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Ich erinnere mich an den Tag, als wäre es gestern gewesen. Es war ein Morgen mitten im Dezember, an dem die Sonne nicht mehr aufging und nur eine triste Dämmerung den Tag verkündete. Ein Morgen, an dem der Schnee so bitterkalt und stürmisch durch Meral fegte und die Wellen die Bojen versenkten, dass mein Lehrer nicht zum Unterricht erscheinen konnte. Ein Morgen, wie viele andere und doch wie kein anderer.

Als ich zu Hause ankam, empfing mich bereits im Flur das Keuchen meiner Mutter. Schreie, Stöhnen, es hörte sich gequält an. Dazu vermischte sich die Stimme eines fremden Mannes, das Quietschen des Bettes und ich ahnte, hier passierte etwas Schreckliches. Nur leider nicht so, wie ich damals dachte: sie, bedroht im eigenen Heim von einem Einbrecher. Stattdessen saß sie auf dem Mann, den Kopf zurückgeworfen und völlig entblößt, während seine Finger ihre nackte Haut berührten. Überall, selbst dort, wo Frauen sich stets bedecken. Zumindest bis mich die knarzende Tür verriet und die Aufmerksamkeit zweier Augenpaare auf mich zog.

Ich weiß nicht mehr, was ich sagte, nur, dass ich weg wollte. Weg von meiner Mutter, die gar nicht in Gefahr war. Weg von dem Mann, der mich zurück in das Zimmer schleppte und mich auf das Bett warf.
"Kein Wort an Papa, verstanden?" Meine Mutter kniff mir mehrmals in den Arm, doch ich stimmte nicht zu. "Lia, Schätzchen, das ist unser Geheimnis, okay?"

Damals liebte ich noch das aufgeregte Kribbeln im Bauch, das Geheimnisse begleitet. Überraschungen, Mysterien, Rätsel, alles, was vielen Menschen Freude bereitet. Doch die Hektik im Antlitz meiner Mutter verriet mir schonungslos, dass dieses Geheimnis eine bittere Wahrheit vertuschen sollte: Verrat. An meinem Vater. An unserer Familie. An dem, was wir unser Zuhause nannten.

"Sie muss den Mund halten", drängte der Mann.
"Das wird sie", versicherte meine Mutter immer wieder, doch er glaubte ihr kein Wort. Wie denn auch? Es war offensichtlich, dass dieses Geheimnis gelüftet werden musste. Dass mein Vater als Erster davon erfahren würde. Zumindest glaubte ich das, bis zu diesem Moment.

"Ich bringe sie zum Schweigen."
Und meine Mutter ließ ihn.

Es war nur eine Sache von wenigen Minuten. Wenige Minuten, die sich anfühlten wie Stunden. Wenige Minuten eines solchen Schmerzes, den ich nie vergessen werde. Wenige Minuten, in denen meine Mutter mir den Rücken zudrehte und sich meine Schreie anhörte, während der Mann mein Kleid hochschob und den brühend heißen Tee über meinen Oberschenkel goss. So langsam, dass ich jeden einzelnen Tropfen bis unter meine Haut spürte, bis ich das Gefühl bekam, gar keine Haut mehr zu haben. So zufrieden grinsend, dass ich sein Gesicht bis heute nicht vergessen habe. Aber nichts war so schlimm wie das Wissen, dass meine Mutter im Raum stand. Nicht hinschauen konnte. Nicht zuhören wollte. Sie war einfach nur da und akzeptierte es. Sie wählte Verrat, nicht Treue. Sie wählte ihn, nicht unsere Familie. Sie wählte mein Schweigen, nicht mein Wohl.

Und dieses Schweigen hält noch immer. Weil jede Tasse Tee mich daran erinnert, dass sie irgendwo dort draußen ist. Luan hat nie verstanden, warum ich nur noch heiße Schokolade trank. Bis heute weiß er nichts von der Narbe, die meinen rechten Oberschenkel prägt. Weil ich mich schäme. Weil ich so schwach bin, wie es alle denken: ich habe meinem Vater nie gesagt, was ich gesehen habe, selbst nicht dann, als sie ihre Siebensachen packte, mir ein Zwinkern zuwarf und ging. Hoffentlich für immer. Aber das Hoffentlich ist zerbrechlich und deswegen fühlte es sich nicht annähernd nach dem Befreiungsschlag an, den ich mir erhofft hatte. Denn auch wenn Vater schon lange nicht mehr das Haus betreten und sie in ihrer Untreue entlarven kann, habe ich Angst vor ihr und den Dingen, die sie Andere über uns machen lassen kann.

Bis heute. So sehr, dass der ganze Raum lichterloh brennt, kaum öffne ich die Augen. Die bestückten Regale an der Wand, der Tisch vor uns, selbst der Stuhl, auf dem Ren eben noch saß, alles steht in Flammen.

"Wow. Das..." Ren macht einen verblüfften Satz nach hinten. Mit dieser Wucht hat er wohl nicht gerechnet. "Das ist beeindruckend, Talia."

Er hat ein solch stolzes Lächeln auf dem Gesicht, das ich für einen Moment die Bedrohung des Rauches vergesse. Der nächste Atemzug kippt jedoch sofort in ein Röcheln über und lässt uns beide wissen, dass wir das Feuer dringend löschen oder aus diesem Raum fliehen sollten.
"Wir brauchen Wasser."
"Nein. Wir brauchen nur dich. Das ist dein Feuer. Du spielst damit, nicht andersherum." Ren dreht meine Handflächen nach oben und spurt eine der leuchtenden Adern nach. "Nicht ausatmen, sondern einatmen. Nimm das Gefühl zurück zu dir."

Ich will diese Emotionen nicht wiederhaben. Sie sollen zu Asche verkümmern und nie wieder Form in mir annehmen können. Doch sie sind ein Teil von mir, genau so wie die hässliche Narbe auf meinem Bein. Nichts davon wird in Flammen vernichtet, nichts davon ist vergänglich.

Ich schleuse den Rauch in mich, krümme meine Finger um Rens und sehe zu, wie die Flammen an Kraft verlieren, zu einer zarten Glut schrumpfen und vollends unter der Beherrschung zerbrechen, mit der ich die Erinnerungen zurück in die letzte Ecke meines Gedächtnisses verscheuche. Dabei ist es nur eine Frage der Zeit, bis sie wieder hervorgekrochen kommen. Morgens, wenn Luan seinen Tee trinkt. Abends, wenn ich die Narbe beim Waschen berühre. Nachts, wenn das Kissen meine Tränen erstickt, weil ich Luan noch immer nicht alles sagen konnte.

Und da wird mir auf einmal schmerzlich bewusst, dass ich gar keine Beherrschung über meine Erinnerungen habe. Ich wünsche es mir nur, dabei sind sie stets auf mir, in mir, so wie ich auch die Magie in mir hüte. Ich wünsche es mir nur, weil ich immer dachte, dass Zeit Wunden heilt.
So ein Schwachsinn. Wunden können immer wieder aufgerissen werden und mit viel Pflege zusammenwachsen, doch die Narben bleiben.

Die frischen Tränen auf meiner Wange sind Beweis genug - und damit Fluch und Segen zugleich: diese Kraft braucht qualvolle Erinnerungen oder explosive Momente. Da ich Luan wohl kaum in das Training hineinziehen möchte, werde ich mich immer wieder der Untätigkeit meiner Mutter stellen müssen. Jeden verdammten Tag. Aber vielleicht wird es Luan oder mir das Leben retten und das ist es allemal wert.

"Hey." Ren rutscht neben mir auf einen Stuhl. Eilig wische ich mir mit dem Ärmel die Träne weg und zwinge mich zu dem Lächeln, das ich Luan gab, als er an diesem Tag von der Schule nach Hause kam. Zu dem Lächeln, das er mir abkaufen musste, weil wir sonst beide ein gehöriges Problem hätten. Es war einer der wenigen Momente, in denen er nicht hinter meine Fassade lugen konnte. "Willst du darüber reden?"
"Schon in Ordnung", winke ich ab. "Es war gerade einfach ... viel."

"Es ist nicht in Ordnung, Talia." Sein Daumen findet den Weg unter mein Kinn und dreht mein Gesicht zu ihm herum, bis ich seinem Blick nicht ausweichen kann. "Ich habe keine Ahnung, an was du dich erinnert hast, doch ich möchte nicht, dass du diesen Preis zahlst. Ich möchte dich nicht weinen sehen, okay?"
"Aber es hat funktioniert."
"Das hat es." Ren verzieht seine Mundwinkel, als wisse er nicht, ob er sich ein Grinsen verkneifen oder sich zu Strenge zwingen müsse. "Trotzdem müssen wir einen besseren Weg finden. Für dich."
"Haben wir denn überhaupt die Zeit dafür?"

Abrupt lässt er mein Kinn los, als habe er sich an meiner Haut verbrannt. Der Schock steht ihm ins Gesicht geschrieben und doch überspielt er es mit einem Räuspern.
"Was meinst du?"
Ich beiße mir auf die Zunge. Da war ich zu voreilig, doch die Worte kann ich nicht mehr zurücknehmen, also werde ich auch keinen Rückzieher machen.
"Davon, dass mir ein Magier auf der Spur ist."

"Du hast gelauscht", wirft er mir vor. Die Falte zwischen seinen Augenbrauen kann ich nicht richtig deuten - ist es Wut über meine Dreistigkeit, oder Überraschung, weil ich ihn kalt erwischt habe? Unsicher rutsche ich ein wenig zurück und bringe Abstand zwischen uns.

Eigentlich sollte ich mich entschuldigen, da ich gegen alltägliche Sitten verstoßen habe, doch es tut mir nicht leid darum, Klarheit schaffen zu können.
"Es ging um mich." Und um Kaya. Um Ash. Um so viel mehr, das mir abertausende Fragen bereitet, die mir keine Ruhe lassen.

"Ich kann es erklären." Ren will nach meiner Hand greifen, doch ich ziehe sie zurück. Enttäuschung schimmert in seinen braunen Iriden, nur kurz, und dennoch genügt es, dass ich Lennox' Stimme in mir widerhallen höre. Du magst sie mehr, als du dir gerade eingestehen willst. Ich hatte dem keine Beachtung geschenkt, aber seine Reaktion macht mich stutzig. Er sorgt sich um mich. Um mein Empfinden, nicht um meine Magie - mehr als gut ist. "Jemand hat diesen Adler auf dich angesetzt. Wenn es ausschließlich um dich ginge, würdest du kaum mehr hier sitzen. Wer auch immer das Tier kontrolliert, ahnt, dass es in Meral mehr zu holen gibt. Wir haben es dir nicht gesagt, damit du dich weiterhin möglichst unauffällig verhältst."

"Zu eurem Schutz." Natürlich geht es um ihren Schutz, aber haben sie überhaupt einen Moment daran gedacht, dass auch ich eine Familie habe, die mittelbar betroffen ist? "Ihr lasst mich als unwissende Zielscheibe durch Meral streifen, obwohl ihr genau wisst, dass etwas nicht stimmt. Wie soll ich mich beschützen, wenn ich nicht weiß wovor? Wie soll ich meinen Bruder beschützen? Ich habe auch eine Familie!"

"Vielleicht solltet ihr beide vorerst hier wohnen."
"Das ist doch keine Lösung", entgegne ich. Zumal er damit vom eigentlichen Problem ablenkt: seiner bewussten Entscheidung, mich im Dunkeln tappen zu lassen. "Wir müssen ehrlich zueinander sein, Ren. Ihr könnt mir nicht einfach solche Informationen vorenthalten und über mein Leben bestimmen."
"Es war bescheuert."
"In der Tat", stimme ich zu. "Aber Einsicht ist der Weg zur Besserung."

Ren lächelt und für einen kurzen Moment glaube ich, wir haben uns auf Ehrlichkeit geeinigt.
"Komm, geh dich waschen. Du kannst wohl kaum nach Rauch riechend arbeiten gehen."
Die Worte sind wie ein Schlag ins Gesicht. Der Grund wäre durchaus plausibel, wenn ich nicht Lennox' Warnung mitbekommen hätte.
"Und der wahre Grund ist welcher?", dränge ich.

Offensichtlich hatte Ren gehofft, dass mir dieser Teil des Gesprächs entgangen sei - Pech für ihn. Statt jedoch den Weg der Besserung einzuschlagen, weicht er meinem Blick aus. Das ist mir Antwort genug.
"Es ist eine lange Geschichte..."
Niedergeschlagen nicke ich. "Alles klar."
"Talia-"
Er startet einen weiteren Versuch, nach meinem Arm zu greifen, doch ich drehe mich zur Seite.
"Lass es gut sein. Ich hab's verstanden."

So sehr Torin auch versuchte, mir einen Platz in dieser Familie einzureden, sind Worte keine Taten. Diesen Unterschied erfahre ich nun hautnah zum Leidtragen von Luans und meiner eigenen Sicherheit. Bevor Ren mir meine Ernüchterung anmerken kann, stürme ich bereits die Treppe hoch ins Bad. Akribisch schrubbe ich meine Haut, um jeden Geruch der Klamotten zu vernichten. Was eben passiert ist, hat mir eine Menge Überwindung abverlangt. Auch wenn wir nicht über meine Erinnerung gesprochen haben, habe ich Emotionen erlaubt, die ich nicht einmal Luan damals gezeigt habe. Das war mein Vertrauen an Ren. Er hingegen zeigt mir mit jedem Satz mehr, dass sein Ich vertraue dir nur leere Worte waren.

Nur zu gerne hätte ich meine Enttäuschung ebenfalls abgewaschen, doch sie haftet selbst dann noch an mir, als ich einen tiefen Atemzug nehme und mich für eine weitere Begegnung mit ihm wappne. Zu meiner Überraschung lehnt nicht Ren an der Wand gegenüber, sondern Lennox. Er mustert mich knapp von Kopf bis Fuß, vermutlich um sicherzugehen, dass ich Rens Aufforderung nachgekommen bin. Dann streckt er mir die Handschuhe entgegen, die ich in meiner Eile liegen gelassen habe.

"Das ganze Haus riecht nach deinem Werk, Feuerhexe." Er grinst schief. "Du solltest sie tragen. Gerade mehr denn je."
Sind mir meine Emotionen so leicht vom Gesicht abzulesen oder hat Ren ihn über die letzten Minuten in Kenntnis gesetzt? Wie auch immer, in Anbetracht der Gefahr in Meral werde ich sie freiwillig anziehen.
"Danke."

Kaum merklich nickt er und macht eine Bewegung zur Türe.
"Ren vertritt sich die Beine. Wenn du einen Tag Pause brauchst, richte ich es ihm aus."
Als ob ich mir jetzt eine Pause nehmen könnte. "Ich komme morgen wieder."
"Das wird ihn freuen."
Es wäre gelogen, wenn ich ein Mich auch erwidern würde.

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