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"Wir sind da."

Vollen Ernstes dreht Ren sich zu mir um. Beinahe hätte ich aufgelacht - das Einzige, was es hier gibt, ist das Brechen der Wellen am Felsen und die von Schnee überzuckerte Klippe. Die Häuser Merals haben wir schon vor langer Zeit hinter uns gelassen, um der Küste zu folgen. Nur die Spuren verschiedener Tiere waren im Schnee zu entdecken, jedoch keinerlei Fußstapfen. Ren hat also wieder seine Teleportation gebraucht, um sich an den Hafen zu bringen. Genau das lässt mich erahnen, dass auch jetzt Kräfte im Spiel sind, die mich nicht alles sehen lassen. Oder ich werde gleich gnadenlos niedergerungen.

Unsicher wage ich einen Schritt zurück und bin mir auf einmal des Abgrundes hinter mir nur zu deutlich bewusst. Der Wind peitscht mir meine Haare ins Gesicht, als wollte mich die Gewalt der Natur zu allem Überfluss auch noch verhöhnen. Magie oder die felsige Klippe, was davon wird mein Untergang sein?

"Hier ist nichts."
Innerlich verfluche ich mich selbst - ich habe auf einen Mann vertraut, der zwar nicht dienen mag, aber sicherlich einen Nutzen aus mir ziehen wird, um mir seine Hilfe überhaupt erst angeboten zu haben. Ich hätte auf Luan hören sollen. Auf mein mulmiges Bauchgefühl. Auf die Lektion, die mich meine Mutter schon vor Jahren gelehrt hat. Mein Blick zuckt zur Seite. In der Ferne erkenne ich die Rauchschwaden der Häuser. Weit entfernt, hoffnungslos weit entfernt. Ich bin Ren ausgeliefert.

Eilig zupfe ich mir die Handschuhe von den Fingern, als könnte mich meine Magie tatsächlich retten - dabei wissen wir beide, dass ich nicht den Hauch einer Chance habe. Rens Aufmerksamkeit wird aber nicht davon gefesselt, sondern von etwas direkt hinter mir.

"Achtung", warnt er mich.
Aus Reflex ziehe ich den Kopf ein, als mich ein scharfer Windzug streift. Im nächsten Augenblick prescht ein Raubvogel so knapp über mich hinweg, dass ich meine Hand nach ihm hätte ausstrecken können, dann lässt er sich auf einem Felsen in unserer Nähe nieder. Obwohl ich seinen Tiefflug als Angriff werten könnte, beruhigt mich seine Präsenz ungemein. Ich bin nicht mehr alleine mit einem Magier, der mir binnen eines Atemzugs das Leben zur Hölle machen könnte - nicht, dass der Vogel auch nur eine seiner spitzen Krallen für mich krümmen würde.

"Danke", presse ich hervor, nicht wissend, ob es an Ren oder an das anmutige Tier gerichtet ist, dessen Augen jede unserer Bewegungen verfolgen.
"Nicht dafür." Ren breitet die Hände aus. "Im Übrigen stehen wir direkt davor."

Die Luft um uns beginnt zu verschwimmen, dann offenbart sich mir eine kleine Holzhütte, als hätte er den Vorhang einer Illusion komplett zur Seite geschoben. Vermutlich blicke ich so überrascht drein wie ich mich fühle, denn Ren lacht amüsiert. Eilig schließe ich wieder den Mund.
"Ziehst du jetzt wieder deine Handschuhe an oder traust du mir noch immer nicht?" Fragend legt er den Kopf schief. "Torin will nicht, dass du das Haus abfackelst."

"Tut mir leid", murmele ich und winde meine Finger erneut in den fast hauchdünnen Stoff. Vielleicht mag ich nicht recht mit einem vermuteten Hinterhalt haben, aber dafür darin, dass sie ihnen als Schutz vor mir dienen. Kann ich es ihnen verübeln? Luan würde sich sicherlich nicht gegen ein Stück Stoff aussprechen, solange es auch ihm Sicherheit gibt. "Ihr habt also das ganze Haus unsichtbar gemacht?"

"Nicht wir, Lennox um genau zu sein. Jeder hier trägt einen Teil dazu bei, dass uns niemand auf die Schliche kommen kann." Und da lauert die Ungewissheit schon wieder wie ein nervöses Tier tief in meiner Magengrube - welchen Teil erhoffen sie sich von mir? Bevor ich nachfragen kann, fährt Ren schon fort. "Aiva hat zudem einen Schutzzauber darum errichtet. So können bestimmte Personen gar nicht erst in die Nähe des Hauses kommen."
"Menschen oder andere Magier?", hake ich mich ein.
"Ein anderer Magier, um genau zu sein."

Ren wendet sich ab und möchte das Thema offensichtlich beenden, doch meine Neugierde ist geweckt. So hinterhältig es auch erscheinen mag - endlich habe ich eine Schwachstelle gefunden, nachdem er meine bereits kennt: Luan und meine Unerfahrenheit. Ich brauche mehr Informationen, um mich auf halbwegs sicherem Terrain bewegen zu können.
"Ist es der Freund, in dem du dich geirrt hattest?"

Ren mustert mein Gesicht, scheint in Gedanken gar nicht bei mir zu sein, sondern vertieft in Erinnerungen. Vielleicht überlegt er aber auch, wie viel er mir davon mitteilen möchte, weil es ebenso um meine eigene Sicherheit gehen könnte.
"Ash Devane. Ein guter Freund und ein noch besserer Feind. Glaub mir, du möchtest ihm lieber nicht begegnen." Der plötzlich kalte Klang seiner Stimme lässt mich frösteln - die Warnung ist angekommen: Abstand zu einem Mann wahren, der mir das Leben wohl noch eher zur Hölle machen könnte als Ren. Ich habe ohnehin nicht vor, viel Kontakt mit anderen Magiern zu pflegen. "Aber du brauchst dir keine Sorgen zu machen: er hat uns die letzten beiden Jahre nicht gefunden, dann wird er es jetzt auch nicht. Dafür sind wir zu viele und er alleine."

"Ren, schäm dich." Eine Stimme hinter mir lässt mich herumfahren. Großer Körper, blonde Haare, blaue Augen, alles an ihm scheint auf Luan abgestimmt zu sein, wenn man einmal davon absieht, dass Luans Gesicht von zahlreichen Sommersprossen belagert wird. Dafür wird dieses von einer unverwechselbaren Narbe gekennzeichnet, die seine linke Augenbraue spaltet und nur eine Fingerbreite über dem Auge endet. Das war offensichtlich eine verdammt knappe Angelegenheit. "Jag ihr doch keine Angst ein."
Verblüfft zieht Ren eine Augenbraue in die Höhe. "Tue ich das? Hast du Angst?"

Nein, Angst ist das falsche Wort. Dafür wirkt Rens gesamtes Auftreten zu hilfsbereit und freundlich. Vielmehr ist es Respekt vor seinem Können, Achtung vor seinem Wissen und tief eingesessenes Misstrauen in seine Intentionen.
"Sollte ich das?"
"Vor mir nicht. Vor ihm schon eher." Ren weißt auf den jungen Mann, der nun bei uns angekommen ist und mir seine Hand anbietet. "Das ist Lennox. Große Klappe und leider viel dahinter."

Über die Ehrlichkeit belustigt kann ich mir ein Grinsen nicht verkneifen. Der ungezwungene Umgangston zwischen den beiden spricht für tiefe Freundschaft.
"Ich wünschte, ich könnte das Gleiche über dich behaupten." Lennox boxt Ren neckend in die Seite, bevor er mir seine gesamte Aufmerksamkeit schenkt. "Spaß beiseite: Ren hat viel über dich erzählt, Talia."

"Viel Positives war da sicherlich nicht dabei: Haus angezündet. Mich beinahe selbst verraten", zähle ich auf, doch bekomme zu meiner Überraschung nur ein Zwinkern von Lennox.
"Du würdest dich wundern."

Ehe ich darauf eingehen kann, räuspert sich Ren und deutet auf die Hütte.
"Torin wartet schon."
Lennox sieht aus, als läge ihm ein Kommentar auf der Zunge, doch er schluckt ihn hinunter und lässt uns den Vortritt. Drei schmale Treppenstufen führen zur Türe und lenken meine Aufmerksamkeit auf die kleinen Fenster, die nur knapp über dem Boden eingebaut wurden. Offensichtlich verbergen sich unter dem von außen Sichtbaren mehr Räume, als ich angenommen hatte.

"Sind wir eigentlich noch sichtbar für Andere?"
"Nicht mehr", bestätigt Ren meine Vermutung, immerhin habe ich Lennox zuvor auch nicht wahrgenommen. "Seit du das Haus sehen kannst, sind wir selbst auch Teil der Illusion."

Unsicher werfe ich einen Blick über die Schulter, doch Lennox wippt nur mit seinen Schuhen auf und ab, als langweile er sich zu Tode. Würde er die Stirn jedoch nicht in Anbetracht des noch immer auf dem Stein ruhenden Vogels runzeln, hätte ich ihm diese Täuschung vermutlich noch eher abgekauft als das verborgene Haus.

"Stimmt etwas nicht?"
Ren bemerkt Lennox' Unbehagen sofort - natürlich, meine Emotionen durchschaut er auch mühelos, dann gelingt ihm das bei seinem Freund noch leichter. Dieser schnalzt mit der Zunge.
"Er gefällt mir nicht." Entschlossen stößt er sich vom Geländer ab. "Ich kümmere mich darum."
"Warte", schnelle ich dazwischen. Die Wortwahl deutet auf vieles hin, was das Tier sicherlich nicht verdient hat. "Du wirst ihn doch nicht ... töten?"

Über die Brutalität meiner eigenen Gedanken erschrocken, kralle ich meine Finger fest in den Umhang. Erst recht, als Lennox und Ren schweigend Blicke miteinander austauschen und mich darin bestätigen, dass diese Option nicht ausgeschlossen wird.
"Du solltest reingehen, Talia."
Zu Magiern, die dem Morden offensichtlich nicht abgeneigt sind? Sehr verlockend.

"Es ist nur ein Vogel", verteidige ich das Tier.
"Das werden wir sehen." Lennox verzieht das Gesicht zu einer Grimasse, als er sich an einem schiefen Lächeln versucht. "Ich werde ihn nicht töten, wenn es nicht sein muss, okay?"

Ob ich seinen Worten glauben kann, weiß ich nicht. Dazu kenne ich Lennox - und auch Ren - zu wenig. Letztendlich lassen sie mir aber keine Wahl, als Ren mich am Oberarm packt, die Tür krachend hinter uns zufällt und mir der Blick auf das Geschehen draußen verwehrt wird.
"Ihr seid Mörder!", fahre ich ihn an und zerre an meinem Arm.
"Lass sie los, Ren."

Sofort löst der Angesprochene seine Finger von mir. Ich weiche einen Schritt zurück, stoße mit dem Rücken gegen die Wand. Neben Ren taucht ein weiterer Mann auf, dieser ist jedoch etliche Jahre von Lennox oder Ren entfernt. Er könnte auf die Fünfzig zugehen, hat erkennbare Falten um die Augen, graue Haare und einen leichten Bart. Hinter seinem Bein lugt ein kleines Mädchen hervor, vielleicht sieben oder acht Jahre alt. Ihr langes, braunes Haar schmiegt sich um ihr rundes Gesicht, während mich ihre schokoladenbraunen Augen aufmerksam beobachten. In ihrem blumigen Kleid würde sie zu den vielen, lachenden Mädchen passen, die an lauwarmen Sommerabenden auf dem Marktplatz in Meral zu den Liedern der Straßenmusiker tanzen. So unschuldig sie auch aussehen mag, hier vertraue ich keinem.

"Du bist dann wohl Talia."
Und die beiden neuen Gesichter sind offensichtlich Torin und Aiva. Unweigerlich frage ich mich, ob das junge Mädchen auch bereits Blut an ihren Händen hat. Wie brutal ist die Welt der Magie denn wirklich?
"Wird kein großes Kennenlernen. Ich gehe auch schon wieder", presse ich hervor und taste blindlings nach dem Türknauf. Noch ehe ich ihn gefunden habe, erschallt ein leises Klicken - das Schloss ist eingerastet. Im selben Augenblick schnürt mir Angst die Kehle zu, raubt mir die Luft zum Atmen.

"Lennox tut nur, was er tun muss." Torin tritt zurück, als wollte er mir bewusst mehr Freiraum verschaffen. Zitternd schleuse ich Luft in meinen Körper und überlege mir fieberhaft, wer von den Dreien wohl die größte Bedrohung für mich ist. Auf menschlicher Ebene betrachtet wäre es Ren, zweifelsohne. Sportlich, kräftig, jung. Wie es mit der Magie aussieht, kann ich hingegen nicht einschätzen. Und genau das treibt mich in den Wahnsinn. "Tut mir leid, dass du uns so kennenlernen musst, aber wir sind sehr auf Sicherheit bedacht."

Torin tätschelt Aiva den Kopf, als wollte er mir zu verstehen geben Wegen ihr. Wegen uns allen. Die Frage ist nur, ob sie mich als Gefahr oder Teil ihrer Schutzzone werten. Auf dem Weg hierher hatte Ren bereits über die wild zusammengewürfelte Familie aus den verschiedensten Orten Sonelems berichtet und mir den Eindruck gegeben, darin aufgenommen zu werden - der Drang danach ist mir gänzlich vergangen.

"Dann will ich euch keine Last sein."
Diese verdammte Tür ist wirklich verriegelt. Beiläufig schiebe ich meine Hände in die Taschen und fische nach dem Taschenmesser in meinem Umhang.
"Du bist keine Last. Wir sind im Namen aller freien Magier froh über jeden, der nicht dem König dienen muss."
"So frei scheint ihr nicht zu sein", merke ich an und klappe das Messer heimlich aus. Wenn mir nur einer einen Schritt zu nahe kommt, werde ich es zum ersten Mal in meinem Leben einsetzen müssen. Für Luan, für meine Familie.

"Dieses Leben hier ist Privileg genug. Im Dienst des Königs zu stehen ist nicht ansatzweise so ehrenvoll wie es die tugendreichen Legenden glauben lassen."
Ist das nur ein Mittel, mich durch Neugierde anzulocken oder tatsächlich ein erster Einblick in die Welt der Magie? Auch wenn ich nun zahlreiche offene Fragen habe, stelle ich keine. Ich will nur hier weg. Torin hingegen weist seelenruhig auf einen offenen Raum zu seiner Rechten. Der Tisch dort ist mit frischen Brötchen und Süßstückchen gedeckt.

"Ren hat angeboten, das erste Training anzuleiten. Willst du dich vorher noch ein wenig stärken?"
Aiva saust zum Tisch, stibitzt eine Blätterteigtasche und hält sie mir auffordernd entgegen. Die Herzlichkeit in ihrem Lächeln dämpft mein Unwohlsein immerhin ein wenig.
"Die habe ich gebacken", verkündet sie mir stolz.

Es würde ihr vermutlich den ganzen Tag vermiesen, wenn ich jetzt ausschlagen würde - das bringe ich einfach nicht über mich. Früher erfüllte mich der gleiche Stolz, wenn mein Vater von meinen kuriosen Gerichten probierte und sich meinetwegen selbst dann zu einer überschwänglichen Euphorie zwang, obwohl es völlig ungenießbar war. Luan war da nicht ganz so schonend.
"Die schmeckt himmlisch." Ich lasse das Taschenmesser in meinem Umhang und schenke ihr ein Lächeln. "Vielen Dank, Aiva."

Während Ren ein paar der Snacks auf einen Teller häuft, hüpft Aiva freudig davon, lässt sich rücklings auf ein Sofa plumpsen und versteckt ihr Gesicht hinter einem Buch. Sie erinnert mich an die kleine Version meiner selbst. Ihre unbekümmerte Art verkündet mir unverhohlen, dass sie definitiv noch keine einschneidenden Erfahrungen machen musste - kein Wunder, wenn Lennox bereitwillig die Drecksarbeit übernimmt. Aber so sehr ich auch die Maßnahmen der anderen Dreien verachten mag, so weiß ich eines sicher: in diesem Haus ist eine erinnerungswürdige Kindheit möglich. Ein liebevolles Aufwachsen und ein sicherer Hafen.

Torin tritt mit gebührendem Abstand neben mich.
"Ich will die Drei nur beschützen. Wir mögen vielleicht nicht durch Blut verwandt sein, aber die letzten beiden Jahre haben uns eng zusammengeschweißt. Wenn du magst, bist du ab nun auch ein Teil von uns." Er beugt sich zu mir, als Ren näher kommt. Diese Worte sind offensichtlich nur für mich bestimmt. "Also bitte lass das Messer in deiner Tasche."

Ich schlucke schwer. Er wusste es, die ganze Zeit über. Doch anstatt mich und meine Unsicherheiten vor den Augen der anderen Magier bloßzustellen, hat er sich einen kurzen Moment der Ruhe ausgesucht. Dankend blicke ich zu ihm auf und nicke leicht.

"Bereit für dein erstes Training?"
Ob es jemals einen Moment geben würde, in dem ich Rens Frage bejahen würde, bezweifle ich sehr. Aber der erste Schritt sollte gesetzt werden, um die Handschuhe eines Tages mit der Gewissheit ablegen zu können, dass meine Magie nicht jeden Moment zu explodieren droht.

Also folge ich Ren zum Treppenansatz und verharre nur kurz, als ich aus dem Augenwinkel bemerke, wie Lennox das Haus betritt. Ich frage nicht, wie es um den Vogel steht. Zu sehr fürchte ich mich vor der Antwort - er nimmt sie mir jedoch mit einem gelassenen Schulterzucken ohnehin ab. Und das ermutigt mich doch darin, Ren in den Keller zu folgen.

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