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Gerade als ich am Ende einer Lichtung im Wald stand, hörte ich plötzlich ein Knurren hinter mir. Ich drehte mich erschrocken zu dem Geräusch um.
Doch hinter mir war nichts. Ich ging einen Schritt näher. Ich ließ meinen Blick durch den Wald über die Lichtung schweifen. Ich sah nur Bäume und Büsche, alles in Allem also nichts, von dem dieses Geräusch hätte kommen können. Anstatt die Herkunft des eigenartigen Knurrens ausfindig machen zu können, fiel mir plötzlich etwas anderes auf. Auf einmal bemerkte ich die Stille. Es war eine eigenartige, bedrückende Stille. Die Vögel, die gerade noch hoch über meinem Kopf in den Baumkronen saßen und sangen, waren verstummt. Bei genauerer Betrachtung fiel mir auf, dass sie nun nicht länger auf den Ästen saßen. Auch Emma lief nicht mehr ständig von einem Baum zum anderen, um zu schnuppern und die ihr noch unbekannte Umgebung zu erkundschaften, nein, sie stand still hinter mir. Man könnte fast sagen, dass sie versuchte, sich hinter mir zu verstecken. Sie zog den Schwanz ein und gab ein leises, beinahe unmerkliches Wimmern von sich. Dieses Verhalten ängstigte mich noch mehr, als das plötzliche Verstummen der Waldgeräusche. In der Stille klangen meine beinahe schon panischen Atemzüge auf einmal sehr laut und mein Herz pochte unangenehm heftig. Langsam begann ich mich zu fragen, ob das Geräusch nur irgendwie aus meiner geistigen Verwirrung stammte, aber dann kam ich zum Schluss, dass, wenn das nicht wirklich passiert wäre, dass Verhalten von Emma und die plötzliche Stille, die die logische Reaktion eben auf dieses Geräusch waren, keinen Sinn ergeben würden. Ich drehte mich zurück zu meinem Hund, um gemeinsam mit ihr schnell nach Hause zu gehen, weil mir die ganze Sache echt unheimlich war. Ich war schon immer extrem ängstlich gewesen und ich stand gerade bereits nahe vor einer Panikattacke, mir war vor Angst furchtbar schlecht und meine Hände und Knie begannen unangenehm zu zittern. Als ich den ersten Schritt weg von der unheimlichen Lichtung gehen wollte, knurrte es plötzlich wieder hinter mir. Nur dass es dieses Mal von viel näher kam. Ich drehte mich mit vor Angst geweiteten Augen um und das, was ich nun vor mir sah, veranlasste mich dazu, so schnell ich konnte einen Schritt davon wegzugehen, wobei ich beinahe auf die hinter mir stehende Emma trat, die mit einem ängstlichen Fiepen auswich. Vor mir, mitten auf der Lichtung, stand auf einmal ein riesiger, dunkelbrauner, fast schwarzer Wolf, der mich mit seinen verwirrend blauen Augen ansah. Ich wusste zwar, dass es in Deutschland offiziell wieder Wolfsvorkommen gab, aber ich hatte die Tiere an sich bis jetzt nur einmal in einem Tierpark gesehen. Im Gegensatz zu diesen unscheinbaren, kleinen, grauen Wesen dort, die Ähnlichkeiten mit Hunden hatten, erschreckte mich dieses wolfsähnliche Tier mit seiner gigantischen Größe und seiner beachtlichen Präsenz. Wenn es neben mir stehen würde, würde mich der Riesenwolf sicher noch um ein paar Zentimeter übertreffen, obwohl ich mit meinen 1,77 Metern nun wirklich nicht klein genannt werden konnte. Immer noch beobachtete er mich und begann plötzlich langsam auf mich zu zukommen. Ich war mit der Situation total überfordert und wusste nicht, was ich tun sollte. Meine körperliche Intuition schrie förmlich, dass ich verdammt noch mal sofort meine Beine in die Hand nehmen und so schnell wie möglich das Weite suchen sollte, wenn ich weiterleben wollte. Mein Verstand aber sagte mir, dass ich rein gar keine Chance hätte, wenn ich jetzt losrennen würde, da der Wolf in jedem Fall um ein Vielfaches schneller wäre als ich und ich damit nur seine Jagdinstinkte wecken würde. Leider konnte ich in meiner jetzigen Verfassung nicht wegrennen, da meine Knie nun nicht mehr nur leicht, sondern extrem zitterten. Auch wenn ich also nicht wegrennen konnte, nahm ich all meine Kraft zusammen und ging mit langsamen Schritten von der auf mich zukommenden Gefahr weg. Ich konnte die Blicke, mit denen mich der dunkelbraune Wolf musterte nicht deuten und konnte nicht im geringsten Abschätzen, was er vorhatte. Er kam mir immer näher, meine Atemzüge wurden immer hektischer und schneller, weshalb ich nur noch wenig Luft bekam, während ich mich immer noch nach hinten von ihm wegbewegte. Plötzlich blieb mein linker Schuh an einem auf dem Boden liegenden Ast hängen und mit einem Aufschrei fiel ich mit dem Rücken voran auf den Waldboden. Bei dem Aufprall landete ich unglücklicher Weise sowohl mit meinem linken Handgelenk, als auch mit meinem Hinterkopf auf auf dem Boden liegende Äste, woraufhin beides anfing unangenehm zu pochen und zusätzlich hatte ich mir beim Fall das linke Fußgelenk verdreht, welches auch noch schmerzte. Zusätzlich hatte mir der harte Aufprall alle Luft aus meiner Lunge gepresst, weshalb ich nun schwer atmend dort lag. Jetzt konnte ich wirklich nichts mehr gegen den Wolf anrichten und war ihm total schutzlos ausgeliefert. Wegen meiner ausweglosen Lage, fing ich ungewollt an zu weinen, weshalb ich nun noch schlechter Luft bekam.
Plötzlich sprang Emma, die sich bis gerade ängstlich im Hintergrund gehalten hatte, mit angezogenen Ohren und einem gefährlichen Knurren vor mich. Als ich realisierte, was sie da gerade tat wurde ich noch ängstlicher. Anstatt, dass wenigstens sie sich rettete, indem sie mich zurückließ, wagte sie es sich zwischen den riesigen Wolf und mich zu stellen und ihn anzuknurren, was unsere Lage nicht gerade positiv beeinflussten würde.
Der Wolf, der bis eben zwar durchaus gefährlich gewesen war, aber noch nicht versucht hatte mir oder Emma zu schaden, knurrte als Antwort auf meinen armen Hund, der es gewagt hatte, sich ihm in den Weg zu stellen. Aber im Vergleich zu seinem jetzigen Knurren, war das von vorher nur ein Witz. Der Wolf duckte sich bedrohlich und knurrte gefährlich, während er sich Emma näherte. Diese stand nun aber nicht mehr verteidigend vor mir, sondern zog den Schwanz ein und als er wieder knurrte, was sich in seiner Lautstärke jedes Mal übertraf, legte sie sich auf einmal mit dem Rücken auf den Boden und streckte ihm eingeschüchtert ihre Kehle als Zeichen der Unterwerfung hin. Ich hatte in dem Moment so viel Angst um sie wie noch nie, da es dem riesen Tier nun ganz einfach war, sie zu töten. Doch zum Glück tat er ihr nichts weiter, er knurrte sie lediglich noch einmal an, worauf sie sich gedemütigt und traurig aufrichtete. Ohne mir einen letzten Blick zu schenken, rannte sie so schnell wie noch nie über die Lichtung in den Wald, wobei sie einen großen Bogen um die Gefahr machte. Auch wenn ich mir vorhin genau dieses Verhalten von ihr gewünscht hatte, fühlte ich mich nun noch schlechter, weil ich jetzt ganz alleine und hilflos war. Sobald Emma verschwunden war, schritt der Wolf wieder leise auf mich zu. Ich versuchte in Panik, mich aufzurichten, aber ich rutschte mit meiner linken Hand auf dem Boden ab, woraufhin mein Handgelenk anfing wieder stärker zu pochen. Plötzlich stand der Wolf über mir, ich hatte in meinem Versuch mich Aufzusetzen gar nicht gemerkt, dass er plötzlich so schnell näher kam. Er schaute mit seinen Augen in meine, und von der Nähe erinnerten sie mich in irgendeiner Weise an menschliche Augen. Er kam mir noch näher, indem er seinen riesigen Kopf weiter zu mir runterbeugte, so nah, dass ich schon seinen Atem auf meinem Gesicht spüren konnte. Ich dachte in dem Moment ich würde sterben und begann wieder stärker zu weinen. Ich schloss vor Angst meine Augen und drehte meinen Kopf zur Seite. In dem Moment spürte ich plötzlich etwas Raues, Warmes, Nasses an meinem Gesicht, weshalb ich leicht aufschrie. Das Tier leckte mir mit seiner riesen Zunge über mein Gesicht. Ich währte mich und musste gegen meinen Willen lachen, weil es so kitzelte. Dann packte er mich mit seinem Maul an der Jacke und schleifte mich zu einem Baum, sodass ich mich dagegen lehnen konnte. Ich wunderte mich über sein Verhalten. Gerade eben noch hatte es den Anschein, als wolle es meinen Hund grausam töten und nun das. Langsam hörte ich auf zu weinen und auch meine Angst schwand mit jedem Moment, da ich merkte, dass er nicht vorhatte mich zu verletzen. Hätte er das tun wollen hätte er vorhin genug Zeit dafür gehabt.
Als würde er mich in meiner aufkommenden Vermutung, er würde mir garnichts tun wollen bestätigen, stupste er mich mit seiner großen, nassen Nase in die Seite, woraufhin ich wieder lachen musste. Der Wolf schaute mir vertrauensvoll in die Augen. Im Moment sah er nicht wie ein gefährliches Tier aus, sondern einfach nur wie ein süßer, etwas zu groß geratener Hund. Er legte sich neben mich und platzierte seinen schweren Kopf auf meinen Beinen. Erst war ich etwas überfordert, doch dann begann ich seinen Kopf zu streicheln. Als Reaktion darauf schmiegte der Wolf seinen Kopf näher an meine Beine und begann zu meiner großen Verwunderung zu schnurren. Ich dachte bisher nur, dass Katzen schnurren konnten, aber die dunklen, angenehmen Laute, die das Tier von sich gaben konnten nur Schnurren sein. Doch so schön es mit dem ziemlich kuschelbedürftigen Wolf auch war, langsam wurde es dunkel und ich machte mir zudem auch noch Sorgen um Emma, da ich ja nicht wusste, wo sie war. Ich hoffte sie hatte den Weg nach Hause gefunden und würde auf mich warten, wenn ich nach Hause kommen würde. Also beschloss ich nach einer Weile, mich langsam auf den Nachhauseweg zu machen. Ich schob vorsichtig den Kopf des Wolfes von meinen Beinen, um vorsichtig auszustehen, da mir immer noch alles vom Sturz weh tat. Er schreckte auf, weil er zwischenzeitlich eingedöst war, zumindest so weit ich das einteilen konnte, und begann mich anzuknurren. Zwar nicht bedrohlich oder aggressiv, aber trotzdem so, dass ich verstand, dass er nicht begeistert von meinem Tun war. Als ich mich langsam an dem baum aufgerichtet hatte stand auch er auf und schüttelte sich erstmal den ganzen Schmutz und die Blätter aus dem Fell. Er schaute mich an und wartete, was ich als Nächstes tun würde. Ich ging vorsichtig einen Schritt nach vorne, da mein verdrehtes Fußgelenk schmerzte und ich nicht wusste, ob es mich tragen würde. Ich zischte vor Schmerzen auf, ich konnte zwar halbwegs laufen, aber es war sehr schmerzhaft uns ich war mir sicher, dass irgendwas bei dem Sturz kaputt gegangen war. Irgendwie würde ich den Weg nach Hause trotzdem schaffen müssen. Ich humpelte weiter auf der Suche nach dem Weg den ich auch hergekommen war. Langsam begann es zu dämmern und ich bekam Panik, dass ich es nicht mehr im Hellen nach Hause schaffen würde. Der Wolf knurrte wieder, offensichtlich gefiel es ihm gar nicht, dass ich ihn jetzt verlassen wollte, aber ich ging einfach weiter ohne ihn zu beachten. Sein Knurren wurde lauter und drohender. Auf der Stelle fiel mir auf, wie gefährlich dieses Tier doch eigentlich war, ich hatte es in der Zwischenzeit schlicht und ergreifen vergessen. Nun hatte ich es noch eiliger nach Hause zu kommen. Plötzlich rannte er auf mich zu und rammte mir seinen Kopf brutal in die linke Seite. Wieder fiel ich auf den Boden und er stand über mir. Im Gegensatz zu vorhin aber strahlten seine Augen nun Bedrohung und Aggressivität aus. Ich versuchte mich vom ihm weg zu bewegen, woraufhin er mit seinen riesigen Vorderpfoten auf meine Schultern trat, sodass ich nun auf den Boden gedrückt wurde. „Geh von mir runter du tust mir weh", versuchte ich mich gegen den Wolf zu währen. Und ja, total dumm, dass ich mit einem Tier sprach, aber in der Situation wusste ich einfach nicht anderes um mir zu helfen. Als hätte es ich verstanden übte es plötzlich noch mehr Druck aus, woraufhin ich mich vor Schmerzen aufbäumte und schrie, doch in dem Moment knackte auf einmal meine rechte Schulter und ich konnte meinen Ganzen rechten Arm nicht mehr bewegen. Es tat höllisch weh und ich vermutete, dass ich mir die Schulter ausgekugelt hatte. Vor Schmerzen überall in meinem Körper konnte ich nur noch hastig Atmen und ich begann alles verschwommen zu sehen. Auch wenn ich nichtmehr richtig sah, trat ich noch immer nach dem Wolf und versuchte mich wegzudrehen, doch plötzlich meinte ich zu erkennen, dass seine Augen anfingen rot zu leuchten und auf einmal konnte ich mich nicht mehr währen. Alles was ich noch tun konnte war zu Atmen und zu Blinzeln. Ich wurde panisch und das einzige was man noch hören konnte war mein hektisches Ein- und Ausatmen und das des Tieres. Es baute sich noch weiter über mir auf und schaute mir noch tiefer in meine Augen. Aus einem mir unerfindlichen Grund begann plötzlich mein Sichtfeld zu schrumpfen und das letzte was ich sah bevor ich meine Augen schloss waren diese roten Augen des Wolfes.
~ 2084 Wörter
~Stand 05. Januar 2019
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