatte etwas gewettert, dass ich nie wirklich hatte deuten wollen, obwohl ich im Stummen wusste, dass es ein Unwetter aus Unverständnis war. Meine Mutter hatte zu ihm geguckt und geschwiegen. Wie so oft. Verhalten.

Lautes Lachen erfüllte den Raum seines kleinen Autos: „Den verstauchten Knöchel nehme ich dir immer noch übel.".
Unweigerlich musste ich lachen, lies die Schnur meines zurückblickenden Luftballons los und kam sanft wieder auf den Boden der Tatsachen zurück. Falls das Sindaes Taktik war, die Stimmung wieder anzuheben, dann war es ihm, wie so oft gelungen. Eine weitere Eigenschaft, die ich so sehr an ihm geliebt hatte.
„Das tut mir auch immer noch leid!", hob ich verteidigend die Hände an, „aber niemand konnte ja ahnen, dass meine Eltern früher zurückkommen würden, als erwartet."

Es war der 50. Geburtstag meines Vaters gewesen. Meine Eltern waren ausgegangen, Sihyun war bei ihrem Freund und so hatte ich damals beschlossen, meinen Freund zu mir einzuladen.

„Ich glaube ich habe beim Rummachen noch nie so schnell reagieren- und mir ein Shirt überziehen können.", lachte Sindae, in seinen Augen reflektierten die Bilder der Erinnerung. „Und ich habe dich noch nie so elegant meinen Balkon herunterklettern und wegrennen sehen.", stimmte ich feixend zu.
„Ich hab meinen Eltern gesagt, ich hätte einen Stein auf dem Zuhause Weg nicht gesehen und hätte mich deswegen der Länge nach hingelegt."

„Ach, bei deinen Nacherzählungen, war es bestimmt eine Bananenschale und wurde, wie in billigen K-Dramen aus mehreren Perspektiven in Zeitlupe gezeigt."

„Meine Mutter schaut die Teile immer noch, während sie Kimbap in der Küche macht."
Ich verzog mein Gesicht: „Oh Gott."

„Spätestens nachdem sie meinen Hals gesehen hatte, hat ihr Blick Bände vor Wissen gesprochen."
Ich runzelte die Stirn: „So viele Knutschflecke hab ich dir nicht verpasst."

Seine Augenbraue schoss förmlich in die Höhe: „Meintest du nicht, du wärst ein reflektierter Mann, Baekhyun?"

Ich konnte nicht anders, als ihm scherzhaft an der Schulter zu schlagen und konnte dann auch nicht aufhören zu grinsen, als Sindae begann einen Vortrag über Fahrerbeeinträchtigungen und deren Folgen zu halten.
Für einen kurzen Moment schloss ich die Augen: „Darüber haben wir schon oft diskutiert."

Ich hörte Sindaes Auflachen: „Diesen Abend haben wir auch schon oft Revue passieren lassen und es trotzdem noch schön und amüsant, daran zurückzudenken. Da wird man ganz...nostalgisch."

Meine Augen musterten seine dichten Wimpern: „Sind wir nicht zu jung, um uns nostalgisch zu fühlen?"

Sein Grinsen wurde breiter, ehe er mit seinen Worten die Atmosphäre zum Knistern brachte: „Nein, ich denke Nostalgie ist zeitlos."

Als er mich nach einer Stunde weiterer Fahrt und rückblickender Momente vor meinem Wohnkomplex rausließ, bedankte ich mich bei ihm und fragte ihn nach seiner Nummer.
Es hatte wirklich gutgetan, mit ihm zu reden. Es war erfrischend. Altes neu. Oder neues Alt. Es tat gut.

Und so brachte der katastrophale Abend doch noch etwas Gutes mit sich.

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