Kapitel 3

Als ich die Augen wieder aufschlug, lag ich nicht auf verbrannter Erde, sondern auf einem Fleckchen Gras. Gut so, denn ich konnte sehr gut auf eine Fortsetzung meines letzten Traumes verzichten. Wahrscheinlich hätte es nur eine weitere Diskussion mit der richtigen Patricia gegeben, wahrscheinlich weil ich gedroht hatte, ihren Freund zu töten. Ich verdrehte automatisch die Augen.
Die Frage war nur, warum träumte ich schon wieder? Tat ich das überhaupt?
Ich sah mich misstrauisch um. Um mich herum breitete sich ein verwilderter Friedhof aus. Die Natur hatte damit angefangen, sich die Gräber zurückzuerobern. Die Grabsteine waren mit Moos bewachsen, die ersten Bäume wucherten auf einigen Gräbern und Blumen hatten sich zwischen den Pflastersteinen des Weges hochgekämpft. An die Leute, die hier lagen, erinnerte sich wohl schon länger keiner mehr.
Ich hatte keine Ahnung, wo ich hier genau gelandet war. Ich konnte mich nicht daran erinnern, diesen Ort schon einmal gesehen zu haben. Warum sollte mein Kopf mich allerdings im Traum hierherschicken, wenn ich noch nie hier war? Oder hatte mich Blaise hierhin entführt? Aber warum sollte er das tun? Und wie hatte er mich bitte bewusstlos aus dem Haus schmuggeln können. Zwar war wahrscheinlich niemand dort wirklich traurig, wenn ich wieder verschwand, aber Voldemort würde wohl jeden einzelnen Bewohner als Strafe umbringen. Schließlich war ich die Kriegsnymphe, die ihm dabei helfen wollte, unsterblich zu werden. Meine Nachfolgerin wäre sicherlich nicht so kooperativ.
Ich versuchte zu disapparieren. Ich konzentrierte mich auf das Herrenhaus der Malfoys, dann drehte ich mich. Tatsächlich hatte ich kurz das Gefühl durch einen Schlauch gepresst zu werden, doch als es aufhörte, stand ich wieder genau an der Stelle, wo ich aufgewacht war. Egal, wo ich mir gerade befand, ich würde entweder hierbleiben bis ich aufwachte oder die Grenze des Apparierschutzes erreichte. Wie nervig.
Ich lief los. Langsam bahnte ich mir meinen Weg durch die Natur, die sich diesen Ort langsam zurückeroberte. Zwischenzeitlich sah ich mal nach links und rechts auf die Grabsteine, doch die Namen waren alle durch Moos nicht mehr lesbar. Teilweise konnte man noch einzelne Buchstaben oder Geburtsdaten erkennen: Eine Person war an dem zehnten Tag eines Monats im Jahr 1960 geboren worden, bei dem Grabstein daneben war nur noch eine 73 zu erkennen. Jemand, in dessen Namen ein „a" vorkam, hatte irgendwann im Januar Geburtstag gehabt. Sehr zu meiner Verwunderung waren die Todesdaten sich allerdings alle nicht ganz unähnlich. Sie alle starben im Jahr 1976.
Als ich beim fünften Grabstein vorbeikam, auf welchen das Todesdatum mit 76 endete, blieb ich doch mal stehen. Ich wandte mich dem Grabstein zu und begann, das Moos von diesem abzukratzen. Sehr zu meiner Überraschung kam darunter der Name >Ronald Bilius Weasley< hervor. Der Geburtstag, 1. März 1980, passte auf jeden Fall auch zu dem Ron Weasley, den ich aus der Schule kannte. Nur das Todesdatum, der 20. Juni 1996, ergab nicht wirklich Sinn. Mir wäre es mit Sicherheit nicht entgangen, wenn er schon tot wäre. Außerdem, wie konnte ein so neuer Grabstein schon so verwuchert worden sein?
Ich machte mich an den Nächsten zu schaffen. Dort kamen schließlich der Name und das Geburtsdatum von Hermine zum Vorschein. Sie war wohl am gleichen Tag wie Ron gestorben.
Also entweder hatte Blaise gehofft, mit dem ganzen Mist könnte er Patricia dazu bringen, sich zu befreien, oder das hier war ein ziemlich verrückter Traum. Eine bessere Erklärung hatte ich für das alles nicht, dessen Sinn ich noch nicht ganz verstand.
„Welpe?", hörte ich in diesem Moment Sirius hinter mir rufen. Damit stand wenigstens fest, dass alles hier war nicht echt. Anscheinend schickte mir mein Kopf jetzt Patricias Daddy. Sollte ich jetzt etwa mit ihm darüber diskutieren, dass ich nun einmal ich war? Dass ich nicht mehr sein kleiner schwacher Welpe war? Ein erneutes Gespräch in Richtung: „Du darfst keine Menschen töten und lass Patricia frei!" „Nein, ich werde nicht wieder in den Schatten zurückkehren und auch weiterhin alle niedermetzeln, die Patricia weh getan haben." „Aber Mimimi ..."
Ich drehte mich langsam zu meinem biologischen Vater, welcher zwei Grabreihen hinter mir stand. Er sah wieder besser aus, wieder gesünder. Es war, als hätte ihn Askaban nie gezeichnet. Die Spuren, die einst sein Gesicht verwüstet hatten, waren wieder fort, stattdessen lächelte mich der zwanzigjährige Mann an, welcher auf so vielen Bildern in meinem Fotoalbum zu sehen war.
Sehr zu meiner Überraschung merkte ich, wie sich Wut in meinem Bauch ausbreitete. Eigentlich hatte ich damit gerechnet, er wäre mir egal. Ich würde nichts mehr spüren, wenn ich ihn gegenübertrat. Er hatte Patricia bis zu seinem Tod nie wirklich verletzt. Klar hatten sie mal ihre Streitigkeiten und alles, doch es war immer alles aus dem Weg geräumt worden.
„Marlon und ich werden nicht sterben, Welpe. Das verspreche ich dir", hörte ich wieder Sirius Worte, die er vor unserem Aufbruch zur Ministeriumsabteilung ausgesprochen hatte. Und damit wusste ich, warum ich gerade diese Wut spürte. Er hatte Patricia versprochen, er würde nicht sterben, nicht ins Totenreich übergehen. Doch er hatte sein Versprechen gebrochen. Er war tot. Endgültig.
„Was?", spuckte ich ihm entgegen und funkelte ihn dabei wütend an. Schade, dass ich ihn diesem Traum kein Messer dabei hatte. Auch wenn es nichts nützen würde, es würde mich schon glücklich machen, jetzt meinem Traumvater die Kehle für seine Lüge aufzuschlitzen.
Sirius verzog aufgrund des Tonfalls keine Miene. Es schien ihn nicht wirklich zu überraschen, dass ich wütend auf ihn war. Allerdings war ihm wahrscheinlich selbst bewusst, dass er Patricia angelogen und so ihr Herz gebrochen hatte. Die Kleine wäre daran zu Grunde gegangen, aber ich nun einmal nicht. Ich nutzte das alles, um durch meine Wut und meinen Hass neue Kraft zu schöpfen.
„Nette neue Zwischenwelt", stellte er ganz ruhig fest, während er sich umsah. Viel zu sehen gab es allerdings noch immer nicht. Nur die scheinbar endlosen Grabreihen, die von der Natur zurückerobert wurden.
„Das ist nur ein Traum, mit dem Patricia versucht, aus dem Schatten zu treten", stellte ich desinteressiert fest. Wie sollte ich schon in die Zwischenwelt gekommen sein? Als würde Blaise mich vergiften und mich damit an den Rande des Todes bringen. Er war nicht der Typ: Lieber opfere ich Patricia als Tahnea auf die Welt loszulassen. Das traute ich nicht einmal jemanden in der Kriegsnymphenfamilie zu.
„Nein, mein kleiner Welpe", wurde mir widersprochen, weshalb die Wut erneut hochkochte.
„Ich bin nicht mehr dein Welpe, Sirius!", fuhr ich ihn an. „Du hast dein Versprechen gebrochen und damit deinen Welpen den Todesstoß gegeben! Ab jetzt muss er im Schatten leben, während ich die Sonne genießen darf!"
„Es ist mir egal, ob du dich gerade Patricia, Rona oder Tahnea nennst. Du wirst immer meine Tochter, mein kleiner Welpe, sein. Ich werde dich immer lieben, immer für dich da sein."
Ich fing aufgrund der Worte wieder an zu lachen. Oh ja, er würde immer für mich – Tahnea – da sein. Er würde mich bestimmt bei all den Morden unterstützen. Immer hinter mir stehen und mich beschützen. Wer es glaubt, wird selig. Eigentlich versuchte er doch nur, um seine Patricia zu kämpfen. Das kleine, gefühlsduselige Ding wäre bestimmt auch erneut auf ihn hereingefallen, hätte ihn abgekauft, dass er sie aus dem Totenreich heraus irgendwie unterstützen konnte. Doch ich nicht.
Das hier war wahrscheinlich nicht einmal der richtige Sirius, sondern nur ein Hirngespinst, welches von Patricia kam. Und selbst wenn mich Blaise in die Zwischenwelt geschickt hätte, was sollte dieses Versprechen bitte bringen? Der Mann wäre auch noch in drei Jahren mausetot. Wie wollte er mich oder von mir aus auch seinen Welpen von dort aus unterstützen? Sollten wir jetzt wie Marlon ständig Selbstmord begehen, damit er uns in der Zwischenwelt besuchen konnte? Nein, danke.
„Hältst du mich wirklich für so dumm? Mich würdest du niemals unterstützen, mich niemals lieben! Du willst nur deine kleine Patricia aus dem Schatten befreien, indem du neue leere Versprechungen gibst! Wahrscheinlich willst du damit nur deine eigenen jämmerlichen Schuldgefühle loswerden, weil du mich durch deine Lüge auf die Welt losgelassen hast! Würdest du sie wirklich lieben, hättest du ihr nie versprochen, du würdest nicht sterben! Du wusstest, du kannst es nicht einhalten, wenn du dich in Schlachten stürzt, aber es war dir egal! Sie war dir egal!", schrie ich ihm entgegen.
„Patricia war mir nie egal dabei, Tahnea. Ihr wart mir dabei nicht egal. Und es war auch keine Lüge. Marlon und ich wussten, der Krieg könnte uns das Leben kosten, aber ..."
Ich ließ Sirius gar nicht ausreden. Egal, was nach diesem aber kam, es änderte nichts. Er hatte versprochen, nicht zu sterben, nun war er tot. Er war ein Lügner und anstelle sich sinnlos zu rechtfertigen, sollte er das einsehen und gehen. Es gab nichts, was er sagen konnte, um es wieder gut zu machen. Nicht mir gegenüber. Denn ich hatte nicht Patricias weiches Herz, welches man wieder durch falsche Versprechungen einlullen konnte. Ich war stark.
„Halte die Klappe! Du kannst es nicht wieder gut machen! Ich hasse dich! Patricia hasst dich, weil du gelogen hast!", schrie ich ihn an und stürzte mich auf ihn. Egal, ob es nun der richtige Sirius war, der mich in der Zwischenwelt besuchte, oder ob es nun nur ein Traum war, ich wollte ihn vernichten. Vermutlich würde keins von beiden etwas bringen: Nach dem Tod kam nichts mehr, also brachte es nichts, den Mann noch einmal zu töten, und bei einen Traum funktionierte es sowieso nicht.
Doch wenigstens hatte es den gewünschten Effekt. Sirius verstummte erschrocken und wich mir im letzten Moment noch aus, sodass meine Faust nur die Luft anstelle seines Kehlkopfes traf. Ich stieß deshalb einen wütenden Schrei aus, drehte mich um, nur um erneut anzugreifen. Ewig würde er mir nicht ausweichen können. Ich war stärker, ich war mächtiger.
Das sah wohl auch Sirius ein. Er wich noch zwei weiteren Schlägen von mir aus. Gerade als ein Schwert neben mir erschien und ich danach griff, verschwand er einfach, fast als hätte er sich in Luft aufgelöst. Vermutlich hatte ich allerdings in Wirklichkeit einfach nur den Traum beeinflusst oder Sirius, der Feigling, war ins Totenreich zurückgegangen, um nicht von mir getötet zu werden. Dorthin konnte ich ihn schließlich nicht folgen.
„Siehst du! Wenn du mich lieben würdest, wärst du nicht gegangen, sondern hättest mich deine Kehle zertrümmern lassen!", schrie ich wütend die Luft an. Ich wartete noch ein paar Sekunden, doch wenig überraschend, tauchte mein biologischer Vater nicht wieder auf. Ich blieb alleine auf diesem langweiligen Friedhof zurück und konnte wohl auch nichts machen, um mein Aufwachen zu beschleunigen.
Frustriert wandte ich mich dem Grabstein zu, an welchem Sirius erschienen war. Solange ich hier war, würde ich mich irgendwie beschäftigen müssen, also konnte ich mal nachsehen, wer in meinem Traum so alles tot war. Also kratzte ich erneut das Moos ab, nur um den Namen meines leiblichen Vaters freizulegen. Mein Kopf hatte definitiv einen eigenartigen Humor, meinen biologischen Vater auf sein eigenes Grab zu stellen.

Erneut schlug ich die Augen auf. Dieses Mal wusste ich allerdings sofort, wo ich war. In meinem Zimmer in Malfoy Manor. Man hatte mich in mein Bett dort gelegt und die Decke über mir ausgebreitet. Antiope hatte sich mal wieder zu mir gelegt, ihren Kopf ganz nah an meinen. Aus ihren viel zu kleinen Augen beobachte sie mich aufmerksam.
Der Hund war allerdings nicht das einzige Lebewesen, welches offensichtlich auf mein Erwachen wartete. Adina und Jamie saßen zusammen auf dem Sofa hier und lasen in jeweils einem Buch. Beide wirkten allerdings nicht wirklich konzentriert, jedenfalls spähten sie so halb über ihren Lesestoff hinweg.
„Du bist aufgewacht!", rief die Wassernymphe erfreut. Sie legte ihren Lesestoff bei Seite, nur um zu mir herüberzueilen. Patricias beste Freundin machte es sich auf meiner Bettkante gemütlich und strahlte mich schon fast an. Anscheinend hatte nicht nur Blaise die Hoffnung, ein kurzes Nickerchen durch den Beruhigungstrank und ich wäre wieder im Schatten gefangen.
„Genau, ich bin wieder wach. Deine beste Freundin heult noch immer Schatten herum", stellte ich kühl fest, während ich Antiope unsanft bei Seite schob. Dieser Hund war wirklich viel zu anhänglich. Wie hatte es Patricia die ganze Zeit mit ihm ausgehalten?
Adina sprang bei meinen Worten so schnell von der Bettkante auf, dass sie unsanft gegen meinen Nachtisch stieß. Sie dachte allerdings nicht daran, wegen der neuen blauen Flecke herum zu heulen, sondern stürzte fast schon zu Jamie, welcher seinen Zauberstab herausgeholt hatte. Wie süß. Anscheinend glaubte er doch wirklich, im Notfall könne er seine Freundin vor mir retten.
„Macht nicht so einen Aufstand. Ihr habt es bisher noch nicht auf meine Liste geschafft", erklärte ich ihnen beiden, während ich mich endgültig von der Decke befreite. Und mit so einem lächerlichen Versuch alleine würden sie auch sicherlich nicht draufkommen. Sie waren gerade wie Draco kleine nervige Flöhe, die einen nervigen Juckreiz und einen unschönen Hautausschlag auslösten.
„Wir wollten dich nicht verärgern", rief mir Adina verängstigt zu, weshalb ich nur die Augen verdrehten. Natürlich wollten sie das nicht, sie wollten nur die kleine schwache Patricia wieder haben. Das kleine gefühlsduselige Etwas, dass niemanden beschützen konnte. Eigentlich dumm von ihnen.
„Das weiß ich. Ihr seid hier, weil Patricia euch dazu überredet hat. Jetzt habt ihr Angst, was ohne ihre Führung aus euch wird. Ohne ihren Schutz.
Aber glaubt mir. Ohne sie seid ihr besser dran. Glaubt ihr wirklich, sie hätte ihre Gefühle genug zügeln können, um tatenlos dabei zuzusehen, wenn ein Todesser einen geliebten Menschen abschlachtet? Glaubt ihr wirklich, sie hätte dabei zugesehen, wie Todesser Emmeline Vance folterten und töteten? Wahrscheinlich wäre schon an dem Tag herausgekommen, dass sie nur eine Doppelagentin ist.
Eure großartige Kriegsnymphe ist zu schwach für diese Aufgabe. Ihr solltet froh sein, dass ich jetzt hier bin. Ich kann euch wirklich beschützen, euch wirklich durch diesen Alptraum führen. Ein ganz einfacher Deal: Ich beschütze euch beide vor dem dunklen Lord, anstelle euch zu verraten, dafür geht ihr mir nicht mehr auf die Nerven. Keine erneuten Angriffe mit Beruhigungstrank, keine von euch ausgelösten komischen Träume mehr und auch keine anderen Versuche, Patricia zurückzuholen. Wenn ich an euch eine Bitte habe, werdet ihr dieser nachkommen. Ohne Wenn und Aber."
Das würde Patricia doch sicherlich auch gefallen. Ich würde ihre beiden kleinen Doppelagenten beschützen, so wie sie es versprochen hatte. Ich hielt mich an ihr Wort. Also weitestgehend. Adinas Tod für ihre Magie wäre definitiv ein Preis, den ich bezahlen würde. Ohne zu zögern.
„Nein, wir werden nicht jeder Bitte nachkommen", widersprach mir Adina, welche wohl irgendwo ein wenig Mut gefunden hatte. Ein Wunder, denn die Alternative wäre, dass ich sie gleich zum dunklen Lord schleifen würde, sie dort als Doppelagentin outen würde, nur um sie dann in einem Kerker verrotten zu lassen, bis ich ihre Magie auf mich übertragen konnte.
„Ach, werdet ihr das nicht?", hakte ich nach.
„Nein, werden wir nicht", wiederholte Adina. „Wir werden nicht für dich töten und foltern. Wir werden dir nicht dabei helfen, jemanden, den Patricia liebt, in eine Falle zu locken."
Ich zuckte mit den Schultern. Dafür hatte ich sie auch definitiv nicht vorgesehen. Ich brauchte keine weinerliche kleine Wassernymphe, die mich vom Morden abhalten wollte. Bisher hatte ich genau eine Bitte an sie. Ich wollte, dass sie Antiope aus meinem Bett fernhielt. Ich hatte Patricia versprochen, den Köter mal zu streicheln und zu kraulen. Da sollte er mir nicht so auf die Pelle rücken.
„Von mir aus. Dafür seid ihr eh nicht geeignet", stimmte ich daher zu. Adina schien erleichtert aufzuatmen, während Jamie langsam seinen Zauberstab sinken ließ. Noch immer sah er allerdings misstrauisch zu mir herüber.
„Aber denkt dran, ein komischer Traum, einmal Beruhigungstrank oder irgendein anderer Versuch, Patricia zu befreien, und es ist für euch vorbei", warnte ich sie noch einmal.
Die beiden verzogen gleichzeitig bei der Erwähnung meiner Träume das Gesicht. Das sah jetzt wirklich nicht gut für mich aus.
„Was habt ihr angestellt, was ihr nicht rückgängig machen kann?", fragte ich genervt.
„Wir dachten, Patricias Fluch würde gebrochen werden, wenn sie wieder Kontakt zu Sirius hat", erklärte mir Adina jetzt wieder sichtlich verängstigt. Ihr ganzer Mut war wohl dafür draufgegangen, mir zu sagen, sie würde mir nicht beim Morden helfen.
„Den Feigling habe ich in meinem Traum getroffen. Er ist entkommen, bevor ich ihm die Kehle zertrümmern konnte. Wenn ich ihn jetzt jede Nacht sehen muss, habt ihr eure gesamte Energie darein zu stecken, eine Heilung zu finden", knurrte ich. Ich würde sicherlich nicht für den Rest meines noch hoffentlich sehr langen Lebens jeden Tag mit Sirius ein Gespräch wie heute führen.
„Wir vermuten, er wird nicht jede Nacht auftauchen. Allerdings haben wir dir mit Blaise nach dem Beruhigungstrank noch einen weiteren verabreicht. Einen, aus Apollons alten Zauberbüchern. Er ermöglicht es dem Nutzer, in die Zwischenwelt zu springen, so wie es Sirius immer nachts getan hat", wurde mir erklärt.
Die Erklärung klang im ersten Moment tatsächlich logisch. Sie wollten mich wieder mit meinem biologischen Vater zusammenbringen, das ging am besten in der Zwischenwelt. Dort konnte ich von der Erde hin und er aus dem Totenreich. Ich stellte mir nur zwei Fragen: Warum hatte man Marlon nicht vor Jahren diesen Trank verabreicht und was war der Preis? Vermutlich gingen die zwei Fragen fließend ineinander über.
„Der Preis?", fragte ich daher nur kühl, weshalb Adina und Jamie wieder etwas ermutigter schienen. Vermutlich verstanden sie, dass mein Gehüpfe in die Zwischenwelt noch alleine kein Grund dafür war, sie umzubringen. Jedenfalls nicht so lange Sirius Besuche dort vermiet.
„Er wurde nicht sonderlich häufig verwendet, weil die meisten Nutzer ziemlich schnell nach der Einnahme verstorben sind", kam es kleinlaut von Adina. „Der Übergang zwischen Traumwelt und Zwischenwelt ist ziemlich einfach. Bevor man aufwacht, verspürt man wohl normalerweise einen leichten Sog. Folgt man ihm, hüpft man über die Traumwelt zurück auf die Erde und alles ist gut. Tut man es nicht, führt es zum Herzstillstand und man stirbt."
Ich schüttelte leicht den Kopf. Jetzt sollten sie noch dankbarer sein, dass ich hier war und nicht Patricia. Ich war dem Sog nur zu gerne gefolgt, als ihn gespürt hatte. Dort auf dem Friedhof hatte ich nämlich sehr viel Langeweile geschoben. Die schwache Version von mir hätte sich allerdings wahrscheinlich an ihren Daddy gekrallt, um ihn nicht schon wieder zu verlieren. Und damit wäre sie jetzt so tot wie er.
„Und wie sah der Plan aus, wenn Patricia bei Daddy geblieben wäre?", hakte ich belustigt nach.
„Dafür hatten wir keinen Plan. Wir sind davon ausgegangen, Sirius würde das regeln", gab Adina kleinlaut zu.
„Nur für den Fall, dass ihr unsere Vereinbarung brechen wollt: Durchdenkt eure Pläne besser. Ihr bringt ansonsten noch Patricia und mich um. Und jetzt raus hier und nehmt Antiope mit!"


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