25
Gedämpft fiel das Licht durchs Fenster und erfüllte den Raum mit einer müden Stimmung. Ich blinzelte, um mich daran zu gewöhnen und suchte mit den Augen nach meiner Topfpflanze und meinem Schreibtisch, die ich vom Bett aus eigentlich sehen müsste. Stattdessen starrte ich auf einen niedrigen Tisch und zwei Sitzpolster.
Im ersten Moment begann mein Puls zu rasen, weil ich nicht begriff, wo ich gerade aufgewacht war. Ich setzte mich auf und zog die Knie an die Brust, ehe ich tief durchatmete, als sich meine Erinnerungen zusammenfügten. Enem. Mico und Merula. Portale. Zauber.
Jetzt war von der Vollkommenen nichts mehr zu sehen. Ihre Bettdecke war ordentlich zusammengefaltet und deutete nicht darauf hin, dass sie letzte Nacht in diesem Zimmer geschlafen hatte. Ich rappelte mich auf, zog mir frische Kleidung an und versuchte, meine zerzausten Haare in Ordnung zu bringen. Blöderweise hatte ich vergessen, eine Haarbürste einzupacken. Noch während ich mit meinen Fingern ein paar kleine Knoten entwirrte, ging die Tür auf.
„Hey. Ich hab vermutet, dass du munter bist", meinte Merula und streckte den Kopf herein. Heute war ihr Lidstrich feiner und mit ein paar kleinen Punkten verziert.
„Guten Morgen", erwiderte ich. „Woher hast du das gewusst?"
„Deine Energie ist stärker geworden – das war, als hätte jemand eine Lampe angeknipst."
Auch wenn Merula diese Worte nur beiläufig sagte, öffneten sie eine Schleuse in meinem Körper, durch die eine unangenehme Kälte hereinströmte. Konnten Vollkommene all meine Handlungen an meiner Energie ablesen? Merula hatte sofort gewusst, dass ich eine Instinktjägerin war. Sie spürte, wenn ich nervös wurde. Vielleicht erahnte sie auch, dass ich hier war, um einem Menschen zu helfen. Obwohl ich Merula mochte, waren mir Vollkommene nicht ganz geheuer.
„Okay. Wie spät ist es denn?", fragte ich, um zurück in die Gegenwart zu finden. Falls sie wirklich meine Gedanken lesen konnte, war es besser, nicht zu viel zu grübeln.
„Acht Uhr morgens." Sie blieb abwartend in der Tür stehen und musterte mich. Zögerlich nickte ich und wusste nicht so ganz, wohin mit mir. „Ich weiß, ich hab dir versprochen, dass wir uns heute um deinen Heilzauber kümmern. Allerdings geht es Mico nicht so gut. Ich werde mit ihm und mit meiner Mutter Enem verlassen."
Mein Magen füllte sich mit einem säuerlichen Gefühl, doch ich versuchte, es zu ignorieren und nickte noch einmal. Ruhig. Merula würde also verschwinden, so kurz, nachdem ich ihr begegnet war.
„Du kannst gerne so lange hierbleiben. Wenn alles nach Plan läuft, kommen wir in zwei Tagen wieder."
„Und was ist der Plan? Wohin geht ihr?" Die Fragen rutschten mir heraus, bevor ich sagen konnte, ob ich zu direkt war.
„Wir brauchen etwas Abwechslung. Frische Energie sozusagen." Merula legte den Kopf schief und lächelte erschöpft. „Möchtest du schon etwas frühstücken? Ich hab gerade mit Caelum gesprochen – er kann dich heute zu Umria mitnehmen, damit dir nicht langweilig wird und du etwas mehr von Enem siehst. Vielleicht kann er dir inzwischen auch helfen, zu finden, was du brauchst. Allerdings muss er in einer halben Stunde los."
Wenn ich ehrlich war, hätte ich mich am liebsten in diesen vier Wänden eingesperrt, bis Merula und Mico wieder zurück waren. Aber konnte ich so lange warten? Die Säure in meinem Bauch schien sich durch meine Gedärme zu fressen. Ich sollte so schnell ich konnte zu Connor zurückkehren.
„Okay", hörte ich mich sagen.
Ich folgte Merula in die Küche, aß in Rekordzeit etwas Haferbrei mit Beeren, den sie schon vorbereitet hatte, putzte mir die Zähne und wartete dann im Wohnzimmer auf Caelum. Merula packte ihre Sachen und ihre Mutter war mit Mico in seinem Zimmer. Ich saß allein auf einem kleinen braunen Sofa, das gestern nicht hier gewesen war, als Merulas Vater durch die Eingangstür hereinkam. Automatisch drückte ich mich tiefer in den Sitz, wie um mich zu verstecken.
Er nickte mir mit einem Blick zu, den ich nicht einordnen konnte. „Merula hat gesagt, dass du hierbleibst."
„Ja", antwortete ich und hatte das Gefühl, immer kleiner zu werden, während er mich betrachtete.
Im nächsten Moment kam Caelum die Stufen herunter. „Ich nehme sie mit zu Umria." Erleichtert sah ich den jungen Vollkommenen an, als er die Spannung löste. Kurz fing er meinen Blick auf, aber nach einer Sekunde ließ er ihn fallen und ging in die Küche. Er hielt einen schwarzen Mantel im Arm, nahm nun eine mir unbekannte rote Frucht in die Hand und gab sie in einen Stoffbeutel, in dem bereits irgendetwas anderes stecken musste.
„In Ordnung", meinte Merulas Vater. „Vielleicht findest du dort, was du suchst."
„Vielleicht." Mehr wollte und konnte ich nicht erwidern, mir fehlte die Kraft und der Mut dazu. Aber ich hielt seinen dunklen Pupillen stand und sah diesmal nicht weg, sondern versuchte, freundlich zu lächeln. Meine Lippen bildeten vermutlich nicht viel mehr als einen schmalen Strich, aber ich bemühte mich, gelassen zu wirken, während das Herz in meiner Brust so laut schlug, dass es in meinen Ohren widerhallte.
Caelum klopfte an Merulas Zimmertür, die sie sofort öffnete. „Ich gehe jetzt. Pass gut auf Mico auf."
„Na schön. Ich wollte ihn verkaufen, aber wenn du das sagst", murmelte die Sechzehnjährige sarkastisch und zog die Augenbrauen hoch. Ihr Bruder ging nicht auf den Witz ein, sondern drehte sich stumm um, als sie auf mich zukam. „Lass dich nicht von ihm ärgern, solange ich weg bin, Nia."
„Keine Sorge." Ich merkte, dass ich Merula gerne umarmt hätte, um mich zu verabschieden, aber in der Gegenwart ihres Vaters und Bruders fühlte ich mich zu beobachtet, um irgendetwas in der Art zu tun. Sie sah mich an und schmunzelte zufrieden, als könnte sie lesen, dass ich ihr dankbar war.
„Wir sehen uns übermorgen."
Ich wünschte ihr noch eine gute Reise, verabschiedete mich flüchtig von ihrem Vater und stolperte dann Caelum hinterher. Obwohl er relativ klein war – ähnlich wie seine Schwester – wirkten seine Beine doppelt so lang wie meine, als er schnellen Schrittes das Haus verließ. Er setzte sich in Bewegung, ohne irgendetwas zu sagen oder sich zu vergewissern, dass ich ihm folgte. Ich beeilte mich, um mit ihm mitzuhalten und schwitzte bereits nach den ersten paar Metern.
„Hey", keuchte ich ihm hinterher, als mein Bauch zu stechen begann. Das hastige Frühstück gefolgt von diesem Powerwalk tat mir nicht gut. „Warte kurz."
Er drehte sich im Gehen um, blieb jedoch nicht stehen. „Wir sind gleich da – aber spät dran."
„Ach ja?" Ungläubig starrte ich auf die Steinhäuser dieser Straße, die wir hinter uns ließen. Caelum beachtete keines davon, sondern glitt entschlossen über den Weg, der in wenigen Metern eine scharfe Rechtskurve machte. Ab hier war er mit Pflastersteinen gesäumt und führte direkt zu einem riesigen kupferfarbenen Gebilde. „Was ist das denn?"
„Der Weltenbaum."
Ich atmete laut durch, drängte meinen Bauch in den Hintergrund und konzentrierte mich auf das Metall, das immer besser erkennbar wurde, je näher wir kamen. Jetzt konnte ich auch ausmachen, dass tatsächlich einzelne Äste von einem Stamm aus verliefen, an denen Zahnräder wuchsen. Ich dachte an Yggdrasil – den Baum, dessen Triebe sich laut der nordischen Mythologie über das ganze Universum erstreckten. Vielleicht lagen all meine Überlegungen der letzten Tage doch nicht so weit von der Wahrheit entfernt, wie ich angenommen hatte.
Wir kamen dem künstlerischen Konstrukt immer näher, bis Caelum kurz davor stehenblieb. Der Boden rund um den Baum war eine große, freie Fläche, wie der Hauptplatz eines kleinen Städtchens, umringt von einigen Häusern, doch soweit ich sehen konnte, war die Gegend wie ausgestorben.
Ich wollte Caelum mit Fragen durchlöchern, kam mir aber bereits nervig vor, als ich darüber nachdachte. Bevor ich die richtigen Worte finden konnte, zog er eine Glühbirne aus dem Stoffbeutel hervor, den er aus der Küche genommen hatte. Wissend trat er an den Baum heran und schraubte das gläserne Ding an einen Ast.
Ich musste ein Lachen unterdrücken, weil mir seine Selbstverständlichkeit plötzlich so albern vorkam.
Da war ich also in einem magischen Land, hatte zufällig ein Mädchen gefunden, das mir helfen wollte, und nun stand ich mit ihrem Bruder vor einem Metallbaum und sah ihm dabei zu, wie er Glühbirnen in irgendwelche Fassungen drehte. Das war natürlich das einzig logische, was man an so einem schönen Morgen machen konnte. Ich presste die Lippen aufeinander und versuchte, mich wieder zu konzentrieren. Wie konnte ich diese Situation überhaupt lustig finden?
Das hier war mehr als ein surrealer Traum, mehr als Alice im Wunderland, mehr als ich begreifen konnte.
Caelum wich meinem Blick aus, aber streckte mir den Arm entgegen und mir verging das Lachen. „Nimm meine Hand."
„Was wird das?"
„Ein Portalzauber." Im Gegensatz zu Merula wirkte er nicht allzu gesprächig. „So kommen wir direkt zu Umria."
Für einen kurzen Moment hielt ich die Luft an. Wenn dieser Portalzauber auch nur halb so schmerzhaft war, wie meine Reise nach Enem, dann konnte ich gut darauf verzichten. „Gibt es keinen anderen Weg? Wir könnten doch dorthin wandern oder so."
„Nein."
Also gut. Nur nicht zu viel nachdenken. Wieder streckte er mir die Hand hin, die ich diesmal tatsächlich in meine nahm. Die Haut an seinen schmalen Fingern war weich. Ich hoffte, dass ich nicht zu schwitzige Hände bekommen würde, aber Caelum schien das egal zu sein. Konzentriert sah er den Weltenbaum an.
„Mach dir keine Sorgen. Es geht schnell."
Ich konnte gerade noch erkennen, wie er die Glühbirne berührte. Dann blendete mich ein grelles weißes Licht, ich kniff die Augen zusammen und biss die Zähne aufeinander, als mich diese unheimliche Kraft unter Strom setzte. Ich fiel einen halben Meter, landete mit den Füßen auf dunklen Holzdielen, aber konnte das Gleichgewicht nicht halten und stolperte nach vorne auf die Knie. Erst als ich ihn mit mir mitzog, merkte ich, dass ich Caelums Hand immer noch fest umklammert hielt. Ich knirschte mit den Zähnen, als er zur Hälfte auf mein Bein stürzte, und unterdrückte ein Stöhnen.
Das würde einen blauen Fleck geben.
Wir ließen einander los, er rutschte von mir runter und stand auf. Ein nervöses Kribbeln ging durch meinen Körper, als auch ich mich aufrappelte und etwas Staub von meiner Hose wischte.
„Entschuldige", murmelte Caelum, sah mich aber nur flüchtig an.
„Nichts passiert." Abgesehen davon, dass mich dieses Portal wieder innerhalb von zwei Sekunden lahmgelegt hatte. Ich atmete tief durch und genoss die süße Frische des Sauerstoffs. Obwohl wir in einem etwas vernachlässigten Zimmer gelandet waren, in dem bestimmt schon lange niemand ein Fenster geöffnet hatte, tat es gut, einfach nur zu atmen.
Dazu ließ er mir leider nicht allzu viel Zeit. Wortlos öffnete er eine Tür, ging durch einen schmalen Flur und bog gerade um die Ecke, als ich mich in Bewegung setzte und ihm seufzend folgte. Ich versuchte, nicht genervt zu sein, aber Caelum war definitiv kein guter Reiseführer. Doch immerhin blieb er am Ende des Flurs stehen und wartete vor einer verspiegelten Glastür auf mich. Obwohl er sich nicht umdrehte, konnte ich sein Gesicht nun vor mir sehen. Seine dunkelbraunen Augen, die unter dichten Brauen hervorsahen, verliehen ihm einen sanften Ausdruck.
„Wir sind da."
Er drehte den Türknauf und zog die Tür auf. Zuerst sah ich nur lauter unscheinbare grüne Blätter und Sonnenlicht, doch als ich eintrat, konnte ich nicht anders, als die Augen aufzureißen und die Decke anzustarren. Wir befanden uns in einem riesigen gläsernen Gewächshaus, das von Wärme durchflutet wurde. Ein undefinierbares Surren krabbelte als unterschwellige Musik in meine Ohren, während ich den Schal um meinen Hals löste und den Zippverschluss meiner Jacke öffnete.
„Was ist das für ein Geräusch?"
„Insekten." Caelum näherte sich einem Baum und begutachtete ein welkes Blatt, das sich mit letzter Kraft an einen zarten Ast klammerte. Inmitten des saftigen Grüns kam es mir fehl am Platz vor.
Ob ich auch vertrocknen würde, wenn ich zu lange in Enem blieb und so tat, als würde ich hierhergehören?
Ich ließ den Blick weiter durch den riesigen Raum schweifen und konnte nun auch einige winzige Käfer ausmachen, die durch die Luft schwirrten. Nahe dem Eingang war alles in Grün getaucht, doch als ich ein paar Schritte nach vorne machte, bemerkte ich wie bunt die Pflanzenpracht tatsächlich war. Aus der Ferne vermischten sich all die kleinen Blüten zu einem ganzen Farbenmeer, das mir entgegenleuchtete.
„Hier arbeitest du?"
„Ja." Connor ging zur Wand neben der Tür zurück, zog ein Klemmbrett, das dort befestigt war, aus der Halterung heraus und begann, irgendetwas darauf zu schreiben.
Wie magisch davon angezogen näherte ich mich inzwischen der Mitte des Gewächshauses und spürte das Summen der Insekten durch meinen Körper widerhallen. Das hier war Sommer. Ich zog meine Jacke aus und ließ die Sonnenstrahlen die Haut auf meinen Armen streicheln, während ich genüsslich die Augen schloss.
Ein leises Knacksen durchbrach die Ruhe, aber ich ließ mich nicht beirren. Connor sollte in Ruhe seine Arbeit machen, vielleicht konnte ich ihm sogar irgendwie helfen und im Gegenzug herausfinden, wo ich einen Heilzauber für Connor bekam. Aber zuerst wollte ich die Energie genießen, die durch diese Wände floss.
Das Blut in meinen Adern gefror und ich riss die Augen auf, als jemand mein Handgelenk umfasste, meinen Unterarm nach vorne zog und mit einem Pinsel ein schwarzes Zeichen auf meine Haut malte. Ich blickte in das Gesicht einer wütenden Frau und spürte den Schrei, der sich in meinem Brustkorb gebildet hatte, aber nun in meinem Körper eingesperrt war. Meine Lunge brannte als hätte sie jemand mit heißem Öl gefüllt, aber ich konnte mich nicht bewegen, um diesen Druck in mir zu lockern.
Die Frau hielt immer noch meine Hand in ihrer und funkelte mich aus dunklen Augen an. Dann verzog sie den Mund zu einem schiefen Lächeln und fügte zwei weitere Striche auf meinem Unterarm hinzu.
„Wenn du dich auch nur einen Millimeter zu viel bewegst, bist du tot, Instinktjägerin."
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Wo hat Caelum sie da nur hinverschleppt...?
Ich hab mich jedenfalls nach einer wundervollen Woche in Irland zurück nach Hause geschleppt :3
Wart ihr schon im Urlaub? Oder habt ihr noch etwas geplant?
So oder so - genießt den Sommer ^^
- knownastheunknown -
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