2.1
Sie waren fort.
Alle Beide. Fort.
Minseok hatte sie sterben lassen.
Es war seine Schuld.
Er hatte Mina nicht retten können und Jino hatte er im Stich gelassen. Er hatte ihm versprochen mit Essen und Decken zurückzukehren, aber Minseok war nicht zurückgekehrt und als bereits der neue Tag angebrochen war, war es längst zu spät gewesen.
Es war seine Schuld.
Seine Gottverdammte Schuld.
Sobald Minseok von dem eisigen Schnee gegen seine taube Wange geweckt wurde, noch bevor die Sonne aufgegangen war, hatte er sich verzweifelt durch den Schnee und zu seiner Schwester gezogen. Sie war ganz still dort gelegen, etwas Schnee lag auf ihrem bläulichen Gesicht, aber ansonsten lag sie ganz ruhig da. Als würde sie schlafen.
„Das ist nicht wahr", hatte Minseok mit zitternden Lippen geflüstert und langsam den Schnee von ihrer eiskalten Wange gestrichen. „Wach auf", flüsterte er anschließend sanft. „Bitte wach auf!" Er war immer lauter geworden, bis er irgendwann anfing zu schreien und sie zu schütteln. Heiße Tränen lagen ihm auf den Wangen und wahrscheinlich hatte er Fieber, weil sein Körper inmitten all der Kälte brannte wie Feuer.
Er nahm sie letztlich auf den Rücken und beugte sich weit nach vorne, damit sie ihm nicht davon glitt. Ihr Körper war ganz starr vor Kälte und Minseok spürte ihren Atem nicht.
„Wir sind gleich bei Jino", versprach er flüsternd. „Keine Sorge, wir sind gleich bei ihm." Minseok trug das kleine Mädchen auf zitternden Beinen durch die vereiste Stadt. Kaum ein Mensch war bei dem Wetter auf der Straße und wenn jemand an ihm vorbeilief, dann duckte er den Kopf nur in seine dünne Jacke und ging etwas schneller.
Die Sonne stand weit oben am Himmel, als Minseok unter der Brücke ankam. Er schrie, als er die Hunde sah, die sich knurrend über Jino beugten und trat nach ihnen, damit sie von seinem kleinen Bruder abließen.
„Jino", flüsterte er. „Wach auf. Wir sind zurück, wir-" Minseok brach in diesem Moment zusammen. Seine Knie trafen auf Schnee und Stein und er zog seine Schwester sorgfältig von seinem Rücken, bevor er das Gesicht im Schnee verbarg und sein Schluchzen darin erstickte.
„Was habe ich getan? Was habe ich nur getan?", weinte er, bevor er zusammenzuckte und auffuhr. Er kroch zu Jinos leblosem Körper hinüber und nahm ihn in die Arme. Sein kleiner Bruder blutete aus den Beinen und Armen, wo Hunde ihn gebissen hatten, aber sein Gesicht sah so friedlich aus – genauso wie das von Mina.
In diesem Moment realisierte Minseok, dass er sie beide verloren hatte. Dass er den Rest seiner Familie sterben gelassen hat. Nein, dass er verantwortlich für ihren Tod war.
„Ist in Ordnung", flüsterte Minseok und strich sich die Tränen fort. Er lehnte Jino wieder an die Wand der steinernen Brücke, so wie er ihn verlassen hatte und brachte auch Mina an seine Seite. „Es ist alles in Ordnung", flüsterte er. Er setzte sich zwischen sie und breitete seine Arme um ihre Schultern aus und zog sie nahe an sich. „Ich lasse euch nicht alleine."
~*~
Luhan wurde von den Engeln zu einem Spiel eingeladen, dass er gelegentlich gerne mitspielte, sagte dieses Mal jedoch ab. Seine Augen waren noch immer auf das Menschenkind gerichtet, dass bereits seinen zweiten Tag an der Seite neben seiner toten Geschwister saß und ungeduldig auf den Tod wartete.
Manchmal sprach Minseok den Zwillingen besänftigende Worte zu und erzählte ihnen Geschichten aus ihrer gemeinsamen Vergangenheit bei ihren Eltern. Er sprach von dem Feuer, das im Winter im Kamin brannte und den Kartoffelsuppen, die ihre Mutter so oft gekocht hatte. Er weinte nicht mehr und Luhan beobachtete Stunde um Stunde, wie das Kind immer schwächer wurde. Es sprach in einem Fieberwahn, der ihn manchmal ganz bedrückt und plötzlich ganz fröhlich machte. Luhan sah ihm beim Sterben zu.
„Was geschieht mit Menschen, die sterben?", fragte Luhan einen Engel, der in seiner Nähe saß.
Der Engel sah ihn verwirrt an. „Sie werden zu Engeln."
„Alle?"
„Alle", bestätigte der Engel.
„Kommen alle an denselben Ort?"
„Alle kommen in den Himmel", bestätigte der Engel wieder. Seiner Stimme war zu entnehmen, dass er nicht verstand, was mit Luhan los war. „Nicht in denselben Himmel versteht sich."
„Es gibt also mehrere Himmel."
„Es gibt tausende, vielleicht noch mehr", bestätigte der andere.
„Verstehe", murmelte Luhan und hatte den Engel kurzdarauf wieder vergessen. Wenn Minseok hier und jetzt auf der Erde starb, dann würde Luhan ihn wahrscheinlich nie wiedersehen. Er würde ein Engel werden und in einen anderen Himmel kommen und Luhan würde...ihn nie wiedersehen.
Minseok hustete und schwitzte in der Kälte. Die Gesichter seiner Geschwister waren bereits eingefallen und dunkelblau geworden. Ihre Körper verwesten, nur der Geruch von totem Fleisch blieb Minseok erspart, da es so kalt war, dass die Körper sich erstaunlich gut hielten.
Luhan knirschte mit den Zähnen. Wollte dieses Kind wirklich so einfach aufgeben? Was bedeutete es schon ein paar Menschenleben zu verlieren? Luhan verstand nicht wieso Minseok so...unendlich viel für diese Kinder fühlte.
Es war beim Anbruch des neuen Tages, als das Fieber Minseok endgültig zu Kopf gestiegen war und er Bilder vom Tod vor seinen Augen hatte. Der Wahnsinn ergriff ihn und er schrie bei dem Gedanken zu sterben auf. Er wollte nicht sterben.
Sein Überlebensinstinkt kickte ein, wie eine besonders starke Medizin und das Adrenalin, dass durch sein System schoss, trieb ihn auf die Füße. „I-ich kann nicht", flüsterte er den anklagenden Gesichtern seiner Geschwister zu. „Ich will nicht sterben", weinte er. Er streifte seine Jacke ab und platzierte sie über die Körper seiner Geschwister. Übelkeit stieg in ihm auf, als er sie ansah. Wirklich, zum ersten Mal seit Tagen, ansah und floh aus ihrem Versteck, sobald sich der Schwindel in seinem Kopf gelöst hatte.
Minseok rannte bis ihm die Lungen schmerzten und dann rannte er noch weiter. Ihm war so heiß, als würde er durch Wüstensand und nicht Schnee laufen. Das Fieber machte ihn schwindelig und als das Adrenalin schließlich abgeebbt war, riss es ihn urplötzlich von den Beinen. Die ganze Welt drehte sich um ihn herum und für einen Moment fühlte er sich ganz leicht, bevor er mit Wucht im Schnee landete. Er glaubte Zischen zu hören, als seine brennende Haut den Schnee berührte, aber das war nur seine Einbildung.
Er wusste nicht sicher, ob er Ewigkeiten oder bloße Sekunden im Schnee gelegen war, zu schwach um aufzustehen, als sich ein Schatten über ihn legte.
„Wieso liegst du hier mein Kind?", schnurrte eine sanfte Frauenstimme. „Es ist gefährlich im Schnee zu schlafen, hat dir das Niemand erzählt?" Sie klang beinahe spöttisch. Eine behandschuhte Hand schwebte für einen Augenblick vor seinem Gesicht, dann strich sie ihm damit durch die Haare. „Mein Kutscher hätte dich beinahe überfahren, Kleiner."
Minseok wusste nicht was danach geschah. Er war sich sicher er würde sterben und war sich noch immer sich, dass er tot war, als er die Augen öffnete und in weichen Tüll getaucht war. Er verstand schnell, dass er nicht gestorben war.
„Bist du wach, Kleiner?", fragte die spöttische Frauenstimme erneut. Sie hielt ihn auf ihrem Schoß fest und hatte ein paar der Schichten ihres Rockes über ihn gestülpt. „Du hast hohes Fieber", informierte sie ihn und schnalzte mit der Zunge. „Das kommt davon, wenn du im Schnee schläfst." Sie drückte ihn näher an sich, so dass sein Kopf direkt unter ihrem Kinn lag.
Minseok würde erst später verstehen, dass sie sein Leben gerettet hatte.
~*~
Luhan sah zu wie die Kutsche auf das Kind im Schnee eilte und spürte wie seine Fingernägel sich in seine Handflächen gruben. Der Kutscher zog mit einem Aufschrei an den Zügeln des Pferdes und die einzige Frau in der Kabine streckte einen Moment später den Kopf aus dem Fenster. „Kutscher!", rief sie böse. „Bist du des Fahrens müde? Soll ich die Zügel etwa in die Hände nehmen?!"
„Nein Miss, nein", versicherte der Alte schnell. „Aber es liegt etwas im Schnee. Es ist wahrscheinlich gefährlich darüber zu fahren."
Der Engel beobachtete wie die Frau aus der Kutsche stieg und ungeachtet aller Proteste, auf den zierlichen Körper zuging. Ihre feinen Ballschuhe versickerten dabei im Schnee, aber sie schien die Kälte gar nicht zu bemerken, als sie den Jungen bemerkte.
„Ein Kind!", rief sie aus und klang ungemein erfreut über ihren Fund.
„Miss, steigen Sie wieder in den Wagen!", bat der nervöse Kutscher, doch die Frau hatte sich dem Kind bereits genähert und sprach es an, als sie bemerkte dass seine Augenlider zuckten und flatterten.
Sie nahm ihn mit in ihre Kutsche und Luhan entließ ein stilles Seufzen. Der Engel wusste zwar, wer diese Frau war und wo sie den Jungen hinbringen würde, aber zumindest würde Minseok überleben. Luhan würde ihn weiterhin beobachten können. Das war von einziger Bedeutung.
„Was ist los mit dir, Luhan?", fragte ein blonder Engel mit glitzernden Augen. „Du bist so unnahbar in letzter Zeit. Was ist es an der Welt, dass dich plötzlich so in seinen Bann gezogen hat?"
„Nichts", antwortete Luhan und versuchte Sänfte in seine Stimme unterzumischen. Für nichts auf der Welt, würde er Minseoks Leben mit einem anderen Engel teilen.
Der Engel starrte ihn an, mit offenkundiger Überraschung in den Augen. „Verstehe", sagte er und lächelte. Luhan erwiderte das Lächeln und wandte sich anschließend, demonstrativ, ab. Der Engel zog davon und Luhan bemerkte, dass Minseok im Haus der Frau angekommen war.
Sobald der Kutscher das Kind über die Hausschwelle trug, war er umringt von dutzenden Damen in leichten Seidengewändern, die mit hohen Stimmen um das Kind schmachteten.
„Was ist mit ihm?"
„Er hat so schneeweiße Haut!"
„Wo kommt er nur her?"
„Was für ein süßes Gesicht."
„So runde Wangen!"
„Er braucht Medizin", schritt die Frau, die Minseok gefunden hatte, dazwischen. „Er hat hohes Fieber."
Sie legten Minseok in ein Federbett und stülpten vier Decken über ihn, als er anfing zu zittern. Sie gaben ihm Kräutergemische zu trinken und hielten seinen Kopf fest zwischen ihren Händen fest, als er sich weigerte, dass bittere Zeug hinunter zu schlucken.
„Hey Astralia, was wird nun aus ihm?", fragte eine sehr junge Frau, sie war etwa sechzehn Jahre alt und trug ein langes rotes Kleid und rote Farbe auf den Lippen.
Astralia lächelte sie an. „Was denkst du denn meine Liebe? Er wird bleiben, wenn die ehrenwerte Dame es erlaubt."
„Denkst du sie wird es erlauben?"
„Nun ich denke, wir müssen ihr einen guten Deal dafür machen." Astralia zwinkerte dem Mädchen zu und erhob sich anschließend. Es war in den Augen der anderen Frauen deutlich zu erkennen, welche Rolle Astralia in ihrer Mitte einnahm.
Sie war die schönste Frau des Hauses und brachte das meiste Geld ein. Ihre Kunden waren reiche Männer, Lords der größten Häuser, die ihr Bett nur mit den schönsten Frauen teilen wollten. Sie hatte ihren eigenen Kutscher, um von Lord zu Lord gebracht zu werden und die teuersten Parfums und edelsten Kleider in ihrem Zimmer. Sie erhielt so viele Geschenke, dass die anderen Mädchen manchmal neidisch wurden, doch Astralia behielt die meisten Geschenke nicht für sich, sondern verteilte sie großzügig unter den anderen Frauen.
Astralia war der Diamant des Hauses und das wusste auch die ehrenwerte Dame, die das Freudenhaus seit so langer Zeit leitete, doch es half nicht, dass sie nicht dennoch erboste, als Astralia ihr von dem Kind erzählte.
„Du weißt was mit Huren geschieht, die ein Kind zur Welt bringen, nicht wahr?"
Astralia nickte. Natürlich wusste sie es. Es gehörte zu dem Service, den ihr Haus anbot, dass ihre Frauen keine Bastarde zur Welt brachten und wenn...wenn, dann war es ihre Aufgabe sie sobald wie möglich wieder loszuwerden. „Aber es ist nicht mein Kind verehrte Frau."
„Es wirft kein gutes Licht auf unser Haus, wenn jemand erfährt, dass ein Balg unter uns aufwächst! Unser Ruf wäre geschädigt, wir würden Kunden verlieren."
„Niemand muss erfahren, dass er hier ist", sagte sie mit ruhiger Stimme und einem gelangweilten Lächeln auf den Lippen. „Er ist schwerkrank, ich will ihn nur nicht in den Tod schicken."
„Astralia!"
„Ich bitte Sie ihn nicht fortzuschicken." Sie strich sich ihre langen braunen Locken aus dem Gesicht. „Nicht so lange es ihm so schlecht geht."
Die alte Dame wusste, dass sie nicht mehr viel Chance gegen Astralia hatte. Ihre Autorität hing an einem dünnen Faden und mit jedem Tag an dem Astralia die Gänge dieses Hauses belief, wurde dieser Faden noch dünner. „Nun gut", gab sie nach und zog ein stoisches Gesicht. „Ich will mit ihm reden, sobald er aufwacht."
„Natürlich", lächelte Astralia und griff dann in eine Tasche unter ihrem Rocksaum. Sie zog einen Beutel mit klimpernden Münzen hervor und reichte ihn der Leiterin. „Der gute Lord, war heute sehr großzügig. Er richtet seine Grüße aus."
Luhan war einem Menschen wie Astralia, in seinem kurzen Leben nie begegnet, aber er hatte ein paar ihrer Sorte bereits vom Himmel aus beobachtet. Astralia hatte natürliche Ausstrahlung und verstand es Menschen um ihren kleinen Finger zu wickeln und gefügig zu machen. Menschen mit so viel Charisma, wie sie, brachten es für gewöhnlich weit im Leben. Wenn Astralia innerlich nicht so zerrissen wäre, dann hätte sie wahrscheinlich ein gutes Leben außerhalb des Freudenhauses leben können.
Die Frauen kümmerten sich gut um Minseok und wenige Tage, nachdem er angekommen war, verschwand sein Fieber und etwas Kraft kehrte in seinen schwachen Körper zurück.
„Wie geht es dir?", fragte Astralia, als sie bemerkte dass Minseok wach war. Sie war gerade von einem Job zurückgekehrt und wollte nach Minseok sehen, bevor sie schlafen ging.
„Gut", murmelte Minseok. Seine Augen waren dunkel und leer. Luhan wurde nervös bei seinem Anblick. Wo waren bloß all die Gefühle hin, die Luhan so an ihm fasziniert hatten?
„Hast du bereits gegessen?" Minseok nickte. „Und deine Medizin? Ist dir warm genug?"
Minseok antwortete nicht, drehte aber langsam den Kopf zu ihr herum. „Wo bin ich hier?", fragte er vorsichtig. Das breite Lächeln auf dem Gesicht der Frau bereitete ihm Gänsehaut.
„Ein sicherer Ort", antwortete sie mit einem spöttischen Augenzwinkern. „Wo sind deine Eltern?"
Minseok sah fort und schlang die Arme um die Knie. Er war so dünn, dass er beinahe verschwand. „Ich habe keine."
Astralia war erleichtert über die Antwort. „Das heißt du hast keinen Ort, wo du hingehen könntest?" Das Kind verneinte wieder. „Dann wirst du hier bleiben", verkündete Astralia und klatschte erfreut in die Hände. „Ich werde auf dich aufpassen."
„Wer sind Sie?", fragte Minseok ohne aufzusehen. „Was wollen Sie?"
Astralia kicherte und legte ihre Arme um den Körper des Jungen. „Ich will rein gar nichts", flüsterte sie in Minseoks Haar hinein. „Nur dass du gut aufwächst."
Luhan verstand dass Minseok verwirrt war, er war seit langer Zeit keinem Erwachsenen mehr begegnet, der ihm anscheinend nur aus reinster Nächstenliebe geholfen hatte. Astralia, das wusste Minseok aber natürlich nicht, handelte ebenfalls aus sehr egoistischen Gründen, aber er würde es erst so viel später erfahren.
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Ich habe lange gezögert ob ich eigene Charakter hinzufügen soll, die eine mehr oder weniger wichtige Rolle in der ff spielen. Aber letztlich hätte kein kpop Idol auf Astralias Beschreibung gepasst und ich dachte mir 'hey wieso nicht'. Außerdem fand ich den Namen (ich meine Astralia) echt schön ^^
Minseok ist also der einzige 'Mann' sprichJunge in einem Haus mit fragwürdiger Bedeutung und noch fragwürdigeren Gestalten...was wohl aus ihm wird?~
Liebe grüße!
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