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"Womit möchtest du gerne anfangen? Magie? Zaubern?"
"Ist das etwa nicht dasselbe?"
Ich schlüpfe aus meinem Umhang und hänge ihn über die Stuhllehne, damit ich das Taschenmesser trotz Torins Bitte sofort in meiner Reichweite weiß. Kaum reiht Ren Kerzen, Karten und Bücher auf dem Tisch zwischen uns an, schiebe ich meine Hände unter die Schenkel, um sie in diesen Handschuhen nicht länger anschauen zu müssen als unbedingt notwendig.
"Nicht ganz", beginnt Ren. "Nur wer über Magie verfügt, kann auch zaubern. Im Gegensatz zur Magie handelt es sich aber bei der Zauberei um Kräfte, die jeder von uns Magiern im ganzen Umfang erlernen kann. Wenn du also mit einer schwächeren Magie geboren wirst, kannst du diesen Nachteil durch das Erlernen der Zauberei ausgleichen. Starke Magier haben meist wenig Interesse daran, sich am Zaubern zu üben. Es braucht Monate, oftmals auch Jahre."
"Du sagtest, Aiva hätte einen Schutzzauber ausgesprochen - trainiert ihr also beides?"
"Zu unserem Schutz, ja." Ren schlägt das Buch auf und wendet es mir zu. Stirnrunzelnd überfliege ich die geschwungenen Schriftzeichen auf der vergilbten Seite. Kein Wunder, dass es lange dauert, diese Symbole zu erlesen. "Die Zauberei unterliegt einer uralten Sprache: Aerlin. Es gab sie schon lange, bevor die Reiche unterteilt wurden."
Ehrfürchtig fahre ich mehrere Zeichen nach. Bücher und Sprachen, darin könnte ich mich stundenlang verlieren. Umso faszinierender, dass Aerlin eine Sprache ist, die von Magiern beherrscht wurde, deren Knochen seit tausenden Jahren nur noch Staub sind.
"Von rechts nach links", murmele ich.
"Bitte?"
"Man liest es von rechts nach links, oder?"
Unter manchen Symbolen befinden sich Punkte, insbesondere am rechten Seitenrand.
Ren nickt. "Das hast du schnell erkannt. Um einen Zauber sprechen zu können, braucht es die Worte und oftmals noch weitere Objekte wie Kerzen, besondere Pflanzen, teilweise sogar Körperteile von Tieren."
Mein Blick schweift über das Regal zu meiner linken Seite. Zahlreiche Gläser sind darauf aufgereiht. Auf einmal interessiert es mich nicht mehr so brennend, was sich darin verbergen mag. Von Schlangenzungen und Wolfsklauen brauche ich vorerst nichts. Viel interessanter hingegen sind die Schwerter und Dolche, die an den steinigen Wänden hängen und mir verraten, dass das Training üblicherweise nicht nur an einem Tisch stattfindet. Ren wies jedoch sofort davon ab: zuerst gilt es, mich in meinen Kräften zu unterstützen. Über den Nahkampf werden wir uns kümmern, wenn der Rest passt - hoffentlich nie, wenn ich zuvor diese Magie wieder losgeworden bin.
"Also wäre es sinnvoller, wenn wir mit der Magie anfangen?", vermute ich. Eine neue Sprache lernt man nun einmal nicht von heute auf morgen.
"Es wäre auf jeden Fall leichter. Zumal du dir mit der Macht des Feuers sicherlich nicht den Kopf darüber zerbrechen musst, ob du dich gegen Feinde wehren könntest. Ich würde die Zauberei daher zunächst vernachlässigen. Darüber kannst du dir auch noch Gedanken machen, wenn du deine Magie so mühelos beherrschst wie das Atmen." Ren schiebt das Buch zur Seite. "Was weißt du denn über Magie?"
"So gut wie nichts", gestehe ich. Allein Torins Andeutungen im Stockwerk über uns haben mir deutlich vor Augen geführt, dass es viel zu viel gibt, von dem ich nichts ahne. "Ich kenne nur die Erzählungen von Kriegen, in denen die Magier die entscheidenden Schlachten ausgetragen haben."
"Und das stimmt auch." Rens Zustimmung ist nicht sonderlich beruhigend. Sollte ich in falsche Hände geraten, kann auch ich fortan in Kämpfen eingesetzt werden. Die bloße Vorstellung lässt mich erschaudern. Meine Bücher in Phantasia sind mir um einiges lieber. "Mit Payla haben wir seit Ewigkeiten Frieden, an anderen Grenzen hingegen sieht es brenzliger aus. Deswegen suchen der König und seine Berater fortlaufend nach Magiern."
"Für den Dienst", murmele ich. Wird man gemeldet, egal in welcher Stadt Sonelems, ist man zum Dienst verpflichtet: Einsatz für Sonelem gegen eine gerechte Bezahlung und ehrlichem Respekt in der Gesellschaft - es sei denn man begegnet auf der Suche nach einem verletzten Mädchen mir in der Buchhandlung und fährt nichtsahnend eine dreiste Lüge ein.
Für viele wäre der Dienst sicherlich eine Verlockung, wenn man sich dafür nicht von seiner Familie trennen müsste. Warum Torin dann jedoch so abschätzig darüber sprach, ist mir nicht bewusst.
"Warum dient ihr nicht?", hake ich nach.
Ren lehnt sich vor, sucht gezielt den Blickkontakt.
"Der Dienst ist Sklaverei, Talia. Ein Wort des Widerspruchs und sie lassen dich Schmerzen erleiden, die du nicht erfahren möchtest - von einer falschen Handlung sprechen wir noch gar nicht. Das ist Folter. Und glaub mir, die Aufträge umfassen nicht nur an der Grenze einen Posten zu beziehen, sondern Mord zu begehen. Aufsässige oder auch unschuldige Menschen mit deiner Magie zu quälen, andere Magier zu jagen und Spione zu beseitigen. Das Schlimme daran: niemand widersetzt sich einem Auftrag, weil deine eigene Strafe ein Spaziergang durch die Hölle wird."
Augenblicklich denke ich an den Magier, der mich in Phantasia aufgesucht hatte - und auf einmal sehe ich ihn in einem anderen Licht: eine Marionette, die keinen Schritt außerhalb der Reichweite ihrer Stränge ausführen darf. Das muss abscheulich sein.
"Warum fliehen sie nicht? Bei Aufträgen bewegt man sich doch nicht nur in oder rund um Sonelis."
Sondern auch hier in Meral beispielsweise. Dazwischen liegt eine lange Reise, immerhin reicht Sonelem im Norden von einer ganzjährigen Schneedecke bis zu solch heißen Orten im Süden, wo der kleinste Schluck Wasser ein Heiligtum der Wüste ist.
"Und wenn du dann wieder gefunden wirst? Das willst du nicht erleben. Zumal jeder eine Schwachstelle hat: Menschen, die man liebt. Kommst du nicht von selbst wieder, kümmert sich ein Anderer um deine Liebsten."
"Deswegen der gute Schutz hier", stelle ich fest und versuche, meine Gedanken gar nicht erst zu Luan schweifen zu lassen. Wenn mir jemand schaden wollte, müsste man nur Luan erwischen - und umgekehrt.
"Genau. Freie Magier schließen sich oftmals zu einer Zweckfamilie zusammen, um so eine höhere Chance zu haben, gar nicht erst entdeckt zu werden." Mit mir als Fremde gehen sie definitiv ein Risiko ein, dessen Ausmaß ich erst jetzt zu greifen wage. Allein heute hierher zu kommen, hätte ganz anders verlaufen können, wenn mir jemand auf die Schliche gekommen wäre. Lennox' Vorsicht bei einem nicht so scheuen Raubvogel kann ich jetzt schon eher nachvollziehen. "Torin hat uns alle aufgenommen, bevor wir gemeldet wurden."
"Das ist sehr selbstlos von ihm."
Zumindest, bis er die drei Magier ausreichend trainiert hat und von ihnen profitieren kann.
"Er hat in der Tat ein großes Herz. Deswegen hat er auch sofort zugesagt, dir zu helfen."
"Auch wenn ich nicht in eurer Zweckfamilie leben werde?"
Denn Luan nach den vergangenen Jahren nur zu meinem eigenen Schutz alleine zu lassen, würde ich niemals über mich bringen. Wenn dann müsste auch für ihn ein Platz hier geschaffen werden.
"Auch dann. Du brauchst dringend jemanden, der dir hilft, das Feuer zu steuern."
Ren macht eine wegwischende Handbewegung über den Tisch. Im nächsten Augenblick haben sich alle Gegenstände, bis auf die Kerze, an ihren Platz im Regal eingereiht.
"Das ist beeindruckend", staune ich. Als junges Mädchen hatte ich mir hin und wieder ausgemalt, wie Magie aussehen könnte, und ein paar schäbige Tricks ausprobiert. Bei dem, was ich die letzten Tage schon alles gesehen habe, wäre mir wohl der Mund offen stehen geblieben.
"Jede Magie ist beeindruckend. Aber die, die in dir schlummert, ist eine Wucht für sich."
"Wegen dem Feuer?"
Ren schüttelt den Kopf. "Wegen der Heilung. Ich habe noch nie gehört, dass jemand mehr als die Schmerzen dämpfen kann. Aber was du beim Glaser gezeigt hast, ging weit darüber hinaus."
Mein Bauchgefühl sagt mir, dass das kein gutes Zeichen ist. Das Letzte, was ich gebrauchen kann, ist es, mit meiner Magie auch noch aufzufallen.
"Tritt Magie denn nicht immer in der gleichen Ausprägung aus?"
"Nein. Du kannst dir uns Magier wie eine Wiese verschiedenster Blumen vorstellen. Alle haben einen Stängel - die Zauberei. Er kann mal stärker, mal schwächer sein, je nachdem, wie intensiv du das Zaubern trainierst. Die Blüte aber ist deine Magie. Jede hat eine andere Form und Farbe. Es gibt hunderte von Fähigkeiten, aber jeder Magier besitzt nur zwei, manche auch drei davon. Damit wirst du geboren." Ren stockt kurz und verzieht den Mund zu einer Grimasse. "Üblicherweise. Manche Farben ähneln sich, weil Magier die gleichen Fähigkeiten haben, aber die Intensität variiert. Irgendwo dort draußen gibt es weitere Magier, die das Feuer kontrollieren, vielleicht stärker, vielleicht schwächer. Aber eines kann ich dir mit Gewissheit sagen: die Heilung beherrscht niemand so wie du."
Offenbar hatte mein Bauchgefühl recht: es ist kein gutes Zeichen. Sollte ich mehr als nur eine kleine Wunde innerhalb weniger Sekunden gänzlich verschwinden lassen können, würden die Berater sicherlich gut davon profitieren, um sonelische Truppen schnell wieder auf Vordermann zu bringen. Kein Wunder, dass das Mädchen auf der Flucht vor einem dienenden Magier war.
"Ich würde es noch nicht beherrschen nennen", bringe ich hervor, um meine teuflische Gedanken zu vertreiben. Lieber beschäftige ich mich mit einer Lösung für mein Problem.
"Noch nicht. Dafür bin ich da."
Wie aufs Stichwort weist Ren auf die Kerze. Mir mag es recht sein, dass wohl das Feuer auf dem Programm steht. Um die Heilung zu provozieren, bedarf es offensichtlich einer Wunde - und ich weiß nicht, ob ich dem Druck, angemessen zu reagieren, schon gewachsen bin. Am Ende könnte ich versagen, das Bluten nicht stoppen und mir so sicherlich Torins Gastfreundschaft schnell verspielen.
"Ich habe Lennox gefragt, aber nicht einmal er wollte sich zum Versuchskaninchen machen, was deine Heilung betrifft", bestätigt Ren meine Vermutung. "Daher beginnen wir mit dem Feuer. Wie ist es denn entstanden?"
"Meinungsverschiedenheit mit meinem Bruder." Ich bemerke, wie Ren unter seinen hellbraunen Haaren die Stirn runzelt. Offensichtlich rüttelt die Aussage an dem, was ich gestern noch beteuert hatte: Luan wird uns nicht in die Quere kommen. "Wir streiten nicht oft", schiebe ich schleunigst hinterher.
"Wut also? Oder eher Enttäuschung?"
"Ich vermute beides."
"Gut. Dann denk an den Moment in deinem Leben, der dich am wütendsten gemacht hat. Oder der dich am meisten enttäuschte."
Ich schlucke schwer. Ohne einen Atemzug zu zögern, könnte ich diesen Moment benennen. Aber ich möchte nicht über ihn sprechen, noch weniger an ihn denken, denn er ist das, was er sein sollte: einer Erinnerung. Ein Fetzen meiner Vergangenheit, der eine tiefe Wunde hinterließ, die noch immer heilt. Diese Bilder Revue passieren zu lassen, bringe ich nicht über mich. Also täusche ich ein aufrichtiges Nicken vor und rufe mir den Streit mit Luan in Erinnerung. Vor wenigen Abenden hat das doch auch genügt, um die Magie zu wecken.
"Stell dir vor, du wärst zurück in diesen Moment gereist. Denk daran, wie es aussieht. Wie es riecht. Wie es sich anfühlt."
Nach zu Hause. Nach Luan und lauwarmer Suppe. Nach einem unnötigen Streit, der gleich in maßloses Chaos übergehen wird. Ich sehe Luans vor Wut rot angelaufenes Gesicht vor mir. Wie er aufsteht und mir verbietet, das Haus zu verlassen. Wie die Wut, nein vielmehr die Energie, durch meine Adern rast, so stark, dass ich nicht weiß, ob es nur in meiner Erinnerung oder tatsächlich in meinem Körper geschieht. Ich habe die Augen so fest geschlossen und die Bilder so eindrücklich vor mir, dass ich erschrecke, als Rens Hände plötzlich von hinten meine Schultern berühren. Nur sanft, aber dennoch präsent - egal, wie sehr es gleich auch hier schief gehen könnte, er ist auf alles gefasst.
"Denk an diesen Moment und halte die Luft an."
Das hätte ich vermutlich auch ohne seine Anweisung, als seine Finger über meine Arme wandern. Beinahe quälend langsam, als koste er jede Sekunde aus, die ich mir das Atmen verbiete. Der Druck in meiner Lunge wächst immer weiter an, fleht um Erlösung, doch ich gebe sie ihr nicht. Stattdessen streift mir Ren die Handschuhe ab, befreit meine Finger von dem, was ihnen die Luft raubt, und beugt sich über mich, sodass ich seinen Atem an meinem Ohr spüren kann. Laut, gleichmäßig, als wollte er mich verhöhnen. Das Brennen in meinem Brustkorb schwillt immer weiter an, vermischt sich mit dem Jucken in meinen Fingerspitzen. Ich will es frei lassen, beides, bloß weg damit.
Zu oft habe ich mir vorgestellt, wie es meinem Vater ergangen sein muss, als ihn die Kälte des Wassers lähmte, sodass ein so ausgezeichneter Schwimmer wie er sterben musste. Das Gefühl ist grässlich. Ein endloser Druck als würde die Brust explodieren. Ein Schmerz, der irgendwann in Taubheit übergeht.
"Lass es frei."
Erleichtert schnappe ich nach Luft, als hätte ich es zurück an die rettende Oberfläche geschafft. Mehrmals atme ich tief ein, schleuse Luft in meine Lunge und öffne die Augen. Die Kerze auf dem Tisch brennt. So winzig und zerbrechlich, dass mein überraschtes Staunen genügt, um sie wieder zu ersticken, doch die Flamme war da.
"Du lernst schnell." Anerkennend lächelt mich Ren an, dann dreht er behutsam meine Handflächen nach oben. Die Adern schimmern noch immer hindurch, warm, fast golden, so wie Luan es beschrieben hatte. Vorsichtig spurt Ren eine Ader nach. "Auch wenn ich so etwas noch nie gesehen habe."
"Vielleicht hat es damit zu tun, dass ich nicht mit der Magie geboren wurde?"
"Gut möglich", stimmt er zu. "Dein Körper muss sich vermutlich erst noch daran gewöhnen."
Ich winkele meine Finger an und strecke sie wieder, bis das Glühen darin vollkommen erlischt. Immerhin bereitet es mir keine Schmerzen. Solange es wieder verschwindet, bleiben mir auch Sorgen erspart. Ein Rätsel, das ich erst einmal verdrängen kann.
"Was hat es mit dem Atmen auf sich?"
Ren löst seine Hände von mir und kehrt auf seinen Platz gegenüber zurück.
"Am Anfang ist es leichter, wenn man Magie auf die Atmung abstimmt. Sammeln und loslassen, bis es irgendwann ganz beiläufig geschieht." Auffordernd schiebt er mir die Kerze zu. "Wir probieren es gleich noch einmal. Und trau dich ruhig, mehr Wut zuzulassen. Mit dieser Flamme hast du wohl kaum das Haus angezündet, oder?"
Beschämt lenke ich den Blick auf den Docht. Entweder muss ich mich noch intensiver in die Situation hineinfühlen oder Ren hat mich darin durchschaut, dass ich mich nicht an meiner schlimmsten Erinnerung bedient habe.
"Nein, das war stärker", gestehe ich. "Aber ich möchte dich nicht in Gefahr bringen, Ren."
"Mir wird schon nichts passieren. Und wenn, kannst du dich auch noch gleich an der Heilung probieren."
Ich ziehe eine Grimasse. "Du hast viel zu viel Vertrauen in meine Fähigkeiten."
"Nein, in dich. Ich habe Vertrauen in dich, Talia."
Unsere Blicke begegnen sich und ich weiß, welche Frage in seinen Augen liegt: hast du denn nun auch genug Vertrauen in mich, um deiner Magie freien Lauf zu lassen?
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