🌸|exposition

Exposition, die
(In Aristotelischer Dramentheorie auch „Erster Akt" genannt)
In der Exposition, werden alle grundlegenden Informationen dargestellt:
Wer sind die Protagonisten, wie ist die Situation, in welcher Zeit befinden wir uns und gibt es einen Konflikt?
Im klassischen Drama wird also im ersten Akt in die drei Einheiten eingeführt.

•••

Mit einem dampfenden Geräusch ließ die Bustür von mir ab, ehe ich mehr schlecht als recht nach vorne stolperte.

Der Bus richtete sich seufzend wieder auf und fuhr schließlich um die Ecke als wäre nichts gewesen.

Einen tiefen Atemzug nehmend, stöhnte ich leise auf, während ein tonloses „Scheiße" über meine Lippen kam. Obwohl mir alles, nur nicht zum Lachen zumute war, spannte sich ein unglaubwürdiges Lächeln auf meine Lippen.

"Das kann doch wohl nicht wahr sein.", lachte ich humorlos auf, als ich mir mit meinen Händen über mein Gesicht fuhr.

Immerhin schien niemand das Desaster gerade gesehen zu haben.
Um diese Uhrzeiten säumten eher wenige Menschen den Bürgersteig.
Um sieben Uhr morgens waren die Meisten von ihnen noch Vampire.

Kurz vergewisserte ich mich, dass mein Schal noch locker um meinen Hals geschlungen war, ehe ich meinen Rucksack kurz schulterte. Er war noch da.
Immerhin das.

Wäre mein Rucksack mir jetzt auch noch abhandengekommen hätte mich das bei dem miserablen Morgen, um ehrlich zu sein, auch nicht mehr gewundert.
Mittlerweile schien die Frage was heute noch schieflaufen könnte, größer zu sein, als die, die hinterfragte, was reibungslos funktionierte.

Was für eine Scheiße.

Und das, obwohl der Morgen eigentlich relativ vielversprechend angefangen zu haben schien.

Mein Wecker hatte mich pünktlich geweckt und ich war vergleichsweise wach gewesen.
Die grauen, verhangenen Wolken hatten mir nicht sonderlich viel ausgemacht. Vielmehr hatte ich verstohlen schmunzeln müssen als ich die Nachrichten entdeckte, die mich gestern Abend und heute Morgen auf Kakaotalk erreicht hatten. Meine große Schwester wünschte mir mit Herz- und Daumen-Hoch-Emoji einen erfolgreichen ersten Tag an der Uni, mein kleiner Bruder hatte mir als Glücksbringer einen Astronauten gezeichnet und meine Mitarbeiterinnen Lia und Yumiko hatten mir in unserem Gruppenchat ein Foto mit Grimassen während der Abrechnung des Abends hinterlassen (bei welchem ich wegen Lias Nasenlöchern laut hatte auflachen müssen).

Vielversprechend.

Doch sobald ich auch nur einen Fuß aus meinem Bett gesetzt hatte, schien die Pechsträhne meines Morgens zu wachsen. Wobei das Sprichwort mit dem falschen Fuß aufzustehen womöglich eine neue Bedeutung bekam als mein rechter Fuß, die halbvolle Teetasse von gestern Abend umstieß und mein Buch tränkte, welches flach danebenlag. Mein erster Gedanke war ein blankes „Fuck" gewesen, während ich in meine kleine Küche flitzte, fast die Ecke verpasste und die beinahe aufgebrauchte Küchenrolle holte. Während ich die Sauerei aufwischte und die Ecke meiner Decke aus der Pfütze hob, fiel mir ein, dass ich meine Bettwäsche eh wieder wechseln hatte müssen und, dass die Anschaffung eines Nachttisches doch keine so blöde Idee war, worauf meine große Schwester plädierte, seit sie mir beim Einzug geholfen hatte.

Kurz darauf verbrannte ich mir die Finger am heißen Topf, in dem ich das Gemüse von gestern aufgewärmt hatte.
Und gerade dann, als ich dabei war, ungeschickt ein Pflaster aus der rechteckigen Pappschachtel zu ertasten und bemerkte, dass sich eine fiese Brandblase bildete, begann mein Reiskocher aggressiv zu piepsen und hörte auch dann nicht auf, als ich mit meiner rechten Hand Wasser hinzugegeben hatte, worauf er normalerweise in angenehmes Schweigen verfiel. Als Google mir keine gute Antwort liefern konnte, die ich nicht selbst schon ausprobiert hatte, blieb mir nichts anderes übrig, seufzend den Stecker des Höllengerätes zu ziehen und mittlerweile wieder kaltgewordenes Gemüse ohne Reis zum Frühstück zu essen.
Lieber keinen Reis, als harte, knirschende Körner zwischen den Zähnen.

Der nächste Schock folgte als ich einen Blick auf meine analoge, runde Küchenuhr warf und mit Schrecken feststellen musste, wie viel Zeit bei dem Kampf des Reiskochers und mir überhaupt draufgegangen war; danach blickte ich kurz an mir hinab und realisierte, dass ich mich weder angezogen, noch anderweitig hatte fertig machen können.

Wahllose Klamotten, dreckiges Geschirr in der Spüle und eine schnelle Version vom Zähne putzen später, riss mein Schnürsenkel, worauf folgte, dass mir mein Bus direkt vor der Nase wegfuhr.

Und als wäre das noch nicht genug, hatte sich mein Schal soeben in der Bustür eingeklemmt und mich so am Gehen gehindert.

Absolut fantastisch.

Ich rümpfte die Nase, während ich die letzten zwei Stunden meines chaotischen Morgens Revue passieren ließ. So hatte ich mir meinen ersten Tag an meiner Universität nicht vorgestellt.
"Idealistisch ist eben doch unrealistisch.", murrte ich leise.

Und das Leben war eben doch keine kitschige, amerikanische Collegeromanze, mit Liebe und Leidenschaft am Studiengang.

Was glücklicherweise nicht hieß, dass meine Vorfreude erstarb.

Ich erzitterte, als ich mich eine weitere Windböe erfasste. Es war wirklich verdammt kalt. Der Wetterbericht hatte drei Grad Celsius angekündigt, obwohl es meiner Meinung nach auch gut sein könnte, dass es gleich anfangen würde zu schneien. (Vielleicht, aber nur ganz vielleicht konnte es auch daran liegen, dass ich in meiner Eile den dünnsten Pullover aus meinem Schrank gerissen hatte, ohne auch nur einen Gedanken an das Wetter- und den Fakt, dass mein grauer Übergangsmantel immer noch als wärmende Winterjacke diente zu verschwenden). Sicherheitshalber grub ich meine Nase nur noch tiefer in meinen roten gestrickten Schal, den mir Sihyun zu meinem achtzehnten Geburtstag geschenkt hatte und der wohlig nach Weichspüler und Rosenblättern roch. Gemütlicher war es so oder so.

Kurz befeuchtete ich meine spröden Lippen, ehe ich mein Handy aus meiner rechten Jackentasche holte. Wenigstens würde mir Google Maps den Weg zu der Universität leiten. Mein Bewerbungsgespräch und das Abgeben meiner Qualifikationen hatte in einem separaten Gebäude stattgefunden; tatsächlich relativ weit von dem Campus und dem Unigebäude entfernt, da in gewünschten Räumen „Sanierungsarbeiten" vorgenommen worden waren. Es stellte kein sonderlich großes Problem dar. Meine Schwester und ich hatten auch schon einige Male das Gebäude besucht und uns in den nahegelegenen Park gesetzt, um mit Seohyun in seinen Ferien zu picknicken. Zwar waren wir mit dem Auto meiner Schwester vorgefahren und kamen von der entgegengesetzten Seite als ich mich gerade befand, aber bislang war ich mir sicher gewesen, dass das kein sonderlich großes Problem darstellen würde. Ich hoffte es zumindest. Immerhin sah ich einen Eingang in den Park. Das war doch schonmal ein Anfang.
Auch hatte ich gestern Abend auf meinem Handy gesehen, dass ich durch diesen laufen musste, um pünktlich bei der Universität anzukommen. Über einige Ecken und Schleichwege, aber durch den Park. Da war ich mir sicher.

Ich hatte die Strecke gestern extra favorisiert, sodass ich heute einfacher darauf zurückgreifen könnte (Ich war mir wirklich dankbar dafür, denn durch die Verspätung des Busses hatte ich meinen eingeplanten Zeitpuffer wirklich schon mehr, als aufgebraucht). Ob das nun wirklich etwas brachte war eine andere Frage, denn als ich mein Display so ansah, fiel mir nicht umsonst auf, dass das stille Logo von Google Maps wirklich lange angezeigt wurde. Verwundert runzelte ich die Stirn und blickte genauer hin. Wartet auf Internetverbindung stand unterhalb in kleinen, dunkelgrünen Buchstaben.

Langsam, ganz langsam kroch eine unangenehme Gänsehaut meine Arme hoch, während ich mit meinen Augen das zersprungene Display so fixierte als hätte ich die kindische Hoffnung, ich könnte mit meinen Gedanken etwas an der Anzeige meines Handys verändern.
Sieben Uhr Achtundvierzig zeigte mein Handy an. E-Netz stand direkt daneben.

Für ein paar Sekunden stand ich einfach nur da und blinzelte.
Versuchte das Gefühl aus Frustration schreien zu wollen, zu unterdrücken.

Das konnte doch wirklich nicht wahr sein.

Mir selbst alles Gute einredend straffte ich meine Schultern und starrte nüchtern weiter.

Ich versuchte testhalber den Homebutton zu betätigen. Vielleicht half es ja, die App neu zu starten oder die Mobilen Daten einmal aus- und dann wieder anzuschalten. Hatte schon oft funktioniert und Wunder bewirkt – selbst bei meinem alten Teil.
Als nichts passierte und ich begann zu realisieren, dass es, mal wieder, eingefroren zu sein schien, stöhnte ich auf.

"Du verdammtes Scheißteil", murmelte ich, während ich mit mehreren Fingern auf meinem Display herumtippte, "sonst ortest du mich doch auch wie verrückt, warum funktionierst du dann nicht jetzt, als wärst du nutzloser, als...als", ich überlegte nicht länger als eine Sekunde, bis ich mir eingestand, dass mir nichts Besseres, als ein "nutzloser, als ich heute Morgen." Einfiel.

Ich wollte die Worte sofort wieder zurücknehmen, sobald sich mein altes Handy mit zerkratzen Display schließlich dazu anmeldete den Bildschirm schwarz werden zu lassen und einen Systemneustart zu probieren. Meine Augen wurden groß: "Nein, nein, nein!" Das Trommeln und klicken auf jeglichen Knöpfen, brachte nichts.
Ich stöhnte müde auf.
"Fuck."

Meine Schultern sackten nach unten. Ich hatte wahrscheinlich noch genau zehn Minuten, bis ich mich beim Rektorat melden musste. Wie lange ich wohl laufen müsste? Keine Ahnung. Wobei ich mir relativ sicher sein konnte war, dass ich mich beim Herumirren auf jeden Fall verspäten würde. Dafür hatte ich mir den Weg nicht eingeprägt und meine Orientierung war zu schlecht. Andererseits...was blieb mir schon anderes übrig?
Laufen und währenddessen auf die Wiederbelebung meines Handys zu warten, war jetzt wahrscheinlich die glimpflichste Möglichkeit, die mir blieb.

Auf der Website stand ausdrücklich, dass Pünktlichkeit geschätzt wurde. Sich mit meinem Faux-Pas bei dem ersten Eindruck zu rühmen, hinterließ sicherlich keinen guten Beigeschmack. Ich seufzte.

Mein Handy gab, um mich zu trösten, einen vibrierenden Laut von sich, ehe das grüne Android-Männchen das System wieder aufbaute. Ca. zwei Minuten verbleibend stand dort in typischen, eckigen Lettern. Zwei Minuten zu lang.

"Fick dich.", murmelte ich kraftlos, weil mir schlichtweg nichts Besseres einfiel.

Entnervt schloss ich die Augen, um meine Gedanken zu sammeln und der blinden Hoffnung nachgehend, ich würde mir den Weg irgendwie wieder einberufen können – wurde jedoch in meinem Prozess von einem leisen Lachen neben mir unterbrochen. Knirschen von Kies.

„Kann ich vielleicht helfen?"

Ich runzelte die Stirn, ehe ich meine Augen langsam wieder öffnete.

Vor mir stand ein junger Mann. In grauer Bomberjacke und schwarzem Adidaspullover.

Ich musste meinen Kopf ein wenig anheben, um in sein Gesicht gucken zu können, obwohl ich ehrlich gesagt nicht wusste, worauf ich in seinem Gesicht als erstes achten sollte. Die großen Ohren, die schwarzen, ungebändigten Locken auf seinem Kopf, seinen verschmitzt grinsenden Mund oder die großen Augen, die mich als Halbmonde anlächelten. Ich entschied mich für seine Augen. Das war schlichtweg am Höflichsten.
Mein Mund stand einen Spalt breit offen, als mein Blick zwischen meinem Handy mit Android-Männchen und dem Fremden hin- und herging.
Er war...ein ganzes Stück größer, als ich.

"Kommt ganz drauf an.", murrte ich, während ich mit einem Seitenklick mein Handy auf Stand-By stellte. Es würde heute sicher nicht mehr zur Vernunft kommen. Dafür war mein Tag einfach schon zu verkorkst, "weißt du, wo die Gyeonggu-Filmuniversität ist?"
Sein Grinsen wurde mit jedem Wort breiter, das ich aussprach. Nett.

Normalerweise hätte ich diese Eigenschaft sicherlich super sympathisch gefunden, aber normalerweise riss auch kein Schnürsenkel von mir und ich kam gegen meinen, zugegeben alten, Reiskocher an. Heute war es anders. Und es tat mir schon fast Leid für ihn, dass ich meine Kapazitäten schon fast vollends verbraucht hatte.

"Wusste ich es doch!", rief er grinsend aus- sein Gewicht lässig auf sein rechtes Bein verlagernd.
Reinterpretierte ich meine Traumvorstellung von der College-Romanze, dann würde er sicherlich die Rolle des attraktiven Footballers übernehmen, in den alle Mädchen verknallt waren. Und da erzähle mir mal jemand was von Konventionen, "neuer Student?"

Ich nickte stumm als meine Hände ihren Weg in meine Manteltaschen fanden. Zu kalt. Zu müde.

"Verstehe.", er lächelte allwissend, "Lass' mich raten. Probleme den Weg zu finden?"
Ich denke, die Antwort stand in meinem Gesicht geschrieben, denn er lachte nur laut auf, als er mich musterte. Mein Blick schien ziemlich ertappt zu sein: „Woher, weißt du...?",

Grinsend tippte er sich mit seinem Zeigefinger auf seine Brust: „Ich hatte auch mal meinen ersten Tag und zu der Zeit noch kein Auto.", sein Finger wanderte zu dem Abstellbereich neben dem Bürgersteig, in dem säuberlich ein silberner Fiat geparkt hatte, „diese Busstation ist verflucht.", er zuckte mit den Schultern.
„Es gibt viele Überlegungen wieso. Die Beständigste ist aber, dass dadurch, dass wir in der Uni auf so viele mediale Ressourcen und Internetslots zurückgreifen, hier quasi ein Funkloch Ist." Er zuckte mit den Schultern, ehe er zwei Finger an seine Stirn anhob und ein: „Lebe wohl, Google Maps", sagte.

Mein Mund stand nun wirklich offen. Wüsste ich nicht, dass er auch Student war, hätte ich ihn sicherlich für verrückt abgestempelt. Oder einen Wahrsager.

„Verstehe.", murmelte ich, „das ergibt natürlich Sinn."
Er nickte lächelnd.

„Also", begann er nonchalant, als er fragend eine Augenbraue anhob, „wollen wir Wurzeln schlagen oder soll ich dir den Weg zeigen?"
Ich lächelte leicht und müde, was er durch meinen Schal zwar nicht sehen konnte, aber ich denke, mein Blick sprach Bände für sich: „Ich bin für Letzteres."

Schwer zufrieden nickte er und bevor ich anders hatte reagieren können, begann er schon, in sehr großen Schritten vorauszulaufen. Verdammt lange Beine.

Unkoordiniert versuchte ich mit ihm Schritt zu halten.

"Danke.", murmelte ich in meinen Schal hinein.

"Kein Problem", sagte er als er mich von der Seite angrinste - hörte er je auf, zu grinsen? - und seine Hände ebenfalls in den Taschen seiner Jacke vergrub. Er zwinkerte als er ein: "Ich rette Rotkäppchen doch liebend gern vor dem großen, bösen Wolf.", anfügte.

Meine Stirn runzelte sich.
"Wie kommst du jetzt auf Rotkäppchen?", fragte ich stutzig.
Ich hatte wirklich nicht die geringste Ahnung.
Er tat mir wirklich leid.
Vielleicht hatte mein Gehirn sich dazu entschlossen, es meinem Schrotthandy gleichzutun.

Die Mundwinkel immer noch auseinanderschiebend, zeigte er mit seinem Zeigefinger leicht in Richtung Hals: „Dein Schal."

Aha.
So so.
Mein Schal also...gut.

Zugegebenermaßen. Er war rot. Knallrot. Ähnlich, wie in der ersten Filmausgabe der Ende 1960er und auch wie die anderen beiden danach, ehe Rotkäppchens Geschichte entfremdet und umgeformt wurde (ganz zu dem Missfallen von mir und meinem Großvater).

Aber es war immer noch ein Schal. Er hing um den Hals und nicht an meinem Körper hinab. Auch bedeckte er nicht meine Haare, wie eine Kapuze es getan hätte. Trüge ich einen roten Mantel wäre das eine ganze andere Sache, aber bei diesem Fall schrillte mein kleiner Old-Film-Fanatiker hoch und schrie.

Ich rümpfte die Nase, was er zum Glück nicht wirklich sehen konnte. „Rotkäppchen trägt aber eine Art Cape und keinen Schal."
Ich klang leider etwas zu trotzig als beabsichtigt. Es fehlte nur noch, dass ich kindisch die Arme verschränkte und ihm triumphierend die Zunge herausstreckte. Nein. Soweit würde es heute hoffentlich nicht kommen. Sonst müsste ich mir wohl oder übel Sorgen machen, ob ich zu viel Zeit mit Seohyun, meinem acht-jährigen Bruder, verbrachte.

Kurz stutzte der Guide neben mir und sah mich mit seinen großen, mandelförmigen Augen an...dann brach er in schallendes Gelächter aus.
Mein Blick fixierte ihn schnell, sodass ich die kleinen Lachfalten bemerkte, die sich an den Rändern seiner Augen säumten. Ein niedliches Detail.

„Ist da jemand empfindlich?", grinste er, als er sich wieder gefasst hatte und mir tief in die Augen blickte. Seine Augen lachten immer noch leicht.
'Ja', dachte ich, 'Du hast dir den unpassendsten Zeitpunkt ausgesucht, um mich kennenzulernen.'
Mit den Schultern zuckend blickte ich wieder nach vorne, ehe ich ein: „Ich verdrehe nur keine Tatsachen.", offenlegte.

"Eindeutig empfindlich."
Innerlich konnte ich nicht anders als ihm grummelnd Recht zu geben.
Rotkäppchen war schon, seit ich klein war, einer meiner Lieblingsfilme gewesen und so war der emotionale Status, den ich mit der ausgeleierten VHS-Kassette verband, tief in mir verankert.
Und ich war sensibel.

"Bist du dann der böse Wolf?", fragte ich nach einer Weile, als ich bemerkte, dass mein Wegbegleiter – ich hatte eine Antwort gefunden: Er hörte wirklich nie auf das Lächeln von seinen Lippen zu wischen – schwieg und mich durch einen schmaleren Weg des Parks führte. ‚Schlupfweg Nummer eins' pinnte ich in meinem Kopf an, um mir die Strecke zu merken.

Sein Kopf schoss augenblicklich in meine Richtung. Seine Locken waren wirklich ungebändigt: "Wieso sollte ich der böse Wolf sein?"

Ich grinste unweigerlich, als ich leise Irritation in seiner Stimme heraushören könnte.
Nonchalant zuckte ich mit den Schultern, tat es ihm gleich und tippte mit meinem Zeigefinger an seine Bomberjacke. Es war ein wasserabweisender Stoff.

Vergeblich versuchte ich die Schadenfreude zu unterdrücken, die an meinen Mundwinkeln kitzelte: „Deine graue Jacke."

Er stockte für einen kurzen Moment (das sah ich ganz genau), dann lachte er auf und schüttelte amüsiert den Kopf: "Aber Wölfe haben Fell, Rotkäppchen."

Spielerisch reckte ich mein Kinn und blitzte ihn triumphierend mit meinen Augen an. Ein kleines Schmunzeln legte sich, wie von selbst auf meine Lippen. Das hier machte schon weitaus mehr Spaß: "Meine Oma hatte ursprünglich auch kein Fell und keine Schnauze mit keinen klaffenden Zähnen und ich hab' sie trotzdem nicht erkannt. Denkst du nicht der Wolf hat in dem Märchen etwas Menschliches an sich?"

"Nein.", Grinsend schüttelte er den Kopf, bevor er kurz innehielt.
„Obwohl. In einer modernen Umsetzung vielleicht."

Meine Augen wurden groß und ich schüttelte heftig den Kopf. Es war als schlichen sich leichte Traumata von den neuen Filmen hoch: "Dann lieber nicht. Vergiss', was ich gesagt habe."
Lachen. "Kein Fan?"
"Nein."

Dieses Mal schmunzelten wir beide als wir zurück auf den großen Kiesweg des Parks bogen, der mit gefallenen Kirschblütenblättern übersäht war. Sie mussten von dem großen Kirschbaum kommen, der rechts den Kiesweg säumte. Es war ein wirklich schöner Anblick, zwischen all dem grün.

Wäre ich jetzt noch in Goesan-Gun, würde mich ein Meer aus rosa-weißen Blumen empfangen, hätte ich aus meinem Fenster geguckt. Direkt neben unserem Haus hatte unser Nachbar Kirschbäume angepflanzt; und davon unzählbar viele.

Ich musste zugeben, ein Vereinzelter gefiel mir fast besser. Er wirkte besonders. Und einzigartig.

"Die Naivität von Rotkäppchen hast du schon Mal, das ist doch ein Anfang", riss mich seine tiefe Stimme erneut von meinem Gedankenfaden ab. Ich blinzelte kurz, dann sah ich ihn an. Auf seinem Kopf lag ein Kirschblütenblatt, dass aber kurz darauf zu Boden segelte, sobald er seinen Kopf kurz schüttelte.

"Wieso?", fragte ich mit schmalen Augen. Worauf wollte er dieses Mal hinaus?

Seine Grübchen vertieften sich: "Naja. Du weißt nicht, ob ich dich jetzt nicht vielleicht doch in einen Wald schleppe, anstelle in die Universität zu gehen."

Ich lachte auf. Laut und unkontrolliert, ehe ich mir die Hand vor den Mund halten konnte.
„Falls das dein Plan war, dann hast du mir soeben dein Geheimnis preisgegeben.", grinste ich ihn an und trat herausfordernd ein Stück näher an ihn heran, „dann wärst du erstens ein miserabler Kidnapper, zweitens gäbe es bei mir nichts zu erpressen und drittens denke ich nicht, dass du dazu fähig wärst. Dafür bist du viel zu anständig."

Die Augen meines Begleiters weiteten sich erstaunt; beinahe überrascht: "Anständig?"

Ich nickte: "Auf mich wirkst du nicht so als würdest du zu so etwas fähig sein."

"Oh Rotkäppchen, warte nur, bis der Wolf seine Krallen ausfährt und dich angreift."
Meine Augen wurden gespielt groß: „Ich glaube ich sollte tatsächlich mein blindes Vertrauen ablegen."

Wir lachten, ehe sich eine angenehme Stille ausbreitete. Vor uns erschien mächtig und groß die Universität, welche sich vor Stuck und Skulpturen kaum retten konnte. Ich liebte es jetzt schon. Hatte schon immer den Anblick unglaublich majestätisch und magisch gefunden. So fern ab der Realität. Als wäre es eine Kulisse für einen majestätischen Film von Königreichen, in welchem Blut die Schwertspitze benetzte.

Und nun würde ich in so einem Gebäude studieren können.
Es wirkte wirklich unrealistisch.

Ein kleines Lächeln schlich sich auf meine Lippen. Stolz und mit einem kleinen Schimmer Hoffnung.

"Erzähl mir was über dich, oh böser Wolf.", murmelte ich abwesend.

Ich spürte seinen Blick auf mir, ehe er den Kopf schräglegte und dann nickte: „Was ganz Banales oder Generelles?"
Mein Grinsen wurde breiter: „Suchs' dir aus."

Er lachte leise auf: "Okay...", er überlegte kurz. Seine Lippen formten sich zu einem schmalen Strich, "ich bin Student", sagte er schließlich und lachte darauf leise, "was für ein Plottwist.".

Kurz fuhr er sich durch seine Locken, schwieg einige Sekunden, dann fuhr er fort, „Mein Schwerpunkt liegt auf dem Schreiben von Drehbüchern."

Meine Augen wurden groß. Überrascht sah ich ihn von der Seite an.

Ein verdutztes: „Oh, wirklich?", purzelte mir über meine Lippen.

Schief lächelnd hob er eine Augenbraue an: "Ja. Wieso, überrascht?"

Ich nickte, während ein ahnungsloses „Nein." Über meine Lippen kam. Das Nicken begann zu schwanken: „Obwohl, schon irgendwie."
Verwirrt hob er eine Augenbraue an, während ein ebenso verwirrtes Lächeln seine Gesichtszüge säumte.

„Tut mir leid.", entschuldigte ich mich schnell und mit einem schiefen Grinsen, „aber ich verbinde Adidasklamotten immer mehr mit praktischer Arbeit - vor der Kamera, das Rampenlicht liegt auf einem.", ich untermalte meine Worte mit seichten Bewegungen meiner Finger, die Löcher in die Luft kreisten und sich verbeugten, „Kein essentieller, kreativer Baustein hinter dem man sich verstecken kann."

Ich zuckte mit den Schultern und versuchte damit vergeblichst das Bereuen für meine vorlaute Art zu verstecken.
Es klang so voreingenommen.

Der Kies knirschte in verschiedenen Tempi unter unseren Füßen, als wir dem mächtigen Torbogen immer näherkamen. Wäre das hier ein historischer Film, fehlte mir nur noch mein Rappe, den ich neben mir zügelte, ehe ich in das Schloss des Königs eingeladen werden würde. Mit Fanfaren im Hintergrund, die meine Ankunft ankündigten.

In diesem Moment war ich ziemlich froh, dass ich manche Gedanken dann doch für mich behielt und sie nicht aussprach. Meine Gedanken wären womöglich ziemlich...seltsam.

"Du nimmst echt kein Blatt vor den Mund, oder?", lachte mein Begleiter neben mir. In seinen Augenfältchen könnte ich mit Erleichterung feststellen, dass er mir meine blanke Ehrlichkeit nicht böse nahm.
Zum Glück.
Mein Vater hatte mich immer mit Blicken gestraft, den Kopf geschüttelt und geschwiegen.

Ich grinste schief als die Müdigkeit an meinen Augenrändern zu jucken begann: "Heute nicht, tut mir Leid. Dafür bin ich zu fertig.". Mit Nachhall und hoch geworfenen Armen hallte in dem steinernen Flur noch ein: „Ich kann richtig nett sein." Hinterher.

Kurz zuckte ich zusammen.
Ich hätte nicht gedacht, dass sie den Flur schallunisoliert gelassen hatten. Wie ich von Onkel Cheon, Innenarchitekt, gelernt hatte, kam das heutzutage in Gebäuden eher seltener vor, auch wenn diese alt und antik waren.
Mit eindeutigem Verdruss in der Stimme und Enttäuschung in dem Naserümpfen, hatte er sich betont dagegen ausgesprochen. Ich konnte es verstehen.
Es hatte durchaus eine schönere Wirkung. Als ließen die Wände die eigenen Worte erneut Revue passieren.

Der, zugegeben nicht ganz so böse Wolf, vergrub nun auch seine Hände in den tiefen Taschen seiner Bomberjacke. Er blieb stehen, sodass wir uns nun direkt gegenüberstanden. Mit dem Outfit wirkte er nun doppelt so fehl am Platz, wie davor: "Ausnahmen bestätigen die Regel, denke ich", sagte er knapp, während er sein Gewicht auf sein Standbein verlagerte.

Ich nickte leicht: "Ja, vielleicht."

Kurze Stille breitete sich aus, in der weder ich, noch er etwas sagten. Er sah mich an. Kurz und flüchtig, ehe er den Blick zu einer Uhr schweifen ließ, die über uns am Empfang hing.
Weniger antik. Dafür in Bauhhausoptik (etwas, das ich ebenfalls von Onkel Cheon gelernt hatte).

Es war fünf vor acht.
Ich hatte es also noch geschafft. Tatsächlich. Obwohl es verdammt noch mal so unrealistisch war. Und doch...war das Glück letztendlich doch auf meiner Seite gewesen. Gott segne den Wolf.

Sein Finger zeigte in die Richtung, der ich aktuell den Rücken zuwandte. Er schmunzelte. "Du kommst links zum Rektorat und Rechts", er drehte sich elegant ein Mal um seine eigene Achse, „sind die Hörsäle."

Mein Grinsen weitete sich: "Danke.".
Langsam reckte ich mein Kinn in seine Richtung, um ihm besser in die Augen sehen zu können: „Scheinst doch kein so böser Wolf zu sein."

Er lachte wieder. Laut. Angenehm. Auch, als die Wände mit ihm lachten.

Wie als verabschiede er einen alten Freund, hob er seine Finger an die Schläfe und wandte diese ab: "Ich warte auf einen guten Tag, Rotkäppchen." Mit diesen Worten machte er auf dem Absatz kehrt und lief – wie ich gelernt hatte – in Richtung Hörsäle.

Ich grinste süffisant. Hätten wir mehr Kurse zusammen, könnten wir bestimmt gute Freunde werden – auch, wenn ich rein optisch gedacht hätte, dass wir mehr Unterschiede, als Gemeinsamkeiten bürgen würden.

'So kann man sich irren', hörte ich die lachende, brüchige Stimme meines Großvaters ganz hinten in meinem Kopf,
Sah sein Lächeln und ein aufforderndes Nicken.

Tief atmete ich aus und schüttelte kurzerhand all meine Nervosität ab. Ich musste jetzt selbstbewusst sein.
Selbstbewusst, sympathisch und bereit.
Und das würde ich sein.
Denn das hier war wirklich mein Traum.

Ein wahrgewordenes Wunder.

Was ich damals noch nicht wusste war, dass der Wolf auch einen Namen trug. Und noch mehr, als Adidas und Marken. Ich wusste nur, er bestand auf einen guten Tag, und den würde er bekommen, das ganz sicher. 

•••

soo, das ist das erste richtige kapitel zu unserer geschichte, ich hoffe es gefällt euch soweit ^^

ihr könnt ja mal gern eure meinung zu baekhyuns bisherigem charakter abgeben - das würde mich sehr interessierten c:

bleibt gesund und habt einen schönen tag!!
-moon

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