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Als ich Connor zum ersten Mal gesehen hatte, kam er mir so freundlich vor, dass ich misstrauisch wurde. Sein Lächeln hatte mir Angst gemacht, weil es so interessiert wirkte, als würde er versuchen, meine Gedanken zu verstehen. In den Wochen danach gewöhnte ich mich langsam daran, dass er Fragen stellte und mit ehrlicher Aufmerksamkeit zuhörte. Obwohl er mich kaum kannte, wollte er mir Mut machen, meine Interessen aufblühen zu lassen und plante bereits, wie ich mit einem Foodblog durchstarten konnte.

Warum war er so nett?

Ich saß in Merulas Zimmer auf dem Boden und blätterte lustlos durch einen Roman. Die Vollkommene wollte noch irgendetwas erledigen und hatte vorgeschlagen, dass ich mich etwas ausruhen und gerne in Ruhe ihre Zauberbücher ansehen konnte, bis sie wiederkam. Stattdessen hatte ich nach einer Fantasy-Liebesgeschichte gegriffen, zu der ich den Film kannte. Ich war nicht die eifrigste Leserin, aber etwas Vertrautes in den Händen zu halten, tat gut.

Meine Gedanken drifteten allerdings ab wie welke Blätter, die in einen Fluss gefallen und von der Strömung mitgezogen wurden. Von einem Strudel kam ich in den nächsten, was verhinderte, dass ich sagen konnte, was auf der Buchseite geschrieben stand, die ich gerade anstarrte.

Ich war nervös, wie lange ich hier in Enem sein würde. Hoffentlich konnte ich rechtzeitig zurückreisen und Connor das Gegengift bringen. Was Cristal wohl gerade machte? War sie bei ihm?

Einerseits wünschte ich mir, dass sie auf ihn aufpasste. Aber seit gestern schlich eine Frage auf Zehenspitzen in meinem Kopf herum. Zuerst hatte ich sie ignoriert und so getan, als würde ich sie gar nicht hören, doch mittlerweile konnte ich sie laut und deutlich verstehen.

War Cristal in Connor verliebt?

Ich kam mir total bescheuert vor, in so einer Situation darüber nachzudenken, aber ich konnte nichts dagegen tun. Christopher gegenüber behielt sie ihre bissigen Kommentare bei, selbst wenn sie sie nicht ernst meinte. Aber war das in Connors Anwesenheit auch so? Mit ihm kam sie mir entspannter vor, aber vielleicht lag das auch einfach daran, dass er sie weniger herausforderte als sein Cousin es manchmal tat. Ja, wahrscheinlich war das der Grund.

Ich griff nach meinem Rucksack, der hinter mir an der Wand lehnte und zog mein Handy heraus, aber natürlich hatte ich keinen Empfang. Wäre ja auch zu schön gewesen, wenn die Netzanbieter ihre Antennen durch die Portale durch und bis in irgendwelche Fantasiewelten ausstrecken würden. Was auch immer Cristal gerade machte, so konnte ich jedenfalls keinen Kontakt mit ihr aufnehmen und ihr sagen, dass Enem existierte. Oder dass ich noch am Leben war.

Ich packte das Handy wieder weg, gerade rechtzeitig, als die Tür aufging.

„Schau mal, Nia." Mico trippelte herein und zog einen beigen Stoffbeutel hinter sich her. Ähnlich wie der, den Merula für den Wasserzauber benutzt hatte, nur um einiges größer.

„Was ist denn? Geht's dir schon besser?" Auch wenn seine fehlende Energie mich noch unrund machte, kam es mir am einfachsten vor, mit ihm zu sprechen. Vielleicht weil ich mich neben ihm immer noch recht erwachsen fühlte. Merula hatte mir zwar erzählt, dass sie erst sechzehn war, aber in ihrer Gegenwart verwandelte ich mich in ein kleines und unwissendes Kind.

„Ja, das Kopfweh ist weg", antwortete Mico. „Hier, schau!" Er griff in den Beutel, zog ein blaues Spielzeugauto heraus und hielt es mir unter die Nase.

„Cool." Obwohl ich wenig mit Autos anfangen konnte, griff ich danach und drehte mit dem Finger an den winzigen Rädchen.

„Ich hab ganz viele. Magst du mit mir spielen?"

Noch bevor ich zugestimmt hatte, drehte er den Beutel um und verteilte die kleinen Fahrzeuge im Zimmer seiner Schwester. Ich hatte gar keine Zeit, ihn davon abzuhalten. Also spielten wir. Fast eine Stunde lang krabbelte ich mit Mico auf den Knien herum und fuhr mit meinem blauen Auto herum, während er zwischen fünf Modellen wechselte und sich Missionen ausdachte, die wir erledigen mussten.

„Und jetzt einen Rückwärtslooping mit Raketenschub!"

Ich wirbelte mein Auto irgendwie durch die Luft und landete wieder. Doch diesmal machte er nicht mit. Stattdessen sprang er auf, rutschte mit seinen Socken fast aus und rannte zur Tür.

„Caelum!"

Als ich mich umdrehte, sah ich, wie er einem Jungen um den Hals – oder eher um die Beine – fiel, obwohl der Fremde nicht so viel größer war als ich selbst. Er legte die Hände auf Micos Schultern und schmunzelte.

„Ist ja schon gut. So lange war ich auch nicht weg", meinte dieser.

Ich machte mich auf das einschüchternde Gefühl gefasst, langsam beraubt zu werden, aber es kam nicht. Vielleicht konnten Vollkommene auch lernen, ihre fehlende Energie zu kontrollieren? Okay, das klang in meinem Kopf einfach nur paradox. Wie sollte man etwas kontrollieren, das nicht da war? Am besten war es wohl, nicht weiter darüber nachzudenken, bevor ich mich darin verhedderte.

„Du warst eine Woche weg", stellte Mico klar. Er hatte sich bereits von dem anderen gelöst und sah nun abwartend zu ihm auf.

„Dafür habe ich euch was mitgebracht. Wo ist Merula?" Sein Blick glitt über Mico hinweg und landete auf mir. Er zog die Augenbrauen hoch. „Du bist nicht Merula. Sondern eine Instinktjägerin."

„Ja. Ich bin Nia." Ich schluckte meine Nervosität hinunter und rappelte mich von dem Sitzpolster auf. „Merula und Mico haben mir ein bisschen von Enem gezeigt und netterweise gemeint, dass ich heute Nacht hierbleiben kann."

Er nickte.

„Caelum", erwiderte er nach ein paar Sekunden Stille.

„Ich hab beim Tor auf dich gewartet und dann Nia gefunden. Dann hab ich ihr gezeigt, wo es zum Zentrum hingeht", erklärte Mico stolz. „Sie will einen Heilzauber kaufen."

Ein Blitz fuhr durch meinen Körper und ich hielt den Atem an. Musste er das einfach so herumposaunen? Aber Caelum nickte nur erneut. Seine Miene blieb matt und verriet nichts über seine Gedanken.

„Vielleicht kann er dir einen Zauber machen. Weißt du, Nia, Caelum wird sicher mal einer der besten. Er arbeitet für Umria." Als Mico sich mir zuwandte, machte Caelum auf leisen Sohlen ein paar Schritte zurück und verschwand aus dem Zimmer und damit auch aus meinem Sichtfeld.

„Was ist Umria?"

„Nicht was. Sie ist eine Vollkommene." Mico lachte. „Hey, wo ist er hin? Ist er jetzt durch ein Portal gesprungen?"

„Ich glaube nicht. Schau vielleicht mal im Wohnzimmer nach."

Das tat der Kleine, doch ich beschloss, in Merulas Zimmer zu bleiben. Obwohl ich erst seit ein paar Stunden hier war, war dieser Raum mein sicheres Umfeld geworden. Ich begann, die vielen Spielzeugautos wieder in den Beutel zu räumen, damit Merula sich nicht über das Chaos, das wir verursacht hatten, ärgern musste.

Wie es sich wohl anfühlte, Geschwister zu haben? Bis ich zu den Aarens gekommen war, hatte ich immer nur mit meinem Vater zusammengewohnt. Außerdem konnte ich auf Cristal als Schwester verzichten. Sie hatte mich so oft provoziert und mir zu spüren gegeben, dass ich nichts in ihrem Haus zu suchen hatte, dass ich nicht wusste, wie ich diesen Monat überstanden hatte, ohne sie zu verletzen.

Vor etwas mehr als einer Woche hatte sie mir vorgehalten, dass ich eine Frau und ihr Kind getötet hatte. Meine Muskeln verkrampften sich, als ich an die Situation dachte. Bis jetzt wusste ich nicht, woher Cristal über meine Jagd Bescheid wusste. Ich war ihr aus dem Weg gegangen und hatte wohl vor allem wegen Connor vergessen, mich damit auseinanderzusetzen. Meistens half es dabei, meinen Instinkt zu unterdrücken, wenn ich alle Gedanken umzäunte, die mich zu sehr aufwühlen könnten, und ihnen nicht zu viel zu fressen gab.

Jetzt kam mir das alles weit weg vor. In Enem musste ich mich nicht verstecken. Hier gab es keine Beute, die mein Instinkt zerfleischen konnte. Das Glas, das ich sonst auf dem Kopf balancierte, war weg und ich konnte entspannen. Ich konnte atmen, ohne daran denken zu müssen, mit welch verlockender Wärme die Luft erfüllt war.

Seltsamerweise fühlte ich mich in Enem so menschlich wie noch nie zuvor.

Es dauerte noch etwa eine halbe Stunde, bis Merula wieder hier war. Durch das Fenster fiel nur mehr spärlich Licht herein, als sie mit einer Tasche und einem geflochtenen Korb auf mich zu kam und beides schnaufend neben dem Tisch abstellte. Ich war ehrlich froh, sie wiederzusehen. In Micos Gegenwart musste ich nicht besonders aufpassen, was ich sagte, aber wenn sie hier war, bekam ich den Eindruck, dass sie auf mich aufpassen wollte. Ich hatte nicht vor, zu springen und mich von ihrem Sicherheitsnetz auffangen zu lassen – aber es war doch gut zu wissen, dass sie da war, falls ich mich in Probleme bringen sollte.

„So." Sie seufzte und setzte sich mir gegenüber auf den Boden. „Ich hab ein paar Sachen eingetauscht und mit meiner Mutter etwas erledigt. Das hat etwas gedauert, tut mir leid."

„Kein Problem", versicherte ich ihr. „Ich habe derweil mit Mico gespielt, bevor Caelum gekommen ist."

„Du hast Caelum also schon kennengelernt. Er ist manchmal etwas eigen, aber ganz okay als großer Bruder. Mico würde ihm jedenfalls jeden Dreck aus der Hand fressen und nachher behaupten, dass er nach Schokolade geschmeckt hat."

Dass sie alle Geschwister waren, hatte ich nicht gewusst, aber es ergab Sinn, also nahm ich es lediglich mit einem Kopfnicken hin.

„Auch egal", behauptete Merula und dehnte nacheinander den Kopf auf beide Seiten, sodass ihre Ohren in Richtung der Schulter zeigten und ihr Nacken knackste. „Hast du schon Hunger? Ich hab ein bisschen was mitgebracht."

Wir aßen am Boden sitzend an dem niedrigen Tischchen, das sie auch für den Zauber genutzt hatte, etwas Gebäck und Gemüse und ich erzählte ihr von der Verfilmung des Romans, den ich vorhin überflogen hatte. Merula stellte einige Fragen zu meinem Leben da draußen – wie sie es immer nannte – und ich versuchte, ehrlich zu antworten, ohne meine Zeit bei den Aarens zu erwähnen. Am meisten schien sie die Arbeitswelt zu interessieren. Dafür, wie jeder Mensch versuchte seinen Platz in der Gesellschaft zu finden. Bei Vollkommenen war das zwar ähnlich, aber sie hatten andere Berufe und waren weniger darauf fixiert, Geld zu verdienen. Was bei uns Architekten und Bauleute waren, waren hier Meister der Elementarmagie. Aber meistens war es gar nicht nötig, sich an solche zu wenden, weil fast alle hier ihre Häuser selbst erschaffen hatten. War Enem tatsächlich ein Gefängnis oder war es ein Paradies, das nur für übernatürliche Wesen seine Tore öffnete?

Es wurde immer dunkler, das blasse Sonnenlicht fiel schon lange nicht mehr durchs Fenster herein. Stattdessen brannte nun die Deckenlampe. Wenn Vollkommene quasi mit Energien herumjonglierten, konnten sie dann aus allem Strom machen? Ich musste gähnen, bevor ich Merula nach dem Stromnetz in Enem fragen konnte.

„Ich bin auch schon ziemlich müde. Vorhin hab ich auch mit meiner Mutter geredet. Wenn es für dich in Ordnung ist, dann schlafen wir beide hier in meinem Zimmer."

Es war mir immer noch ein Rätsel, wie sie das nicht stören konnte, aber ich nickte. Erst dann fiel mein Blick bewusst auf das Bett, das an die gegenüberliegende Wand angrenzte. Es war so schmal, dass ich mich dicht an Merula kuscheln müsste, um irgendwie genug Platz zu haben. Bei diesem Gedanken kam mir der Raum auf einmal um zehn Grad wärmer vor und ich begann mit den Fingerknöcheln zu knacken, um mich abzulenken.

„Super. Ich hab nicht oft Besucher. Die meisten Instinktjäger, die Mico und ich sonst so kennenglernen, sind scheu und wollen Enem so schnell wie möglich wieder verlassen. Oder sie gehen in die Gaststätte und wollen nicht, dass eine Sechzehnjährige sie ausfragt." Sie grinste mich frech an, aber im selben Moment kam sie mir einsam vor.

„Und andere Vollkommene? Gibt es viele in deinem Alter?"

„Wenige. Die meisten von uns sind außerdem auf ihre Familien fokussiert. Irgendwann machen fast alle das, was ihre Eltern tun und was deren Eltern davor getan haben. Auch wenn das oft gar nichts Konkretes ist. So läuft das hier. Wenn man nicht gerade Caelum heißt und von der unglaublichen Umria alles Mögliche über Zauber lernen darf."

Bevor Merula von ihren Erledigungen zurückgekehrt war, wirkte sie so stark und selbstbewusst als könnte sie ein Krokodil durch einen Anstarrwettbewerb davon überzeugen, sie nicht aufzufressen. Doch jetzt empfand ich Mitleid mit ihr.

„Was ist? Du siehst mich so an, als hätte ich irgendetwas Falsches gesagt." Sie runzelte die Stirn.

Vielleicht sollte ich lieber gar nichts sagen. Am besten die Klappe halten oder das Thema wechseln.

Aber ich hatte das Gefühl, dass sie mich sowieso lesen konnte. Ich war nicht einmal ein Roman, sondern eher ein Bilderbuch.

„Du versteckst deine Eifersucht ziemlich schlecht", meinte ich also und wappnete mich bereits für eine beleidigte Reaktion.

Stattdessen lachte sie und ich war ehrlich froh, dass sie mich auch diesmal nicht besonders ernst nahm. „Und du bist vermutlich ein Einzelkind."

„Stimmt."

„Aber das ist kein Grund, rot zu werden", behauptete sie schmunzelnd. Warum passierte mir das in ihrer Gegenwart so oft? Merula stand auf. „Für ein Einzelkind bist du ganz in Ordnung. Aber jetzt komm. Bevor wir darüber diskutieren, wer von uns das schlechtere Schicksal erwischt hat, sollten wir es uns bequem machen."

Sie holte ihre Mutter und gemeinsam wirkten die beiden einen Elementarzauber. Der Boden neben Merulas Bett sah unverändert aus. Als ich die Holzdielen mit der Hand berührte, schreckte ich allerdings zurück. Sie gaben nach wie eine Matratze, die weicher war als die, auf der ich bei den Aarens geschlafen hatte. Zusätzlich gab mir ihre Mutter einen Kopfpolster und eine Decke. Ich ließ mich auf der weichen Fläche nieder und hatte das Gefühl sofort einschlafen zu können.

Als wir das Licht ausmachten und einander gute Nacht sagten, hatte ich ein wohliges Gefühl in meinem Bauch. Beim letzten Mal als ich bei einer Freundin übernachtet hatte, war ich vermutlich acht Jahre alt. Wie war es möglich, dass ich in Merulas Gegenwart so entspannt sein konnte, obwohl ich sie heute Morgen erst kennengelernt hatte?

War es Verrat, sich mit einer Vollkommenen anzufreunden? Der Hauch eines schlechten Gewissens wirbelte um meinen Kopf herum, aber ich war zu müde, um ihn richtig einzuordnen. Stattdessen schlief ich endlich ein.

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Sind die vielen Charaktere schon zu verwirrend oder kommt man beim Lesen noch mit? xD

Einer der Kritikpunkte, die mir meine Professorin mal für das erste Kapitel gegeben hat, war, dass zu viele neue Figuren auf einmal eingeführt werden, ohne sie gut genug vorzustellen. Mal sehen, ob ich das irgendwann überarbeite (privat sehr wahrscheinlich schon, aber auf wattpad bin ich unsicher).

Aja: Nächsten Sonntag kommt die nächste Update-Pause, weil ich nach Irland fahre. (Endlich! Davon träume ich schon ewig, aber ich werde euch jetzt nicht mit meinen Schwärmereien voll texten xD erst nach dem Urlaub vielleicht)

Bis dann!

- knownastheunknown -

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