16.

"Kevin!", hauchte ich. Meine Beine fühlten sich an wie Wackelpudding, als er beim Klang seines Namens zusammen zuckte. Er war es wirklich. Meine Erleichterung über seinen Einschritt in unseren kleinen Kampf verschwand ebenso plötzlich, wie sie aufgetaucht war. Erinnerungen durchfluteten mich. Wie wir als Kinder zusammen gespielt hatten. Wie wir uns das Motorrad gekauft hatten. Unser erster Schultag. Unsere gemeinsamen Urlaube. Wie wir am Strand lagen. Wie wir Wasserschlachten veranstalteten. Oder eine von unseren Millionen Unterhaltungen über unwichtige oder wichtige Sachen. Manche würden jetzt sagen, sie hatten nicht gewusst, was sie damals hatten, doch ich wusste es schon immer. Ich wusste schon immer, dass ich den besten Freund hatte, den man haben kann. Ich genoss jeden Tag mit ihm und unseren Familien. Ich war glücklich. Ein Schmerz durchfuhr mich und ich schnappte nach Luft. Es tat so weh. Warum hatte er mich allein gelassen? Ich brauchte ihn doch. Er war mein bester Freund. Gewesen. Er war mein bester Freund gewesen. Er hatte mit seiner Art deutlich gemacht, dass ich ihm egal war und ich kam damit klar. Wenn er mich nicht wollte, ich würde mich ihm nicht aufzwingen. Das konnte ich ihm nicht zumuten und außerdem würde ich es auch nicht besonders lange aushalten können. Es war schwer an einem Ort zu sein, wo man unerwünscht war. Wenn man daran nicht selber kaputt geht, ist es ein kleines Wunder.

Ich schüttelte meinen Kopf, um von meinen Gedanken weg zu kommen. Sie zogen meine Laune echt runter. Ich meinte, meine Laune befand sich schon vorher auf dem Nullpunkt, genauer gesagt schon seit ich Cara hier aufgefunden hatte, aber jetzt war sie im Minusbereich.
"Ana?", fragte jemand besorgt. Ich blinzelte und versuchte mir nicht anmerken zu lassen, wie sehr mich die Erinnerungen belasteten. Als ich wieder klar sehen konnte, musste ich schlucken. Vor mir befanden sich zwei unterschiedliche Augenfarben. Wie sehr ich sie vermisst hatte, wurde mir erst jetzt klar, wo ich sie wieder sehen konnte. Es tat aber nur um so mehr weh. Ich hatte sie vermisst, würde sie gleich aber wieder verlieren. Vielleicht, weil er freiwillig ging oder weil ich im Moment nicht die Kraft hatte, mich mit ihm auseinander zu setzen.

"Kevin. Was willst du hier?" Meine Stimme ließ ich stark erscheinen, doch das konnte nur jemanden täuschen, der mich nicht sein ganzes Leben kannte. Mit anderen Worten: Kevin hatte das Zittern in meiner Stimme gehört, wobei meine neuen Freunde keine Ahnung hätten.
"Ich bin gerade hier vorbeigelaufen, als ich gemerkt habe, wie er jemanden schlägt, genauer gesagt, wie Damian dich schlägt. Ich war jedoch nur rechtzeitig hier, um ein zweites Mal zu verhindern. Beim ersten Mal war ich noch zu weit weg." Er wiederum versuchte gar nicht, die Unsicherheit in seiner Stimme zu verdrängen. Und wenn ich mich nicht irrte, schwang auch ein Hauch Bedauern mit. Aber in meinem jetzigen Zustand konnte ich nicht auf mein Gehör vertrauen. Außerdem könnte sich dieses Bedauern nur darauf beziehen, dass er den ersten Schlag nicht verhindern konnte und nicht auf die ganze Situation.

"Kannst du...", ich räusperte mich und fing nochmal an. "Kannst du bitte gehen?" Und dieses Mal versuchte ich nicht, meine Stimme zu verstellen. Er konnte ruhig die ganzen Gefühle hören, denn Schmerz, den er mir zugefügt hatte. Ebenso die Wut und Trauer. Aber genauso Dankbarkeit, weil er mir gerade geholfen hat.
Und ein Blick in seine Augen sagte mir, dass er das alles verstand. Er verstand, dass ich verletzt war, dass er einen Teil dazu beigetragen hatte. Auch verstand er, dass ich im Moment nicht die Kraft hatte, mich damit auseinander zu setzen. Trotzdem konnte ich sehen, dass ich ihn mit diesen Worten verletzt hatte. Doch das wollte ich nicht. Es war nicht beabsichtigt gewesen, dass er sich mies fühlte. Ich wollte doch nur, dass er mich verstand. Mein schlechtes Gewissen ließ sich trotzdem nicht vermeiden. Wieso musste ich ihn auch so gut kennen, dass ich genau wusste, was in ihm vorging?

"Hat das Traumpaar etwa Streit?", hörte ich Damians spottende Stimme ein paar Meter entfernt. Wieso steht er noch hier?, fragte meine innere Stimme erstaunt. Keine Ahnung!, gab ich bissig zurück. Entschuldigen werde ich mich jedenfalls nicht mehr.
"Selbst wenn wir uns streiten, ich wüsste nicht, was dich das angeht." Hatten diese Worte gerade wirklich meinen Mund verlassen? Anscheinend ja. Was war nur los mit mir? Das war ich nicht. Ich schlug keine Menschen und ich war auch nicht unhöflich. Normalerweise hätten diese Worte, falls ich sie je gesagt hätte, nicht so kalt geklungen. Ich würde ihn freundlich zurückweisen, mich höflich von Kevin verabschieden und dann mit Cara zusammen zu den andern gehen. Besser zu spät als nie!, ermutigte mich meine innere Stimme, woraufhin ich ihr recht gab. Ich drehte mich um und half Cara dabei, aufzustehen. Die Arme schien völlig verwirrt zu sein. Kein Wunder, als Außenstehender musste diese Situation auch vollkommen verrückt rüberkommen.

Langsam gingen wir zurück in Richtung Club. Wir waren gerade an der Ecke angekommen, als mich ein Ruf dazu brachte, mich umzudrehen. Es war Damian, der meinen Namen geschrien hatte. Er stand neben Kevin, der mir etwas traurig hinterher sah. Hatten die beiden sich überhaupt bewegt in der Zeit, in der ich mit Cara hierher gelaufen war?
Ich warf Damian einen genervten Blick zu, der ihm sagte, dass er, wenn er mich schon zurückrief, weiter reden sollte. Und das tat er dann auch, wobei ich mir wünschte, er hätte es nicht getan. "Ich wusste, dass du nicht nur dein Leben, sondern auch deine Freunde verlierst!"

Mir machten diese Worte nichts aus, es war ja nur die Wahrheit. Was mir aber zu schaffen machte war, dass jemand hinter mir scharf die Luft einzog.

"Was meint er damit?"

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