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KAPITEL 3
Ares hatte langsam das Gefühl, dass sie sich schon Ewigkeiten im Kühlhaus befanden. Trotz den Decken und dem nahen Aneinanderliegen wurde es langsam kalt. Die Müdigkeit begann sich wie schweres Gewicht auf seine Schultern zu legen, doch schlafen wollte er trotzdem nicht. Nicht jetzt. Nicht während draußen irgendetwas herumlief, das nicht menschlich war.
Er blickte zu Dahlia hinüber.
Sie saß noch immer nahe der Tür, die Beine angezogen und den Blick ins Leere gerichtet. Seit Stunden wirkte sie angespannt, als würde ihr Kopf keine Sekunde Ruhe geben.
„Machen wir auf?", fragte Ares schließlich leise.
Dahlias Blick schoss sofort zu ihm hoch. Man sah ihr an, dass sie dieselbe Frage schon die ganze Zeit beschäftigt hatte.
„Ich glaub... es wird Zeit, oder?"
Doch selbst während sie es sagte, klang sie nicht überzeugt.
Ihr Blick wanderte automatisch zur Tür.
„Denkst du, es ist weg?", fragte Violet leise von Ares' Schulter aus.
Ares blickte kurz zu ihr hinunter.
„Ich hoffe es."
Die Antwort beruhigte niemanden wirklich.
Dahlia stand langsam auf und ging Richtung Tür. Direkt hinter ihr erhob sich Ares ebenfalls. Man merkte sofort, wie angespannt beide waren. Jeder ihrer Schritte war vorsichtig, fast lautlos.
„Ihr bleibt da und sperrt sofort wieder zu, falls etwas passiert", sagte Ares ernst.
Liliana, Violet und Dorothy nickten sofort.
Ares schaute kurz zu Dahlia und beide nickten sich wortlos zu. Sie verstanden sich mittlerweile oft ohne große Gespräche.
Langsam legte Dahlia ihre Hand auf den Schlüssel und drehte ihn zweimal um. Das metallische Geräusch hallte unangenehm durch das kleine Kühlhaus.
Ares schob Dahlia leicht hinter sich.
„Ich geh zuerst."
Dahlia wollte widersprechen, ließ es aber bleiben. Sie wusste genau, dass diskutieren gerade nichts brachte.
Ares drückte die Tür langsam auf.
Sofort fiel Sonnenlicht hinein.
Beide blinzelten überrascht.
Es war mitten am Tag.
Ares drehte sich leicht zu Dahlia.
„Es ist schon Tag."
Dahlia trat langsam näher und blickte ebenfalls hinaus. Für einen kurzen Moment fühlte es sich fast normal an.
Fast.
Doch dann bemerkte auch sie diese unnatürliche Stille.
Keine Autos.
Keine Menschen.
Keine Stimmen.
Nicht einmal Sirenen.
Wien fühlte sich plötzlich tot an.
Ares' Brauen zogen sich misstrauisch zusammen.
„Es ist niemand da... und es ist viel zu ruhig."
Dahlia schluckte schwer. Genau das machte ihr Angst. Nicht Schreie. Nicht Chaos. Sondern diese absolute Leere.
Langsam ging sie an Ares vorbei und schlich die Treppen hinunter zur Verkaufsfläche. Dabei nahm sie instinktiv ein kleines Floristenmesser vom Arbeitstisch mit, obwohl sie selbst wusste, dass es wahrscheinlich nichts bringen würde.
Ares folgte ihr direkt.
Beide blickten sich aufmerksam um.
Nichts.
Das Geschäft war verwüstet, einige Blumen lagen am Boden und Wasser zog sich quer über die Fliesen, aber sonst war dort niemand.
Als Ares bei der Kassa stehen blieb, bemerkte er Dahlia an der Eingangstür. Sie stand regungslos da und blickte nach draußen.
Ares trat vorsichtig näher und legte ihr die Hand auf die Schulter.
Dahlia zuckte sofort erschrocken zusammen.
„Ares! Erschreck mich doch nicht so."
Ihre Stimme klang angespannt.
Dahlia blickte wieder hinaus auf die Straße. Keine Menschenseele war zu sehen. Die sonst so volle Straße wirkte wie ausgestorben.
Ares schluckte.
„Das ist doch nicht normal, oder?"
Dahlia wusste nicht, ob das eine Frage oder eher eine Feststellung war, also antwortete sie nicht.
Doch plötzlich fiel ihr etwas auf.
Jedes Mal, wenn draußen etwas zu hören gewesen war... hatte die Türglocke geklingelt.
Das bedeutete...
Dieses Ding war wirklich im Geschäft gewesen.
Dahlia drehte sich hastig zu Ares um.
„Ace, wir müssen die Tür zumachen und die Fenster abdunkeln!"
Ares zögerte keine Sekunde. Sofort ging er zur Tür und sperrte sie ab, während Dahlia zu den Fenstern lief und begann die Jalousien herunterzuziehen.
„Wir sollten alles zukleben. Zur Sicherheit", sagte Ares.
Dahlia nickte sofort.
Sie lief zur Kassa und schnappte sich das Einpackpapier und Klebeband.
„Ich helfe."
Ares und Dahlia drehten sich gleichzeitig um.
Violet stand hinter ihnen.
Dahlia zog überrascht die Brauen hoch.
„Das ist echt mutig von dir, Ivy."
Violet zuckte nur leicht mit den Schultern, obwohl man ihr die Angst trotzdem ansah.
„Wenn wir schon sterben, dann wenigstens organisiert."
Ares musste tatsächlich kurz lachen und drückte ihr einige Papierrollen in die Hand.
Gemeinsam begannen sie, die Fenster zuzukleben. Niemand sprach viel. Man hörte nur das Reißen vom Klebeband und manchmal nervöses Atmen.
Innerhalb einer Stunde war das gesamte Geschäft verdunkelt.
Es fühlte sich falsch an.
Wie eine Höhle.
Oder ein Grab.
Ares blickte sich um.
„Es wird bald dunkel... und ich hab das Gefühl, dann geht alles wieder los."
Dahlia und Violet nickten nur schweigend.
„Lasst uns das Kühlhaus ausschalten und die wichtigsten Sachen mitnehmen."
„So machen wir das", sagte plötzlich Liliana, die auf der Treppe stand und alles mitgehört hatte.
Also begannen sie, alles einzusammeln, was hilfreich sein könnte. Wasserflaschen, Snacks, Decken, Taschenlampen und Batterien.
Niemand sprach aus, warum.
Aber alle wussten längst, dass sie sich auf das Schlimmste vorbereiteten.
⸻
Draußen ertönte plötzlich wieder dieses kreischende Geräusch.
Sofort erstarrten alle.
Mittlerweile war ihnen das Geräusch nicht mehr fremd, aber genau das machte es irgendwie noch schlimmer.
In Lichtgeschwindigkeit rannten alle zurück ins Kühlhaus und schlossen die Tür ab.
Diesmal waren sie vorbereitet.
Sie hatten Wasser, Essen und warme Sachen dabei.
Violet lag eingekuschelt bei Ares in einer Ecke, während Liliana und Dorothy auf der anderen Seite lagen.
Dahlia setzte sich diesmal weiter weg von der Tür.
Die Delle vom letzten Mal hatte sich tief in ihren Kopf eingebrannt.
Liliana blickte auf die Uhr, die sie aus dem Geschäft mitgenommen hatte.
„Es ist dunkel draußen, oder?"
Es klang weniger wie eine Frage und mehr wie eine resignierte Feststellung.
Ares nickte nur.
Man sah allen die Erschöpfung an. Besonders Dahlia und Ares, die mittlerweile seit über dreißig Stunden wach waren.
Mehr als vierzig Minuten vergingen und draußen hörte man immer wieder diese Schreie.
Doch nie die Glocke.
Nie Schritte im Laden.
Nie etwas direkt vor der Tür.
Ares runzelte langsam die Stirn.
„Sie können nicht rein."
Dahlia blickte sofort zu ihm hoch.
„Das bedeutet... was auch immer da draußen ist, ist nicht klug genug, die Tür zu öffnen."
Violet zog leicht die Brauen zusammen.
„Das ergibt aber keinen Sinn."
Dahlia begann nervös auf ihrer Wange herumzukauen.
„Genau das verwirrt mich."
„Wie meinst du das?", fragte Ares.
Dahlia zeigte langsam zur Delle in der Tür.
„Wenn sie nicht klug genug sind, die Tür zu öffnen... was war dann das?"
Für einen kurzen Moment sagte niemand etwas.
Ares öffnete leicht den Mund, schloss ihn dann aber wieder.
Denn sie wusste alle dasselbe:
Diese Dinge waren vielleicht dumm.
Aber definitiv stark genug, um sie umzubringen.
Die restliche Zeit verging mit Nachdenken.
Über ihre Familien.
Über das Chaos draußen.
Und darüber, ob das vielleicht doch alles nur ein Albtraum war.
„Wir sollten morgen losziehen und nachsehen", sagte Violet plötzlich.
Liliana nickte sofort.
„Ich will wissen, ob meine Familie okay ist."
„Ich will zu meiner Mama...", sagte Dorothy leise.
Ihre Stimme zitterte beim Wort „Mama".
Dahlia blickte sofort zu Ares.
Und Ares blickte bereits zurück.
Sie verstanden sich ohne Worte.
Er wollte genau dasselbe.
Raus.
Nachsehen.
Verstehen, was passiert war.
Dahlia hatte Angst davor. Aber gleichzeitig wusste sie, dass sie nicht ewig hier bleiben konnten.
Ihr Blick blieb an Ares hängen.
Es wirkte fast so, als würden beide eine komplette Unterhaltung führen, ohne ein Wort zu sagen.
Schließlich nickte Dahlia langsam.
Ares nickte zurück.
„Morgen?", fragte er ruhig.
Dahlia schloss kurz die Augen und neigte leicht den Kopf.
„Aber wir brauchen irgendetwas, womit wir kämpfen können. Ich glaube nicht, dass ein Floristenmesser viel gegen... diese Dinge bringt."
Violet nickte langsam.
„Wir verlassen unseren sicheren Ort... aber wenigstens wissen wir dann, dass wir nicht alleine sind."
Liliana nickte zustimmend.
„Wir sollten schlafen, bevor wir losziehen. Wenn morgen etwas passiert, brauchen wir Kraft."
Dahlia blickte zu Ares.
„Geh schlafen. Ich halte Wache."
Ares schüttelte sofort den Kopf.
„Wir gehen morgen gemeinsam raus. Wie willst du das schaffen, wenn du keine einzige Stunde schläfst?"
Dahlia wollte widersprechen.
Doch tief in ihrem Inneren wusste sie, dass er recht hatte.
Ares blickte schließlich in die Runde.
„Wir schlafen jetzt alle ein bisschen, okay? Es kommt sowieso niemand rein."
Violet nickte langsam.
„Er hat recht."
Nach und nach wurde es still im Raum.
Doch bevor Dahlia die Augen schloss, wanderte ihr Blick noch einmal zur Tür.
Und tief in ihrem Inneren wusste sie bereits:
Sobald sie dieses Kühlhaus morgen verließen... würde sich alles verändern.
Fortsetzung folgt.
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