• 18 •
"Jetzt wäre der perfekte Zeitpunkt, um mir die restliche Wegbeschreibung zu geben."
"Für den Fall, dass ich darin sterbe?"
Über die Schulter wirft mir Ash einen scharfen Blick zu. "Das wird nicht passieren."
Es sollte mich wohl skeptischer stimmen, dass er mir mehrmals das Angebot unterbreitete, alleine den Palast zu betreten. Er weiß, was dort auf uns wartet. Noch eher, was uns dort drohen kann. Zumal mir dieses dort bereits schon jetzt bedrohlicher erscheint als ich angenommen hatte. Die Nacht wirft tiefe Schatten auf die Steinmauern. Dutzende Türme ragen wie spitze Schwerter in die Höhe, die beleuchteten Fenster wirken wie feindselig dreinblickende Augen und die Skulptur des Löwen in der Zufahrt gleicht im Mondlicht einem Monster mit hautzerfetzenden Krallen.
"Du hörst dich überzeugt an", merke ich an. Mir hingegen wird schlecht vor Nervosität: der Palast ist um ein Vielfaches kolossaler als ich mir ausgemalt hatte. Zugegeben, ich hatte aber auch gedacht, dass sich verschnörkelte Kutschen vor dem Tor aufreihen, nicht schwer bewaffnete Wachen. Dieser Ort scheint jedoch weniger das Zuhause der Königsfamilie zu sein - Ash meinte, sie wohnen an einem anderen Hof und kehren nur für Staatsempfänge und unvermeidbare Dringlichkeiten hierher - , vielmehr ein prachtvolles Gefängnis.
"Ich werde mich auch nicht vom Gegenteil überzeugen lassen."
Ash beäugt meine leuchtenden Finger, ehe er einen Dolch hervorzieht.
"Was wird das?", frage ich misstrauisch. Hat er sich es nun doch anders überlegt und foltert mich, bis ich ihm den ganzen Weg zu den Akten verrate?
"Eine kleine Lektion." Ehe ich blinzeln kann, steht er hinter mir. Aus Reflex würde ich nur allzu gerne ausweichen, weg von dem Dolch, den er mir quer durch den Schädel bohren könnte, doch ich zwinge mich dazu, an Ort und Stelle zu bleiben. Seine Waffen trägt er fortlaufend bei sich - warum sollte er es so lange hinauszögern? "Darf ich?"
Seine Hand wartet ruhig neben meiner, nur der Dolch trennt sie voneinander. Ich nicke, unsicher, ob ich meiner Stimme genug vertraue, Worte zu formulieren. Erst nach meiner Zustimmung legt er meine Hand um den Dolch und bedeckt meine mit seiner, bis kein Leuchten mehr zu sehen ist. Es verwundert mich, wie behutsam er mit mir umgeht. Da ist nichts mehr von dem Mann, der mit einem grausamen Hieb Köpfe rollen lässt. Es wirkt vielmehr als fürchte er, er könne mit der kleinsten Berührung meine Finger zerbrechen.
"Falls deine Magie versagen sollte, ziele tief. Wer fällt, verliert. Und du wirst nicht verlieren."
Er führt unsere Hände durch die Luft, nicht in seinem übermenschlichen Tempo, dafür aber zielgerichtet.
"Warum nicht auf den Hals?", frage ich und packe den Dolch fester, um sein Gewicht besser abschätzen zu können.
"Oftmals bleibt nur Zeit für einen Angriff. Ein Stich in den Hals ist zwar tödlicher, aber dafür schwerer zu erreichen."
Wenn ich also nur einen Versuch habe, sollte ich treffen. Ich wende den Kopf und suche mit meinen Augen nach seinen.
"Und dann?"
"Dann läufst du." Ich hingegen werde mir den Hals vorknöpfen. Die unausgesprochenen Worte schweben in der Luft und versetzen mich in solch eine Panik, dass ich seine Hand von mir schüttele, nach vorne weiche und zu ihm herumwirbele. Der frische Nachtwind erinnert mich vorwurfsvoll daran, dass mir ein Henker gerade ganz schön nahe war - und es hat mich nicht einmal gestört. Dabei klebt an diesen starken Händen Blut. Wie viele Magier haben wegen ihm ihre Freiheit einbüßen müssen? Wie viele unschuldige Menschen hat er gequält? Wie viele Familien hat er zerrissen und für ein Leben lang geprägt? "Ein Schlag, dann weg. Lass dich nicht in einen Kampf verwickeln. Gegen erfahrene Krieger hast du keine Chance. Dafür kannst du deine Größe zum Vorteil nutzen und leichter abtauchen."
Gejagt von meinen Gedanken nicke ich nur wortlos. Es ist mir egal, dass ich es mir zum ersten Mal zum Vorteil nutzen kann, immer nur von oben herab beachtet zu werden. Ich lasse mir Tipps von einem kaltblütigen Mörder geben - das schockiert mich eher.
"Ich kann dir deine Gedanken vom Gesicht ablesen, Talia."
"Dann sag mir einfach, warum du mich nicht folterst, bis ich dir den Weg zum Archiv gebe, und du mich anschließend entsorgst wie du vermutlich tausend Andere beseitigt hast?"
Ich verstaue den Dolch, weil ich bessere Chancen habe, ihm ohne Waffen entgegenzutreten, die er mir im Handumdrehen entwenden könnte. Dabei hat er das nicht vor, sondern lässt seinen Blick über die Ebene schweifen. Obwohl ich Krax in der Schwärze der Nacht nicht entdecken kann, weiß ich, dass er seine Kreise über dem Palast dreht.
"Ich erkläre es dir, aber nicht jetzt."
Ich schnaube. "Nachdem du mich in deine Reihe an Todes-Trophäen eingereiht hast, nicht wahr?"
Darauf erwidert er nichts und das regt mich am meisten auf: dieses eifrige Hüten von Geheimnissen. Wohin mich das mit Ren gebracht hat, weiß ich. Perfekte Bedingungen dafür, einen riskanten Einbruch in den Palast zu starten, wenn ich Ash genauso wenig vertrauen kann.
"Bringen wir es einfach hinter uns. Je schneller wir wieder getrennte Wege gehen, umso besser", zische ich.
In vielerlei Hinsicht: wenn meine Zunge ihn weiterhin provoziert, hat er früher oder später genug von mir und verscharrt meinen leblosen Körper im Boden. Aber vor allem bekomme ich meinen Puls wieder unter Kontrolle, der völlig aus der Bahn gerät, wenn Ash mir nur einen Schritt näher kommt. Oder mich einen Moment länger betrachtet. Oder dieses arrogante, aber doch verflucht umwerfende Lächeln auf seinen Lippen trägt. Sein Körper ist fernab seiner Magie eine tödliche Waffe und es scheint mir, als wisse er genau, was er damit bewirken kann.
Als hätte er meine Gedanken belauscht, hebt er das Shirt an und entblößt sich im Mondlicht abhebende Muskeln und einen weiteren Dolch im Bund seiner Hose. Mit einer gezielten Bewegung schneidet er sich quer über die Handfläche, bis das Blut hervorquillt.
"Falscher Arm, wenn ich Ziel dieses Mordversuches bin", bemerke ich.
Ash kneift die Augen zu Schlitzen. "Das ist ein Eid."
Erst jetzt registriere ich, dass er mir auffordernd den Dolch entgegenstreckt. Auch wenn mich die Welt der Magie vorher nicht betraf, weiß ich, dass ein Eid mehr ist als ein Versprechen: es ist ein Wort, das nicht gebrochen werden kann, besiegelt durch fließendes Blut.
"Für was?"
"Dass ich dich beschützen werde, so gut ich kann."
Ich ziehe die Augenbrauen zusammen. Selbst wenn er mich um mein Leben bringen wollen würde, er könnte es nicht, auch niemand in seinem Auftrag. Ich wäre vor sämtlichen Angriffen sicher, die er gegen mich plant - warum will ein Henker solch einen Eid ablegen?
"Widerspricht das nicht deiner Natur?"
"Nur weil meine Magie dazu gedacht ist, zu töten, heißt es nicht, dass es mir Vergnügen bereitet, mia calma." Er legt den Kopf schief, mustert mich neugierig. "Und da du Worten nicht mehr glauben kannst, lasse ich Taten sprechen."
In seinen Augen liegt so viel Tiefe, dass ich beinahe in ihnen versunken wäre. Denn da ist ein Detail, das Viele verlernt haben: er hört mir zu. Er hört nicht nur hin, sondern versucht aus unseren Gesprächen zu ergründen, warum ich ihm misstraue. Warum ich Worten nicht glaube. Ohne ihm je über meine Mutter erzählt zu haben, weiß er, dass es für mich Taten sind, die prägen. Mein Oberschenkel kann das unterschreiben.
Statt dem Jucken in meinen Fingern nachzugeben und seine Wunde zu heilen, presse ich die Lippen aufeinander und schneide mir ebenfalls die Haut auf.
"Was hast du davon?"
Als ob ich ihm wahrhaftig etwas bieten könnte.
"Das ist kein zweischneidiges Schwert, Talia. Ich möchte keinen Gewinn daraus ziehen. Es ist nur ein Beweis, dass du mir vertrauen kannst."
Skeptisch ziehe ich eine Augenbraue in die Höhe. "Du wirst mir kein Haar krümmen können."
"Das wäre ohnehin zu schade."
Er umfasst meine Hand mit seiner. Der Schmerz lässt nach, weicht einer süßen Wärme, während mein Blut auf seines stößt. Ash spricht fremde Worte, die einem melodischen Lied gleichen. Die Wärme geht über in gleißendes Licht, dann ist mit einem Mal alles verschwunden - das Licht, die Wärme, der Schnitt. Zurück bleibt nur der Anblick meiner kleinen Hand, die so verletzlich und wehrlos in seiner wirkt.
"War das Aerlin?"
"Ein Zauber, ja." Ash reibt sich über die Kuhle in seiner Hand, doch auch seine Wunde ist verschwunden. "Aber dann hört es auch schon mit Zauberei bei mir auf."
Ren würde es ungemein erleichtern, dass Ash kein wandelndes Grimoire zu sein scheint. Doch ob ich mein neu gewonnenes Wissen mit ihm teilen würde, entscheide ich jetzt noch nicht, denn mit einem hatte er recht: Vertraue niemandem. Erst muss ich abwägen, wer mein Vertrauen eher verdient hat: Ash oder er - oder vermutlich keiner von beiden.
"Wann ist der Eid beendet?"
"Wenn ich sterbe." So viel zu Je schneller wir wieder getrennte Wege gehen, umso besser. Dieser Mann hat sich gerade in meinem Leben verewigt. Das ist eine Schuld, die ich vermutlich niemals abbezahlen kann. "Und nein, Talia, ich möchte nichts dafür, außer dein Versprechen, dass du läufst, wenn ich es dir sage."
Das soll alles sein? Ein Versprechen gegen einen Eid, es sei denn, er hat dem Eid klammheimlich eine weitere Bedingung hinzugefügt?
"Du bist kein guter Geschäftsmann", stelle ich fest und entlocke ihm ein Schmunzeln. "Aber ich verspreche es."
Dankend nickt er, dann schnellt sein Blick nach links. Krax löst sich aus der Finsternis, lässt sich auf Ashs Schulter nieder und zwickt ihm ins Ohr.
"Wir können los."
Wenig später huschen wir von einem Versteck zum nächsten. Obwohl Ash mich weitaus überragt, scheint es ihm leichter zu fallen, mit der Nacht zu verschmelzen. Wie ein Raubtier auf Jagd pirscht er näher und zählt im Schatten von Büschen oder Bäumen die Zeit herunter, bis die Wachen ihren Wechsel vollziehen. Unbemerkt schaffen wir es bis zu einem Eisengitter, das er mit geschickten Bewegungen knackt. Dahinter fällt eine Treppe in völlige Finsternis hinab. Wenn ich meinen Kopf in den Nacken lege, türmen sich dutzende Stockwerke in die Höhe auf, doch wie viel verbirgt sich unterhalb der sichtbaren Steinmauern?
Ash deutet auf die Dornenranken, die nicht nur das Eisengitter verzieren, sondern sich in das Innere des Hofes zu schlängeln scheinen.
"Die Dornen sind zwar spitz, aber pass auf den Rest auf. Die Ranken verätzen dir in wenigen Sekunden die ganze Haut."
Kein Wunder, dass sie eine trügerische Sicherheit in der Finsternis bieten, die mit jedem Schritt drückender wird. Nur zu gerne würde ich danach greifen, um einen möglichen Sturz zu dämpfen, doch ich kämpfe meinen Drang hinab und folge ihm bedacht in den Gang, belagert von modrigem Geruch. Umkehren ist keine Option, selbst nicht jetzt, als mein Herz so furchtbar laut pocht, dass ich es fast mit dem Donnern verwechselt hätte, das in der Ferne grollt.
Mit jedem Schritt weiter hinab sinkt auch die Temperatur, so sehr, dass ich schon bald meinen warmen Umhang vermisse.
"Wie in Meral", flüstere ich, weil ich nicht weiß, ob nicht jedes Wort mich gleich verrät.
"Das ist es auch. Sie unterteilen fünf Trakte", höre ich Ash sagen, irgendwo knapp vor mir. Sehen kann ich ihn schon lange nicht mehr, doch wenn die Stufen um eine Ecke führen, greift er nach meinem Unterarm und leitet mich mühelos durch die Finsternis. Offensichtlich ist er diesen Weg schon mehrmals gegangen - oder seine Augen nehmen etwas wahr, was mir verwehrt bleibt. "Jeder steht für einen anderen Teil Sonelems. Jeweils einen Trakt für jede Himmelsrichtung und einen weiteren für das Zentrum. Wir sind gerade im Norden. Üblicherweise bringen sie hier die Magier unter, die im Süden aufgewachsen sind."
"Weil sie die Kälte nicht ausstehen können?" Wenn ich bloß an die sengende Hitze des Südens denke, wird mir schwindelig. Vermutlich würde mein Kreislauf kollabieren, weil er diese Temperaturen nicht aushält. "Das ist diabolisch."
"Das ist noch harmlos im Vergleich zu ihren anderen Maßnahmen, wenn auch eine Folter, die man Tag und Nacht verkraften muss."
"Es bleibt aber wohl nicht bei den Temperaturen, oder?"
Er bleibt abrupt stehen, dann sehe ich es auch: die Grotte, umzingelt von Fackeln.
"Nein. Sie bedienen sich mehrerer Gefahren, die es in jeder Region gibt." Auch wenn ich glaube, dass das Wasser nicht tief sein kann, so wirkt es, als könne es mich geradezu mit seinen Abgründen verschlingen. "Alles, um uns zum Sprechen zu bringen."
Kaum entdecke ich die von der Decke baumelnden Ketten, schlucke ich schwer. Werden hier etwa die Magier so lange im eisigen Wasser festgehalten, bis sie mit ihren Geheimnissen herausrücken?
"Kannst du gut schwimmen?"
"Die paar Züge sind kein Problem", stelle ich mit Blick auf den schneebedeckten Weg gegenüber fest. Wer am Meer aufwächst, hat so manch gefährlichen Moment in stürmischen Brandungen hinter sich gebracht.
Ash mustert mich von der Seite. "Das Wasser wird nicht so ruhig bleiben."
Ich erwidere seinen Blick - er spricht aus Erfahrung. Entweder er muss diesen Weg schon unzählige Male überwunden haben, um jede Gefahr zu kennen, oder er wurde hier selbst einer Folter unterzogen, auch wenn er nicht aus dem Süden stammt.
"Ich schaffe das", spreche ich mir selbst Mut zu und schlüpfe aus dem Umhang, um diese Last vorher abzulegen.
Das Wasser heißt mich mit einer tobenden Welle willkommen, kaum habe ich mich vom Rand abgestoßen. Aus dem ruhigen Wasser verwandelt sich im Bruchteil eines Augenblicks ein stürmischer Ozean, der mich mit seinem Strudel völlig aus der Bahn wirft. Die Wellen peitschen mir wie Schläge ins Gesicht und die Kälte belagert meine Haut wie tausende Nadelstiche, während meine Beine gegen einen Sog ankämpfen, der mich gegen die Felswand quetschen möchte. Ich hieve meine Arme aus dem Wasser, versuche in einen gleichmäßigen Rhythmus zu finden, doch die Wellen stürzen von allen Seiten auf mich ein, schwer und unnachgiebig. Eilig tauche ich unter, aber der Sog unter Wasser ist zu stark.
Obwohl ich mit aller Kraft gegen die Strömung arbeite, drängt sie mich gegen die Felsenwand. Mit dem Kopf voran schlage ich dagegen, sehe kurzzeitig nichts. Der Schmerz bleibt aus, vermutlich der Kälte geschuldet. Blindlings klammere ich mich am Gestein fest und gebe mir mit den Beinen den nötigen Antrieb - der Halt ist gut, hält mich über Wasser und erlaubt es mir zu atmen, ohne ertränkt zu werden. Ich hangele mich von einem Vorsprung zum nächsten, kratze mir die Finger blutig, doch die Wellen reisen mich nicht länger in ihren Sog. Suchend blicke ich über die Schulter, aber Ash ist nirgendwo zu sehen. Panisch stemme ich mich höher, will einen besseren Überblick bekommen, doch die Felsen sind zu rutschig.
Ehe ich mich versehe, stürze ich zurück in das Wellenmeer und wäre geradewegs erneut gegen die Wand gedonnert, wenn sich nicht ein starker Arm um meine Taille legen würde. Die Flut presst mich gegen seinen Körper, so hemmungslos, dass ich sämtliche seiner Muskeln angespannt spüre. Dennoch lässt Ash mich erst los, als ich wieder Halt gefunden habe.
Weitaus vorsichtiger arbeite ich mich an der Wand entlang und löse mich nur für den letzten Zug zum Ufer von ihr. Erleichtert grabe ich meine Finger in den Untergrund, doch der Schnee bröckelt - das kann doch nicht wahr sein. Ich gebe mir mit meinen Beinen den notwendigen Ruck, stemme die Ellbogen in den Schnee und stütze mich mit dem Oberkörper auf dem rettenden Boden ab. Ash folgt meinem Beispiel, doch er packt mich und rollt uns zur Seite, genau dann, als mehrere Eiszapfen von der Decke rieseln und den Fleck durchlöchern, an dem ich eben noch lag.
Atemlos lasse ich meinen Kopf in den Schnee sacken, derweil mein Körper unter seinem zittert. Ich kann nicht einmal bestimmen, ob es an der Kälte oder dem Schock liegt. Unser schneller Atem erfüllt die Höhle, während sich Perlen aus seinen Haaren lösen und auf meine Stirn tropfen. Auf seiner hingegen glänzt frisches Blut - da hat es wohl nicht nur mich gegen den Felsen geschleudert.
"Du musst deinen Eid doch schon bitter bereuen", bringe ich hervor. Meine leuchtende Hand bahnt sich von selbst den Weg zu seiner Stirn, um die Wunde zu heilen, aber er fängt sie noch in der Luft ab.
"Spar dir deine Kräfte, mia calma." Mühelos zieht er mich in die Höhe. "Erst recht, da deine Magie nicht nach den normalen Gesetzen spielt."
Krax wartet auf einem Felsen und döst bereits, den Kopf eingezogen - ich hätte mich auch über einen deutlich trockeneren Weg gefreut, dann würde ich nicht jetzt in der durchtränkten Kleidung frieren. Aber das Feuer werde ich nicht dafür heraufbeschwören - am Ende verbrenne ich uns bei lebendigem Leibe.
Ich wringe mir die Haare aus und folge Ash, derweil Krax wieder auf seiner Schulter Platz nimmt. Die Klamotten kleben nass und kalt an uns wie eine zweite Haut - für mich nicht mehr als ein unangenehmes, aber vertrautes Gefühl.
"Müssen sie auch in dieser Kälte schlafen?"
"Ohne Decke."
Ich reibe mir über die Arme. Wie soll man Schlaf finden, wenn die Zehen kalt sind und der Körper unkontrolliert zittert? Es ist wahrhaftig eine Folter, selbst dann, wenn die Magier gerade nicht in eisiges Wasser getränkt werden.
"In Zellen? Kann man wenigstens mit Anderen sprechen?"
"Um dir das Leid Anderer anzuhören?" Er wendet mir den Kopf zu, so weit er mit Krax auf der Schulter kann. "Sieh es als Luxus an, wenn du ein Zimmer hast. Die Zellen sind für diejenigen, die sich am wenigsten fügen."
Dann wären diese sicherlich mein Stammplatz, nun, da ich gerade waghalsig einem Mann folge, vor dem ich eindringlich gewarnt wurde. Der mich mit seinen blutigen Taten entsetzen sollte. Und doch keimt da ein Hoffnungstrieb in mir, der seinem Eid Glauben schenken möchte. Seiner Geduld mit meinen Fragen. Seinen scheinbar gutmütigen Intentionen. Wer hat die dunklere Vergangenheit: Ash oder Ren? Wer spielt das hinterlistigere Spiel mit mir?
Ash führt uns durch das Labyrinth an Gängen, aber nach eigener Aussage weg von den Zellen und den Räumen, die streng bewacht werden. Die Vorratskammer und Küche liegen im Zentrum, dem Trakt, der Sonelis selbst gewidmet wurde. Es ist das Herzstück des Palastes, dort, wo der König seine Gäste empfängt und sich die Berater an runden Tischen austauschen. Der Ort, an dem Festlichkeiten zelebriert werden und wo sich Magier nicht herumtreiben sollten - und damit der beste Platz für ein verstecktes Archiv. Kein Wunder, dass Ash es somit nicht gefunden hatte, wobei ich stark bezweifele, dass er sich lieber Papieren als seinem Schwert widmet.
Die Dunkelheit und Kälte weicht kleinen Kronleuchtern an den Wänden und geschnitzten Türverzierungen, jedoch müssen wir uns hin und wieder in Nischen verstecken, sobald Wachen durch die Gänge patrouillieren. Ohne Ashs Gehör und Krax, der immer wieder vorausfliegt, wäre ich schon mehreren Männern in die Arme gelaufen, doch wir schaffen es unbemerkt bis in die Vorratskammer.
"Wohin jetzt?"
Ich husche neben Ash her, der einen Dolch in seiner Hand führt, seit wir diesen Trakt betreten haben. An den Wänden sind dutzende Fässer aufeinander gestapelt, und die Regale sind voller Gläser mit exotischen Gewürzen, die ich noch nicht einmal mit meinem Jahresgehalt bezahlen könnte. In der Küche nebenan summt eine Frau eine sanfte Melodie - offensichtlich sind die Vorbereitungen für ein Frühstück bereits im vollen Gange.
"Wir müssen in die Küche. Dort sollte es eine Falltür geben." Ich spähe durch den Spalt der geöffneten Türe in die Küche. Eine ältere Dame rührt mühselig in einem brodelnden Kessel und erfüllt die Räume mit einem süßen Duft nach Vanille und Zimt. Ash lässt den Dolch einmal in der Hand kreisen, macht sich zum Wurf bereit. Eilig greife ich nach seinem Arm. "Bitte nicht. Sie wird doch nur ein Mensch sein."
"Ich hatte nicht vor, sie umzubringen." Er stupst Krax auf seiner Schulter an und besticht ihn mit einem Stück Trockenfleisch, das nach unserem Ausflug ins Wasser nicht mehr ganz so trocken ist. "Lenk sie ab und verschwinde danach von hier."
Hätte Ash seinen Finger nicht zurückgezogen, würde Krax diesen wohl auch noch verschlingen. Dann watschelt der Adler in die Küche, als würden sie eine Sprache sprechen, geradezu auf die Frau zu. Mit seinem Schnabel pickt er Körner vom Boden, völlig unbekümmert, bis die Köchin ihn aus dem Augenwinkel bemerkt.
"Du Mistvieh!"
Warnend schwenkt sie die Schöpfkelle und jagt Krax davon, weg vom Feuer. In ihrer eng gebundenen Schürze hat sie Mühe, ihm hinterherzukommen, dennoch gibt sie nicht auf. Kaum ist sie um eine Ecke, will ich ebenfalls in die Küche huschen, doch Ash versperrt mir den Weg.
"Ich gehe mit", fahre ich ihn gereizt an. Wenn er glaubt, er könne den Rest des Weges alleine gehen, dann muss ich ihn wohl oder übel mein Feuer spüren lassen. Er schüttelt nur den Kopf, gerade, als Krax in die andere Richtung tapst und die Köchin schon völlig aus der Puste hinterhereilt.
"Jetzt." Er stößt die Tür auf. "Sie wird ihn bis zum Tor verfolgen müssen, sonst wird er wieder umdrehen. Wir haben Zeit."
"Du hast ihn gut erzogen."
"Und doch würde er mich für ein Stück Trockenfleisch eintauschen", brummt er und tritt bedacht auf die Holzbalken.
Wenn ich nur ein weniges Bisschen von seinen Sinnen hätte, könnte ich ihm besser helfen, doch so taste ich mich über den Boden, um Unebenheiten zu finden, die ich mit bloßem Auge nicht erkennen kann. Dennoch suchen wir vergeblich. Ash wird zunehmend ungeduldiger. Als er zu mir herumfährt, bin ich mir sicher, dass er mich gleich mit Drohungen oder Anschuldigungen überrollen wird, aber stattdessen kommt nur ein "Gab es noch weitere Hinweise?", über seine Lippen.
Enttäuscht schüttele ich den Kopf. Der Magier hinterließ zwar poetische Wegbeschreibungen in seinem Tagebuch, jedoch hätte ich mich für so sprachgewandt empfunden, um seine Botschaft zu entschlüsseln.
"Er schrieb, dass die Falltür hier ist. Am Ort, den sowohl Damen als auch Herren begehren. Wo Gelüste gestillt werden, egal, um welche Uhrzeit", zitiere ich und ernte einen skeptischen Seitenblick.
"Ich sage es ja nur ungern, mia calma, aber damit ist womöglich nicht die Küche gemeint."
"Liebe geht durch den Magen, dachte ich?"
"Und zwischen die Beine." Auf einmal fühle ich mich wie eine Närrin - da krabbele ich in einer Küche über den Boden, suche selbst unter Schränken nach einer Falltüre, während die ganze Zeit von anderen Bedürfnissen die Rede war. Wenigstens Ash nimmt es mit Gelassenheit, kann sich das Grinsen nicht länger verkneifen und bietet mir seine Hand an. "Komm. Wir sollten weiter."
Unter dem Schrank streift mein kleiner Finger etwas Pelziges, entlockt mir einen Schrei und lässt mich eilig zurückweichen, bis ich gegen einen Topf mit frischen Kräutern stoße. Er wankt bedrohlich und wäre auf mich gekippt, wenn Ash nicht in Windeseile danach greifen würde.
"Tut mir leid", quetsche ich hervor. "Ich dachte, da wäre eine Maus oder-"
"Du hattest recht."
Er neigt den Topf noch ein wenig mehr zur Seite und entblößt einen Griff auf dem Boden. Ich atme erleichtert auf - wir sind fast am Ziel. Und danach dürfen wir den ganzen Weg wieder zurück.
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