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* * *

Prinzessin

Diesen Spitznamen ist Jungkook nicht mehr losgeworden.

Auch ansonsten hat sich nicht mehr viel an ihrem Verhältnis zueinander geändert.
Sie treffen sich immer nur in diesem schmutzigen Club, nachdem Yoongi seine Kontrahenten mit heißverzweifelten Worten in die Hölle geschickt hat. Sie verabreden sich nie miteinander. Jungkook hat nicht einmal seine Handynummer.

Jungkook beobachtet Yoongi atemlos bei seinen Auftritten und auch ein bisschen bewundernd und wenn es einen Fanclub gegeben hätte, dann wäre er wohl zu ihrem Anführer geworden. Aber anstatt Shirts zu drucken und Fangesänge anzustimmen, lungert Jungkook an der Bar herum, trinkt Vodka wie Wasser, verdünnt ihn mit ein bisschen Schnee und kümmert sich darum, seinen restlichen Stoff loszuwerden, bevor er so vollkommen dicht ist, dass er nicht mal mehr die Geldscheine richtig zählen kann.

Manchmal knutscht er auch ein bisschen mit anderen, nur so, um sich die Zeit zu vertreiben, bis Yoongi Zeit für ihn hat, ihn einsammelt und mit nach Hause nimmt. Es ist der Höhepunkt seiner Abende.

Wenn Jungkook zu dicht ist, dann lässt Yoongi die Finger von ihm. Dann streicht er ihm nur die verklebten Haarsträhnen aus der Stirn, hilft ihm dabei die verschwitzen Klamotten loszuwerden und zieht ihn mit sich unter die dünne Bettdecke. Er hält ihn immer ganz fest im Arm dabei. Nie zu fest, nur eben so, dass es gerade richtig ist.

Du musst besser auf dich aufpassen, Prinzessin
flüstert er manchmal, wenn er sich relativ sicher ist, dass sich Jungkook so weit aus dem Leben geschossen hat, dass er für nichts mehr aufnahmefähig ist. Aber manchmal hört er es eben doch, auch wenn das nicht beabsichtigt ist. Mit den Jahren hat er eine erstaunliche Toleranz gegenüber Vodka und Koks entwickelt. Das Wort Sucht nimmt er nie in den Mund. Genauso wenig wie Abhängigkeit. Was ist das schon? In seiner Welt kann man sich die beiden Begriffe doch sowieso nicht leisten.

Wenn sie abends nicht miteinander geschlafen haben, dann holen sie das meistens am Morgen nach. Oder eben am Vormittag oder Mittag, je nachdem wann sie aufwachen. Yoongi hat scheinbar keine weiteren Verpflichtungen, zumindest hat er Jungkook noch nie weggeschickt, weil er an die Arbeit muss oder so. Stattdessen macht er ihm einen Kaffee und wenn er was zum Essen da hat, dann frühstücken sie auch zusammen.

Meistens geht das schweigend vor sich. Zwischen den zerwühlten Bettlacken haben sich im Tageslicht alle Worte schon verloren. Danach rauchen sie eine Zigarette miteinander, auf dem kleinen Vorsprung auf der Feuerleiter. Yoongi überlässt Jungkook immer die bordeauxrote Decke und die Box, in der sie verstaut wird. Er steht rauchend daneben, trägt seine schwere Lederjacke, die eigentlich zu dünn ist für die eisigen Temperaturen und irgendwie nie so richtig zu passen scheint.

Yoongi ist ein guter Gastgeber. Er fickt gut und fragt nichts.
Er sagt auch nichts dazu, wenn Jungkook die Mischung aus Alkohol und Drogen vom Vorabend und dem Kaffee und der Zigarette zum Frühstück nicht verträgt und deswegen rasch ins Badezimmer verschwinden muss, um sich zu übergeben. Er sagt nichts, kümmert sich nur. Streicht ihm mit einem kühlen Waschlappen die Schweißperlen von der Stirn und gibt ihm eine Tasse stilles Wasser, um den ätzenden Geschmack im Mund loszuwerden.

Mittlerweile steht da auch eine zweite Zahnbürste in Yoongis Bad. Und wieder berühren sich ihre Schultern miteinander, während sie sich gemeinsam in das viel zu kleine Zimmer quetschen, um sich gleichzeitig ihre Zähne zu putzen.

Wasted Youth
Youth is never coming back
Die Worte verhöhnen ihn. Jungkook hat es immer noch nicht verstanden.

Yoongi wirft ihn nie raus. Deswegen geht der Jüngere irgendwann von sich aus. Meistens, weil er noch mit einem Kunden verabredet ist, dem er Stoff verkauft. Oder weil er sich mit seinem Boss trifft, der die Einnahmen aus der letzten Woche mit Jungkook besprechen muss oder ihm Nachschub bringt.
Es ist vielleicht nicht der beste Job. Aber immerhin hat Jungkook eine Arbeit oder zumindest etwas, dass ihm so viel Geld einbringt, dass er davon sein Essen und seine Klamotten bezahlen kann.

Heute ist Jungkook länger geblieben als sonst.
Sie liegen nackt nebeneinander im Bett, die leeren Kaffeetassen stehen noch benutzt auf dem Boden neben ihnen. Sie schweigen, so wie immer, aber ihre Körper berühren sich.
Jungkook liegt mit dem Rücken zu Yoongi. Dessen Arm ist um ihn gelegt und er spürt das gleichmäßige Atmen an seiner freigelegten Schulter. Er hat keine Termine heute. Er könnte den ganzen Tag hierbleiben und abends könnten sie zusammen in den Club gehen, falls Yoongi wieder einen Auftritt hat.

Woran denkst du gerade, Prinzessin?
fragt ihn Yoongi, während er selbst gedankenverloren über seinen Rücken streichelt. Er hält ihn wieder fest, wieder genau so, dass es sich genau richtig anfühlt.

Über sowas sprechen wir doch nicht
antwortet Jungkook ohne zu Zögern und es tut ihm im gleichen Augenblick leid, dass er dabei so abweisend wirkt. Eigentlich möchte er das nicht. Diese Distanz zwischen ihnen. Aber er hat immer nur gelernt Mauern zu errichten und nie, diese auch wieder einzureißen. Sowas ist nämlich gar nicht so leicht. Und wenn es um Mauern in deinem Kopf geht, dann kannst du sie nicht mit einer Abrisskugel zum Einsturz bringen. Je mehr Gewalt du aufwendest, desto härter werden sie, verdichten sich, bis sie unbezwingbar werden. Abrissbirnen in deinem Kopf richten nur an anderen Stellen Schaden an, an denen, die nicht so gut geschützt und deswegen noch verletzbar sind. Deswegen bekämpft man die Mauern in einem Kopf niemals bloß mit roher Gewalt.

Und zum Glück weiß Yoongi das. Wahrscheinlich weiß er mehr von den Mauern in Jungkooks Kopf als dieser selbst.

Wir könnten es aber mal ausprobieren
schlägt er deswegen beiläufig vor. Die Worte aus seinem Mund klingen unbedeutend, beinah schon lapidar. Trotzdem spricht er sie ganz behutsam aus, hält Jungkook noch ein bisschen fester bei sich und gibt ihm einen Kuss auf die Haare.

Und Jungkook ergibt sich ihm, ob er will oder nicht. Wahrscheinlich will er schon, aber sich das einzugestehen ist manchmal noch schwerer als auf das Koks zu verzichten.

Ich denke daran, dass ich alles über diese Wohnung weiß
sagt er und dreht sich danach umständlich in Yoongis Armen herum, bis er ihm in die Augen sehen kann. Er versucht, die Scham aus seinem Blick zu verbannen. Er hat mittlerweile so viele schmutzige und unanständige Wörter zu Yoongi gesagt, dass er sie nicht einmal mehr zählen kann. Aber trotzdem fühlt sich das hier viel intimer an als jedes sexuelle Geständnis.
Aber trotzdem nichts über den Mann weiß, der in ihr wohnt.

Ich weiß auch nichts über dich
antwortet Yoongi und der Ausdruck in seinen Augen ist plötzlich ganz weich. Wenn Jungkook das Gefühl kennen würde, dann könnte er den Blick bestimmt richtig deuten.
Aber in seiner Welt gibt es keine Romantik, da gibt es doch nicht einmal Hoffnung und deswegen ganz bestimmt auch keine Liebe.

Wollen wir das ändern?
fragt er Jungkook und klingt aufrichtig dabei. Aufrichtigkeit kennt Jungkook bisher nur vom Dealen. Du bist aufrichtig, wenn du deinen Boss nicht um seinen Gewinn bescheißt. Du bist aufrichtig, wenn du das gute Zeug vertickst und nicht nur den gestreckten Scheiß. Du bist aufrichtig, wenn du die harten Drogen nicht schon an Kinder verkaufst.
Ist das hier also ein Geschäft?
Kennenlernen gegen... was? Gegen welchen Preis?

Was willst du dafür?
antwortet Jungkook und ignoriert dabei den Umstand, dass seine Antwort eigentlich eine Gegenfrage ist.

Dich?
entgegnet Yoongi und wirkt irritiert. Er setzt Jungkooks Frage nicht in den richtigen Kontext. Natürlich nicht. Er weiß ja nichts über ihn.

Aber Jungkook weiß, dass ihm sein Gegenüber gerade ein schlechtes Geschäft vorgeschlagen hat. Informationen im Austausch für ihn selbst? Der Preis ist ihm zu hoch.

Nein
antwortet er deswegen.
Das kann ich nicht machen.
und wieder ignoriert er dabei den Umstand, dass er bei diesem Geschäft doch gar nicht hätte verlieren können. Und der Gewinn wäre größer gewesen als alles, was er bisher kennt.

* * *

In den kommenden Wochen ist Yoongi plötzlich abweisend ihm gegenüber.

Manchmal sehen sie sich noch im Club, aber er nimmt Jungkook nicht mehr mit nach Hause.

Stattdessen treibt sich jetzt oft ein orangehaariger Junge an seiner Seite herum. Wenn er lächelt, dann geht die Sonne auf. Er ist so schön, dass es beinah wehtut, ihn auch nur anzusehen.

Scheiß Groupie
murmelt Jungkook in sich hinein, während er an seinem Vodka Soda nippt. Auf der Toilette eben hat er zwei Lines nacheinander gezogen, um das Stechen in seinem Herzen zu einem angenehmen Ziepen abzuflauen. Die Welt um ihn herum explodiert jetzt wieder in hellen Lichtern und seine Sinne sind weich in Watte verpackt.

Das Grinsen verlässt seine Lippen nicht. Nicht mal dann, als sich der Orangehaarige zu Yoongi hinab beugt, um ihn einen Kuss auf die Lippen zu hauchen. Seine Lippen erinnern von der Form her an Kirschblüten. Mit dem Aussehen sollte er ein Model sein. Oder ein Idol, wenn er singen kann. Zumindest tanzen kann er, so wie er seinen dreckigen Körper um den von Yoongi schlingt und sich an ihm reibt, als würde er Geld dafür bekommen. Vielleicht hofft er darauf, dass Yoongi ihn erfolgreich vermarkten kann. Dass sie ein Duo gründen und dann gemeinsam die Charts erobern. AgustD und sein Flittchen, ein passender Name für die Beiden.

Jungkook schnaubt.
Lächerlich. Yoongi kann doch nicht mal sich selbst vermarkten und tritt immer noch hier auf, obwohl er viel zu gut für diesen Scheißladen in der dreckigsten Gegend von Daegu ist.

Aber das Koks verhindert zu viele von diesen dunkelschweren Gedankengängen. Stattdessen sendet es Adrenalin, Serotonin und Dopamin durch deine Blutbahnen. Lässt dich nicht mehr fühlen, was du eigentlich fühlen solltest, dass was gut für dich wäre, auch wenn es sich nicht danach anfühlt. Ehrliche Gefühle sind immer besser als die, die dir ausgezwungen werden. Vor allen Dingen dann, wenn dein Peiniger die Drogen sind.

Doch Jungkook ist weit weg von ehrlichen Gefühlen, das ist er schon sehr lange. Deswegen wendet er den Blick einfach ab, von den Kirschblütenlippen auf dem Mund von Yoongi und von dem Stich in seinem Herzen, und guckt stattdessen das Mädchen neben sich an. Er hebt auffordernd eine Augenbraue und pustet ihr seinen Zigarettenqualm auffordernd ins Gesicht.

Diesmal braucht es nicht einmal Worte. Sie versteht auch so. Sie lehnt sich zu ihm herüber und küsst ihn.

* * *

Jungkook weiß nicht mehr, wie er hierhergekommen ist.
Aber plötzlich steht er wieder in der Wohnung, die er so gut kennt und die sich viel mehr nach einem Zuhause anfühlt als das Innere von einem Club.

Der orangehaarige Fuckboy ist nicht mehr zu sehen. Stattdessen steht Yoongi vor ihm und funkelt ihm mit einem wutentbrannten Glitzern in den Augen entgegen.

Was denkst du dir eigentlich dabei
wirft er ihm bellend an den Kopf. Er läuft dabei im Zimmer auf und ab. Er sieht wieder viel mehr nach einem Raubtier aus als nach einem Menschen. Wenn er nicht aufpasst, dann sind seine Zähne beinah gefletscht, deswegen presst er seine Lippen fest aufeinander, bis nur noch ein schmaler, weißer Streifen davon zu sehen ist.

Jungkook ist so fasziniert von diesem Lippenspektakel, dass er nicht mal daran denkt zu antworten. Das Koks in seiner Blutbahn macht es ihm ohnehin unmöglich einen klaren Gedanken zu fassen. Zusammenhangslos fällt ihm ein, dass er heute wieder die schwarzen Spitzenstrümpfe für Yoongi trägt und für einen irrwitzigen Augenblick überlegt er tatsächlich, ob er die Jeans darüber einfach ausziehen soll, damit Yoongi sie sehen kann.

Ein kräftiges Schubsen an seinen Schultern wirft ihn gegen die Wand und presst ihm mit einem Mal alle Luft aus seinen Lungen.

Bist du so vollgedröhnt, dass du mir nicht mal mehr antworten kannst, oder was?
blafft ihn Yoongi weiter an und schubst ihn noch einmal. Er ist jetzt richtig aggressiv. Seine Worte sind laut, beinah geschrien und seine Stimmlage ist hoch, ganz anders als gewöhnlich, irgendwie hysterisch.

Aber Jungkook kann sich auf diese Kleinigkeiten nicht konzentrieren, denn sein Hinterkopf kracht an die Wand und für einen kurzen Moment wird ihm schwarz vor Augen. Dann obsiegt die Wut über die Vernunft, denn sowas muss er sich ja nun wirklich nicht gefallen lassen. Wer hat ihn denn seit Wochen ignoriert, mh?

Du hast kein Recht über mich zu urteilen
erklärt Jungkook sachlich. Oder zumindest wäre es sachlich gewesen, wenn das Koks nicht seine Zunge so schwer machen würde, dass er die Worte nur verwaschen über die Lippen bringen kann.

Du hast dich doch die ganze Zeit nur einen Scheiß für mich interessiert
wirft er ihm vor und will ihn gerne zurückschubsen. Doch auch seine Gliedmaßen verweigern ihren Dienst, sodass er Yoongi am Ende nicht von sich wegstößt, sondern sich viel mehr verzweifelt an ihm festklammert. Sein Körper tut das, zu dem seine Worte nicht in der Lage sind. Er versucht die Distanz zwischen ihm und dem Mann mit dem mintfarbenen Haar abzubauen und nicht noch zu vergrößern. Sie ist doch schon groß genug. Und Jungkook braucht Nähe, so unbedingt. Entfernung hatte er doch schon sein ganzes Leben lang.

Du hast mich gefickt und als ein Besserer vor deiner Haustür stand, da hast du ihn halt gefickt und mich dafür vergessen. Woran liegt das, mh? Kann er besser Schwänze lutschen als ich? Steht er darauf, wenn du ihn Hure nennst? Du hast mich so verletzt, Hyung. Du bist ein Wichser
Es ist das erste Mal, dass Jungkook ihn Hyung nennt und die Situation dafür könnte eigentlich nicht unpassender sein. Aber es sind rohe Worte, unüberlegt ausgesprochen und direkt von seinem Herzen kommend. Er macht sich angreifbar damit.

Und Yoongi nutzt die Chance und holt aus.
Stößt ihn nicht nur von sich, sondern holt wortwörtlich aus und trifft Jungkook mitten ins Gesicht. Vor Schreck stolpert er ein paar Schritte zurück. Hält sich die Wange und der Schmerz darin explodiert in seinem Kopf wie Dynamit. Bunte Flecken tanzen vor seinen geöffneten Augen und er kann es einfach nicht glauben, dass ihn Yoongi tatsächlich geschlagen hat.

Er wagt es nicht mehr sich zu bewegen. Er steht jetzt nur noch stumm im Raum und beobachtet Yoongi weiter, wie dieser wie ein unruhiges Tier durch den Raum taumelt.

Er greift nach einem Küchenstuhl. Nach dem, auf dem Jungkook manchmal Platz genommen hat, wenn sie nicht nur zusammen einen Kaffee getrunken, sondern auch tatsächlich gemeinsam gefrühstückt haben.
Yoongi greift nach dem Stuhl, als wäre es der letzte Anker in seinem Leben. Dann holt er noch einmal aus und schmeißt ihn mit voller Wucht gegen die Wand.

Das alte Holz splittert aufgrund des kräftigen Aufschlags.
Inhale
Exhale
Breath
steht an der Wand darunter und als Yoongi kraftlos zu Boden sinkt, hektisch atmet, so als würde er gar keine Luft mehr bekommen, ist Jungkook plötzlich klar, womit er hier konfrontiert wird.

Das vor ihm ist nicht mehr der Mann mit den Augen, die selbst in einer toten Gegend noch lebendig leuchten können. Das hier ist eine Panikattacke. Und plötzlich weiß er, was die Worte an der Wand bedeuten.

Er kniet sich neben Yoongi und zieht ihn vorsichtig in seine Arme. Er hat jetzt keine Angst mehr vor einem weiteren Schlag. Das Koks in seiner Blutbahn hat den Schmerz ohnehin schon lang vergessen gemacht. Er hält seinen Angreifer jetzt fest im Arm, aber nicht zu fest, eben nur so, dass es gerade richtig ist.

Du musst atmen, Yoongi
flüstert er in sein Ohr und atmet mit ihm gemeinsam. Er hat sowas noch nie zuvor gemacht, vielleicht mal in einem Film gesehen oder so. Aber zum Glück kommen die Handlungen von ganz allein und ohne, dass er darüber nachdenken muss.
Mit mir gemeinsam, okay?
sagt er.
Einatmen... eins... zwei... ausatmen...
Wir schaffen das, Yoongi.
Einatmen... eins... zwei... ausatmen...
Es ist gleich vorbei.
Noch einmal..
Eins.. Zwei.. Ein.. und wieder ausatmen...

Es wirkt tatsächlich und wie durch ein Wunder beruhigt sich Yoongi langsam. Als er zu ihm aufblickt, streichen seine Finger zärtlich über Jungkooks angeschwollene Wange.

Das müssen wir kühlen, damit es nicht schlimmer wird
erklärt er und seine Stimme hat wieder ihren gewohnten Ton angenommen. Tief und beruhigend, selbstsicher und tröstend.

Hast du denn was da?
erkundigt sich Jungkook und ist über das verneinende Kopfschütteln nicht verwundert. Deswegen nehmen sie einen Waschlappen und fluten ihn mit kalten Wasser, den sie dann nach draußen legen. Bei den eisigen Temperaturen wird er sicher schnell gefrieren. Es ist das Beste, was sie aus ihrer jetzigen Situation machen können.

Zumindest fast, aber eben noch nicht ganz, denn es braucht mehr als einen gefrorenen Waschlappen, um den Schlag wieder reinzuwaschen, der nicht nur Jungkooks Wange getroffen hat.

Ich wollte das nicht
sagt Yoongi, während sie gemeinsam auf dem Vorsprung der Feuerleiter stehen und sich eine Zigarette teilen.

Nicht den Schlag und... auch nicht das mit Jimin.

Er meint natürlich den bildschönen Jungen, das pittoresk-anmutige Gemälde, welches ihn die letzten Abende im Club begleitet hat.

Aber für dich...
Yoongi stockt und seine Augen nehmen einen entschuldigenden Ausdruck an. Manche Worte sind so schwer auszusprechen, sie wollen einfach bleischwer auf deiner Zunge liegen bleiben. Dann braucht es deine ganze Kraft, um sie von deinen Lippen runterzuheben und sie in die Welt zu entlassen. Aber auch wenn es schwer ist, ist es notwendig. Manchmal ist es genau deswegen notwendig.

Für dich...
setzt Yoongi erneut an und hebt nun auch die Schultern in einer verzweifelten Geste.
Für dich stand immer das Koks an der ersten Stelle. Du bist nie mitgekommen, ohne dass du vorher was genommen hast. Und morgens bist du wegen dem Koks wieder gegangen.
Ich wollte... Ich wollte jemanden, für den ich an erster Stelle stehe. Und der morgens nicht wieder geht.

Du hättest was sagen können
entgegnet Jungkook augenblicklich. Es ist eine Anschuldigung, aber auch eine Entschuldigung, vielleicht sogar eine Erklärung für sein Verhalten, er weiß es nicht. Aber es ist das einzige, was er in diesem Moment dazu sagen kann.

Du hast auch nie etwas gesagt
lächelt Yoongi traurig.
Immer nur, dass wir über solche Dinge nicht reden können

* * *

In manchen Geschichten gibt es einfach kein Happy End.
Zumindest nicht von jetzt auf gleich.

Deswegen dauert es noch Monate, bis aus Jungkook endlich nicht mehr J wie Junkie, sondern nur noch das P wie Prinzessin wird.

Den Entzug musste er teuer bezahlen. Gezwungenermaßen musste er mit dem Dealen aufhören. Denn du kannst echt nicht von dem Zeug runterkommen, wenn du es die ganze Zeit noch in der Hand hast. Das ist einfach zu schwer. Aber aussteigen, das ist auch verdammt schwer und sein Boss war nicht sonderlich begeistert von seinem geplanten Austritt aus der zwielichtigen Drogenindustrie.

Das hat er ihn deutlich spüren lassen. Nicht nur mit der flachen Hand, sondern auch mit beiden Fäusten und ein paar schweren Tritten in seinen Magen und gegen den Kopf.

Danach hat nicht mal mehr der gefrorene Waschlappen auf Yoongis Feuerleiter helfen können. Stattdessen mussten sie in ein Krankenhaus. Das ist in Daegu gar nicht so einfach, wenn du nicht mal einen Ausweis besitzt und auch kein Geld bei dir trägst, um die Behandlung zu bezahlen. Denn solche Dinge müssen in dieser Gegend natürlich als Erstes geklärt werden. Noch bevor man sich den Zustand des zukünftigen Patienten überhaupt ansieht.

Aber im Endeffekt konnten sie den schwerverletzten Jungen nicht einfach in ihrem Flur sterben lassen. Und Yoongi hätte ihn niemals einfach so aufgegeben. Also hat er gekämpft, wie das wilde Raubtier, zu dem er eben in manchen Situationen wird, und die Schwestern und Ärzte angefaucht, dass ganz Daegu, nein, besser noch ganz Korea oder diese ganze beschissene Welt davon erfahren wird, wenn sie nicht endlich ihrem verdammten Job nachkommen werden.

Drei Nächte später sind sie geflohen. Jungkooks Zustand war noch nicht ganz stabil, aber zumindest war er außer Lebensgefahr und wenn sie diese Chance nicht nutzten, dann würden sie vielleicht keine weitere mehr bekommen.
Sie fliehen also aus dem Krankenhaus und auch aus Yoongis kleiner Wohnung, die mittlerweile von Jungkooks ehemaligen Boss in Schutt und Asche gelegt wurde. Keine Gnade für jene, die den Verrätern und Aussteigern helfen.

Sie haben beide teuer bezahlen müssen.
Yoongi vielleicht sogar noch etwas mehr, weil er für das ganze Chaos doch eigentlich gar nichts konnte. Er hatte keinen Anteil daran, hat sich selbst nichts zu Schulden kommen lassen, immer nur seine Musik gemacht und versucht damit über die Runden zu kommen. Zwar schlecht als Recht, aber immerhin hat es für die Wohnung gereicht und das Bett darin und die sieben Schritte bis zur Küche.

Er hat sich nichts zu Schulden kommen lassen, außer vielleicht der Tatsache, dass er sich in Jeon Jungkook verliebt hat. So unsterblich, dass er ihn nie wieder loslassen konnte, sondern ihn immer nur festhalten wollte. Eben genau so viel, wie es richtig für ihn war.

Deswegen sind Yoongi und Jungkook gemeinsam gegangen.
Weg aus dem dreckigen Daegu an den einzigen Ort, an dem für Straßenkatzen wie sie immer ein Platz zu finden ist. An einen Ort, an dem Yoongi mit seiner Musik in schäbigen Undergroundclubs vielleicht sogar noch ein bisschen mehr Geld verdienen kann als in ihrer Heimatstadt. Sie gingen nach Seoul.
Das Gesicht noch blau geschwollen von den Tritten, aber immerhin Hand in Hand und das ist wohl mehr, als die meisten von sich behaupten können.

Und vielleicht war es tatsächlich ein Wunder, dass Yoongi tatsächlich kurze Zeit später von einer großen Musikindustrie entdeckt wurde. Ein Wunder, dass aus einer Wunde heraus geboren wurde.

Es gibt sie also doch noch - die happy ends.

Manchmal müssen wir nur leider verdammt lange auf sie warten.

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