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Ein lautes Klirren lässt mich kerzengerade auffahren. Der Roman, in den ich vollkommen vertieft war, rutscht mir vor Schreck aus der Hand und landet dumpf auf dem Boden. Seufzend hieve ich den Wälzer zurück in meinen Schoß und überlege zugleich fieberhaft, was das Geräusch verursacht haben könnte. In einer Buchhandlung klirrt nichts - die einzigen Geräusche sind umkippende Bücher, summende Kunden oder das metallische Klimpern der Münzen auf dem mittlerweile verkratzten Tresen. Obwohl ich es liebend gerne als Halluzination abstempeln würde, kann ich es nicht, denn da ist es schon wieder - und dieses Mal folgt dem Klirren ein erschreckend vulgäres Fluchen.
"Fuck, fuck, fuck."

Ich schnappe mir den Wälzer und presse ihn mir gegen die Brust, wohl wissend, dass mich sein Gewicht letztendlich auch nicht retten kann. In Verteidigung habe ich keinerlei Erfahrung. Zugegeben, ich wäre auch jede Wette eingegangen, dass niemals hier eingebrochen werden würde. Es ist doch nur eine kleine, gemütliche Buchhandlung in den schmalen Gassen Merals - die paar Taler in der Kasse sind den Aufwand allemal nicht wert.

Da kenne ich ergiebigere Orte, aber einem Einbrecher Ratschläge zu geben, ist nicht meine Aufgabe. Ich werde nur dafür bezahlt, Kunden zu beraten und Phantasia in dem Zustand zu verlassen, in dem ich die Buchhandlung antraf. Offensichtlich scheitere ich daran heute kläglich. Marvin wird hocherfreut sein - wie soll ich ihm das erklären? Wie hoch ist schon die Wahrscheinlichkeit, dass jemand durch ein Seitenfenster einsteigt? Er wird mir nie und nimmer glauben.

Ich traue meinen Augen ja selbst nicht. Am liebsten hätte ich mir in den Arm gekniffen, um sicherzugehen, dass meine Sinne mir keinen Streich spielen. In der Nebenkammer, wo Marvin neue Bücher in Lederumschläge einbindet und die Buchhaltung erledigt, kauert ein junges Mädchen in der Ecke und krallt sich an der Tischkante fest.

Kaum betrete ich den Raum, liegen ihre dunklen Augen auf mir. Sie ist klein, zierlich, beinahe abgemagert. Das pechschwarze Haar fällt in spröden Strähnen auf ihre knochigen Schultern, welche von einem ausgefransten Kleid bedeckt werden. Barfuß tapst sie von einem Bein auf das andere und versucht wohl herauszufinden, in welcher Fußsohle weniger Glasscherben stecken. So wenig ich auch meine Vorsicht beiseite legen möchte, wirkt sie nicht wie eine Gefahr, sondern viel mehr als würde sie vor dieser fliehen.

"Wir haben auch eine Tür", versuche ich die Stimmung zu lockern und weise auf die Splitter vor ihren Zehen. Sie öffnet den Mund, doch welche schnippische Antwort ihr auch auf der Zunge liegen mag, sie schluckt sie hinab, sobald ich den Roman auf den Tisch lege und ihr zu verstehen gebe, dass sie vor mir nichts zu befürchten hat. Wer jedoch jagt ihr eine solche Angst ein, dass ihr Blick immer wieder durch die eingeschlagene Scheibe auf die Gasse zuckt? Außer dem sanften Schneefall treibt dort niemand sein Unwesen. Zumindest niemand, den man sehen könnte.

"Bitte, setz dich", fahre ich fort. "Du bist verletzt. Ich kann eine Pinzette holen-"
"Fuck, nein." Sie wippt auf ihren Füßen vor und zurück, als überlege sie, wie weit sie es mit den Schmerzen schaffe. "Er ist gleich da, verdammte Scheiße."

Also flieht sie doch vor jemanden. Vielleicht sollte ich auch Angst bekommen, jetzt, da sie hier ist und mich möglicherweise in ihre Misere zieht, aber das Adrenalin in mir verbietet mir jegliche Angst. Ich muss ihr helfen - nur wie? Der Roman zwischen uns wird uns vor keinem Mann beschützen. In meiner Manteltasche hingegen führe ich stets ein Taschenmesser mit mir. Luan hatte es mir geschenkt, nachdem mich ein betrunkener Mann eines Abends verfolgte und sich erst verzogen hatte, nachdem Luan aus dem Haus gestürmt kam. Bis jetzt war es ein nettes Accessoire gewesen, immer bei mir, aber noch nie in Gebrauch. Ich hoffe, dass sich das nicht ändern muss.

"Warte einen Moment. Ich hole-"
"Ich habe keinen Moment."
Sie greift über den Tisch nach mir. Im ersten Moment denke ich, dass sie mich davon abhalten will, sie alleine zu lassen, doch dann zieht mir ein gleißender Schmerz durch meine Adern. Von meinem Arm, dort, wo sie mich berührt, mitten durch meine Brust bis in die letzte Zelle meines Körpers.

Ich schreie auf, stütze mich am Tisch ab, sodass ich nicht geradewegs vornüber kippe, als meine Beine drohen unter mir nachzugeben. Die Wucht des Stechens treibt mir Tränen in die Augen, trübt mir die Sicht auf sie. Ich will nur, dass es aufhört, dass ich wieder normal atmen kann, normal sehen kann.

So schnell der Schmerz kam, so schnell ist er wieder weg. Schlagartig. Als wäre er nie da gewesen. Schwer atmend lehne ich mich gegen den Tisch und will sie fragen, was das eben war, doch der Platz ist leer.
Was zur Hölle?

Ich hechte nach vorne, schaue durch die Überreste der Scheibe auf die Gasse, doch außer einem älteren Herren, der sich auf seinen Gehstock stützt, ist sie verlassen. Dann ertönt das helle Glockenläuten über der Türe. Natürlich - ich habe sie ja daran erinnert, dass es auch diesen Weg gibt.

Ich sprinte aus der Kammer, an einem dicht befüllten Regal vorbei und bremse scharf ab. Entgegen meiner Erwartungen passe ich nicht das Mädchen ab, sondern einen jungen Mann, möglicherweise zwei, vielleicht auch drei Jahre älter als ich. Unweigerlich muss ich den Kopf in den Nacken legen, denn er ist groß. Ich lasse meinen Blick von den zu erahnenden Muskeln unter seinem Shirt, über die markanten Züge seines Gesichts bis hinauf zu seinen Augen schweifen. Mir stockt der Atem, als sich unsere Blicke treffen. Auch wenn er vor Kontrolle und Beherrschung strotzt, tobt in seinen bernsteinfarbenen Iriden etwas Wildes, das im Kontrast zu seinen dunkelbraunen, zerzausten Haaren noch deutlicher hervortritt. Sofort frage ich mich, was er hinter diesen atemberaubend schönen Augen versteckt. Und warum zum Henker mein Puls bei seinem Anblick in noch nie erkundete Höhen katapultiert wird.

Schleunigst schiebe ich es auf den Löwen, der im Griff des Schwertes prangt, das er auf seinem Rücken trägt. Es ist das Zeichen des Königs, um aller Welt zu verkünden, wer mir gerade gegenüber steht - ein Magier, der über meine stürmische Dynamik amüsiert den Kopf schief legt und einen Mundwinkel in die Höhe zieht. Das hilft wirklich nicht, meine Gedanken wieder zu sortieren.

"Auch wenn du gerade vermutlich auf dem Weg zu dem Wir-haben geschlossen-Schild warst, bitte ich um drei Minuten deiner Zeit."
Mein Blick schweift zur Uhr neben der Türe, heilfroh, meinen Verstand daran zu erinnern, dass man nicht starren sollte, nur, weil jemand so ansehnlich ist. Warum bringt er mich so aus der Spur?

"Um genau zu sein, sind es sogar vier Minuten." Ich trete zur Seite, um ihm den Weg zu den Regalen frei zu machen. Vier Minuten, dann werde ich mich auf die Suche nach dem Mädchen machen können. Ein leiser Gedanke flackert in mir auf - was, wenn sie vor diesem Mann geflohen ist? Vor einem Diener unseres Landes? Ich schiebe den Gedanken beiseite und mache eine einladende Bewegung zu den Regalen. Er will gewiss nur eine unterhaltsame Lektüre nach einem anstrengenden Tag. "Bitte."

Für einen Moment starrt er mich an, öffnet den Mund und schließt ihn so schnell wieder, dass ich mir diese Mischung aus Verwirrung und Überraschung in seinen Augen eingebildet haben muss.
"Ich brauche kein Buch."
Fragend runzele ich die Stirn. "Dann kann ich vermutlich nicht helfen."

Er verengt die Augen, als ob es etwas an mir gäbe, das furchtbar komisch ist. Das ihn regelrecht sprachlos macht. Das ihm noch mehr Fragen bereitet, als er bereits hatte. Offensichtlich weiß er plötzlich genauso wenig mit mir anzufangen, wie ich mit ihm - dabei sollte er es wohl gewohnt sein, dass seine Anwesenheit anderen die Sprache verschlägt. Aus mehr als nur dem Grund, dass er ein Magier ist.

"Das hier ist immerhin eine Buchhandlung", ergänze ich und hoffe, dass ihm das seine Fragen klärt. Warum aber liegen seine Augen unentwegt auf mir und wandern nicht für einen Bruchteil der Sekunde auf die Regale um uns herum? Am liebsten hätte ich mich seinem Blick entrissen, doch auch ich kann es nicht. Bringe es nicht über mich. Als könnte er mit seiner Magie meinen Willen lenken und der Herr über meinen Körper werden.
"Ist heute zufällig ein junges Mädchen vorbeigekommen?" Er hebt die Hand bis knapp unter seine Brust. "Etwa so groß, schwarze Haare?"

Mit dunkelbraunen Augen, blasser Haut und zerrissenen Klamotten? Ja, genau die war vor wenigen Minuten noch hier. Somit war das Mädchen tatsächlich auf der Flucht. Vor ihm.
Auch wenn es sämtliche Gesetze Sonelems verbieten, einem Magier des Königs Hilfe zu verwehren oder ihn gar anzulügen, bringe ich es nicht über mich, ihm das Mädchen auszuliefern. Weil da ein mulmiges Gefühl in meinem Bauch rumort. Weil mein Herz bei der Erinnerung an ihre Verzweiflung schwach wird.

Also schüttele ich entschlossen den Kopf und erwidere seinen forschenden Blick. Für einen winzigen Moment schweift er an mir vorbei, nagt sich an einem bestimmten Punkt über meiner Schulter fest und ich könnte wetten, dass er nicht versucht etwas zu sehen, sondern zu hören. Doch das Geschäft ist leer, nur unser Atem und mein rasender Puls erfüllen das Schweigen. Schließlich kehrt sein Blick wieder zu mir zurück, zentriert sämtliche Aufmerksamkeit wieder direkt auf mich und scheint mich bis auf meine Seele zu durchleuchten. Und für einen Bruchteil einer Sekunde fasziniert mich der Gedanke, dass es mir nicht einmal Angst bereiten würde, solange auch in seinen Augen tiefere Welten verborgen liegen.

"Danke trotzdem."
Er untermalt seine Worte mit einem kurzen Nicken. Dann fällt die Tür sanft hinter ihm zu, als er mit der einsetzenden Dämmerung verschmilzt.

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