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Ich ließ meinen Blick von meinem Handy aus dem Fenster des Autos schweifen. Ein auf der Scheibe liegender Regentropfen fesselte meine Aufmerksamkeit. Langsam, vom Fahrtwind bewegt, kroch er über die Scheibe. Auf dem Weg umfloss er einige Wassertropfen, durch die wenigen die er traf bewegte er sich zeitweise schneller, blieb jedoch letzendlich stehen.
Das regelmäßige Prasseln auf dem Autodach meiner Mutter und das Geräusch des Wischers auf der Frontscheibe machten mich müde. Zudem kam auch noch, dass ich schon seit geraumer Zeit keinen richtigen Schlaf mehr fand.
Einerseits lag es an dem Gespräch, dass meine Mutter vor vier Tagen mit mir führte und dessen Ausmaße ich immer noch nicht wirklich realisieren konnte. An diesem Tag erzählte sie mir davon, dass wir beiden aus dem Haus, in dem wir seit ich denken konnte mit meinem Vater lebten, ausziehen würden. Außerdem teilte sie mir mit, dass sie sich nun nach 18 Jahren Ehe von ihm scheiden lassen würde. Auch wenn ich bisher nichts von ihren Plänen wusste stellte ich mich sofort hinter sie um sie zu unterstützen. Mein Vater war schon lange nicht mehr der Mann, der mich auf der Schaukel in unserem Garten anschubste, mir das Fahrradfahren beibrachte und wenn ich mal ein Fehler machte und auf den Boden fiel mit dem gleichen Lächeln wieder auf die Beine stellte, während er mir seinen Lieblingsspruch vortrug „Du musst immer einmal mehr aufstehen als hinfallen". Es fing alles vor zwei Jahren an, als er gekündigt wurde. Den Grund für seine Entlassung erfuhr ich nie. An diesem Abend kam er betrunken nach Hause. Das war das erste Mal, jedoch häufte es sich mit der Zeit. Irgendwann gewöhnten meine Mutter und ich uns an sein Verhalten, nachdem wir mit allen Mitteln versucht hatten, ihn zum Aufhören zu bringen. Zu dem Zeitpunkt hofften wir, dass das Alles irgendwann von selber aufhören würde, spätestens wenn er sein Geld aufgebraucht hätte und sich denn Alkohol nicht mehr leisten könnte. Doch anstatt der Besserung trat nur Gegenteiliges ein.
Es war ein anderer Abend, an dem ich im Bett lag, schon lange hätte schlafen sollen, während meine Mutter unten im Wohnzimmer auf der Couch auf die Rückkehr meines Vaters wartete. Irgendwann, lange nach Mitternacht muss er dann nach Hause gekommen sein. Erst durch Schreie wachte ich in dieser Nacht auf. Sofort war ich hellwach und rannte die Treppe nach unten. Was ich dort sah raubte mir den Atem: Meine Mutter lag weinend am Boden und hielt sich die Arme vor ihr Gesicht, aus ihrer Nase floss Blut. Vor ihr stand breitbeinig mein betrunkener Vater, der versuchte sein Gleichgewicht zu halten, während sich eine nur knapp begleitete Frau an ihn schmiss, die so aussah, als wäre sie nur ein paar Jahre älter als ich. Angeekelt und geschockt wendete ich mich von den beiden ab, die die Treppe zu meinem und dem Zimmer meiner Eltern hochstolperten, während sie immer wieder über einander herfielen und sich beinahe auffraßen und kniete mich zu meiner Mutter. Ich half ihr sich aufzusetzen und zog ihre Arme vor ihrem Gesicht weg. Sie weinte immer noch leise, ihre Nase war stark angeschwollen, leicht bläulich verfärbt und blutete. Ich zog sie hoch und half ihr ins Auto. Dann setzte ich mich selbst auf den Fahrersitz des Autos. Noch immer sprach keiner von uns. Bis wir die Rezeption vor der Notaufnahme im Krankenhaus erreichten handelte ich zwar, war aber noch nicht wieder fähig zu denken. Nach der Untersuchung meiner Mutter stellte sich heraus, dass ihre Nase gebrochen war, woraufhin sie von dem ärztlichen Personal gerichtet wurde. Außerdem hatte sie eine Gehirnerschütterung, weshalb wir die restliche Nacht im Krankenhaus verbrachten, da die Ärzte sie noch unter Beobachtung behalten wollten. Erst viel später, als meine Mutter im Krankenhausbett einschlief, begann ich die Ereignisse Revue passieren zu lassen. An diesem Tag hatte mein Vater meinen guten Glauben in sich endgültig verloren. Kurz bevor auch ich auf dem harten Plastikstuhl einschlief fiel mir auf, dass ich ohne zu überlegen meine Mutter ins Krankenhaus gefahren hatte, ohne dass ich überhaupt einen Führerschein hatte. Zu diesem Zeitpunkt war ich gerade mal 15.

Doch nicht nur die Gedanken, die ich mir über ihre Entscheidung, nach den Jahren voller Demütigung, Trauer und Gewalt endlich einen Schlussstrich zu ziehen und auszuziehen und über die Zukunft machte, hielten mich wach. Wenn ich dann doch aus Erschöpfung in ein paar Stunden Schlaf fiel, sah ich immer den gleichen Traum. Immer wiederholte er sich: Eine Gestalt, die den Rücken zu mir gedreht hat. Ich konnte nicht viel erkennen, doch ich sah, dass er muskulös war und groß. Die Szene ändert sich zwar immer wieder, doch die Person erschien immer wieder, manchmal im Hintergrund, doch meistens zentral, als würde sie wollen, dass ich sie beachtete. Jedes Mal, wenn ich nach zu wenigen Stunden des Schlafens wieder aufwachte war ich verwirrt, meine Gedanken drehten sich um den Typen und ich empfand ein Gefühl, welches ich nicht definieren konnte. Plötzlich riss mich die Stimme meiner Mutter aus meinen Gedanken, ich hatte gar nicht gemerkt, dass wir bereits angehalten hatten. „Hannah, steig aus, wir sind da", forderte sie mich auf. Ich nahm mir meine Jacke vom Rücksitz, da es immer noch regnete. Ohne bereits einen Blick auf das Haus, in dem ich ab jetzt mit meiner Mutter wohnen würde zu werfen, öffnete ich meine Tür und stieg mit ein wenig Angst aber auch Neugierde aus dem Auto.

~ 891 Wörter
~ Stand: 01. Januar 2019

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