8.
Mein Körper versank in den weichen Polstern des Sessels. Gegenüber von mir hatte sich Dr. Summer niedergelassen und starrte mich mit ihren stahlgrauen Augen durchdringlich an. Trotz dieses gemütlichen Sessels fühlte ich mich nicht wohl. Diese Augen machten mir echt Angst. Ich hätte nie gedacht, dass mir Augen, nur gottverdammte Augen, solche Angst einjagen würden. Sonst schien sie eigentlich recht freundlich zu sein. Weiche Gesichtszüge, ihre hellbraunen Haare hatte sie locker zu einem Dutt hochgesteckt. Nicht so streng wie andere Ärzte, die nur auf Perfektion achten. Aber ihre Augen zerstörten alles. Einfach nur gruselig.
"Einfach nur gruselig", sprach jemand meinen Gedanken aus. Ich war mir allerdings nicht sicher, ob Alex sich damit auch auf dieselbe Sache bezog wie ich. Mein Kopf drehte sich in seine Richtung. Langsam, da ich Dr. Summers Augen irgendwie nur ungern aus meinem Sichtfeld verschwinden ließ. Cara und Alex saßen auf dem Boden am anderen Ende des Raumes und beobachteten uns. In Caras Hand befand sich immer noch meine Handtasche, doch sie befasste sich nicht mit ihr. Meine Tasche war natürlich auch nur halb so interessant wie die Ärztin und ich. Vor allem, da in den letzten Minuten keiner von uns etwas gesagt hatte. Nach ihrer ersten Frage, wie es mir gehe, habe ich meinen Mund nicht geöffnet. Ehrlich gesagt wusste ich darauf keine Antwort. Ging es mir gut? Sicherlich nicht. Ging es mir schlecht? Eigentlich auch nicht. Ich hatte kein Gefühl, das mir sagte, ob mir irgendetwas fehlte. Ich hatte natürlich nicht alles was ich wollte, doch schlecht fühlte ich mich wirklich nicht. Also hielt ich meinen Mund und überlegte. Aber ich dachte nicht nur über eine Antwort auf diese Frage nach. In meinem Kopf schwirrten viele, weitaus interessantere, und ebenfalls unbeantwortete Fragen rum. Eine davon wäre z. B., warum Dr. Hope der Meinung wäre, ich bräuchte eine psychische Behandlung. Pardon, warum er dachte, ich sollte mich mal untersuchen lassen. Aber beides lief auf dasselbe hinaus: Er hielt mich für verrückt. Vielleicht bist du das ja auch? Konnte meine innere Stimme mit ihren Sticheleien nicht aufhören? Tief in meinem Inneren wusste ich aber, dass sie das ernst gemeint hatte, es sollte mich nicht ärgern. Das machte es für mich aber nur noch schlimmer. Wenn sogar meine innere Stimme der Meinung sei, ich verlor den Verstand - und das brachte sie mir ohne Hohn oder Spott bei - war das vielleicht wirklich so.
Wie man sieht, gab es also eine Menge Fragen, die sich aber eigentlich trotzdem mit dem Thema beschäftigten, wie es mir ginge. Diese Frau machte mich irre mit ihrer wunderbaren Frage. Oder ich war schon irre, nur machte sie mich noch irrer als ich eh schon war.
"Was meinen Sie mit 'Einfach nur gruselig'?" Der Klang von Dr. Summers Stimme jagte mir einen Schauer über den Rücken. Sie klang so sanft, ruhig und dennoch irgendwie streng. Aber nicht diese fiese Art von Strenge, sondern... Ach, keine Ahnung, wie ich diese Stimme beschreiben sollte. Auf jeden Fall passte sie perfekt zu ihrer Ausstrahlung.
"Na ja, seit genau", Alex warf einen Blick auf seine Armbanduhr, "11 Minuten und 34 Sekunden starren Sie Ana an. Ana schaut ebenso zurück, nur erwartet sie keine Antwort." Ein leises lachen ertönte, woraufhin ich mich zu Dr. Summer wandte. "Was ist daran so lustig? Er erzählt nur die Wahrheit." Nach meiner Äußerung umspielte erneut ein Lächeln ihre Lippen. "Nein, das tut er nicht. Ich erwarte nämlich keine Antwort", erklärte die Ärztin und ignorierte meinen verwirrten Blick. Jetzt ernsthaft, warum stellte sie mir eine Frage, wenn ich sie gar nicht beantworten sollte? Dr. Summer fuhr mit ihrer Erklärung fort. "Ich erwarte nicht, dass du mir alles erzählst, ich möchte, dass du dir selbst über deine Gefühle im Klaren bist. Ob du sie mir verrätst ist eine andere Sache. Kaum jemand erzählt in seiner ersten Stunde, was in ihm vorgeht. Das Vertrauen zu mir entwickelt sich erst später." Verblüfft betrachtete ich sie eingehend. Ich sollte mir selbst im Klaren sein, was in mir vorging, bis ich ihr davon erzählen konnte. Eigentlich genial. So brachte sie ihre Patienten dazu, nachzudenken. 'Kaum jemand erzählt in seiner ersten Stunde, was in ihm vorgeht.' Bedeutete das, es werden weitere Stunden folgen? Nun breitete sich Panik in mir aus, meine Fingernägel bohrten sich in die Armlehnen. Ich wollte keine Psychiaterin! Wenn ich verrückt war, okay. Dann war das eben so. Aber eine Psychiaterin wollte ich trotzdem nicht. In spätestens ein paar Monaten bin ich tot, also würde mir das wahrscheinlich gar nichts nützen.
Ruckartig stand ich auf und verließ mit großen Schritten den Raum. Kurz bevor die Tür hinter mir zu fiel, hörte ich, wie mir die drei Personen hinterher riefen. Ich beachtete die nicht und lief einfach weiter, in der Hoffnung, zufällig auf einen Ausgang zu stoßen.
Nach einer Weile blieb ich atemlos stehen und drehte mich einmal im Kreis. Aus diesem einen Mal wurden zweimal und dann dreimal. Schon blöd, wenn man nicht darauf achtete, wohin man lief. Ich könnte im Moment meinen Kopf gegen die Wand schlagen. Bloß nicht!, schrie meine innere Stimme dazwischen. Warum nicht?, gab ich mindestens genauso wütend zurück. Wenn du das tust, werden ein paar Tassen aus deinem Schrank fallen. Auch wenn ich mir sicher bin, dass da eh nicht alles voll ist. - Na vielen Dank auch! Eingeschnappt verschränkte ich meine Arme vor der Brust und verformte meine Lippen zu einem Schmollmund.
"Was tust du da?" Erschrocken blickte ich auf und erspähte Alex, der gelassen an der Wand vor mir lehnte. Ich musste innerlich lachen, es sah bestimmt total bescheuert aus, wie ich hier stand, eingeschnappt, obwohl niemand dafür verantwortlich war. Niemand außer meiner inneren Stimme.
Ich konnte meinen Blick jedoch nicht von diesen grün-grauen Augen nehmen, die mich aus knapp 30 cm Entfernung musterten. Diese Nähe ließ mein Herz schneller schlagen, genauso wie seine Augen. Sie sollten verboten werden, da bekam ja jedes Mädchen weiche Knie. Und schwule Jungs. Nicht zu vergessen Jungs, die bisexuell waren. Erde an Ana! Willst du diesem Jungen mit den verboten schönen Augen nicht mal eine Antwort geben? - Schon gut, hör auf mich aufzuziehen!
"Ich mache mir gerade selbst klar, dass ich nicht mehr alle Tassen im Schrank habe", sagte ich. Dann schlug ich mir mit der Hand gegen die Stirn. Nicht mental, sondern in echt. Und schon wieder machte ich mich lächerlich. Erst gebe ich zu, dass ich mich für nicht ganz dicht halte, dann schlage ich mir auf die Stirn, sodass wahrscheinlich das ganze Krankenhaus das klatschende Geräusch gehört hatte. Meine Chancen, mit ihm befreundet zu sein, sanken immer mehr. Jetzt war ich nicht nur krank, sondern auch offensichtlich durchgeknallt. Hast du super hinbekommen!, lobte mich meine innere Simme. Sie triefte nur so vor Sarkasmus. Glücklicherweise konnte Alex nicht Gedanken lesen, sonst würde er mich für noch verrückter halten, als er es eh schon tat.
Zu meiner (und der meiner inneren Stimme, aber die ignoriere ich jetzt mal ganz dezent) Überraschung schmunzelte Alex nur und fuhr sich mit der Hand durch seine Haare. Und schon wieder musste ich feststellen, dass er sogar bei dieser bescheuerten Geste heiß aussah. "Ich muss dir da leider widersprechen, ich halte dich nicht für verrückt." Verwundert starrte ich ihn an. Nicht? "Nicht? Aber ich habe mich, seitdem wir uns kennen, nicht für ein paar Sekunden normal verhalten. Vielleicht wollte ich dich nicht umbringen, wie ein Psychopath in den Hollywoodfilmen, aber normal war ich trotzdem nicht." - "Als ob ich normal wäre. Es ist möglich, dass du ein ganz anderes Bild von mir hast, aber glaube mir, wenn du mich besser kennst, weißt du, dass weder ich noch meine Freunde normal sind. Allerdings haben wir die Grenze zum Psychopatischen noch nicht übertreten. Und ich bezweifle, dass du das hast, auch wenn die Ärztin das ein wenig anders sehen sollte." Danach tat er etwas für mich unverständliches: Er umarmte mich. Das achte Weltwunder. Halleluja.
"Komm", meinte Alex und zog mich an meiner Hand ein Stück weiter. "Wir gehen zurück und besprechen das Ganze mit Dr. Summer." Ich nickte zögernd und ließ mich von ihm führen. Ich hatte überhaupt keine Lust, dorthin zu gehen, die Ärztin hielt mich jetzt bestimmt für noch durchgeknallter als vorher. Immerhin war die Chance, noch peinlichere Momente bei ihr zu erleben, ziemlich gering. Wenigstens eine gute Sache hatte das mit sich gebracht. Und dass Alex mich umarmt hatte. Also doch eher zwei gute Sachen.
Am Ende des Flures bogen wir rechts ab. In einem Türrahmen konnte ich Dr. Summer und Cara erkennen. Da bist du aber ziemlich weit gekommen!, spottete meine innere Stimme. Da hatte sie aber Recht gehabt. Für den Rückweg brauchten wir gerade mal eine Minute, während ich, als ich weg gerannt war, viel länger gebraucht hatte. Hinter Alex' Rücken versteckt betrat ich den Raum und schloss leise die Tür hinter mir. Peinlich berührt stand ich nun in der Mitte des Raumes und betrachtete den Boden. Er schien auch viel interessanter als Dr. Summers stahlgraue Augen, die mich musterten. Langsam bewegte sich mein Blick aufwärts. Ihre Augen nicht sehen zu können war viel schlimmer, als sie anzublicken, vor allem, da ich genau wusste, dass sie mich beobachtete. "Ana, ich habe leider nicht mehr Zeit für dich, aber ich bin der Meinung, dass ein weiteres Treffen nicht schaden könnte." Treffen. Bezeichne es doch gleich als erste Stunde (eher gesagt zweite) einer langen psychischen Behandlung. "Hey, deswegen brauchst du doch keine Angst zu haben." War das so offensichtlich? Oder hatte Cara hellseherische Fähigkeiten? Jetzt erst bemerkte ich, dass ich angefangen hatte zu zittern. Ich atmete mehrmals tief ein und aus, um dieses Zittern wieder unter Kontrolle zu bringen. Cara trat einen Schritt auf mich zu und legte einen Arm um meine Schulter. "Wäre es in Ordnung, wenn einer von uns bei diesen sogenannten Treffen dabei wäre?", fragte sie Dr. Summer. Mit einem Blick auf mich fügte sie noch schnell: "Natürlich nur, wenn das für Ana auch Okay ist!", hinzu. Ich nickte und sah die Psychologin hoffnungsvoll an. Ich würde mich wirklich wohler fühlen, wenn ich nicht dabei alleine wäre. Ich würde mich nicht trauen, diesen stahlgrauen Augen alleine entgegen zu treten. (Obwohl ein bisschen mehr Drama auch nicht schaden würde! Man bemerke die Ironie!) Dr. Summer nickte. "Einverstanden, aber wenn ich sage 'Raus' dann heißt das auch raus." Sie durchbohrte Alex und Cara mit einem Blick, den ich nie wieder sehen möchte. Beide murmelten sofort ein "Ja" und wir drehten uns langsam zur Tür um. Nachdem eben diese Tür zwischen der Ärztin und uns zugefallen war, atmeten wir alle drei erleichtert auf.
"Und was jetzt?", fragte ich und schlenderte mit den anderen den Flur entlang. Dass wir in einem Krankenhaus waren, schien mir auf einmal nicht mehr so viel auszumachen. Cara grinste mich an. "Wir gehen jetzt in Lilys Zimmer, schnappen uns unsere Sachen und holen unsere Freunde von der Schule ab."
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Ich wünsche euch einen guten Rutsch ins neue Jahr!
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