17.

Innerhalb einer Millisekunde wirbelte ich herum. Dass meine Haare dabei Cara ins Gesicht peitschten, bemerkte ich nur am Rande. "Louis. Ich... ähhh...", stotterte ich. Ich wünschte, ich hätte es ihm selbst erzählen können. Wieso musste er auch gerade das gehört haben?
Neben Louis stand Alex, beide versuchten einen schwankenden Marc zu stützen. Anscheinend hatte er viel getrunken. Ich fragte mich, wann er das getan haben könnte, da er sich eigentlich die ganze Zeit auf der Tanzfläche befand.

"Wusstet ihr davon?", fragte Louis plötzlich. Seine Frage richtete sich an Alex und Cara, da Marc nicht ansprechbar war. "Ihr habt es gewusst und mir nicht ein Wort gesagt?", seine Stimme wurde mit jedem Wort lauter. Ich verstand seine Wut, aber es brachte im Moment nichts. Vor allem, da es Wichtigeres (z.B. sich um Cara kümmern) zu tun gab. "Louis... Bitte...", flüsterte Cara. Augenblicklich wurde Louis Blick weicher und er trat auf uns zu. Behutsam nahm er Cara in den Arm. Dass dabei Marc nun vollkommen auf Alex' Schulter ruhte, schien ihm nicht aufzufallen oder es war ihm nicht ganz so wichtig. "Wie wäre es, wenn wir uns erst einmal hinsetzen, damit ich diesen Schwachkopf absetzen kann, und in aller Ruhe darüber reden?", mischte sich Alex ein. Ehrlich gesagt war ich froh, dass er eingegriffen hatte. Die ganzen letzten zehn Minuten hatten mir mehr zugesetzt als ich mir eingestehen wollte.

Auch Louis sah nun ein, dass es für alle Anwesenden das beste war, wenn wir uns hinsetzen würden. Etwa fünfzig Meter entfernt stand eine Parkbank, auf die wir zu liefen. Nachdem Alex seinen Kumpel abgesetzt hatte, atmete er tief durch. Er streckte sich kurz und als er gerade etwas sagen wollte, klammerte sich Marc an seinen Arm und wimmerte leise. "Was hat er gesagt?", fragte ich ahnungslos und sah in die Runde. Alle zuckten mit den Schultern. Ich seufzte. "Wie viel muss der getrunken haben, um so undeutlich zu reden?"
"Er hat nicht so viel getrunken", erklärte Alex.
"Ach nein?"
"Nein, er ist nur gegen eine Tür gelaufen und dann umgekippt, als wir zu euch wollten."
"Aha."

Nach dieser aufschlussreichen Unterhaltung nahm ich meine Handtasche, die Alex freundlicherweise mitgenommen hatte, da ich ja anscheinend zu blöd war, um auf sie auf zu passen. Eine Flasche Wasser von vorgestern war schnell gefunden und ich schüttete die Hälfte über Marc. (Freundlich wie er war nahm mir Alex meine Tasche wieder ab. Er wusste wohl, dass ich nicht auf sie aufpassen konnte.) Die Zeitspanne von dem Moment, wo Marc noch vollkommen zusammen gesackt auf der Parkbank saß, bis zu dem Punkt, wo er auf den Beinen stand, betrug weniger als eine halbe Sekunde. Innerlich musste ich lachen, als mich dieser begossene Pudel wütend anfunkelte, aber äußerlich ließ ich mir nichts anmerken.

"Bevor du fragst, ich wollte dich nur wach bekommen."
"Ich war wach."
"Aber du warst nicht ansprechbar."
"Und die einzige Methode, die dir eingefallen ist, war Wasser über mich zu schütten?"
"Nein, es war aber der schnellste und effektivste Weg."
"Aha."
"Hast du eigentlich mitbekommen, was da gerade passiert ist?"
"Nicht wirklich. Ich war zu sehr mit meinem explodierendem Kopf beschäftigt."

"Sie stirbt!", mischte auch nun auch Louis in unsere Unterhaltung ein. Marc schnappte sich meine Wasserflasche und schüttete sich den Rest über den Kopf. Wenn die Situation nicht so ernst gewesen wäre, hätte ich gelacht.
"Kannst du das wiederholen? Ich glaube, ich habe mich verhört!"
"Nein, hast du nicht. Ana stirbt."
Eine ganze Weile war es still. Das einzigen Geräusche waren die Sirenen der Polizei, die weit entfernt durch die Nacht hallten. Ich liebte Stille, doch diese war mir unheimlich. "Wann?", frage Marc. Ich war so unendlich erleichtert, dass ich nun endlich etwas sagen konnte. "Der Arzt meinte, ich hätte vielleicht noch ein dreiviertel Jahr." Louis schüttelte traurig den Kopf. Es schien ihn wirklich mitzunehmen, auch wenn wir uns noch nicht so lange kannten. "Ich möchte sie hören. Die Geschichte. Wie es angefangen hat, was danach passiert ist, einfach alles!"
"Ich auch!", unterstützte Cara ihren Freund. "Aber erst brauch ich ein Taschentuch." Ein leichtes Lachen verließ meine Lippen. Diese Situation kam mir bekannt vor, nur mit dem Unterschied, dass ich dieses mal welche dabei hatte. "In meiner Tasche müsste eine Packung sein."

Alex kramte eine Weile in meiner Tasche, bis er plötzlich anfing zu lachen. "Wieso zum Teufel hast du eine Tasche in einer Tasche?"
"Die eine Tasche habe ich noch von dem Tag, an dem ich dich im Wald getroffen habe. Cara hat sie freundlicherweise für mich aufgehoben und mir heute wieder gegeben. Die andere ist von heute, weil ich nicht ganz ohne etwas losgehen wollte. Und als sie mir heute meine erste wiedergegeben hat, habe ich die halt ineinander gestopft." Meine Erklärung fanden die Jungs wohl alle so lustig, dass sie fast von der Bank fielen. "Hey, ganz ruhig, so lustig ist es auch wieder nicht!", meinte ich und griff nach meiner Handtasche. Alex hielt sie schnell aus meiner Reichweite und kramte, immer noch lachend, weiter. Er fand die Taschentücher und reichte sie an Cara weiter. "Aber zuerst-", wandte Alex ein, "möchte ich wissen, was da gerade in der Gasse passiert ist." Marc stimmte leise zu. Aber aus dem Augenwinkel konnte ich genau sehen, wie Cara bei diesen Worten zusammen zuckte. "Das gehört aber noch zum Teil zu meiner Geschichte. Kann ich das danach erzählen?", fragte ich. Als Antwort kam nur einstimmiges Kopfnicken und von Cara ein dankbares Lächeln. Dann begann ich meine Geschichte zu erzählen.

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