19
Kapitel 19
Es waren bereits mehrere Tage vergangen, seit Kaelian sich dem Team angeschlossen hatte. Überraschenderweise hatte er sich schneller eingelebt, als Dahlia erwartet hatte. Besonders mit den anderen verstand er sich gut. Selbst Liliana, die anfangs jedem Fremden misstraute, lachte mittlerweile über seine dummen Kommentare.
Und Dahlia...
Dahlia sprach mehr mit ihm, als sie eigentlich sollte.
Meistens ging es um Waffen. Katanas. Kampftechniken. Kaelian kannte sich erstaunlich gut aus und genau das machte Gespräche mit ihm gefährlich angenehm. Zu angenehm.
Denn für einen kurzen Moment vergaß Dahlia beinahe, in welcher Welt sie lebten.
Bis der Abend kam.
Sobald die Sonne verschwand, änderte sich alles.
Die schrillen Geräusche draußen begannen erneut. Dieses hohe, unmenschliche Kreischen, das zwischen den Gebäuden widerhallte und einem das Blut in den Adern gefrieren ließ. Niemand sprach mehr laut. Jeder dort wusste längst, dass selbst ein kleines Geräusch tödlich enden konnte.
Kaelian lehnte mit verschränkten Armen an der Wand und blickte zu den verdunkelten Fenstern.
„Geht ihr eigentlich nie raus nachts?"
Ares schüttelte sofort den Kopf. Sein Blick blieb ernst.
„Nein. Sobald es dunkel wird, bleiben wir drinnen. Das Risiko ist zu groß."
Während er sprach, wanderte sein Blick automatisch zum Fenster. Genau dort draußen hallte wieder dieses widerliche Kreischen durch die Straßen.
Kaelian hob leicht eine Braue.
„Habt ihr die Dinger jemals gesehen?"
Für einen Moment wurde es still.
Dann antwortete Ares ruhig:
„Ja."
Seine Stimme klang tiefer als sonst.
„Und wir haben sogar gegen sie gekämpft."
Liliana schluckte nervös, bevor sie plötzlich sagte:
„Dahlia hat Hades sogar das Leben gerettet."
Sofort wanderten mehrere Blicke zu Hades.
Er saß etwas abseits auf einem Stuhl, den Kopf leicht gesenkt, die Zigarette locker zwischen seinen Fingern. Wie immer wirkte er emotionslos. Kalt. Fast gelangweilt.
Doch Dahlia bemerkte, wie sich sein Blick minimal hob.
Kaelian grinste langsam.
„Dahlia also."
Er ließ den Namen absichtlich langsam über seine Lippen gleiten.
Dann sah er direkt zu ihr.
„Würdest du mich auch retten?" Dahlia hob leicht eine Braue.
„Ja. Würde ich."
Die ehrliche Antwort überraschte sogar einige der anderen.
Kaelians Grinsen wurde breiter.
In diesem Moment veränderte sich etwas im Raum.
Dahlia musste nicht einmal hinschauen, um zu wissen, dass Hades sie anstarrte.
Sie spürte es.
Diese schwere, dunkle Präsenz.
Als würde sich die Luft verdichten.
„Mach dir aber nicht zu viele Hoffnungen", sagte Dahlia trocken und verschränkte die Arme vor der Brust. „Deine Schwerter sind fast so stark wie meine. Du würdest wahrscheinlich auch alleine klarkommen."
Kaelian lachte leise.
„Keine Sorge, Bunny."
Das Wort ließ Dahlia sofort innerlich zusammenzucken.
„Ich würde dich auch retten. Egal vor wem."
Für den Bruchteil einer Sekunde glitt sein Blick zu Hades.
Kurz. Fast unscheinbar.
Aber lang genug. Dahlia bemerkte es sofort.
Ebenso Hades.
Atila.
Und Violet.
Der Raum wurde still.
Nicht lautlose Ruhe.
Sondern diese unangenehme Art von Stille, bei der plötzlich jeder Atemzug zu hören war. Dahlia zog langsam eine Braue hoch.
Was weiß dieser Typ?
Ihr Blick wanderte unauffällig zu Hades.
Er saß noch immer da. Ruhig. Bewegungslos.
Aber seine Augen...
Kalt.
Viel zu kalt.
Denn Hades war keiner, der Emotionen zeigte.
Wenn sein Blick also so finster wurde, bedeutete das nur eins:
Er dachte nach.
Und das war meistens gefährlicher als jede Kreatur draußen.
Dahlia sprach das Thema nicht weiter an. Sie tauschte lediglich einen kurzen Blick mit Violet aus und beließ es dabei.
Doch innerlich arbeitete ihr Kopf längst weiter.
Hades wirkte verwirrt.
Nicht gespielt verwirrt.
Echt.
Und plötzlich verstand Dahlia.
Atila hatte ihm nichts erzählt.
Hades wusste nicht, dass Dahlia längst verstanden hatte, dass er mit ihr spielte. Dass er sie brechen wollte. Loswerden wollte.
Das erleichterte sie mehr, als es sollte.
Sie wurde aus ihren Gedanken gerissen, als sich plötzlich jemand neben ihr Bett setzte.
Ares.
Violet stand direkt hinter ihm.
Beide wirkten ernst.
Zu ernst.
Dahlia richtete sich langsam auf.
„Was ist los?"
Sofort spannte sich etwas in ihrer Brust an.
Das letzte Mal, als jemand mit „Wir müssen reden" angefangen hatte, war alles eskaliert.
Ares ließ seinen Blick kurz durch den Raum schweifen und achtete darauf, dass niemand außer ihrem engen Kreis zuhörte.
Dann sagte er leise:
„Ich hab das Gefühl, dass bald etwas passiert."
Dahlia runzelte die Stirn.
„Was meinst du?"
Ares fuhr sich angespannt durch die Haare.
„Ich weiß es nicht... heute, morgen... keine Ahnung." Seine Stimme klang ungewohnt unsicher. „Aber irgendwas stimmt nicht. Es ist zu einfach."
„Zu einfach?"
„Diese Dinger kommen jede Nacht. Und trotzdem leben wir noch." Er schüttelte langsam den Kopf. „Das ergibt keinen Sinn."
Dahlia spürte, wie sich ein unangenehmes Gefühl in ihrem Magen ausbreitete.
Weil er recht hatte.
Es war zu ruhig geworden. Zu kontrolliert.
„Da hast du leider recht", murmelte sie leise.
Unbewusst glitt ihre Hand zu einem ihrer Katanas.
Sie hatte bereits genug Probleme.
Die Kreaturen.
Die Nächte.
Die ständige Angst.
Und dann war da noch Hades.
Allein der Gedanke an ihn ließ erneut Wut in ihr hochsteigen.
Kaum dachte sie, jemand würde sie vielleicht wirklich mögen...
...stellte sich heraus, dass er nur mit ihr spielte.
Dass er sie brechen wollte.
Dahlia verdrehte innerlich die Augen.
Natürlich.
Warum sollte auch einmal etwas einfach sein?
Plötzlich bebte der Boden.
Heftig.
Das gesamte Gebäude erzitterte so stark, dass mehrere erschrocken aufsprangen.
Dahlia riss sofort die Augen auf.
Für einen kurzen Moment traf ihr Blick Hades'.
Selbst er wirkte überrascht. Nur für eine Sekunde.
Dann war seine Maske wieder da.
„Alle weg von den Fenstern", sagte Hades sofort mit scharfer Stimme.
Keiner diskutierte.
Diejenigen, deren Betten an den Fenstern standen, bewegten sich hektisch zur anderen Seite des Raumes.
„Was zur Hölle war das?" fragte Ares.
Dahlia antwortete nicht.
Sie zog bereits ihr Katana.
Noch ein Beben.
Stärker diesmal.
Gläser zersprangen irgendwo draußen und plötzlich begannen Alarmanlagen gleichzeitig loszuheulen.
Dahlia, Ares, und atila bewegten sich langsam zum Fenster.
Vorsichtig.
Leise.
Als könnte selbst Atmen sie verraten.
Kaelian fluchte leise hinter ihnen.
„Scheiße..."
Dann erstarrte Ares.
„Was... zur Hölle..."
Dahlia trat näher ans Fenster.
Und spürte augenblicklich, wie ihr gesamter Körper kalt wurde.
Das Beben kam ohne Vorwarnung.
Zuerst vibrierte nur leicht der Boden unter ihren Füßen. Dann begann das gesamte Gebäude zu zittern. Staub rieselte von der Decke, irgendwo splitterte Glas und draußen schrillten Alarmanlagen durch die dunkle Stadt.
Dahlia trat direkt ans Fenster.
Ares folgte ihr sofort, die Hand fest um seine Waffe geschlossen, während Atila taumelnd gegen die Wand stieß.
Nur Hades blieb zuerst sitzen.
Bis selbst er begriff, dass etwas daran falsch war.
Nicht normal falsch.
Etwas anderes.
Langsam stand er auf und trat neben Dahlia.
Dabei streifte sein Arm ihren ganz leicht.
Nur eine Berührung.
Aber Dahlia hasste, dass sie sie sofort bemerkte.
Warm.
Gefährlich ruhig.
Und genau in diesem Moment verstummte die gesamte Stadt.
Keine Sirenen mehr.
Keine Schreie.
Nicht einmal Wind.
Dann sahen sie es.
Etwas bewegte sich zwischen den Hochhäusern.
Groß.
Viel zu groß.
Es lief nicht wirklich.
Es schob sich durch die Straßen wie ein lebender Schatten. Seine langen, deformierten Gliedmaßen berührten den Asphalt wie Spinnenbeine. Langsam. Verzerrt.
Dort, wo seine Hände den Boden streiften, blieb schwarze, dicke Flüssigkeit zurück.
Atila wich instinktiv einen Schritt zurück.
„Was zur Hölle ist das...?"
Die Kreatur war höher als die Häuser um sie herum.
Ihr Körper wirkte halb geschmolzen, halb verwest — als hätte man mehrere Menschen ineinander gezogen und vergessen, sie wieder voneinander zu trennen.
Aus ihrem Rücken ragten lange Tentakel hervor, die sich langsam bewegten, obwohl absolut kein Wind ging.
Doch das Schlimmste war ihr Gesicht.
Oder das, was einmal eins gewesen war.
Keine Augen.
Zumindest keine echten.
Über ihren deformierten Schädel verteilt lagen kleine schwarze Löcher und missgebildete Augäpfel, die sich unabhängig voneinander bewegten. Manche öffneten sich langsam.
Andere verschwanden wieder unter der Haut.
Und dort, wo ein Mund sein sollte, hing nur ein endloser vertikaler Schlund.
Zu tief.
Zu dunkel.
Dutzende Reihen dünner Zähne bewegten sich darin wie lebendige Nadeln.
Dahlia spürte sofort, wie sich ihr Magen zusammenzog.
Die Kreatur machte kein Geräusch.
Nicht eines.
Denn plötzlich hörten sie Stimmen.
Leise.
Direkt in ihren Köpfen.
Flüstern.
Weinen.
Schreie.
Als würden hunderte Menschen gleichzeitig sprechen.
Ares presste sofort die Hand gegen sein Ohr.
„Hört ihr das auch...?"
Atila taumelte zurück.
„Nein... nein nein nein..."
Dahlia konnte nicht wegsehen.
Und als sie kurz zur Seite blickte, bemerkte sie, dass Hades ebenfalls das Wesen anstarrte.
Zum ersten Mal seit langer Zeit war seine Fassade nicht vollkommen ruhig. Sein Blick war scharf geworden.
Konzentriert.
Fast... angespannt.
Und dann geschah etwas, das Dahlia das Blut in den Adern gefrieren ließ.
Die Kreatur blieb stehen.
Langsam.
Viel zu langsam.
Hob sie ihren deformierten Kopf.
Direkt zu ihrem Fenster.
Als hätte sie sie bemerkt.
Dahlia spürte plötzlich Hades' Hand an ihrem Arm.
Fest.
Nicht panisch.
Sondern reflexartig.
Als hätte selbst er in diesem Moment verhindern wollen, dass sie näher ans Fenster trat.
Ihre Blicke trafen sich kurz.
Nur eine Sekunde.
Aber sie reichte.
Denn in seinen Augen lag etwas, das Dahlia noch nie bei ihm gesehen hatte.
Unsicherheit.
Dann verstand Dahlia plötzlich etwas.
Dieses Ding jagte nicht.
Es suchte.
———————————
Bạn đang đọc truyện trên: AzTruyen.Top