9.3

Baekhyun rannte um sein Leben. In purer Angst um sein unsterbliches Leben, das in letzter Zeit bereits zu oft gefährdet wurde. Aber in diesem Moment fühlte sich wohl niemand unsterblich. Nicht einmal der Erzengel an seiner Seite.

Es fing nach dem Donnerschlag an. Der Himmel verfinsterte sich, bis nur noch eine schwarz-graue Wolkendecke über ihnen schwebte. Die Luft roch angespannt, als würde sie sich elektrisch aufladen – wie kurz vor einem schlimmen Gewitter. Dann schossen Engel auf den Erdboden. Engel, die wie Blitze die Luft zerrissen. Erzengel. In Licht gebadet, wunderschön, angsteinflößend und ganz gewiss nicht im Bewusstsein ihrer selbst.

Ihre Augen, als sie ihnen gegenüberstanden, waren schwarz, ohne den Hauch von Weiß in ihren Augäpfeln. Sie strahlten wie Erzengel, sie waren wie Erzengel auf die Erde gekommen, aber sie wurden von etwa gesteuert dass sie alles andere als zu Erzengeln machte.

„Sie sind Willenslos", hatte Kyungsoo erschrocken geflüstert, als die Zombie-ähnlichen Engel auf sie zugekommen waren. Schleppend, innerlich Tod. Nur von einer Macht des Himmels gelenkt, die niemals so eingesetzt werden sollte.

Sie hatten sich zurückgezogen, weil ihre bloße Macht ihnen auf der Haut gebrannt hatte.

„Was geht hier vor sich?", hatte Luhan laut gefragt und war nur haarscharf ausgewichen, als einer dieser Engel sich auf ihn stürzte.

„Jongin muss...er muss gewöhnliche Engel unter seine Kontrolle gebracht haben und anschließend zu Erzengeln erklärt haben."

„Das GEHT?", fragte Baekhyun ungläubig und zuckte zusammen als er einen der Zombie-Erzengel wiedererkannte. Er war in seinem Abteil des Himmels gewesen! Himmel und Hölle.

„Mit der Schrift kann man so gut wie alles tun...nur dachte niemand...ich meine Engel TUN so etwas nicht."

„Tja falsch gedacht", informierte sie Yixing.

Junmyeon schrie auf als einer der Erzengel sich auf ihn stürzte. Kris schritt, mit schwarz rauchenden Händen, dazwischen und katapultierte den Zombie-Erzengel damit weit über den Friedhof. Nicht das ihm das etwas anhaben konnte. Der willenlose Engel richtete sich unversehrt wieder auf, ließ den Nacken von links nach rechts kreisen und startete dann seinen Gegenangriff gegen Kris. Und die Zombie-Erzengel waren mindestens so stark wie echte Erzengel – wenn nicht stärker – was sie mit absolutem Schrecken beobachteten.

Kyungsoo und Junmyeon, die überhaupt keine Mächte besaßen jetzt da sie auf der Erde waren, hielten sich zitternd im Hintergrund. „Gegen die haben wir keine Chance", brachte Kris zischend zwischen zusammengepressten Zähnen hervor. Er stemmte sich mit aller Kraft gegen seinen Angreifer, konnte seinen leuchtenden Händen jedoch nur entfliehen, weil Luhan einen Schwall schwarzen Rauchs auf den Zombie-Erzengel abfeuerte.

„Wir sollten verschwinden und zwar so schnell wie möglich!", rief Kris und flog zu Boden, wo er sich vor Junmyeon und Kyungsoo platzierte. Die anderen gaben ihm, wild mit dem Kopf nickend, Recht. Nur Chanyeol stand da und starrte die Zombie-Erzengel mit weitaufgerissenen Augen an.

„Chanyeol!", rief Baekhyun als er bemerkte dass der Erzengel keine Anstalten machte sich zu bewegen. „Chanyeol!!"

„Sie sind Engel", flüsterte Chanyeol. „Unschuldige Engel. Wir können ihnen nichts tun."

Yixing fluchte lauthals. „Das ist das einzige worum du dich sorgst?!" Er öffnete die Flügel und stieß sich in den Himmel empor. Ein paar der Zombie-Erzengel folgten seiner Bewegung mit den Augen und stießen sich ebenfalls von der Erde ab. Die Luft flimmerte und sie wussten alle, dass diese Wesen ohne Steuerungsfähigkeit gleich angreifen würden. Sie waren nicht nur in der Unterzahl (und das deutlich) sondern auch deutlich schwächer.

Panik stieg in Baekhyun auf. Er rannte zu Chanyeol herüber und ergriff ihn am Handgelenk. „Wir werden ihnen nichts tun!", schrie er. „Aber sie werden nicht die gleichen Hemmungen zeigen, also müssen wir verschwinden. Und zwar JETZT!"

Chanyeol wandte sich zu ihm um, und für einen Augenblick glaubte Baekhyun dass Chanyeols Augen...funkelten. Von allzu menschlichen Gefühlen funkelten.

Ein Grummeln ging durch die Horde Zombie-Erzengel. Sie waren bereit zum Angriff. Chanyeol und Baekhyun stießen sich als letzte von der Erde ab, gerade als die willenlosen Engel einen Satz auf sie zu machten. Dann flogen sie mit einer Geschwindigkeit davon, wie noch nie zuvor.

Nicht das das ihnen das etwas brachte. Die Zombie-Erzengel waren genauso schnell wie sie und sie holten sie ein, noch bevor sie verstanden was geschah.

Chanyeol verließ Baekhyuns Seite um Kyungsoo und Junmyeon zu beschützen und Baekhyun spürte, nur eine Millisekunde später, wie ein Arm oder Bein mit seinem Rücken kollidierte.

„Baekhyun!", schrie Luhan panisch, aber da fiel Baekhyun bereits wie ein Kommet in Richtung Erde. Er machte sich auf den blendenden Schmerz bereit und sog erschrocken Luft ein, als er stattdessen von Yixing aufgefangen wurde. Ihr Zusammenprall war stark und sie rollten weit über den Boden, aber Yixing war deutlich weicher, als der Erdboden unter ihnen.

„Danke", keuchte Baekhyun atemlos.

„Das fehlt uns noch dass du dir die Flügel brichst und nicht weiterkannst", murmelte Yixing. Ein Zombie-Erzengel, derjenige der Baekhyun erwischt hatte, erschien hinter Yixing, was dieser mit einer Ansammlung seiner Macht beantwortete. Der Zombie-Erzengel flog weit zurück, rappelte sich Sekunden darauf jedoch wieder auf die Beine. „Hölle sind die nervig."

Sie kamen wieder auf die Beine und schwangen sich in die Luft um Luhan und Kris auszuhelfen, die sich zehn Zombie-Erzengeln auf einem stellten. Das war ein verlorener Kampf. So viele auf einmal könnten und würden sie nicht aufhalten können.

„Wir verschwinden!", rief Yixing. „Luhan öffne ein Tor zur Hölle."

„Nein!", rief Kris erschrocken aus. „Wir können nicht einfach..."

„Willst du sterben?", rief Yixing fassungslos zurück.

Kris wandte sich um, wo Chanyeol, Kyungsoo und Junmyeon, wahrscheinlich gerade über dem Pazifik schwebten und es mit dutzenden dieser Mistkerle aufnehmen mussten. Chanyeol es mit ihnen aufnehmen musste.

Baekhyun nickte entschieden. „Wir können nicht gehen."

Luhan wurde blass. „Das können wir tatsächlich nicht."

„Was?!", rief Yixing ungläubig. „Du auch Luhan? Ihr seid alle verrückt-"

„Nein", unterbrach Luhan und ächzte als er einem Lichtstrahl auswich. „Lucifer kann uns kein Tor öffnen."

Die Gefallenen Engel wurden ganz still. „Sag das noch einmal."

„Lucifer kann kein Tor öffnen."

„WIESO?"

„Die Hölle wäre augenblicklich unter Beschlag."

„Aber Erzengel kommen NICHT in die Hölle! Die Hölle ist nur eine Erfindung von Lucifer! Sie ist SICHER."

„Lucifer kann die Hölle gegen so viel gebündelte Macht nicht aufrechterhalten. Wenn wir jetzt ein Tor öffnen und die Erzengel sich darauf stürzen, und das werden sie ganz gewiss tun, dann werden sie Lucifer durch das Tor sprängen. Ihre Macht wird ihn erreichen und...die Hölle wird zusammenbrechen wenn Lucifer verletzt wird."

Luhans Kette leuchtete, was bedeutete, dass Lucifer selbst ihm diese Dinge wohl gerade mitgeteilt hatte. Was ihnen wirklich nicht gelegen kam.

„Das heißt wir können nicht von hier verschwinden?", fasste Yixing wütend zusammen. „Großartig."

„Nicht jetzt. Nicht da so viele von ihnen hier sind. Wir müssen erst so weit wie möglich von ihnen fortkommen."

Ein Lichtstrahl streifte Kris Arm, was ihn für einen Moment aus der Balance warf. „Großartiger Vorschlag, wie sollen wir das anstellen?"

Luhan schwieg für einen Moment, dann runzelte er die Stirn, als er Lucifers Stimme zu Ende gelauscht hatte. „Schließt eure Flügel!"

„WAS?! Wir sind ausgeliefert ohne unsere Flügel!"

„Lucifer sagt, sie greifen nur Engel an! Wenn wir unsere Flügel verstecken kommen sie uns, so wie die anderen Erzengel, genauso schwer auf die Spur!"

„Noch ein großartiger Vorschlag, aber dafür müssen wir ihnen erst einmal entkommen", erinnerte Yixing ächzend. Ihre Kräfte verließen sie langsam, während sie Zombie-Erzengeln auswischen und Schlägen von allen Seiten parierten. Und gleichzeitig eine Krisensitzung abhielten.

„Wir teilen uns auf", schlug Kris vor. Sorgen für Verwirrung indem wir alle in unterschiedliche Richtungen fliegen." Selbst wenn sie das täten, würden ihnen pro Kopf etwa fünf Zombie-Erzengel folgen. Und wenn dann auch noch alle auf einmal ernst machten...

„Das ist unsere einzige Chance", rief Luhan, aber man konnte die Unsicherheit deutlich aus seiner Stimme heraushören.

Die Gefallenen Engel wurden von den Erzengeln plötzlich zusammengedrängt, so dass sie beinahe Flügelspitze an Flügelspitze beieinander flogen. „Jeder in eine andere Richtung", sagte Yixing leise, während die Erzengel ihren Kreis um sie langsam zusammen zogen.

Luhan nickte neben Baekhyun. Kris ballte entschlossen die Hände zu Fäusten und Baekhyun beschwor den schwarzen Rauch, dessen Beherrschung er, dank Lucifer, erlernt hatte. Ein Feuer brannte in ihm, denn es ging ums reine Überleben.

„LOS!", schrie Yixing. Die Luft flimmerte als die Engel ihre Flügel, so stark wie irgendwie möglich, nach unten rissen.

Die Zombie-Erzengel blieben ihnen auf den Fersen und zunächst dachte Baekhyun er hätte das besonders glückliche Los gezogen, von den meisten dieser verdammten Erzengel verfolgt zu werden, doch dann bemerkte er die schwarzen Striemen die die Flügel zweier weiterer Gefallener Engel in der Luft hinterließen. Luhan und Kris flogen in dieselbe Richtung wie er. Na das hatte ja großartig geklappt.

Er selbst hatte seine Richtung jedoch bewusst gewählt und wollte nicht woanders hinfliegen, weil er unbedingt zu Chanyeol wollte um ihm das mit den Flügeln zu erzählen und...oh Richtig. Das musste der Grund sein, weshalb Kris in diese Richtung flog nicht wahr? Wegen Junmyeon...oder etwa nicht? (Baekhyun würde sich später darum Gedanken machen).

Er verstand Luhans Antrieb noch nicht - vielleicht wollte er den Zombie-Erzengeln dabei helfen Chanyeol zu erledigen (was Baekhyun nicht zulassen würde) oder es ging ihm um Kyungsoo – das war das einzige was in seinen Augen wirklich Sinn ergab.

Seine Gedanken wurden harsch unterbrochen, als ein Zombie-Erzengel in seine Spur geriet. Baekhyun hatte seinen schwarzen Rauch nicht mehr benutzt seid er gegen Lucifer gekämpft hatte, aber er zögerte nicht eine Ladung seiner Macht auf den Engel vor sich zu schleudern. Es hatte eine erstaunliche Wirkung. Der Erzengel schrie auf, verlor die Balance als sein Flügel schwarze Flammen fingen und stürzte zu Boden.

„Nicht schlecht Baekhyun!", rief Luhan anerkennend – was nicht der richtige Zeitpunkt war um Baekhyuns Training anzuerkennen, aber Baekhyun war ebenfalls erleichtert, dass er zumindest für dieses Mal seine Haut retten konnte.

Baekhyun und die anderen fanden Chanyeol, Junmyeon und Kyungsoo von einer Horde Zombie-Erzengel (es waren noch mehr geworden) eingekreist und, da sie offensichtlich abgelenkt waren, fielen sie wie Bomben durch ihre Reihen. Schwarzer Rauch verteilte sich, Zombie-Erzengel stürzten in Chaos Richtung Boden. Kris schnappte sich in einem Moment kompletter Verwirrung, Junmyeons Handgelenk und schoss mit ihm davon wie eine Rakete.

„Verschwinde von hier!", rief Luhan ihm zu, gerade als Baekhyun Chanyeol erreicht hatte, der ihn verdutzt ansah.

„Was machst du-"

Baekhyun ergriff ihn nur am Arm und schleppte ihn mit ein paar hektischen Flügelschlägen (früher, als Chanyeol noch ein Mensch gewesen war, ging das deutlich einfacher) davon. Sie ließen ein Chaos aus herumstrampelnden Zombie-Erzengeln hinter sich, die sich mühsam gegen all den schwarzen Rauch wehrten, den die Gefallenen Engel im Moment ihrer Unachtsamkeit auf sie geleitet hatten.

Es war genug um sie abzulenken. Chanyeol fing an sich in Baekhyuns Griff zu wehren, sobald sie ein Stück Abstand zwischen sich und den anderen gelassen hatten.

„Lass los! Ich muss zurück zu Junmyeon und Kyungsoo!"

„Die beiden sind sicher", versicherte Baekhyun mit einer Zuversicht, die ihn selbst ein wenig erstaunte. „Kris und Luhan sind bei ihnen." Er blickte sich um. Das Meer brandete in die Küste. Wo waren sie? „Da unten ist Land! Wir müssen unbedingt an Boden." Und er tat genau das. Baekhyun ging in den Sturzflug und landete nur mit Mühe auf den Füßen. Chanyeol kam deutlich eleganter als er auf die Füße. Er riss sich los.

„Was sollte das?"

„Eine Rettungsaktion." Sie standen mitten auf einem Marktplatz irgendwo im Nahen Osten und wurden von erschrockenen Gesichtern angestarrt. Bevor Panik ausbrechen konnte, hob Chanyeol seine Hand und schnippte in die Finger, ohne Baekhyun aus den Augen zu lassen. Die Menschen gingen weiter, als wäre nichts weiter Ungewöhnliches geschehen. So behielten die Erzengel ihre Existenz also geheim.

„Habe ich jemals um Hilfe von einem GEFALLENEN ENGEL gebeten?"

„Versteck deine Flügel", sagte Baekhyun ohne auf Chanyeol einzugehen. Seine Flügel verschwanden, Chanyeol blieb unberührt.

„Wieso? Das lässt uns ungeschützt vor..."

„Lucifer sagt es erschwert ihnen die Suche nach uns. So wie es euch Erzengeln schwerer fällt die Gefallenen zu finden. Na los, schließ deine Flügel."

Chanyeol zögerte nur noch eine Sekunde länger, bevor er mit einem Grummeln seine Flügel schloss. Trotz allem, schlich sich ein kleines Lächeln auf Baekhyuns Gesicht. „Danke."

Chanyeols Blick wurde schärfer. „Wofür?"

„Dass du dich von mir mitziehen gelassen hast und das du mir vertraust."

„Ich vertraue dir nicht."

Baekhyun verdrehte die Augen. Bevor er jedoch etwas sagen konnte, schlug weiter hinter ihnen etwas in die Erde ein. Menschen kreischten panisch auf. Chanyeol und Baekhyun wechselten nur einen schnellen Blick und rannten dann durch die Menge in entgegengesetzte Richtung.

Und so kam es dazu das Baekhyun, ein Gefallener Engel, und Chanyeol, ein Erzengel, gleichermaßen um ihre (eigentlich unsterbliche) Existenz rannten.

~*~

Es gab ein paar Dinge, die ihnen auf ihrer Flucht auffiel: Erstens, die Zombie-Erzengel griffen keine Menschen an. Zweitens: Die Menschen vergaßen ihre Existenz noch im selben Moment in dem sie sie bemerkten. Drittens: Immer wenn sich Baekhyun und Chanyeol trennten, dann folgte die größere Horde Zombie-Erzengel Baekhyun. Als hegten sie einen persönlichen Groll gegen ihn, was der Gefallene Engel als nicht ganz fair empfand.

Baekhyun strauchelte in eine Sackgasse hinein und fluchte laut, über die Wand vor sich. Viertens: Sobald Baekhyun oder Chanyeol ihre Flügel öffneten, waren ihnen die Zombie-Erzengel tatsächlich in großer Anzahl auf den Fersen. Es war als könnten sie sie dann urplötzlich vor sich sehen und wüssten damit genau, wo sie hin mussten. Baekhyun fluchte noch lauter, weil er nun die Wahl zwischen vier Zombie-Erzengeln oder dem Überfliegen der Mauer hatte (nur um sich anschließend noch einmal dutzend mehr Zombie-Erzengeln gegenüber zu finden).

Baekhyun wählte die Erzengel vor sich, auch weil sie nicht zögerten ihm auf die Pelle zu rücken. Er versuchte sie mit seinem schwarzen Rauch auf Abstand zu halten und war immer wieder erleichtert wie viel Schaden er damit anrichten konnte. Nichtsdestotrotz waren vier Erzengel keine Zahl, der sich Baekhyun gerne alleine gegenübersah. Er wich gegen die Mauer in seinem Rücken zurück und schluckte schwer als er Macht in seiner Hand sammelte.

Chanyeol schlitterte in diesem Moment plötzlich um die Ecke und direkt in Baekhyuns Gasse hinein, mit zwei Erzengeln direkt hinter sich. Großartige Arbeiten, als hätten Baekhyun vier von den Mistkerlen nicht gereicht. Und jetzt konnte Baekhyun auch kein Loch mehr in die Mauer, hinter sich, pusten weil er Chanyeol damit mit sechs Erzengeln alleine lassen würde und das konnte er einfach nicht tun.

„Da bist du", sagte Chanyeol und klang trotz allem (sie waren durch einen gesamten Kontinent gerannt – und ab und an geflogen – um den Zombie Erzengeln zu entkommen) vollkommen ruhig und nicht außer Atem. Baekhyun war beinahe wütend über diese unfaire Gelassenheit. „Ich habe nach dir gesucht."

Baekhyun duckte sich unter helles Licht, dass auf seinen Kopf gerichtet war und keuchte vor Anstrengung, als er Fäusten und Tritten auswich. „Ehrlich? Ich war anderweitig beschäftigt", brachte er zwischen zusammengebissenen Zähnen hindurch hervor. Chanyeol richtete beide Hände auf Baekhyuns Angreifer, die eine Sekunde darauf heftig in die Lehmhäuser einsanken. Baekhyun atmete erleichtert auf.

„Vorsicht!"

Einer der Zombie-Erzengel, der Chanyeol hierher gefolgt war, griff nach Chanyeol, was der andere einfach geschehen ließ. Er schüttelte die Hand des willenlosen Engels ab, als wäre er eine lästige Fliege. „Sie greifen mich nicht an", sagte er an Baekhyun gerichtet. „Sie versuchen nur mich bewegungsunfähig zu machen." Chanyeol schlug dem anderen Zombie-Erzengel mit der Faust ins Gesicht, als er sich ihm näherte. Der wahre Erzengel verzog das Gesicht und murmelte eine Entschuldigung als der Engel zu Boden sank.

„Sie versuchen nicht dich zu töten?", wiederholte Baekhyun ungläubig. Nun das war wirklich nicht fair. (Auch wenn Baekhyun insgeheim erleichtert darüber war).

„Nein."

„Wieso?"

Chanyeol zuckte die Achseln. „Gehen wir, so lange sie sich nicht bewegen können."

Das war ein guter Vorschlag. Sie rannten für eine Weile, ohne dass ihnen jemand folgte, und duckten sich dann in einen Altbau hinein, der offensichtlich leer stand um bald abgerissen zu werden. Chanyeol hatte den patrouillierenden Wachsoldaten nur nett bitten (von wegen) müssen und der Mann hatte sie lächelnd durchgewinkt.

Noch eine Sache war ihnen aufgefallen: Die Zombie-Erzengel waren stark, verdammt stark, aber sie griffen nicht immer gleichzeitig an, was eine große Erleichterung war. Sie waren wirklich nur dumme Marionetten. Stark, aber nicht sonderlich hell.

Baekhyun ließ sich erschöpft auf den Boden sinken und lehnte sich gegen die staubige Wand in seinem Rücken. Alles schmerzte und pulsierte vor Erschöpfung. Er schloss für einen Augenblick die Augen und riss sie erschrocken auf als ihm ein Gedanke kam. Chanyeol stand vor ihm und sah auf ihn hinunter. Nachdenklich, als hätte er gerade an dasselbe wie Baekhyun gedacht. Vielleicht hatte er das.

„Du wirst mich nicht plötzlich töten, nicht wahr?"

Chanyeol dachte nach, biss sich sogar auf die Unterlippe, und schüttelte dann den Kopf. „Kyungsoo würde mir nicht verzeihen."

Das klang nach keinem vernünftigen Grund, der Chanyeol daran hindern sollte seine Pflicht zu tun. „Ist das eine Ausrede?", fragte Baekhyun und legte den Kopf schief.

„Nein, wir haben nur gerade wirklich besseres zu tun." Er seufzte. „Außerdem befinden sich zwei Engel in den Händen deiner Freude. Ich will nichts riskieren."

„Das SIND Ausreden", sagte Baekhyun erfreut. „Du willst mich gar nicht töten."

Chanyeol sah ihn aus schmalen Augen an. „Treib es nicht zu weit. Sobald wir hier fertig sind, werde ich meine rechtmäßige Aufgabe erfüllen." Und tatsächlich WAR Baekhyun Chanyeols Aufgabe, denn er war in seine Nähe gefallen.

Baekhyun blickte auf seine Hände hinunter, die noch immer blutig waren. Es war sein eigenes Blut das an ihnen klebte. Engel bluteten normalerweise nicht, aber diese Lüge hatte er schon vor einer ganzen Weile aufgedeckt. Chanyeol setzte sich neben ihn und lehnte ebenfalls den Rücken gegen die Wand. Baekhyun betrachtete sein Profil. Das lange Gesicht mit den hohen Wangenknochen, schwarze, lange Wimpern und die gerade Nase über vollen Lippen.

„Wie funktioniert das? Mit der Widergeburt meine ich. Verändert sich dein Aussehen jedes Mal wieder?"

Chanyeol nickte kaum merklich mit dem Kopf. „Ich bin zum ersten Mal im Süden des heutigen Europas geboren worden. Meine Haut war olivfarben und mein Haar dunkelbraun und gelockt. Mein Aussehen verändert sich jedes Mal, mit der Region und den Eltern von denen ich wiedergeboren werde. Meine Persönlichkeit hingegen war bislang immerzu recht ähnlich."

„Du warst nicht in jedem deiner Leben ein Tierarzt oder?"

Das brachte Chanyeol zum Lachen. Es war ein so schönes Geräusch, dass Baekhyun unweigerlich tiefe Zufriedenheit durchflutete. „Nein nicht im Geringsten. In meinem ersten, richtigen Leben war ich ein Krieger. In meiner ersten Widergeburt habe ich Schafe gehütet. Zwischendurch war ich Matrose auf einem der ersten großen Dampfer, die gebaut wurden, Handwerker in kleinen Dörfern, Koch für eine private Adelsfamilie, Adel selbst... zu Zeiten des ersten und zweiten Weltkriegs war ich Arzt."

„Die Geschichte ist durchflutet mit dir."

„Nicht wirklich", er zuckte die Achseln. „Ich war nur am Leben, niemand bedeutendes."

„Und Jongin?"

Chanyeols Augen verfinsterten sich ein wenig und Baekhyun befürchtete schon, er habe sein Glück überstrapaziert, doch Chanyeol antwortete: „Jongin war immerzu an meiner Seite. Junmyeon lenkt die Wiedergeburten so, dass wir beieinander bleiben. Dass unsere Leben sich unweigerlich kreuzen und wir früher oder später zum etwa selben Zeitraum sterben."

Baekhyun nickte. „Ihr habt so viele Leben miteinander gelebt."

„So habe ich es ihm versprochen", flüsterte Chanyeol und kniff nun die Augen zusammen, als würden seine Erinnerungen ihm Schmerzen bereiten.

„Wenn Jongin wiedergeboren wird", setzte Baekhyun schnell fort, um den Erzengel abzulenken. „Was geschieht mit seiner Dunkelheit? Lässt er sie im Himmel zurück?"

„Nein, er vergisst sie nur. Es ist nicht so als wäre sie fort...sie ist ein so großer Teil von...ihm, von allem was Jongin ist, so dass sie nicht von ihm abzutrennen ist. Aber als Mensch wird sie ihm weniger bewusst und er kann weniger Schaden anrichten."

„Aber sie ist weiterhin da!", rief Baekhyun ungläubig aus. „Es MÜSSEN doch unweigerlich Dinge geschehen sein, nicht wahr?"

Chanyeol nickte bedrückt. „Natürlich." Ein Lächeln umspielte plötzlich seine Lippen. „Während unseres letzten Lebens, als du ins Spiel gekommen bist, hat er mich mit seiner Arbeitskollegin betrogen. Es sind Kleinigkeiten wie diese in denen seine Dunkelheit hindurchkommt. Meistens richtet sie sich dann gegen mich."

„Gegen dich?"

Er zuckte die Achseln. „Ich bin ihm am nächsten. War es immer und werde es immer sein. Wir hatten Leben in denen alles ohne Zwischenfälle gelaufen ist, ohne dass seine Dunkelheit auch nur einmal durchgekommen ist, und andere Leben in denen Jongin schreckliche Dinge getan hat. Als wir im vierzehnten Jahrhundert als Brüder wiedergeboren wurden war er es, der mich, nach einem banalen Streit, getötet hat."

Baekhyun erschauderte unwillkürlich. „Aber Jongin...ich verstehe nicht. Ihm liegt doch bestimmt etwas an dir?"

„Er ist lange eine Dunkle Aura gewesen und so funktionieren sie nun eben. Es ist seine Natur." Chanyeol krümmte sich nach vorne und schlang die Arme um die Knie. Er schien nicht mehr zu Baekhyun zu sprechen. Er war zu weit entfernt in seinen Erinnerungen. „Das ist meine Schuld. Ich habe ihn zu dem gemacht was er ist. Ich habe ihn im Stich gelassen, obwohl Jongin mich gebraucht hat. Ich konnte meinen Schwur nicht einhalten."

„Chanyeol?"

Chanyeol schloss die Augen, sein Gesicht war schmerzverzerrt. Engel waren sich ihrer Empfindungen nicht bewusst. Engel trauerten nicht um sterbende Menschen, sie litten nicht wenn Grausamkeiten geschahen. Engel waren zu einer Monotonie verbannt, ohne die der Himmel wahrscheinlich nicht funktionieren würde. Nur wenige, gedämpfte Gefühle drangen zu ihnen hindurch. Baekhyun hatte Spaß empfunden, wenn er mit Jongdae auf Wolken lag und auf die Erde hinabgesehen hatte, aber er hatte kaum Langweile noch Hass gekannt. Zu starke Gefühle wurden gefährlich. Engel, die sich ihrer Gefühle bewusst wurden, waren meistens die, die sehr schlecht oder sehr gut wurden. Luhan hatten seine Gefühle zu schrecklichen Taten verleiten lassen, Chanyeol hingegen schienen sie nur besser gemacht zu haben. Und Baekhyun hatte sein Drang, nach einem neuen, besseren Leben, in verdammt große Schwierigkeiten gebracht.

Baekhyun verstand wieso Engel nicht zu viele Gefühle haben sollten, denn es machte sie menschlicher in einem Umfeld in dem Menschlichkeit nicht klug war. Im Himmel sollte niemand aus Habgier oder Hass töten. Niemand sollte vor Machthunger skrupellos werden oder aus zu viel Liebe Eifersucht empfinden. Daher gab es auch so wenige Paare unter Engeln. Liebe war ein zu mächtiges Gefühl. Hass ebenso.

Während Baekhyun Chanyeol beobachtete sah er dass der Erzengel sich seiner Gefühle wohl schon vor langer Zeit Bewusst geworden war. Chanyeol war kein monotoner, kalter Erzengel wie Baekhyun angenommen hatte. Er litt und wahrscheinlich litt er schrecklich. Schuldgefühle waren ein starkes Gefühl, das wusste er, weil auch er noch immer mit Schuldgefühlen aus seinem ersten Leben umherging. Vielleicht hatte das Bewusstsein gerade dieses Gefühls, sie zu dem gemacht was sie heute waren.

„Chanyeol", wiederholte Baekhyun sanft. Er zögerte ihn zu berühren, aber es war schrecklich, hilflos neben ihm zu sitzen. Baekhyun legte ihm sanft eine Hand auf die Schulter. „Es ist nicht deine Schuld", sagte er, weil er ihn beruhigen wollte.

„Du weißt nicht was geschehen ist", murmelte Chanyeol kaum hörbar.

„Und wenn schon", erwiderte er und versuchte Leichtigkeit in seine Stimme zu mischen. „Ich kann mir nicht vorstellen, dass Jongin deinetwegen zu einer Dunklen Aura geworden ist."

„Ich hätte ihn suchen müssen. Sobald ich ein Engel geworden bin. Ich hätte an ihn denken sollen, ich hätte den Himmel nach ihm absuchen müssen."

Baekhyun schüttelte den Kopf. „So funktioniert das nicht, das weißt du." Sobald sie Engel wurden, war ihr menschliches Leben ihnen so gut wie egal. Es war natürlich ein Engel zu werden, ganz selbstverständlich und das menschliche Leben konnte mit einem Achselzucken ins Unterbewusstsein weiterrücken. In den meisten Fällen blieb es auch dabei. Baekhyun wusste, aus eigener Erfahrung, dass es auch anders kommen konnte. Aber das brauchte Zeit. Gefühle brauchten Zeit um zu einem Engel hindurch zu dringen.

„Ich muss Jongin aufhalten", sagte Chanyeol. „Es ist meine Schuld, daher ist er auch meine Verpflichtung."

Baekhyun sah Chanyeol an und wusste, dass er ihn nicht alleine lassen würde. Chanyeol mag ein Erzengel sein, dessen Aufgabe es ist Baekhyun zu bestrafen, aber er war auch so viel mehr. Chanyeol war der Mensch, der Baekhyun gerettet hat – mehr als einmal. Baekhyun wusste dass Chanyeol sanft und großzügig und unglaublich nett war. Er hatte in ihm einen wundervollen Menschen gesehen und er wusste dass dieser auch weiterhin in dem Erzengel neben ihm existierte.

„Ich helfe dir", sagte er. „Ich weiß dass du meine Hilfe nicht willst, aber ich helfe dir trotzdem."

Der Erzengel runzelte die Stirn. „Du benimmst dich nicht wie ein Gefallener Engel Baekhyun", entkam es ihm, und es klang beinahe anklagend.

Baekhyun zuckte die Achseln. „Ich habe dir gesagt dass ich wegen einem Missverständnis verbannt wurde. Ich habe nichts verbro-" Baekhyuns Gedanken stockten, dann überschlugen sie sich auf einmal. „Oh. OH!"

„Was?"

„Sehun!", rief Baekhyun aus. „Sehun! Wo ist Sehun?"

Chanyeol blinzelte mehrfach. „Der Engel, der dich auf die Erde verbannt hat?"

„Ja!"

Chanyeol zuckte die Achseln. „Gefangen. Es gab eine Verhandlung seinetwegen. Das ist der einzige Grund weshalb Junmyeon noch kein Erzengel ist. Er war an der Reihe, aber dann ist die Sache mit Sehun geschehen und er hat sich mehr darum gekümmert dass der Engel nicht verbannt wird, als darum ein Erzengel zu werden."

Baekhyun sah ihn für einen Moment erstaunt an. „Woher weißt du das?"

„Ich wollte wissen ob du mich angelogen hast...wegen dem Grund weshalb du Gefallen bist."

„Ich habe nicht gelogen." In Gedanken bemerkte er erstaunt, dass Chanyeol also doch an sein menschliches Leben mit ihm zurückgedacht hatte.

„Was dich trotzdem nicht weniger zu einem Gefallenen Engel macht."

„Woran du nicht ganz unschuldig bist", erinnerte Baekhyun. „Erinnerst du dich? Ich habe meine eigene, verbotene, Macht zum ersten Mal an dir ausprobiert. Als ich dich geheilt habe. Und wenn das der Moment war der mich, außerhalb des Missverständnisses, zu einem Gefallenen werden ließ, dann bist du nicht ganz unschuldig."

Chanyeol starrte ihn mit großen Augen an. „Du willst MICH dafür beschuldigen?"

„Nein, ich sage ja nur dass du nicht GANZ unschuldig bist."

Chanyeol schnaubte fassungslos. „Und was? Soll ich deine Existenz jetzt deswegen verschonen?"

„Das wäre wirklich liebenswert."

Chanyeol wirkte überhaupt nicht belustigt, auch nicht als Baekhyun ihm breit zulächelte. Vielleicht war ihre gesamte Situation auch einfach nicht amüsant genug.

Baekhyun räusperte sich. „Was auch immer, was ich eigentlich damit sagen wollte ist: Sehun ist noch immer im Himmel! Und Sehun ist Junmyeons Schüler, das heißt er hat eine Ahnung wie er den Himmel bedienen kann!"

Chanyeol nickte langsam als er den Gedanken überdachte. „Aber er ist ein Gefangener."

„Dann muss ihn jemand befreien."

Chanyeol seufzte. „Nicht einmal ich weiß wie die Zellen unter dem Palodium funktionieren. Kaum ein Engel befindet sich dort, und die Hüter der Zelle sind auf der Erde."

Baekhyun ließ enttäuscht die Schultern hängen. „Es handelt sich also noch immer um dasselbe Problem?"

Chanyeol nickte. Ihre Köpfe fuhren hinauf, als ein Geräusch sie innehalten ließ. „Sie kommen."

Baekhyun kam schnell auf die Füße, dunkler Rauch sammelte sich bereits in seinen Händen, aber es war kein Zombie-Erzengel, der sich ihnen näherte.

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Was hat dieser ganzen Geschichte noch gefehlt? - Zombies! Okay, dass ich sie 'Zombie-Erzengel' nennen würde, war mir noch nicht klar als ich mir die Geschichte ausgedacht habe, aber es hat irgendwie gepasst als ich schließlich an dem Part geschrieben habe ^^ Ich bin mir noch nicht sicher ob das das Ende von Part 9 sein wird, oder ob noch ein Kapitel folgt, aber ich denke mal hier endet Part 9. 10 behandelt den Rest von Chanyeols und Jongins Geschichte, weil da noch ein paar Dinge offen sind :)

Ich hoffe ihr mochtet das Kapitel und seid gespannt wie es weitergeht!

Liebe Grüße :)

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