Kapitel 4

Gelangweilt stand ich in der Nähe des Tores von Hogwarts. Ich wartete ein wenig ungeduldig auf Dumbledore. Heute nicht, um ihn umzubringen. Der alte Mann stand zwar auf meiner Liste, schließlich hatte er den Deal mit Patricia nicht eingehalten, Marlon und Sirius zu beschützen, doch momentan fand ich noch ganz praktisch. Er suchte nach Hokruxen, um den dunklen Lord zu töten, ich suchte sie aus dem gleichen Grund. Außer, dass ich nicht vorhatte wie Snape seine kleine Marionette zu sein, konnten wir sicherlich erstmal gute Freunde sein. Na ja, jedenfalls in Bezug auf die Hadesnymphe, denn ich war mir sicher, er war jetzt schon dabei, ein Spinnennetz um mich herum aufzubauen, um mich darin zu fangen und zu töten. Eine Kriegsnymphe unter dem Fluch ließ man nicht durch die Weltgeschichte hopsen.
Ich musste noch ein paar Minuten warten, bis man endlich eine Gestalt sah, die sich langsam in Richtung des Tores vom Hogwartsgelände bewegte. Sie war groß und dünn. im Mondlicht sah man das hüftlange silberne Haar und den Bart glänzen. Auf der Hakennase thronte wie immer die Halbmondbrille, die das wenige Licht reflektierte. Anders als sonst war der Umhang allerdings nicht bunt, sondern die Person war in einen schwarzen Reisumhang und Spitzhut gekleidet.
Dumbledore schien sich wenig Gedanken darüber zu machen, wer nun auf der anderen Seite des Tores auf ihn lauern konnte. Er summte während des Laufens friedlich vor sich hin, während sein Blick er in Richtung des Himmels war, wo die Sterne glänzten. Vielleicht war er einfach zu arrogant, zu glauben, jemand würde ihn hier, in seiner Schule angreifen. Nicht ihn, den großen Albus Dumbledore, der Zauberer, vor dem sich sogar Voldemort fürchtet. Allerdings hatte ich natürlich auch nicht vor ihn zu töten. Ich wollte nur unser Geschäft neu verhandeln.
Das Tor schwang wie von Geisterhand auf. Dumbledore trat heraus. Kurz sah er auf den Weg, vermutlich um sich abzusichern, dass dort keine Hindernisse wie Steine oder Wurzeln lagen, bevor er wieder zum Himmel hinaufblickte. Noch immer friedlich vor sich hinsummend lief er einfach weiter. Ich ließ ihn. Auch wenn ich so nahe an der Schule auf ihn gewartet hatte, ich wollte noch etwas weiter weg von ihr, bevor ich mich zu erkennen gab. Jetzt würde Hagrid womöglich seine Hilfeschreie in der Nacht hören. Zwar war ich bereit, dass dieses Gespräch nicht so friedlich verlief, wie ich es gerade hätte, aber man musste wirklich keine unnötige Verstärkung zulassen.
„Nun, Ms Black, denken sie nicht auch, dass wir weit genug vom Gelände für unser Gespräch entfernt sind", fragte der Schulleiter in Richtung des Himmels.
Ich schnaubte wütend. Er hatte mich also entdeckt, wie lästig. Ich musste wohl noch einmal an meinen Tarnzaubern pfeilen, wenn man sie durchschauen konnte. Mein Glück, dass der Schulleiter verrückt genug war, nicht vor mir wegzurennen, wie es jeder andere mit gesundem Verstand gemacht hätte.
„Guten Abend, Dumbledore", meine ich kühl, während ich die Zauber um mich löste. „Was hat mich verraten?"
„Professor Snape sagte mir, sie hätten Redebedarf. Ich bat ihn daher, von meinem Besuch bei Harry zu erzählen, um ihnen eine Gelegenheit zu geben, sich mit mir zu treffen."
Ich schnaubte wütend, weil ich mich so dumm verhalten hatte. Und schon war ich in die Mitte des Spinnennetzes getappt. Nicht Dumbledore war so arrogant gewesen, zu glauben, niemand würde ihm auflauern, sondern ich war es. Ich war sehenden Auges der Einladung des Schulleiters gefolgt. Als würde Snape diese Information weitergeben, wenn dahinter kein Plan von Dumbledore stand. Ich musste viel vorsichtiger sein, welchen Informationen ich folgte.
„Was verschafft mir die Ehre ihres Besuches, Ms Black? Oder soll ich sie ab jetzt auch Basílissa Tahnea nennen?", wurde ich freundlich gefragt.
„Die kleine Black ist fort", stellte ich als Antwort auf die Frage meines Namens fest. Es war also einfach inkorrekt mich mit Ms Black anzusprechen.
Der Schulleiter gluckste nur vergnügt als Antwort. Lachte er mich gerade für die Behauptung aus, dass die kleine schwache Kriegsnymphe fort war? Sie war nun einmal meine Gefangene und ich würde lieber Hades als sie befreien. Das war nun einmal eine Tatsache.
„Tahnea, was kann ich für dich tun? Ich besitze nicht die Arroganz, anzunehmen, dass du Interesse daran hast, als Doppelagentin für mich tätig zu sein."
„Nein, wahrlich nicht. Das war Patricias Ding. Allerdings habe ich trotzdem Interesse an einer Zusammenarbeit. Wir haben ein ähnliches Ziel, jedenfalls was den dunklen Lord angeht. Wir wollen ihn beide Tod sehen. Wir suchen beide seine Hokruxe. Wir könnten also von der gemeinsamen Suche beide profitieren. Ich jedenfalls hätte den Ring nicht auf meinen Finger geschoben, schon alleine, weil meine Magie mich vor dem Fluch gewarnt hätte", stellte ich spitz fest und zeigte auf die eine Hand des Schulleiters. Sie war anders als beim Schuljahresende ganz schwarz und wirkte abgestorben. Noch etwas, dass Snape mir gegenüber erwähnt hatte, vermutlich um mich hierher zu locken. Im Auftrag von Dumbledore.
„Nun, wie sie sicherlich schon selbst erkannt haben, hat Snape ihnen nicht grundlos die Brotkrumen zugeworfen. Auch wenn ich mir bewusst bin, sie werden mich spätestens nach dem Ableben des dunklen Lords hintergehen, werden wir wohl vorerst beide von einer Zusammenarbeit profitieren."
„Als würden sie mich nicht hintergehen wollen", höhnte ich. Er brauchte hier jetzt nicht auf Moralapostel tun. Er hätte Patricia ohne mit der Wimper zu zucken geopfert. Er hatte das Leben von einem Haufen Ordensmitgliedern aufs Spiel gesetzt, als er Snape den Wachplan hat weitergeben. Nur wegen ihm war Emmeline Vance jetzt tot. Vermutlich nur ein weiteres notwendiges Opfer auf seinen Weg zum Sieg.
„Nun, ich kenne ihr aktuelles Ziel nicht, Tahnea, aber nachdem was ich über den Fluch der Kriegsnymphe weiß, wird es nichts Gutes sein. Daher gebe ich offen zu, ich suche nach einem Weg sie zu vernichten, um Patricia als zuverlässigere Verbündete zu gewinnen. Außerdem hatte sie nicht die Neigung, die Ordensmitglieder zu töten."
„Als würde ihnen viel am Leben der Ordensmitglieder liegen. Emmeline Vance wurde nur getötet, weil sie Snape gebeten haben, sie zu verraten", lachte ich den Schulleiter aus. Er sollte gar nicht so tun, als wäre ich die böse, weil ich die Ordensmitgliedern tötete. Bei mir wussten sie wenigstens, ich war der Feind. Ganz anders war es bei ihm. Sie glaubten, er würde sie beschützen, doch eigentlich spielte er nur Schach und sie waren die Figuren.
„Ich gab ihnen die Information, doch sie haben ihr das Leben genommen", stellte der Schulleiter fest, als würde das meine Behauptung widerlegen und nicht bestätigen. Er hätte sie retten können, tat es aber nicht. Ich natürlich auch nicht, aber ich behauptete auch nicht, der Gute der Geschichte zu sein. Ich hatte mir den Namen Tahnea schließlich nicht grundlos gegeben.
„Ich ihr nicht das Leben genommen. Also ich wollte sie erst umbringen, aber dann habe ich gemerkt, dass Samuel sie nicht liebt. Warum hätte ich mir also die Hände schmutzig machen sollen? Dummerweise sind dann ein paar Todesser gekommen. Einer von ihnen hat sie wohl ermordet. Wir sind also beide gleich schuldig, weil wir beide nur zugesehen haben, wie man ihr die Kehle aufschneidet, anstelle sie zu retten. Nur mit dem Unterschied, dass ich nicht vorher so getan habe, als wären wir Freunde."
Der Schulleiter zuckte nicht einmal mit den Wimpern aufgrund meiner spitzen Bemerkung. Damit hatte wenigstens dieses sinnlose Abstreiten ein Ende. Dem Moralapostel habe ich wohl das Maul gestopft.
„Und Amelia Bones? Wer ist für ihren Tod verantwortlich?", wurde schließlich das Schweigen gebrochen.
„Voldemort. War ganz stolz auf sich, als er ihr das Licht ausgeknipst hat. Glauben sie mir, wenn ich jemanden ermorde, dann nicht mit Avada Kedavra. Viel zu schnell, viel zu gnädig. Ich bevorzuge gute alte Muggelwaffen. Die Muggezeitungen sind voll mit meinen Taten. Aber es wundert mich nicht, dass sie geköpften PIRA-Mitgliedern keine Beachtung schenken. Nicht ihr Problem, was?"
Erneute Schweigen von Seiten des Schulleiters. Ich ließ ihn noch ein paar Sekunden darüber nachdenken, bevor ich mich schließlich von ihm wegdrehte.
„Machen sie sich nichts draus. Morgen können sie höchst wahrscheinlich im Tagespropheten lesen, wie ich töte. Mein nächstes Opfer hat sich selbst auf meine Liste gesetzt, deshalb wird es sich da wohl kaum herauswinden können", rief ich ihm zum Abschied zu.

Erneut kam ich versteckt durch ein Desillusionierungszauber am St James's Park heraus, wieder ungefähr an der Stelle wie an dem Tag, an dem Emmeline Vance hier Wache geschoben hatte. Anders als bei meinem letzten Besuch hier, wirkte der Park allerdings nicht ganz so verwaist. Weiterweg zwischen den Bäumen konnte man die Taschenlampen von zwei Polizisten leuchtensehen, welche wohl hier abgestellt wurden, um den Leuten die Angst vor dem Park zu nehmen. Ob es wohl klappte, wo nur ein paar Meter noch immer das gelbe Absperrband von der mysteriösen Leiche erzählte, die dort gefunden worden war?
Doch eigentlich konnte es mir egal sein, ob nun die Muggel aus Angst auch am Tag diesem Park fernblieben. Es war nur eine Sache relevant: Die Frage, ob der Wachdienst des Ordens trotz des Mordes fortgesetzt wurde. Oh, ich war nicht so naiv zu glauben, die Person, die heute hier stehen sollte, wäre so dumm, ebenfalls an der Brücke zu stehen. Wenn sie auch nur ein wenig Verstand hatte, befand sie sich nicht einmal in diesem Park und hatte noch zusätzliche Sicherheitsvorkehrungen getroffen, falls hier jemand auftauchen sollte. Zum Beispiel ein Zauber, der sie warnte, wenn jemand apparierte, sodass sie sich dieses Mal aus dem Hinterhalt anschleichen konnte und nicht andersherum. Die Frage war, ob sie auch klug genug war, in ihrem Versteck zu bleiben und Verstärkung zu holen, anstelle alleine nachgucken zu gehen. Oder ob sie von Anfang an Verstärkung bei sich hatte.
„Homenum revelio", dachte ich erneut, doch dieses Mal wurde mir dadurch nicht der Standort einer weiteren Person verraten. Also entweder tappte die Person nicht in meine Falle oder sie brauchte einfach noch etwas Zeit, um hierherzukommen. Vielleicht hatte ich die Person auch überschätzt. Vielleicht hatte sie sich einfach nicht genug abgesichert, weshalb ich sie gleich doch noch überrumpeln konnte.
Ich machte mich auf den Weg in Richtung Downing Street. Auf der Straße zwischen Park und dieser fuhr gerade der Streifenwagen entlang, doch erneut entdeckten sie mich. Hätte das Licht mich genau erfasst, hätten sie mich wahrscheinlich schemenhaft erkannt, aber so hatten sie keine Chance. Also wartete ich einfach, bis er seine Runde gedreht hatte, bevor ich die Straße überquerte. Dort angekommen, nutzte ich erneut den Zauber, um verborgene Menschen ausfindig zu machen. Dieses Mal hatte ich Erfolg.
Drei Meter hinter mir stand tatsächlich eine Person. Sie war nicht zu sehen, vermutlich weil sie so wie Emmeline einen Tarnumhang nutze. Doch wirklich interessant war es, dass ich sie nicht als Gefahr wahrnahm. Sie wollte mir also eigentlich nicht schaden. Wie dumm und naiv.
„Nymphadora, Nymphadora", flötete ich, während ich mich langsam umdrehte. „Läufst in meine Falle und willst mich dann nicht einmal aufhalten. Was wäre gewesen, wenn ein Todesser den Muggelpremierminister töten wollen würde?"
„Ich wusste, du würdest kommen, nicht irgendein Todesser", wurde mir mit leiser und zerbrechlicher Stimme mitgeteilt. Interessanterweise klang sie nicht ängstlich, obwohl ihr doch wahrscheinlich klar war, warum ich hierhergekommen bin. Ansonsten hätte sie doch nur irgendein Todesser erwartet. Aber warum verhielt sie sich dann insgesamt so? Warum floh sie nicht? Holte Hilfe? Kämpfte in irgendeiner Weise um ihr Leben? Warum verhielt sie sich so langweilig?
„Und dann holst du dir keine Verstärkung? Eigentlich hätte ich dich für klüger gehalten, Nymphadora. Vor allem, wenn du weißt, was ich will."
„Ich weiß, warum du Emmeline umgebracht hast. Um Samuel damit zu verletzen", wurde mir mit belegter Stimme geantwortet. Es hörte sich fast so an, als würde sie gleich losheulen. Verstehe einer diese Frau.
„Ja, ich wollte sie umbringen, um ihn zu verletzen", rief ich genervt. Und ich hatte es nicht getan, weil er sie nun einmal nicht genug liebte. Aber was hatte das mit ihrem Verhalten zu tun? Was glaubte sie, durch diese Aktion zu bewirken? Es war ja nicht so, als würden ihre Eltern auf meiner Liste stehen. Ja, ich wollte den Leuten erst ihre Liebsten nehmen, doch Nymphadoras Schuld war zu gering. Sie war einfach nur zu schwach gewesen, um Bellatrix zu erledigen. Dafür wollte ich sie töten, aber noch mehr zu jagen, erschien mir bisher zu aufwendig. Ich hatte mal meine Fühler nach ihnen ausgestreckt, doch ihr Haus war wirklich gut gesichert. Es gab da Leute, die wesentlich mehr Schuld an Patricias gebrochenen kleinem Herzen hatten, da würde ich meine Zeit nicht mit Ted und Andromeda Tonks vergeuden.
„Oh, du denkst, so rettest du deine Eltern!", meinte ich belustigt aufgrund ihrer Annahme.
„Wenn ich tot bin, hast du keinen Grund mehr, sie zu töten", wurde mir dieses Mal mit tränenerstickter Stimme zugerufen. „Es ist meine Schuld, dass Sirius gestorben ist. Du kannst mich töten. Sie haben damit nichts zu tun. Sie trifft keine Schuld."
Ich runzelte die Stirn. Ihr Herumgewimmer ließ tatsächlich meine Mordlust wieder abebben. Ich genoss es, wie sie darum bettelte, dass ich ihr Leben beendete, anstelle das von ihren Eltern. Nicht nur das. Mir gefiel auch ihr Schuldeingeständnis. Offensichtlich litt sie auch unter dem Tod, so wie es bei Patricia der Fall war.
Ich ließ den Tarnumhang bei Seite fliegen. Sie machte sich nicht einmal die Mühe, das zu verhindern. Stattdessen stand sie nun mit gesenktem Kopf vor mir und machte einfach nur einen gebrochenen Eindruck. Anstelle ihrer bunten Haare trug sie nun ein langweiliges Mausbraun. Ihr herzförmiges Gesicht war ganz bleich bis auf die dunklen Ringe unter den Augen. Tatsächlich rannen ihr Tränen wie kleine Flüsse über die Wangen. So erbärmlich wie Patricia.
Und das war der Moment, in dem mir klar wurde, dass ich Nymphadora am Leben lassen würde. Ja, sie hatte Schuld an Sirius Tod und verdiente dafür eine Strafe. Doch die hatte sie sich gerade selbst auferlegt. Egal, was alles zu ihrem Zustand geführt hatte, ich wollte, dass sie noch ein wenig so blieb. Im Tod konnte sie ihren Frieden finden, doch hier im Leben würde sie noch lange weiter leiden, ohne dass ich dafür erstmal mühsam ihre Eltern suchen musste. Nein, ihre eigenen Schuldgefühle und die Angst reichten dafür fürs erste. Und wenn sie nicht mehr reichen würden, konnte ich mir noch immer überlegen, ob ich sie nun tötete oder mir erst ihre Eltern vorknöpfte, weil ich nun doch mehr Zeit für sie hatte.
„Du kleines dummes Mädchen, offensichtlich hast du nicht verstanden, warum ich Emmeline töten wollte. Du willst dein Leben geben, um das deiner Eltern zu retten? Das wird nicht passieren! Diese Wahl hatte Patricia auch nicht. Sei dir sicher, irgendwann werden sie einen Fehler machen und dann hole ich sie mir. Ich werde dafür sorgen, dass jedes bisschen Glück in deinem Leben, im Keim erstickt wird."
Mit diesen Worten drehte ich mich um.
„Nein!", hörte ich sie hinter mir schreien. Meine Instinkte schlugen Alarm. Dieses Mal war sie bereit zu kämpfen.
Ich drehte mich erneut um und konnte noch so gerade ihren ungesagten Schockzauber ausweichen. Die Aktion brachte mich nur zum Lachen. Diese Verzweiflung bestätigte mich nur darin, dass es richtig war, sie am Leben zu lassen. Sie an der Angst, um ihre Familie zugrunde gehen zu lassen.
„Richte den anderen aus, ich hole mir erst ihre Liebsten und dann sie!", rief ich Nymphadora zu, bevor ich disapparierte.

Das Haus der Malfoys lag noch im Dunklen, als ich dort hin zurückkehrte. Kein Wunder, schließlich war es erst halb fünf morgens. Sämtliche Bewohner schliefen gerade, mit Ausnahme von mir natürlich. Ich hatte auch nicht vor, mich gleich aufs Ohr zu hauen, schließlich ließ mich meine Magie problemlos diese eine Nacht durchmachen.
Noch immer kam ich jede Nacht in diese verdammte Zwischenwelt und lief über den Friedhof. Mittlerweile kannte ich alle Namen auf den Grabsteinen, weshalb mir dort die Beschäftigung ausgegangen war. Besucher bekam ich nicht mehr, doch wirklich traurig war ich deshalb nicht. Vermutlich würden sie eh nur alle auf mich einreden wollen. Viel lieber wollte ich die Zeit sinnvoll nutzen. Ein Toter, der wusste, welche Hokruxe es gab, der wäre hilfreich. Die Frage war allerdings, ob jemand außer Voldemort je davon gewusst hat.
Ich erreichte die Haustür von Malfoy Manor. Wie von Geisterhand schwang sie lautlos auf. In der Eingangshallen entflammten die Kerzen von selbst und hießen mich so willkommen. Auch wenn ich wusste, im oberen Stockwerk schliefen die anderen Bewohner, machte ich mir nicht die Mühe, leise zu sein, als ich die Treppe herauf ging. Es war mir schlichtweg egal, ob sie nun mitbekamen, dass ich wieder hier war oder nicht. Sollten sie doch alle durch das Geschepper meiner Waffen aus dem Schlaf gerissen werden. Nicht mein Problem.
Ich erreichte das richtige Stockwerk. Tatsächlich öffnete sich in diesem Moment auch schon die Zimmertür gegenüber von meiner. Adina schlüpfte heraus. Ihre dunklen Ringe sprachen dafür, dass sie bisher noch nicht viel geschlafen hatte. Vielleicht sogar gar nicht.
„Ist Nymphadora tot?", fragte sie mich ängstlich, während ich schnurstracks auf meine Zimmertür zulief.
„Um was machst du dir mehr Sorgen? Um deine Cousine oder wie sehr Patricia unter dem Mord leiden würde?", fragte ich belustigt nach, auch wenn ich die Antwort kannte. Nymphadora Tonks war ihr egal, was auch verständlich war. Sie kannte von ihr nicht mehr als den Namen, hatte noch nie in ihrem Leben mit ihr geredet. Warum also sollte sie sich ernsthaft um sie sorgen? Nein, sie hatte die Hoffnung nicht aufgegeben, Patricia würde zurückkehren, aber hatte Angst, wie sehr sie unter den von mir begangenen Morden litt. PIRA war ja vielleicht noch irgendwie verkraftbar, aber jemanden, den sie eigentlich liebte – das wäre ein ganz anderes Kaliber.
„Sie lebt, ansonsten würdest du Blut an mir und meinen Waffen sehen. Sie war eh schon nur noch ein jämmerliches Häufchen Elend. Der Tod wäre gerade eine Gnade für sie. Ich hole sie mir, wenn es ihr wieder besser geht. Das könnte aber noch dauern. Sie glaubt, ich würde mir die Mühe machen und ihre Eltern jagen", berichtete ich der Wassernymphe ohne die ziemlich offensichtliche Antwort auf meine Frage abzuwarten.
Tatsächlich atmete die junge Malfoy sichtlich erleichtert auf. Patricias Seele war eine weitere Nacht nicht zerstört worden, das sah sie wohl als kleinen Zwischenerfolg. Wenn ich nicht bald doch mal jemanden von den Leuten umbrachte, würde sie noch glauben, ein Teil von Patricias Gewissen würde mich zurückhalten. Bloß nicht. Am Ende würde sie noch glauben, sie würde ebenfalls davon beschützt werden und es wäre daher eine gute Idee, einen weiteren Versuch zu starten, ihre beste Freundin zu befreien.
Ich wollte gerade meine Zimmertür öffnen, als man das Klopfen eines Schnabels gegen die Fensterscheibe am Ende des Flures hörte. In der Stille war das leise Geräusch wie Donnergrollen zu hören. Adina zuckte tatsächlich erstmal zusammen, bevor sie schließlich in die Richtung lief, um das Tier hereinzulassen. Ich hingegen ließ mich nur eine Sekunde von ihm aufhalten. Nachdem ich wusste, was das Geräusch war, öffnete ich meine Zimmertür.
„Das sind unsere ZAG-Ergebnisse!", rief Adina glücklich durch den Gang und wedelte mit einem der Briefe herum, als erwarte sie, ich würde ihn nun an mich nehmen. Das hatte ich allerdings nicht vor. Diese Ergebnisse hatten für mich genauso viel Relevanz wie ein Sack Reis, der in China umfiel. Ich hatte nicht vor, ein weiteres Jahr in Hogwarts zu vergeuden. Hokruxe waren irgendwo hier draußen zu finden. Der Zauber, um den anderen Nymphen die Magie abzusaugen, war es. Was also sollte ich schon in dieser Schule? Höchstens Schüler tyrannisieren, die es bei Patricia gemacht hatten, aber genauso gut konnte ich draußen die Liebsten ihrer leiblichen Familie töten. Für meine Ziele definitiv sinnvoller.
„Und?", fragte ich daher nur gelangweilt.
„Willst du gar nicht wissen, welche Fächer du bestanden hast? Welche du nächstes Schuljahr belegen kannst?", fragte sie verwundert nach. Anscheinend hatte sie noch gar nicht darüber nachgedacht, dass ich eventuell nicht an die Schule zurückkehren würde.
„Momentan gibt es keinen Grund dafür", stellte ich daher nur kühl fest.
„Du hast Draco versprochen, die Slytherinmannschaft zum Sieg zu führen. Du wolltest auf Jamie und mich aufpassen. Du brauchst einen Schulabschluss. Du ...", kam es vollkommen überfordert von ihr.
Ich fing erneut an zu lachen. Ich hatte nie Draco etwas versprochen, das war Patricia gewesen. Ich hatte auch nie Adina allgemein versprochen aufzupassen, sondern nur sie vor dem dunklen Lord zu schützen. Der hatte in Hogwarts allerdings relativ wenig Macht, also sollte ich da als Doppelagentensitter wohl kaum von Nöten sein. Und den Schulabschluss? Wenn ich erstmal auf dem Thron saß, würde es wohl kaum jemand interessieren, ob ich nun meine UTZ gemacht hatte oder nicht.
„Ich habe nie eines von den Dingen versprochen, Adina. Das war alles eure kleine, schwache Patricia. Jamie und dich werde ich nur vor Voldemort schützen. Der ist dort allerdings nicht. Solange ich also keinen strategischen Vorteil dadurch habe mit nach Hogwarts zu reisen, werde ich meine Zeit nicht im Unterricht verschwenden. Mal abgesehen davon solltest du froh sein, wenn ich abends nicht mehr im Gemeinschaftsraum sitze. Dann kann ich dich um viel weniger Bitten."


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