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Luan bedenkt mich mit einem vorwurfsvollen Blick, kaum trete ich ein.
"Ich warte seit Ewigkeiten."
In seiner Stimme klingt ein schroffer Ton mit, von dem ich nur zu gut weiß, dass dahinter nichts als pure Sorge steckt. Luan kann mir nicht böse sein, selbst wenn ich so spät nach Hause zurückkehre, sodass die Suppe beinahe abgekühlt ist. Dennoch drängt sich das Gewissen in mir hoch und verlangt nach einer Erklärung.
"Tut mir leid." Geschwind hänge ich meinen Umhang neben seinen dicken Mantel, dann rutsche ich ihm gegenüber auf den freien Platz - auf den einzigen freien Platz. Es ist schon lange her, dass dieser Tisch von drei Stühlen umrahmt wurde. Auch wenn ich gehofft hatte, dass ich mich eines Tages daran gewöhnen würde, schmerzt der leere Fleck am Kopf des Tisches jeden Abend. "Ich wollte früher da sein, aber ich hatte merkwürdige Kundschaft."
Als wäre er nicht bereits die vergangene halbe Stunde komplett angespannt gewesen, streckt Luan den Rücken durch und mustert mich aufmerksam. Der unter meinem Ärmel versteckte blaue Fleck, dort, wo mich das junge Mädchen grob gepackt hatte, brennt heiß auf meiner Haut, doch er kann ihn unmöglich sehen. Es verlangt mir alle Mühe ab, nicht nervös am Saum zu zupfen und mich zu verraten.
"Merkwürdig?" Er schöpft mir eine Portion lauwarmer Suppe in die Schüssel. "Was meinst du damit?"
Bei jedem anderen würde ich diese Frage mit einem Schulterzucken abtun, aber nicht bei Luan. Er fragt nicht nur aus reiner Höflichkeit, sondern weil es ihn wirklich interessiert. Weil er wissen will, was ich heute erlebt habe, obwohl er sich meistens dieselbe Leier anhören darf. Ach, nichts Besonderes, ein paar gehetzte Männer hier, ein paar neugierige Frauen da. Diesen Satz kann ich heute nicht abspulen. Nicht, nachdem ich sämtliche Gassen rund um Phantasia nach dem Mädchen abgesucht hatte - offensichtlich ergebnislos, sonst wären mir die beiden Begegnungen keine Rätsel mehr.
"Da war ein Mädchen, völlig aufgelöst und verletzt."
Dass sie durch das Fenster einstieg, lasse ich bewusst außen vor. Luan braucht sich nicht noch mehr Sorgen machen als ohnehin schon. Zumal ich selbst noch nicht weiß, wie ich Marvin von der eingeschlagenen Scheibe berichten soll. Das provisorisch befestigte Stück Leder am Fenster muss genügen, um die Buchhandlung bis in die Morgenstunden vor der Kälte und dem Sturm zu schützen, der sich in schweren Wolken über dem Meer zusammenbraut und den Schnee in den Gassen aufwirbelt. Bis zu meiner morgigen Schicht habe ich hoffentlich eine bessere Antwort parat, als von einem barfüßigen Mädchen und einem Magier, der es auf sie abgesehen hatte, erzählen zu müssen. Denn Magier treiben sich weniger hier herum, nicht im nordwestlichen Teil Sonelems, so weit weg von der Hauptstadt Sonelis. Vermutlich war er der Erste seiner Art, der jemals Fuß in unser kleines Hafenstädtchen gesetzt hat. Und ich habe ihm seinen Dienst erschwert, indem ich dreist gelogen habe. Nein, streng genommen habe ich nicht gelogen. Ich habe ihm einfach nicht die Wahrheit gesagt und geschwiegen.
"Wieso verletzt?" Luans meerblaue Augen treffen über den Löffel hinweg auf mich.
"Sie war auf der Flucht." Vor einem Magier. Einem Mann, der sich für die Sicherheit Sonelems einsetzt. Einem Mann, dem man schon allein wegen des Löwens in seinem Schwert immer aufrichtig antworten muss. Nervös beiße ich mir auf die Unterlippe. "Kurz nach ihr kam ein Magier. Er war auf der Suche nach ihr. Ich habe ihm nicht die Wahrheit gesagt." Erst jetzt spüre ich das Gewicht meiner Taten schwer auf mir ruhen. "Ich habe einen Fehler gemacht."
Luan lässt den Löffel sinken. Tadel wäre wohl die einzig vernünftige Reaktion, aber das ist nicht mein Bruder. Er weiß, welches Gewissen mich jetzt von innen zerfrisst. Wenn uns die letzten Jahre eines gelernt haben, dann dass wir an einem Strang ziehen. Wir sind nicht mehr das junge Geschwisterpaar, das sich ärgert. Einen Tag liebt, nur um sich am nächsten zu hassen. Dieses kindische Verhalten hat einer bitteren Realität Platz gemacht und uns zu zwei Menschen geformt, die einander den Rücken stärken, so bescheuert die Entscheidung des Anderen auch sein mag.
"Du hattest sicherlich einen guten Grund, nicht ehrlich zu sein."
"Es hat sich in diesem Moment einfach richtig angefühlt", gestehe ich kleinlaut.
"Dann war es auch richtig, Lia." Er greift nach meiner Hand und drückt sie zuversichtlich. "Nur, weil man etwas tun sollte, bedeutet das nicht auch gleichzeitig, dass es richtig ist. Manchmal ist das Herz wichtiger als der Verstand."
Wenn mich der Satz aufmuntern sollte, so entfacht er nicht seine Wirkung. Ich ziehe meine Hand zurück, drehe nervös die Perlen meines Armbandes zwischen meinen Fingern. Mir entgeht nicht, dass Luan meine Körpersprache studiert.
"Lia, mach dir keinen Kopf. Was soll schon passieren?"
Zu viel. Der Magier wird einen wichtigen Grund gehabt haben, um das Mädchen zu verfolgen. Vielleicht ist sie eine Betrügerin oder Spionin, vielleicht eine noch schwerwiegendere Bedrohung. Warum zum Henker habe ich nicht gehandelt, wie es ein jeder getan hätte?
"Ich muss den Vorfall melden."
Hastig springe ich vom Stuhl auf, habe meinen Entschluss gefasst. Ich werde meinen Fehler korrigieren, besser sofort als morgen in der Frühe. Oder nie.
Luan folgt meiner Bewegung, doch im Vergleich zu mir zeichnet ihn Ruhe und Kontrolle. "Setz dich hin."
"Nein, ich muss das wieder gutmachen."
"Keine Widerrede, Talia. Setz dich hin."
Luan nutzt meinen ganzen Namen so gut wie nie - nur dann, wenn ich seine Nerven strapaziere und mich ihm strikt widersetze. Doch selbst jetzt gehorche ich nicht. Es wird mir keine Ruhe lassen, mich meinen Schlaf kosten und jeden Gedanken belagern.
"Ich flitze nur schnell zum Rathaus und-"
"Um diese Uhrzeit gehst du nirgendwo hin", bestimmt Luan, derweil ich nach meinem Umhang greife.
"Du verstehst nicht. Ich muss das melden."
Der unerklärliche, explosive Schmerz in meinem Körper, der nach ihr suchende Magier - das Mädchen bedeutet Chaos. Wozu sie noch in der Lage ist, wenn sie mich mit einer kurzen Berührung außer Gefecht setzte, male ich mir gar nicht erst aus.
"Lia, ich spreche diese Worte nur ungern aus, aber ich verbiete es dir."
Wut brodelt tief in mir. Ich spüre sie durch meine Adern sickern, versuche sie zurückzuhalten, aber es gelingt mir nicht. Luan mag das Sagen haben, dennoch bin ich alt genug, um für meine Fehler einstehen zu können. Nur weil er die Gassen kurz vor Mitternacht wegen der Durchreisenden nicht für sicher erklärt, werde ich mich nicht aufhalten lassen.
"Das kannst du nicht."
"Und wie ich das kann!" Luans Kopf wird rot, wie immer, wenn er gereizt ist. "Wir werden den Stadtherrn sicherlich nicht aus dem Bett reißen, nur weil ein Magier in der Buchhandlung war!"
Natürlich sollten wir als Waisen nicht in seine Ungnade fallen, wenn es der Stadtherr persönlich war, der hin und wieder ein Auge zudrückte, als unser Lohn gerade für das Brot auf dem Tisch ausreichte. Wir haben ihm viel zu verdanken - genau deswegen sollte ich meinen Fehler ausbaden.
"Es geht nicht um ihn, es geht um sie." Fassungslos hebe ich die Hände in die Höhe. "Verdammt, Luan, was, wenn sie Meral in die Luft jagt?"
"Sie ist doch nur ein Mädchen."
Eifrig schüttele ich den Kopf. Das ist das Problem. Sie ist nicht nur ein Mädchen. "Sie ist eine Magierin."
"Zwei an einem Tag in Meral? Komm schon, Lia, das kann nicht stimmen."
Frustriert beiße ich mir in die Innenseite der Wange, in meinen Fingerspitzen kitzelt die Wut über sein Unverständnis. Wenn mir nicht einmal mein Bruder glaubt, wie sollte es dann der Stadtherr? "Ich lüge nicht! Sie-"
Ich verstumme augenblicklich, kaum erschüttert ein Knall das Haus. Würde Luan mich nicht mit weit aufgerissenen Augen anstarren, hätte ich geglaubt, dass dieser Knall nur eine Warnung in meinem Kopf an mich selbst ist, dass die Situation gespannt ist wie schon Jahre nicht mehr. Dann sehe ich das warme Licht der Flammen an der Wand hinter Luan tanzen.
Ehe ich weiß, wie mir geschieht, packt er mich am Arm und reißt mich zur Seite, weg von dem Feuer, das gierig auf dem Boden lodert und die Holzdielen im Nu verzehrt. Dort, wo ich soeben noch stand, reichen Flammen bis zur Decke und versperren uns den Weg zur Türe.
"Hier!", ruft mir Luan über das Knistern der Flammen hinweg zu. Mehrere Krüge schieben sich in mein Sichtfeld. Ich zögere nicht lange, kippe den Wasserschwall über die Flammen und bemerke am Rande, wie Luan auf das Bad deutet.
"Nein", höre ich mich krächzen, der Qualm sticht mir messerscharf in die Lunge. Vor dem Bad zucken wild Flammen hin und her, scheinen geradezu auf ein Opfer zu warten. "Das ist zu gefährlich!"
Entweder er hört mich nicht, oder er will mich nicht hören, denn im nächsten Moment taucht er im Qualm unter und ist gänzlich aus meinem Sichtfeld verschwunden.
"Nein!"
Meine Brust zieht sich zusammen, raubt mir zum zweiten Mal an diesem Tag die Fähigkeit zu atmen. Nicht Luan. Ich kann nicht auch noch ihn verlieren.
"Luan!"
Mein Schrei hört sich so verzweifelt an, wie ich mich fühle. Da sind nur hungrige Flammen, beißender Rauch und tödliche Hitze. Ich zwinge meine Beine zur Bewegung, auch wenn mir der Qualm sämtliche Sinne vernebelt. Meine Lunge lechzt nach klarer Luft, meine Gliedmaßen verlieren an Kraft. Ich kralle mich an der Wand fest, schreite ohne Angst vor den Schmerzen durch eine Flamme hindurch, da zischt das Feuer direkt vor dem Bad. Immer wieder, bis das Wasser die Oberhand gewinnt und binnen weniger Sekunden aus dem Flammenfeld einen stickigen Nebel macht. Erleichtert atme ich auf. Es ist vorbei.
Ich stürze zur Türe und lasse frische Luft herein. Mehrmals ringt Luan rasselnd um Atem, als er auf mich zu wankt und mich in eine feste Umarmung zieht. Ich weiß nicht, wer von uns mehr Halt in dieser vertrauten Berührung sucht.
"Alles in Ordnung bei dir, Lia?"
Ich nicke, da der Husten meine Worte abwürgt, und tippe auf seine Schulter. Er versteht mich trotzdem.
"Bei mir auch", erwidert er. "Keine Verbrennungen, so wie es aussieht. Glück im Unglück."
Über seine Schulter hinweg starre ich auf die verkohlten Holzdielen um uns herum. Das Feuer mag gelöscht sein, doch das Gewirr in mir ist dafür präsenter denn je. Erst recht, als ich mich von Luan löse, um einen Blick auf meine Waden zu werfen, die von Verbrennungen geplagt werden müssten, aber lediglich heile Haut aufweisen. Ich runzele die Stirn, während Luan ausspricht, was wir beide denken.
"Was zur Hölle war denn das?"
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