7

Liana schlief nicht. Das hatte sie sich schon vorher vorgenommen. Sie hatte sich einen Stock gesucht, um sich zur Not verteidigen zu können. Einen Stock! Liana schämte sich vor sich selbst, vor allem dafür, dass sie heute ausnahmsweise kein Messer dabei gehabt hatte. Sie konnte nur hoffen, dass sie sich heute Nacht nicht verteidigen musste. Sie hatte etwas Holz gesammelt und legte das Feuer nach, wenn es auszugehen drohte.
Es war still. Jetzt, als sie bewusst hörte, war es sogar noch stiller als sonst, und gleichzeitig drangen unheimliche Geräusche an ihr Ohr. Durch ihr geschärftes Gehör vernahm sie tief im Wald das Geräusch, als wenn sich jemand seinen Weg durchs Dickicht bahnte. Leise Trippelschritte waren überall um sie herum zu hören und Lianas Herzschlag schlug verängstigt in ihrer Brust. Die Geräusche der Tagvögel waren verschwunden, natürlich, und nun ertönten die unheimliche Rufe der Nachtvögel. Ihr Flügelschlag war im Geäst hoch über ihr zu hören. Ihre unheimlichen Rufe, die langezogen durch den nächtlichen Wald hallten, ließen sie erschaudern. Und dann die Schreie, wenn irgendein Raubtier einen Vogel oder einen Kleinsäuger erwischt hatte. Liana schlang ihre Arme um sich. Wie sollte sie bei dem Lärm überhaupt schlafen?
Aber da hatte sie die Rechnung ohne ihren Körper gemacht. Jede ihrer Fasern schrie nach Schlaf, einer Möglichkeit, sich von dem anstrengenden Tag zu erholen. Immer wieder fielen ihr die Augen zu. Und immer wieder schreckte Liana auf. Hatte Kara gerufen? "Kara?", flüsterte Liana und zwinkerte die Müdigkeit aus ihren Augen. "Kara?" Keine Antwort. Liana erhob sich und ging zu ihr. Kara hatte die Augen geschlossen, und wenn Liana ihr über die Stirn wischte, konnte sie den kalten Schweiß spüren. Leise vor sich hinmurmelnd tauchte Liana ein Stück Stoff in den Bach und strich ihrer Schwester damit über die Stirn, immer und immer wieder. Kara schien das zu gefallen, denn ihr Atem vertiefte sich. Zufrieden tastete Liana nach dem Stoff auf ihrem Bauch. Er war nicht mehr kühl, sodass sie ihn erneut ins Wasser hielt. Sie legte ihn wieder vorsichtig auf Karas Bauch ab.

Plötzlich vernahm sie ein Knacken in unmittelbarer Nähe. Erschrocken hob Liana den Kopf und starrte ins schwarze Dunkel. Ihre Augen brauchten ein wenig, um sich an das Dunkel zu gewöhnen, aber als sie es getan hatten, sah sie nichts Ungewöhnliches. Sie starrte noch einen Moment zwischen die Bäume, bis sie Kara ergriff und in die direkte Nähe des Feuers legte. Die Wärme würde ihr guttun. Ein liebevoller Ausdruck trat in Lianas Augen, als sie Karas Wange entlangstrich. Sie würde wieder gesund werden. Und sie würden woanders ein schönes Leben führen. Ja, das versprach Liana ihrer Schwester in Gedanken. Es würde alles gut werden.
Erneut huschte ein Schatten durch Lianas rechtes Blickfeld und sofort schnellte ihr Blick in die Richtung. Doch wie die Male zuvor konnte sie nichts erkennen. Sie seufzte resigniert. Das würde eine lange Nacht werden.
Das Feuer knackte einschläfernd und zog Liana in seinen Bann, schien sie mit seinen Funken zu hypnotisieren, während sie nicht merkte, wie ihr Geist unaufhaltsam immer weiter, immer tiefer in eine trostlose Schwärze gezogen wurde.
Sie träumte. Sie träumte, dass sie rennen musste. Sie wusste nicht, vor was sie wegrannte oder wieso, sie konnte nichts sehen. Aber sie spürt es, dass sie fort von hier mussten. Liana nahm die vor Angst kreischende Kara auf den Arm. Sie wusste nicht, wo sie war, alles sah so fremd aus.
Plötzlich berührte sie eine warme Hand an der Schulter und rutschte seltsam tröstlich ihren Arm hinab. Liana hatte gar nicht gemerkt, dass sie weinte. "Kommt, ich zeige euch, wo ihr euch verstecken könnt!" Es war ein älterer Mann, der sich umdrehte und beinahe zwischen den Trümmern verschwand. Waren es Trümmer? Als Liana genauer hinblickte, waren es Gräben, die sich zu beiden Seiten des Weges auftaten. Sie erzitterte und wollte dem Mann folgen, doch ihre Beine wollten ihr nicht gehorchen. Sie sank stattdessen zusammen und kniete weinend auf der staubigen Straße. Verzweiflung stieg in ihr auf, Verzweiflung, die sie überwältigte. Und sie konnte sich nicht erklären, warum. Sie weinte. Warum war alles so fremd? Warum war sie hierher gegangen? Sie war hoffnungslos verloren! Sie konnte sich nicht retten, nicht hier, nicht jetzt.
Doch ihr plötzlicher Anfall der Hilflosigkeit wurde unterbrochen, als sie eilige Fußschritte hörte. Aber sie sah niemanden. Angst überkam Liana. Was, wenn sie sie eingeholt hatten? Sie würden sie holen, und sie würden sie töten! Doch es war der Mann, der auf sie zukam und sich zu ihr hinkniete. Er redete auf sie ein, und als er merkte, dass sie zu schwach war, um selbst aufzustehen, half er ihr auf. Sie folgten der sandigen Straße, weg von dem Lärm, der Liana erst auffiel, als er ausblieb. Der Mann zündete eine Fackel an und verschwand in einem dunklen Gang. Liana beeilte sich, ihm zu folgen, doch schon nach den ersten Schritten in der Dunkelheit hatte sie ihn und das Licht seiner Fackel komischerweise aus den Augen verloren. Liana wartete, aber der Mann kam nicht wieder. Sie stand alleine mit ihrer kleinen Schwester auf dem Arm im Dunkeln. Während sie wartete, gewöhnten sich Lianas Augen an die Dunkelheit und sie machte einige Schritte vorwärts. Jeder Schritt schmerzte und sie war schon jetzt außer Atem. Außerdem drückte überflüssigerweise auch noch ihre Blase. Sie rollte die Augen. Ausgerechnet jetzt. Ihre feine Nase schlug an und sie roch Rauch. Sollte der Mann etwa zurückkommen? Aber sie hatte keine Zeit, dies herauszufinden, denn in dem Moment wimmerte Kara in ihrem Arm leise.
In ihrem Arm? Aber dafür klang es viel zu weit weg.

Müde öffnete sie ihre bleiernen Augenlider. Sie blinzelte, bis das Bild schärfer wurde. Sie sah Kara immer noch so, wie sie sie gestern zurückgelassen hatte. Das Feuer schien schon vor einer Weile ausgegangen zu sein, aber dafür erhellte nun das helle Licht des Tages den Waldboden. Lianas erschöpftes Gehirn brauchte einen Moment, um die Situation zu verarbeiten. Dann schreckte sie auf. Warte, was?? Sie hatte geschlafen! Noch dazu im Liegen. Sie konnte sie nicht entsinnen, sich gestern hingelegt zu haben. Aber dafür blieb jetzt keine Zeit. Liana musste mal. Natürlich. Als sie sich versichert hatte, dass sie alleine waren, hockte sie sich mit heruntergelassener Hose hinter einen nahen Baum. Natürlich waren sie alleine. Sie waren irgendwo tief im Wald, bestimmt unberührt seit Jahrzehnten. Aber trotzdem kam Liana nicht umhin, sich über das Gegenteil Gedanken zu machen. Und was, wenn nicht? Unwillkürlich zuckte sie mit den Schultern und zog sich die Hosen hoch. Spielte das jetzt noch überhaupt eine Rolle?

Bạn đang đọc truyện trên: AzTruyen.Top