Kapitel 6

Noch nie bin ich alleine mit dem Zug gefahren. Ich hatte mein Fahrrad und meine Beine und nie hatte ich eine weitere Strecke vor mir, als in die Innenstadt zu fahren.

Elian hatte mich zwar zum Bahnhof gebracht, aber keine Anstalten gemacht mir zu erklären, was ich jetzt zu tun hatte.

Er drückte mir nur einen Zettel in die Hand und verschwand daraufhin mit eiligen, großen Schritten.

Wie in aller Welt habe ich ihn je Dad nennen können?

Ich schaute ihm nach und einen Herzschlag lang verschwendete ich einen Gedanken darüber, ob ich diesen Menschen je wiedersehen würde.

Mir wurde übel, als ich realisierte, dass ich gerade wirklich darüber nachgedacht hatte und wandte mich ab.

Jetzt richteten sich meine Augen wieder nach vorne. Ich öffnete, ohne meinen Kopf zu senken, den zerknüllten Zettel, den Elian mir gegeben hatte und warf einen kurzen Blick darauf.

Die Adresse von seiner Stiefmutter stand darauf.

Wie konnte ich nur so naiv sein und mir erhofft haben, dass er mir eine Schritt für Schritt Anleitung aufschreiben würde, wie man mit dem Zug von einem Ort zum anderen fährt?

So gut wie mein ganzes Leben war ich auf mich alleine gestellt, also dürfte das jetzt auch keine große Hürde sein.

Mein Blick schweifte herum, als ich eine Gestalt ausmachte, die mir vertrauenswürdig erschien.

Meine Beine trugen mich zu einer Frau in Uniform, der ich ohne Worte den Zettel gab. Den Blick eines unschuldigen Mädchens hatte ich schon längst aufgesetzt und starrte sie mit großen Augen an. Das wirkte immer wieder Wunder.

Sofort setzte ihr Mutterinstinkt ein und sie brachte mich zu einem Bahnsteig, während sie mir mit viel zu hoher Stimme zuredete. Immer wieder bot sie mir an, mir zu helfen meine Eltern zu suchen, aber ich schüttelte jedes Mal den Kopf, bis ich ihr mit weinerlicher Stimme erklärte, dass ich alleine hier war.

Du armes Ding, solche Eltern gehören eingesperrt, ich werde jetzt meinen Chef anrufen und ihm erklären, dass ich dich bis zu deinem Ziel begleiten werde.

Ich schluckte, aber irgendwie war ich auch froh darüber. Auch wenn ihre Stimme gewöhnungsbedürftig war, schien sie sehr nett zu sein und ich spürte, wie sich mein Herz erwärmte, wenn sie mich zärtlich anlächelte.

*

Das Mitleid aus ihrem Blick verschwand immer mehr, als wir während der Zugfahrt miteinander redeten und auch ich gesprächiger wurde. 

Sie erfuhr, dass ich selbstständiger war, als ich wirkte und ich erfuhr von ihr, dass sie glücklich verheiratet war.

Während sie aber von ihrem wunderbaren Ehemann sprach, konnte ich einen Tränenschleier in ihren Augen ausmachen.

Hatte sie denn keine Kinder? Sie wirkte nämlich sehr kinderliebend, aber eine glückliche Mutter hätte doch schon längst von ihrer Tochter oder ihrem Sohn erzählt.

Aber ich konnte sie auch schlecht fragen, sonst fragte sie mich womöglich über meine Eltern und darüber wollte ich nicht sprechen.

Und wenn sie erfuhr, dass meine Mutter tot war, und ich, dass sie keine Kinder bekommen konnte oder sogar eines ihrer gestorben war, dann würden wir uns für den Rest der Zugfahrt nur mehr gegenseitig und selbst bemitleiden.

Was ich brauchte war Ablenkung und die gab mir Alessia Louisa Brand.

Irgendwann, nach gefühlten fünf Stunden, fiel mein Kopf auf ihre Oberschenkel und ich machte mir auch keine Mühe mehr die Augen offen zu halten.

*

Ein raues Gefühl auf meiner Wange ließ meine vom Schlaf verklebten Augen leicht öffnen. Sonnenstrahlen lagen auf dem Gesicht von Alessia, deren Daumen über mein Gesicht strich.

Ich würde liebend gern noch mehr Zeit mit dir verbringen, aber wir sind angekommen und ich muss mit demselben Zug wieder zurück fahren.

Ruckartig setzte ich mich auf und presste meine Lippen zusammen. Wie soll ich wissen, wie man vom Bahnhof zum Haus von Elians Stiefmutter kommt?

Aber ich wollte nicht aufdringlich sein, also ließ ich es, sie zu fragen.

Ohne zu zögern beugte ich mich zu Alessia und drückte ihr einen sanften Kuss auf die Wange als Dankeschön.

Dann stand ich auf und nahm den Koffer entgegen, den sie mir von der Ablage herunterreichte.

Ich konnte die Tränen in ihren Augen sehen und wenn ich noch länger hingeschaut hätte, hätte ich meine eigenen nicht zurückhalten können, also drehte ich mich um und stieg so schnell ich konnte aus dem Zug.

Natürlich war ich ihr dankbar, aber sie würde keine große Rolle mehr in meinen Leben spielen, warum also sollte ich mich mit Tränen von ihr verabschieden?

*

Das grelle Sonnenlicht raubte mir fast den Atem, als ich aus dem Bahnhofsgebäude trat. Das hier war eine andere Welt. Das hier war nicht mehr das schmutzige London, das so lange mein Zuhause gewesen war. Die dominierende Farbe hier war grün, die Menschen, die in meinem Blickfeld waren, hatten alle ein Strahlen im Gesicht und waren fröhlich angezogen.

War das hier das Paradies, von dem meine Mutter immer gesprochen hatte?

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