• 17 •
Eigentlich wollte ich Ashs Bleibe anzünden, doch da ich nicht sicher bin, ob Luan dort ist, verwerfe ich den Gedanken lieber. Zumal es zu schade um das gepflegte Häuschen wäre, dessen Grundstück direkt an den weitreichenden See anknüpft. Von allen anderen Seiten wird das Haus vom Wald umringt, nur unweit entfernt von Riyak. Ren hatte angedeutet, dass die Aufträge gut bezahlt werden. Da Ash kein Problem hat, Köpfe rollen zu sehen, wundert mich dieses ruhige Fleckchen nicht.
Nervös zupfe ich an der Schnur meines Umhangs und bin froh, dass ich mich für den dünnsten entschieden habe, den ich auffinden konnte. Hier im Zentrum Sonelems weicht der Schnee saftig grünen Wiesen, die trübe Wolkendecke einer lauwarmen Sonne und das Pfeifen des Windes dem Zwitschern der Vögel. Die Natur ist hier selbst im Winter lebendiger als ich es jemals in Meral erlebt habe.
"Hat Lennox es sich anders überlegt?"
Erschrocken zucke ich zusammen, als Ashs Stimme hinter mir erklingt, auch wenn es mich nicht verwundert, dass ich nicht lange unentdeckt geblieben bin. Ich wirbele zu ihm herum und muss die Augen zusammenkneifen, als mich die letzten Sonnenstrahlen des Tages gnadenlos blenden.
"Nein. Ich habe Lennox davon abgehalten. Das ist eine Sache zwischen dir und mir."
Es hat mich reichlich Überredungskünste gekostet, Lennox aus dem ursprünglichen Plan zu werfen. Letztendlich überschattete das Argument, dass Ash sich eh nicht an sein Wort hält, alles und ließ Lennox nachgeben - aber nicht in dem Punkt, mich hierher zu bringen, sonst säße ich noch immer auf einem Pferd irgendwo im schneebedeckten Norden.
Ash tritt vor mich, schirmt das gleißende Licht ab und runzelt die Stirn.
"Wer war das?"
Ich brauche einen Moment, um seinem plötzlichen Themenwechsel folgen zu können. Mein demoliertes Gesicht ist zwar nicht mehr mit Blut verschmiert, dennoch ziehen sich die Schrammen über meine komplette rechte Hälfte, dort, wo ich die Hauswand nicht so liebevoll gestreichelt hatte.
"Muss furchtbar enttäuschend für dich sein, dass nicht du dieses Vergnügen hattest, aber ich habe anscheinend noch mehr Feinde." Ich verschränke die Arme vor der Brust. "Obwohl ich hoffe, dass mir kein Anderer ein Versprechen gibt und es bricht, kaum hat er mir den Rücken zugewandt."
"Warum sollte ich das?"
"Sag du es mir!", fahre ich ihn an und versuche die Wut der letzten Stunden zu unterdrücken, aber ich schaffe es nicht mehr. Nicht, nachdem ich mich darum bemüht hatte, nicht das rachesüchtige Monster zu sehen, von dem mir berichtet wurde, sondern einen Mann, der gegen seine Magie ankämpfen möchte, sie aber alleine nicht bezwingt. "Wo zur Hölle ist mein Bruder?"
Fassungslos öffnet Ash den Mund und schließt ihn wieder - grandioser Schauspieler. Enttäuscht schüttele ich den Kopf.
"Oder sollte ich wohl eher fragen: wo zur Hölle liegt mein Bruder?"
"Wovon sprichst du?", bringt er mühselig hervor.
"Lüg mich nicht an!" Ich muss die Hände zu Fäusten ballen, um sie davon abzuhalten, ihm einen Kinnhaken zu verpassen. "Das ist doch alles nur ein beschissenes Spiel für dich! Ich bin ein Spiel für dich!"
Beinahe gequält verzieht er das Gesicht. "So denkst du über mich?"
"Wie soll ich denn sonst über dich denken?" Selbst durch die Handschuhe spüre ich das Glühen meiner Finger und nehme einen tiefen Atemzug. Dieses Gespräch wird meinen Adern sicherlich nicht dabei helfen, wieder in den Normalzustand zurückzukehren. "Am einen Abend erzählst du mir, dass du dir Luan holst, am nächsten versprichst du mir, dass dem nicht so ist, und dann verschwindet er auf einmal. Wie kann ich denn da nicht glauben, dass du dein Wort gebrochen hast, Ash?"
Die Falte zwischen seinen Augenbrauen wird tiefer, die Entrüstung noch sichtbarer, doch ich fahre fort.
"Was auch immer ich dir getan habe, dass du mich so sehr hasst, es tut mir leid", flüstere ich. Meine Stimme bricht, zerrissen zwischen Verzweiflung, Ohnmacht und Wut. Ich muss mich räuspern, damit ich sie wiederfinde. "Aber Luan hat das nicht verdient."
Ash nickt und lässt seinen Blick über mich hinwegschweifen. Ich habe Angst vor den Worten, die er im Kampf mit sich selbst auf der Zunge formt. Wird er mir gleich sagen, in wie viele Einzelteile er Luan zerlegte?
"Du ahnst nicht, wie weit entfernt du von der Wahrheit bist." Er navigiert seine Augen wieder zu mir, auch wenn es ihm schwer fällt. Vermutlich muss er nicht oft eine Todesnachricht überbringen. "Dafür habe ich keine Ahnung, wer so mit deinem Vertrauen gespielt hat, dass du mir nicht glaubst, obwohl ich dir mein Wort gab. Ich habe Luan nichts getan und ich werde ihm auch nichts tun. Das ist die Wahrheit."
Es ist verhext, wie seine Worte auf mich wirken. Anstatt das Jucken in meinen Händen zu befeuern, wirken sie wie eine Salbe. Am liebsten hätte ich mir den hauchdünnen Stoff von den Fingern gezerrt, jetzt, da ich meine Magie gerade bestens unter Kontrolle zu haben scheine, wären da nicht die leuchtenden Adern. Weniger beunruhigt bin ich jedoch darüber, dass ich mit meiner Vermutung daneben lag. Mich beschleicht die böse Vorahnung, dass mein Angreifer von vergangener Nacht zuvor Luan einen Besuch abgestattet hatte.
"Halten sie auch Menschen im Palast gefangen?"
"Vereinzelt. Wir werden Luan finden, Talia." Perplex öffne ich den Mund. Hat er sich gerade dazu bereit erklärt, meinen Bruder zu suchen? "Auch wenn wir Lennox dabei haben sollten."
Mit seiner Fähigkeit, Illusionen zu kreieren und mit dem Sichtbaren zu spielen, würde uns Lennox sicherlich den Weg ebnen, doch ich habe ihn erst kürzlich aus dem Plan gedrängt.
"Er ist raus, ganz sicher. Ich kann ihn mir nicht hin- und herschieben, wie es gerade passt."
Nicht, nachdem ich Ash vorgeworfen habe, genau das Gleiche mit Luans Leben zu machen.
"Dann brauchen wir ein weiteres Paar Augen." Er macht eine auffordernde Kopfbewegung in den Wald und läuft an mir vorbei. "Komm, ich stelle ihn dir vor."
Unsicher schließe ich zu ihm auf, ehe er zwischen den Bäumen abtauchen kann. "Etwa noch ein dienender Magier, der bereit ist, durch einen Seiteneingang einzubrechen?"
Ich dachte, der Mut sich gegen das System zu stellen, wäre eine Einladung für endlose Qualen. Da Ash nur Kaya zuliebe dient, ist die Gefahr, erwischt zu werden, es offensichtlich wert - aber wie viele von seiner Sorte gibt es noch?
Die Skepsis in meiner Stimme fängt mir einen kurzen Seitenblick ein.
"Ein ... Freund."
"Du hast Freunde?", platzt es aus mir hervor.
Jetzt beobachtet er mich völlig unverhohlen. "Ist das so abwegig?"
"Ich dachte nicht, dass du viel wert auf Gesellschaft legst", gestehe ich. "Wegen deinen Sinnen. Wir müssen dir doch alle furchtbar auf die Nerven gehen, wenn wir schon zu laut atmen."
Ash hält einen Ast zur Seite, der mir den Weg versperrt hätte.
"Er kann nicht sprechen." Ich schlucke meinen Kommentar dazu hinunter, um ihn nicht schon wieder mit meinen Gedanken über ihn zu entrüsten. "Und nein, ich habe ihm nicht die Zunge rausgeschnitten."
"Habe ich auch nicht behauptet", werfe ich ein.
"Aber du hast es gedacht."
Erschrocken mustere ich ihn von der Seite. "Kannst du etwa auch Gedanken lesen?"
Hitze kriecht mir den Hals hinauf, bis ich sie in meinen Wangen spüre. Peinlich genug, dass er weiß, wie sehr ich jedes seiner Worte hinterfrage und ihm brutale Absichten unterstelle, aber wenn er wüsste, wie sehr sich mein Sehvermögen über sein unverschämt gutes Aussehen freut, dann müsste ich mir wohl auf der Stelle ein Grab schaufeln.
Ash zieht belustigt eine Augenbraue in die Höhe. Meine geröteten Wangen entgehen ihm natürlich nicht.
"Deine unanständigen Gedanken gehören ganz dir, mia calma." Auf einer Lichtung bleibt er stehen und wendet sich mir direkt zu. Das glühende Rot der Dämmerung brennt feurig in seinen Iriden. "Dafür gehört die Sprache deines Körpers ganz mir."
Ich weiche seinem Blick aus und schlucke schwer. Bei allen Göttern, wieso kann ich auch kein Stückchen Ruhe bewahren?
"Dein Freund treibt sich also im Wald herum?", wechsele ich schleunigst das Thema, bevor mein Puls einen Sprint hinlegen kann.
"Nur, um seine Beute zu erlegen."
Er stößt einen scharfen Pfiff aus, dann legt er den Kopf in den Nacken und wartet. Neugierig lasse ich meinen Blick zu allen Seiten schweifen, da ertönt das vertraute Flügelschlagen.
"Höher, Krax", befiehlt Ash. Vorsichtshalber ziehe ich den Kopf ein, doch der Adler erklimmt nochmals etwas Höhe, bevor er sich auf Ashs ausgestrecktem Arm niederlässt. Es ist unverwechselbar das prächtige Tier, das sich vor wenigen Stunden auf meinen Angreifer stürzte.
"Wir haben uns schon kennengelernt", meine ich, während ich mich an die blutenden Augäpfel erinnere. "Gestern Nacht. Ein Magier ist wegen ihm erblindet."
"Der, der für deine Schrammen verantwortlich ist?" Ash legt den Kopf schief und mustert den Adler zufrieden. "Ich hätte es nicht anders gemacht."
Krax flattert aufgeregt mit den Flügeln, als Ash ein getrocknetes Stück Fleisch aus der Hosentasche zieht.
"Ich dachte nicht, dass er dir gehört", gebe ich zu, obwohl es nun Sinn macht. Der Adler war mir auf den Fersen, seit Ash in der Buchhandlung war. Das erste Mal war mir das schwarze Tier mit den orangenen Augen aufgefallen, als ich die verbrannten Dielen im Wald verteilt hatte.
"Er gehört mir nicht. Er weicht mir nur nicht mehr von der Seite, seit ich ihm vor längerer Zeit aus der Patsche geholfen habe." Krax pickt mit seinem spitzen Schnabel auf Ashs Finger ein, welcher es nur mit einem warnenden Schnalzen zur Kenntnis nimmt. "Ein treuer Gefährte, wenn auch ein wenig eigensinnig."
"Ist das in Ordnung?", frage ich und hebe die Hand an. Gestern mag der Vogel durch seine Verletzung vielleicht zutraulicher gewesen sein, daher sollte ich mich vorher absichern.
"Nur zu."
Vorsichtig berühre ich seinen Flügel nur unweit von der Verletzung. Keine Magie pocht unter den Handschuhen und verrät mir dadurch unmittelbar, dass die Wunde verheilt ist. Ehe ich mich zurückziehen kann, schmiegt Krax seinen Kopf in meine Hand. Ich streiche über seinen harten Schnabel, derweil ich Ashs Blick auf mir ruhen spüre.
"Einen Tag, nachdem du in Phantasia warst, habe ich ihn spät abends im Wald gesehen. Dann wieder einen Tag später auf einer Klippe fernab von Meral." Krax schließt die Augen unter meiner sanften Berührung. "Das waren keine Zufälle an so verschiedenen Orten zu solch verschiedenen Uhrzeiten. Genauso wie die Perle kein Zufall ist, nicht wahr?"
"Nichts ist Zufall. Genauso wenig wie Luans Verschwinden Zufall sein wird."
Eines muss ich ihm lassen: er weiß, wie er das Gespräch auf einen anderen Weg lotsen kann - nicht mit mir. Denn auch wenn meine Sorge um Luan mich hierher führte, kursiert Lennox' Frage in meinem Kopf: was will Ash von dir?
"Warum?" Ich löse meine Hand von Krax und widme meine ganze Aufmerksamkeit Ash. "Warum ist er mir überall hin gefolgt?"
Ich könnte Vieles in Ashs Blick hineindeuten und doch völlig danebenliegen, denn ich bin nicht er und lese in Anderen wie in einem offenen Buch.
"Weil du bis jetzt nur ahnst, wie gefährlich die Welt der Magie ist, Talia. Dabei soll es bleiben. Eigentlich hätte ich dich ausliefern müssen. Tief in mir steckt aber auch nur ein Bruder, der seine Schwester vor allem Übel verschonen wollte und scheiterte. Du wirst nicht das Gleiche wie sie durchmachen müssen."
"Ist es denn so grauenvoll? Der Dienst?"
Er zögert, sucht nach dem treffenden Wort. "Es ist ... unmenschlich. Aber keine Sorge, wir gehen zusammen da rein und wir gehen auch zusammen wieder raus."
Am besten mit Luan und mehr Wissen über Kaya.
"Hoffentlich noch im Ganzen, immerhin hatte ich noch nie ein Schwert in der Hand", merke ich an, auch wenn er sich das bestimmt schon denken wird.
"Überlass mir das Schwert. Du hast deine eigene Waffe, wenn du deine Handschuhe ablegst."
Jetzt bin ich diejenige, die zögert. Weder Rens, Lennox', noch Ashs Adern leuchten. Als wäre es nicht schon merkwürdig genug, dass ich die Magie übertragen bekam, spielt mir auch mein Körper nun einen Streich.
"Zieh sie aus", ermutigt er mich. "Ich kann mit deinem Feuer umgehen, mia calma."
Früher oder später wird er es ohnehin zu sehen bekommen, also gebe ich mir einen Ruck. Meine Finger glühen noch immer so hell wie gestern Abend. Das Licht durchdringt die Finsternis und zeichnet den Schock auf Ashs Gesicht deutlich ab.
"Was ist das?"
Unwissend zucke ich mit den Schultern. "Ein Problem für morgen."
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