Reise nach Jerusalem
Irgendwann werde ich alles raus haben. Ich werde einen Job haben, den ich liebe. Ich werde ein eigenes Haus oder eine Wohnung haben, in der ich jeden Tag mit einem Lächeln aufwache, meine geliebten Blumen gieße (das stelle ich mir nämlich sehr entspannend vor) und mit einem Kaffee in der Hand mit meinem Hund spazieren gehen.
Die Hintergrundmusik wird Shawn Mendes sein, oder eine von diesen Lofi Hiphop-playlists auf Youtube, die 3 Stunden dauern.
Danach werde ich etwas anziehen, in dem ich mich wohl fühle und das ich nie wieder ausziehen will.
Und dann werde ich gewappnet sein. Für was auch immer auf mich zukommt.
Irgendwann ja.
Heute nicht.
Heute sieht das ein bisschen anders aus. Denn die Jules, die gerade von besseren Tagen träumt, steht gerade verzweifelt vor ihrem Spiegel. Ein Beutel MakeUp in der einen Hand und das blaue Blumenkleid in der anderen.
Ein Abend als Julia steht vor mir. Ein Abend als Julia und mit Seth Rogan an meiner Seite.
Das kann doch nur böse enden.
Betty, die sich bereit erklärt hat, mir ein paar schwierige Fragen zu stellen, um mich auf den Abend vorzubereiten, sitzt auf meinem Bett. Hilfreich wie sie ist lackiert sie sich gerade die Nägel.
Wenn man so eine beste Freundin hat, braucht man dann überhaupt Hund und Garten?
Sie gähnt laut und wedelt mit ihren Händen.
"Wieso bist du denn so müde?"
"Dein Date, Chad und die anderen waren gestern bei uns und haben Party gemacht. Da überwindet man die REM-Phase nur sehr schwer."
Arme Betty. Die übernehmen ja bald ihr Haus.
"Wieso bist du eigentlich nicht mitgegangen deinen Vater besuchen?"
Betty hat eine komplizierte Familiengeschichte. Komplizierter als meine Situation.
"Ich glaube ich brauche noch ein bisschen Zeit."
"Also ist Joe alleine gegangen?"
"Männer verzeihen sich wohl schneller."
Endlich steht sie auf und stellt sich hinter mich.
"Mir ist egal was du sagst, ich mag das Kleid."
Und schon fragt sie mich ab. Und ich antworte brav.
Oder besser gesagt Julia.
Währenddessen ziehe ich mich an, schminke mich und mache meine Haare. Meine Mutter schaut dazwischen nach, wie es mir geht. Sie ist fast nervöser als ich.
Irgendwann verabschiedet sie sich, weil sie ein Date mit Nick hat. Doch davor hält sie mir noch eine Predigt.
Immer lächeln...blablabla...aufrecht gehen...bla...und dann habe ich nicht mehr zugehört.
Als dann auch irgendeinmal Betty weg ist und ich höre, wie ein Auto die Straße runter fährt, denke ich wieder an meinen Garten, meinen Hund und meinen Traumjob.
Jeder fängt klein an. Ich fange eben mit einem Fake-Date mit Seth-Rogan an. In einem Blumenkleid.
Wie geht das Sprichwort mit 'shoot for the stars'?
Egal, keine Zeit zum nachdenken, denn Mister Badboy steht schon vor meinem Haus.
"Wenn du ein Kommentar über mein Blumenkleid machst, bist du tot.", begrüße ich ihn und steige in sein Auto.
"Dir auch einen schönen Abend, Juliette. Ich komme sehr gerne mit, gar kein Problem."
Und schon sitzen wir im Auto. Mal schauen ob ich das überhaupt überlebe.
-
"Wo hast du eigentlich deine Brille?", fragt er mich, als wir aus dem Auto steigen.
"Wo hast du eigentlich deinen Führerschein gemacht? Die haben dir das alles ein bisschen falsch beigebracht."
"Wenn ich dir helfen soll, solltest du nett zu mir sein."
"Ich bin schon gespannt, was ich dir dann schulde."
Seth Rogan ist nicht selbstlos. Und mir wird übel wenn ich daran denke, was er dafür haben will.
"Mir fallt schon noch etwas ein."
Plötzlich erinnere ich mich, wo ich eigentlich gerade bin.
"Also: das ist das Frühlingsfest von einer interior-design Firma. Und ich muss heute besser sein als zwei andere Bewerber. Und dazu musst du deinen Charme spielen lassen. Du weißt schon, den den du meine Mutter immer vorheuchelst."
Seth verdreht seine Augen.
Wie er heute ausschaut muss er nicht einmal seinen Mund aufmachen und alle sind begeistert. Denn Seth Rogan sieht in einem Anzug wirklich verdammt gut aus.
Verwuschelte Haare, schiefes Lächeln, muskulöse Arme, die das Hemd spannen. Jedes Klischee eines Frauenheldes ist vertreten. Jetzt bin ich die, die die Augen verdreht.
"Wer heuchelt da jemanden was vor? Du bist doch die mit der bipolaren Persönlichkeit-störung."
Wir kommen dem Eingang näher und ich werde noch nervöser. Von weiten sieht man schon lachende, gut angezogene Menschen mit Getränken in ihren Händen.
Wenigstens gibt es gratis Alkohol.
"Außerdem schuldest du mir schon generell etwas. Du hast deiner Cousine meine Nummer gegeben! Die gib ich niemanden."
"Wie kommunizierst du dann mit dem Mädel der Woche?"
"Snapchat, Instagram. Ich gebe denen doch nicht meine Nummer."
"Jetzt fällts mir erst auf! Woher hast du eigentlich meine Nummer?", frage ich ihn.
Und schon sind wir im Gebäude.
Bitte, bitte, das soll gut gehen!
"Ehm, Joe?"
Eine Frau hält uns eine Tüte und ein Glas Prosecco hin.
"Guten Abend! Sind sie auf der Gästeliste?"
"Guten Abend, Julia Oswald mit Begleitung.", sage ich und übe schon mein Lächeln.
Sie nickt uns zu und schon sind wir in der Menge. Viele Menschen, viele schöne Menschen.
Plötzlich streikt meine Lunge, irgendwie will sie keine Luft mehr aufnehmen.
Was hab ich dir schon wieder angetan? Ich rauche nicht, mache so einmal die Woche Sport!
"Wo ist deine Fast-Chefin?", fragt mich meine Begleitung. Aja, der ist ja auch noch hier.
"Die dort in dem Overall."
Seth steuert in ihre Richtung und ich gehe ihm wie ein Roboter nach.
So Jules, jetzt reiß dich zusammen. Julia, wo ist Julia? Ich brauche dich!
"Schönen guten Abend, schön sie kennenzulernen!"
Und schon sehe ich den Blick, den ich erhofft habe. Sie schaut begeistert aus.
"Mary, schön sie kennenzulernen."
"Seth Rogan, Julias Begleitung", sagt er und lächelt.
Verdammt, sein Lächeln. Er weiß genau was er tut. Als ob er nie etwas anderes getan hat.
Und schon spielen wir Reise durch Jerusalem mit meinen Mitstreiterinnen. Ich habe dieses Spiel schon als Kind gehasst.
Und eine Stunde später, als Seth gerade mit einem der Designer über seinen Hund redet und ich mich kurz traue, den ganzen Trubel zu verlassen und mich ein bisschen umzuschauen, bin ich plötzlich positiv gestimmt. Mit der Hilfe von Seth könnte ich diesen Job wirklich bekommen. Meine Mutter wäre so stolz.
"Na Julietta, schon fertig vom ganzen Reden?", fragt er mich, als ich zurück komme von meinem kleinen Ausflug.
"Du musst fertig sein. Sieht bei dir fast aus wie professioneller Sport!"
Er lacht nur und schaut mich an. Diese Augen und dieses Lächeln - im ernst?
"Danke Seth, wirklich."
Und in diesem Moment meine ich das vollkommen erst. Egal was ich ihm jetzt schulde, ich bin ihm wirklich dankbar. Denn das war alles andere als selbstverständlich und ich hätte das nie von ihm erwartet.
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