• 12 •

Mein Magen knurrt wie ein hungriges Tier. Ich presse mir die Handflächen in den Bauch und lege einen zügigeren Schritt ein. Bei diesem stürmischen Wetter wird Luan kein Abendessen zubereitet haben, wenn er noch am Hafen ist. Ich kann froh sein, wenn ich ihn vor Mitternacht zu sehen bekomme.

Der Duft von Butter und Mehl empfängt mich bereits bevor ich die Bäckerei unter dem Klingeln der zarten Glöckchen betreten habe. Das spärliche Licht ist auf die letzten Backwaren des Tages gerichtet, die Viola mit viel Liebe nach Größe und Zutaten sortiert hat, derweil die wenigen Tische an der Fensterfront von der Finsternis der Nacht verschluckt werden.
"Einen kleinen Moment, bitte", erschallt Violas Stimme aus dem Nebenraum.

Hinter mir schwingt die Tür auf, umhüllt mich für einen Augenblick mit Eiseskälte und dem Pfeifen des Windes.

"Ich bin sofort da!", ruft Viola erneut. Flüchtig werfe ich einen Blick über die Schulter, will dem Kunden ein wortloses Nicken zuwerfen, doch das Lächeln entgleitet mir schlagartig.

Ich erkenne ihn sofort wieder - als könnte man diese bernsteinfarbenen Iriden jemals vergessen. Oder den mit einem Löwen verzierten Schwertgriff, der hinter seinem breiten Kreuz thront.

Kein Geringer als der Magier, der das Mädchen in Phantasia gesucht hatte, hat die Bäckerei betreten. Das Mädchen, dessen Magie nun ich in mir trage. Schweiß bricht mir aus, als er mir zunickt und unmissverständlich verkündet, dass er auch mich wiedererkannt hat. Wie benommen drehe ich mich um, schließe die Augen und bete, heil aus dieser Situation zu kommen. Er kann es ja unmöglich wissen, oder?

"Verzeihung, ihr Lieben, das Mehl ist mir umgekippt." Violas Stimme holt mich zurück aus meiner Angst. Die kleine, rothaarige Bäckerin Mitte Dreißig stürmt wie ein Wirbelwind hinter die Theke und streift die weiß bepuderten Hände an ihrer ebenso weiß getränkten Schürze ab. "Ach, Talia, Liebes! Dich habe ich ja schon ewig nicht mehr gesehen."

Wenigstens lässt mich meine Stimme nicht im Stich.
"Viel zu lange, wie ich sehe." Ich deute auf die sichtbare Wölbung ihres Bauches. "Herzlichen Glückwunsch."
Violas Strahlen könnte den Sturm draußen niederringen. Heute schafft es ihre Euphorie aber nicht bis vor die Türe - Dank gilt dem einzigen Mann im Raum, der mir wie ein Raubtier im Nacken lauert.

Mit kleinen Kreisen tastet sie ihren Bauch ab und versinkt geradezu in ihrem Glück - ich ignoriere den Stich in meiner Brust, wenn ich daran denke, dass meine Mutter vielleicht auch einmal in freudiger Erwartung gestimmt war. Viola würde ihren Kindern niemals Albträume bescheren. Dafür ist sie eine viel zu gute Seele.
"Ja, ein kleines Wunder. Wir hoffen auf ein Mädchen. Die Jungs zeigen wenig Interesse an Brötchen und Süßstückchen, wenn das weite Meer direkt vor der Haustür liegt. Apropos Jungs, wie geht es Luan?"

Mein Herzschlag verdoppelt sich. Seinen Namen in der Anwesenheit eines dienenden Magiers fallen zu lassen, ist nicht gut, daher sollte ich schnell von diesem Thema abkommen.
"Gut. Mit den Stürmen haben die Männer am Hafen aber allerhand zu tun." Bevor Viola darauf anspringen kann, ziehe ich demonstrativ meine Münzen hervor und mache eine Kopfbewegung nach hinten. "Ich will dich auch gar nicht lange aufhalten."

Viola lässt sich deswegen nicht aus der Ruhe bringen.
"Der nette Herr hat sicherlich nichts gegen eine kurze Plauderei."
"Keineswegs", stimmt er mit rauchiger Stimme zu. Jede Wette, dass das Brennen im Rücken seinem Blick auf mir geschuldet ist. Ich schaudere, doch fixiere stur meine Finger. Die Reaktionen meines Körpers sind nicht das, was Kontrolle ausmacht - und dadurch wird jeder Atemzug mehr zu einer brenzligen Gratwanderung zwischen Normalität und Eskalation. Zum Glück trage ich die Handschuhe. Was aber, wenn er diese erkennt? Wenn es kein Geheimnis unter Magiern ist, was sie verstecken?

"Wie immer?"
Ich zähle die Münzen und schüttele den Kopf.
"Halb reicht." Halb muss reichen, immerhin sparen wir für bessere Fenster - bei dem Wetter die letzten Tage, ist das dringend nötig. Obwohl wir schon lange den Zeiten entkommen sind, in denen wir den Stadtherren um Gnade anflehten, müssen Prioritäten gesetzt werden. "Danke."

Viola schiebt mir das eingeschlagene Körnerbrot zu und lächelt. Meine Finger zittern. Am liebsten hätte ich mir die Handschuhe abgerissen, doch das würde seine Aufmerksamkeit nur noch eher darauf lenken, also gebe ich mir einen Ruck und reiche der Bäckerin ohne großen Aufstand die Münzen.
"Ich danke dir, Liebes. Komm gut nach Hause und ganz viele Grüße an Luan."
"Richte ich aus. Grüße auch an deine Familie."

Obwohl mir mein Verstand sagt, dass ich ihn auf keinen Fall anschauen sollte, zwinge ich mich zu einem kurzen Blickkontakt - immerhin soll es wirken, als habe ich nichts zu verbergen. Wie vermutet, ist sein Blick auf mich geheftet, wachsam und intensiv. Es fühlt sich an, als wäre ich ein offenes Buch, auf der letzten beschriebenen Seite aufgeschlagen und bereit dazu, von den Worten aus seiner Feder geformt zu werden. Doch er sagt nichts. Hält mich nicht auf und bleibt zurück im herrlichen Duft der Bäckerei, während ich von Panik getrieben durch die Gassen hetze und immer wieder einen Blick über die Schulter werfe. Bloß weg von ihm und dem System, dem er unterworfen ist.

Ich komme nicht weit. Der Hafen ist noch nicht einmal in Sicht, da spüre ich das Brennen eines Blickes im Nacken. Im nächsten Moment pralle ich vornüber auf das Kopfsteinpflaster, erdrückt unter schwerem Gewicht. Der Sturz presst mir die Luft aus der Lunge, entlockt mir ein schmerzerfülltes Keuchen. Eilig versuche ich mich unter ihm hervorzukämpfen, doch er setzt mich zwischen dem Schnee und seinem Körper fest. Seine Finger zerren meinen Kopf in die Höhe, reißen mir grob Haare aus.
"Warum die Eile, Kleine?"

Es ist ein anderer Mann - nicht, dass es beruhigender wäre. Im Schnee sammelt sich Blut mit Spucke, alles, was mir vom Gesicht tropfen kann. Mit einer knappen Bewegung dreht er mich zu sich um. Weiß schimmernde Haare und finstere Löcher als Augen, er ist ein Anblick des Grauens. Ich winkele mein Knie an, will ihm zwischen die Beine treten, doch er blockt mich ab und schlägt meinen Kopf rücksichtlos gegen den Stein. Schmerz zertrümmert meinen Schädel, lässt mich Sterne tanzen sehen. Ich setze zu einem Schrei an, da setzt er mir ein Glas an den Mund. Würziger Geruch, Gift. Reflexartig presse ich die Lippen aufeinander.

Seine Nägel graben sich in meine Haut, reißen meine Lippen auf. Ich lasse nicht locker, trete verzweifelt um mich. Dann geht alles viel zu schnell. Sein Gewicht lastet nicht mehr auf mir, das Glas zerbricht klirrend auf dem Pflaster.

Ein gequältes Stöhnen erfüllt die Gasse, ein Schlag folgt. Trotz meines dröhnenden Kopfes stemme ich mich auf die Unterarme. Im trüben Licht der Laterne erkenne ich zwei Schatten, die an der Hauswand um die Kontrolle ringen - aber nur einer hat sie. Mein Angreifer wird beinahe mühelos in die Höhe gehoben, bis seine Füße in der Luft baumeln. Er gluckert unverständliche Worte, winselt um Erlösung. Sein Gegenüber zeigt keine Gnade. Als er den Kopf zu mir dreht, entgleitet mir jede Hoffnung auf Rettung. Schon wieder er.

"Geh zu Lucius und hol dir deine Strafe ab", raunt er meinem Angreifer zu.
"Wir können uns die Kleine teilen", wimmert dieser, macht eine auffordernde Kopfbewegung zu mir. Ich rutsche zurück, spüre mein warmes Blut an der Schläfe herabfließen.
Der Magier schüttelt eindringlich den Kopf. Adern treten an seinen Unterarmen hervor, Muskeln spannen sich sichtbar an. "Ich teile nicht."
"Schade um dich."

Mein Angreifer sackt in sich zusammen, entgleitet der Hand des Magiers und nimmt binnen eines Atemzugs eine völlig andere Form an. Dort, wo eben noch Luft zwischen dem Boden und seinen Schuhen war, windet sich nun eine schwarze Schlange mit leuchtenden Augen. Hektisch springe ich auf, ignoriere den Schwindel. Was passiert hier gerade?

Der Blick des Magiers zuckt warnend zu mir, dann zieht er sein Schwert. Ich weiß jedoch selbst, dass mit Schlangen nicht zu spaßen ist. Obwohl sie im warmen Süden heimisch sind, ist allbekannt, dass ihr Atem ätzend wirkt. Ein Biss reicht, um den Körper von innen zu zerfressen, bis nur noch Knochen übrig bleiben - nach stundenlanger Tortur.

Ihr Kopf schnellt nach vorne, will nach dem Magier schnappen, aber er dreht sich zur Seite. Seine Bewegungen verschwimmen, lassen nur noch unklar erkennen, wie er sich bewegt. Fassungslos blinzele ich. Der Sturz hat mir schwerer zugesetzt als gedacht.

Die Schlange zischt angriffslustig, rollt sich zusammen. Ihre Schuppen schimmern im Mondlicht, dann saust ihr Kopf nochmals durch die Luft. Ich sehe nur kurz das Blitzen der Klinge, der Rest geht in einem Rausch an Gliedmaßen unter. Kurz bevor der Magier die Schlange enthaupten kann, schrumpft sie erneut in sich zusammen. Was folgt nun? Ein Bär, dessen Klauen pures Gift sind, oder ein Wolf, dessen Heulen zur Taubheit führt?

Ich warte nicht ab, bis sich mir die Antwort offenbart. Meine Beine bewegen sich von selbst, rennen, als wüssten sie, dass es gerade um Leben und Tod geht. Weg, einfach nur weg von hier. Die beiden Magier sind mir zwei zu viel.

Wahllos stolpere ich durch Gassen, schlängele mich zwischen den Häusern hindurch und schaue nicht einmal zurück. Das Adrenalin katapultiert mich über meine Grenzen hinaus und treibt meine Füße selbst dann voran, als jeder Schritt schwerfälliger wird. Ich biege um eine Ecke, blicke geradewegs auf den Hafen. Dort müssen doch noch Menschen sein. Vielleicht ein Fischer, ganz sicher die Küstenwache, hoffentlich Luan. Irgendjemand, der keine Magie besitzt.

Mit aller Kraft haste ich darauf zu, erkenne schemenhaft die Umrisse der ruhenden Boote im Meere. Gerade als ich auf die Promenade stürzen will, baut sich ein Schatten vor mir auf. Scharf bremse ich ab, atme erleichtert auf. Meine Freude hält nicht lange an.
"Hast du nicht etwas vergessen, mia calma?"

Bạn đang đọc truyện trên: AzTruyen.Top