Wassertropfen

Die Menschen verstanden nicht, wieso sie durch eine so kleine Sache so schlecht gelaunt war und wieso sie diese Kleinigkeit so herunterzog. Sie behaupteten, sie wäre nah am Wasser gebaut und immer so negativ. Dabei wussten sie nicht, wieso sie so war. Sie wussten rein gar nichts.

Jedes schlechte Ereignis war wie ein Wassertropfen, der in ein leeres Glas fiel. Mit der Zeit füllte sich das Glas immer mehr mit Wasser, bis es schließlich voll war. Nur eine einzige Kleinigkeit, ein winziger Tropfen, brachte das Wasser dann zum Überlaufen. Und genau so war es bei ihr. So wie das Wasser am Glas hinunterlief, rannten ihr die Tränen über das Gesicht und sie konnte nichts dagegen tun. Doch niemand verstand es.

Die Menschen verstanden nicht, wieso er nie weinte und wieso er nie Gefühle zeigte. Sie behaupteten, er wäre gefühlslos, eiskalt, unmenschlich. Dabei wussten sie nicht, wieso er so war. Sie wussten rein gar nichts.

Sein Glas Wasser hatte bereits vor langer Zeit angefangen, überzulaufen. Der Inhalt hätte sicher schon zwei weitere Gläser füllen können. Doch er lernte mit dem Schmerz umzugehen. Er kümmerte sich nicht um die vielen Tropfen, er ignorierte sie, als hätte sein Herz einen Ausschaltknopf und als könnte er diesen jederzeit betätigen. Er hatte Angst, Schwäche zu zeigen, wollte nicht all den Menschen seine wahren Gefühle offenbaren. Doch niemand verstand es.

Die Menschen verstanden nicht, wieso die beiden plötzlich so viel Zeit miteinander verbrachten und wieso das Mädchen auf einmal aufgehört hatte zu weinen und der Junge auf einmal Gefühle zeigte. Sie behaupteten, die beiden Außenseiter wären gut beieinander aufgehoben und sie hätten wohl niemand anderen mehr. Dabei wussten sie nicht, wieso sie so waren. Sie wussten rein gar nichts.

Denn es steckte so viel mehr dahinter. Die beiden hatten viel mehr Gemeinsamkeiten, als man es als Außenstehender erkennen konnte. Beide hatten Schmerz, Enttäuschung, Leid erfahren müssen, nur hatten sie verschiedene Wege, um all das zu verarbeiten. Doch seit sie den anderen kennengelernt hatten, brauchte das Mädchen nicht mehr zu weinen und der Junge nicht mehr emotionslos zu sein, denn beide hatten jemanden gefunden, der das Glas des anderen austrank und nie wieder zulassen würde, dass es überlief. Doch niemand verstand es.

Das Schlimmste war jedoch, dass niemand es verstehen wollte.

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