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Liana hetzte durch das Dickicht. Zweige und Blätter blieben in ihren Haaren hängen, Dornen und Ranken rissen an ihrer Kleidung. Immer wieder stolperte sie, aber schnell hatte sie sich wieder aufgerafft und lief weiter. Der Schmerz in ihrem Bein war einem dumpfen Pochen gewichen, und jedes Mal, wenn sie auftrat, jagte ihr erneut ein greller Blitz hinter dem Auge durch den Kopf, aber daran hatte sie sich schnell gewöhnt. Die Wunde hatte aufgehört zu bluten, aber sie hatte unerträgliche Kopfschmerzen.
Sie hielt Kara fest im Arm, um sie ja nicht zu verlieren. Ihre Sinne waren auf einmal wieder schärfer geworden, und sie hörte den kleinen Herzschlag. Aber sie hörte noch mehr. Sie hörte den Wind in den Baumkronen, sie hörte die Vögel in den Baumwipfeln umherflattern, sie hörte in der Ferne einen Bach plätschern. Auf ihn steuerte sie zu. Dort würden sie rasten können.
Das Fallen von Bomben und die Explosionen nahm sie schon eine Weile nicht mehr wahr. Anscheinend war sie jetzt so tief im Wald, dass die Bäume sie vor allen Geräuschen abschirmten. Es war dunkler geworden. Nicht notgedrungen durch die Tageszeit, obwohl Liana im Gefühl hatte, dass sich der Tag bald dem Ende neigen müsste. Doch hier im Wald standen die Bäume so dicht, dass sie kaum Licht auf den Boden ließen. Merkwürdigerweise störte sie das kaum. Ihre Pupillen schienen sich ihrer Umwelt weiter zu öffnen, mehr Eindrücke und vor allem mehr Licht einzufangen. Liana sah nicht schlechter, nein, sogar fast besser als zuvor. Sie roch den noch feuchten Waldboden. Sie roch die vermoderten Blätter und das mit Wasser vollgesogene Moos. Sie roch frisches Wasser, hörte, wie es fröhlich und unermüdlichen zwischen den Böschungen entlangplätscherte, lange, ehe sie es sah.
Das Bachufer war lieblich bedeckt von frischem, kräftig grünem Moos. Wasser sickerte hervor, wenn Liana darauf trat. Ihr war heiß und sie froh über die verheißene Abkühlung. Sie kniete sich hin und legte vorsichtig Kara auf das weiche Moos. Ihre Stirn war warm, als Liana darüber strich. Sie tauchte ihre Hand in das kühle Nass und wusch Kara vorsichtig den Schmutz und das Blut aus dem Gesicht. Sie merkte nicht, wie sich das Wasser um ihre Hand drehte und sie sanft bedeckte, als sie sie wieder herauszog, um Kara um ein weiteres Mal durchs Gesicht zu wischen. Sie brauchte jetzt Ruhe. Liana seufzte. Genau wie sie. Als sie nach oben blickte, bemerkte sie, dass es immer schneller dunkel wurde. Sie musste ein Feuer in Gang bringen, um wilde Tiere abzuhalten. Oder? In dem Moment ärgerte sich Liana, dass sie im Ferienlager für "Kleine Überlebenskünste" nicht aufgepasst hatte. Was sollte sie dafür nehmen? Sie erhob sich wieder und fand einen recht trockenen Stock. Sie hatte Glück, nur ein kleines Stück weiter fand sie einen alten Baumstamm. Erstens bedeutete dies genügend Holz für ein kleines Feuer, zum weiteren fand sie ein geeignetes zweites Holzstück und einen Baumpilz, der hoffentlich gut brannte. Sie stapelte eilig das Holz, das sie gefunden hatte. Sie nahm das Holz, legte es vor sich hin und bugsierte den Stock so, dass er rechtwinkling auf dem Holz stand. Reibung erzeugte Wärme. Oder? Hoffentlich. Liana begann, den Ast zwischen ihren Händen zu reiben, schnell, schneller, doch nichts geschah. Sie versuchte es nochmal. Vergebens. Ihr wurde heiß und sie rutschte zum Bach, um sich mit den Händen das frische Wasser im Gesicht zu verteilen. Es tat gut und so wiederholte sie ihr Tun. In dem Moment stöhnte Kara leise auf. Liana robbte eilig zu ihr. "Kara! Kara! Oh mein Gott, ich habe mir solche Sorgen gemacht!", rief Liana erleichtert und konnte ein Lächeln nicht unterdrücken. Kara stöhnte wieder, aber diesmal verzog sie schmerzerfüllt das Gesicht und drehte den Kopf weg. Hatte sie Schmerzen? Oder träumte sie schlecht? Liana runzelte die Stirn. Träumte man überhaupt, wenn man ohnmächtig war? Erst jetzt fielen ihr die vielen kleinen Erhebungen unter Karas Jacke auf. Liana hielt die Luft an, bevor sie die Strickjacke zurückschlug. Viele kleine Glas-, Stein- und Metallsplitter hatten sich ihr in den Bauch gebohrt. Verdammt! Mit zusammengebissenen Zähnen untersuchte Liana die Wunden, mit ihrem laienhaften Auge. Sie bluteten nicht. Das war doch ein gutes Zeichen, oder nicht? Sie verfluchte sich dafür, dass sie im Heilkundeunterricht nicht besser aufgepasst hatte! Was sollte sie jetzt machen? Sie war sich nicht sicher, also riss sie noch ein Stück ihres Pullovers ab und tränkte ihn in kühlem Bachwasser. So legte sie ihn vorsichtig auf Karas Bauch und beobachtete, wie sich ihre Schwester wand und erneut leise stöhnte. Liebevoll strich ihr Liana eine schwarze Haarsträhne aus der Stirn.
Sie erkannte kaum noch etwas, da kroch sie wieder zu dem Holz hinüber. Verdammt, sie musste jetzt endlich das verschissene Feuer in Gang setzen! Etwas verzweifelt packte sie erneut den Holzstab und drehte ihn immer schneller, bis feiner Rauch aufstieg. Aber eben nur das. Liana wischte sich den Schweiß von der Stirn. Ja, verdammt, natürlich, ihre Hände waren ja jetzt nass, nachdem sie sie in den Bach getaucht hatte. Na toll. Das hatte sie ja wieder super hingekriegt. Wie sollte nasses Holz auch anbrennen? Ihr Herz sank. Nichtsdestotrotz versuchte sie es erneut. Auch diesmal stieg Qualm auf. Geh. Schon. An. Verdammt!
Ein Funke schoss ihre Hand hinab und entzündete das Holz. Na endlich! Sie war so glücklich darüber, dass sie diesem seltsamen Vorkommnis keine weitere Aufmerksamkeit schenkte. Sie beugte sich hinab, ihre zerzausten schwarzen Haare fielen ihr dabei ins Gesicht wie ein Vorhang, und pustete, um das Feuer mit der Sauerstoffzufuhr weiter anzufachen. Sie brach ein Stück des Baumpilzes ab und glücklicherweise entzündete er sich sofort. Junge Flammen züngelten sich an dem Baumpilz empor und schnell drückte ihn Liana in den Holzhaufen, der als Lagerfeuer dienen würde. Sie pustete weiter, um das Überspringen der Flammen zu unterstützen. Als ein Knistern an ihre jetzt empfindlichen Ohren drang, breitete sich eine wohlige Wärme in ihrer Magengegend aus. Jetzt hatten sie Licht und Wärme! Liana lächelte und beobachtete, wie die Flammen hungrig das Holz vereinnahmen.
Sie setzte sich daneben und untersuchte ihre eigene Wunde. Sie schien nicht so schlimm, jetzt, da sie nicht mehr blutete. Die abgeschabte Haut hing als Lappen nutzlos hinunter. Liana benutzte ihre scharfkantigen Fingernägel, um sie abzutrennen. Es ziepte nur ein bisschen. Trotzdem zog Liana erschrocken die Luft durch die Zähne ein und schloss die Augen. Die Haut war mit der Wunde verbunden und hatte nun den Grind teilweise gelöst, wodurch die Wunde wieder angefangen hatte, leicht zu bluten. Die Wunde ging bis in tiefere Hautschichten, mit einigen tieferen Schnittwunden, die ihr die Nägel zugefügt hatten. Sie rutschte näher zum Ufer und wusch sich den groben Dreck aus der Wunde. Es brannte, doch Liana biss die Zähne zusammen und machte weiter, bis die Wunden sauber waren. Dabei bemerkte sie einige Schrapnellverletzungen an ihrem Oberarm. Sie hatten bis jetzt nicht geschmerzt, deshalb hatte Liana sie noch vorher bemerkt. Die Wundränder waren gereizt, gerötet und schmerzempfindlich, als Liana die Splitter einem nach dem anderen hinauszog.
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