11.8

Kraft war in seine Arme und Beine zurückgekehrt und die Wunden in seiner Haut verheilt. Baekhyun konnte es nicht sehen, aber er spürte ein neues Gewicht von seinem Rücken ausgehend, dass sich deutlich von dem unterschied, was er eigentlich gewöhnt war. Seine Flügel waren gewachsen, der linke wieder verheilt und zu seiner vollen Größe aufgeklappt. Sie waren stahlgrau und ihr Glanz nur schwach zu erahnen, aber es würde ausreichen. Das müsste es.

Baekhyun spürte die Erzengelmacht in seinem inneren pulsieren, wie ein Feuerball der in seiner Brust saß, ein Stern so hell und mächtig wie eine kleine Sonne. Befehle, Worte, Anweisungen, all das schwirrte in seinem Kopf wie eine Melodie, die er einmal gehört hatte und nun nicht mehr vergessen konnte. Die ‚Erzengelschriften' wenn man sie denn so nennen kann – waren immerzu in seinem Inneren gewesen, so wie ihre Macht immerzu in seinen Flügel geschlummert hatte. Ein Gefühl unsagbarer Macht durchströmte ihn, obwohl er wusste das Feuer und Eis sich in seinem Inneren bekämpften. Zwei Mächte lagen ihm nun inne – zwei unterschiedliche Mächte, die einander nicht verstanden. Eine würde bald die Oberhand gewinnen und es war unausweichlich, dass die Gute, die reine Macht, kehrt vor dem Schlechten machen würde.

Baekhyun wandte sich zu Jongin um, der ihn mit geöffnetem Mund anstarrte. Sehun war vor Schreck zu Boden gefallen und blickte nicht weniger überrascht zu ihm auf.

Baekhyhun blickte über seine Schultern, drehte sich von links nach rechts und schenkte den beiden dann ein Grinsen. „Was sagt ihr jetzt?"

„KYUNGSOO!"

Kyungsoo schoss auf ihn los, aber seine Bewegungen schienen vor Baekhyuns Augen in Zeitlupe abzulaufen. Er duckte sich gemächlich unter seiner strahlenden Hand fort und überlegte, wie er ihn außer Gefecht setzen sollte, ohne ihn zu verletzen.

Kyungsoo war ebenfalls ein Erzengel, aber er war geschwächt, weil er bereits mit Baekhyuns anderer Macht zu tun gehabt hatte und...Baekhyun beschlich die Ahnung, dass er vielleicht gar kein so übler Erzengel war. Er gab Kyungsoo einen sanften Schubs, als er seinen Flügeln gefährlich nahe kam (es würde wohl dauern, bis er sich an die neue Länge gewöhnen würde), woraufhin Kyungsoo durch den gesamten Raum und anschließend durch eine der Säulen des Palodiums krachte. Sein Körper zuckte noch kurz, bevor er völlig erschlaffte.

Baekhyun verzog das Gesicht. „Oh Himmel, das tut mir so leid, Kyungsoo." Er blickte auf seine Hände hinunter und bildete Fäuste. „Erstaunlich." Er wandte sich noch einmal an Sehun und Jongin. „Wer will zuerst?"

Jongins Lippen zitterten, bevor er sie zu einem spöttischen Lächeln verzog. „Bilde dir nichts auf das bisschen Kraft ein, du Möchtegern Engel." Jongin trat ihm entgegen, mit dunklem Feuer in den Augen. „Ich, ein Vertreter der Palodiums Schriften, berufe eine Verhandlung gegen diesen Erzengel ein." Seine Stimme wurde weit in den Raum getragen, seine Verkündung echote in Baekhyuns Kopf wie Donner wieder. Die Regeln wiederholten sich in seinem Kopf. Eine Verhandlung wurde gegen ihn einberufen...der Himmel würde ihm seine Erzengelfähigkeiten nehmen, wenn er Baekhyun für schuldig befand...

Baekhyun wartete einen Moment...und anschließend noch einen, aber es fühlte sich nicht so an, als wäre etwas geschehen. Es erschienen auch keine Ketten.

Er blickte Jongin mit zur Seite gelegtem Kopf an. „Ist das alles?"

„Was? Aber...jeder kann sehen, dass du schuldig bist! Du KANNST gar kein Erzengel sein!"

„So wie es aussieht, ist der Himmel nicht deiner Meinung." Ein warmes Gefühl ließ sich in seiner Brust nieder, als Baekhyun verstand, dass es tatsächlich so war. Der Himmel hatte ihm diese Macht gegeben.

„A-aber..." Jongin wich vor Baekhyun zurück. „D-das...das kann doch nicht wahr sein!" Ein klein wenig tat Jongin Baekhyun auch leid. Er sah so verzweifelt aus, seine Augen flogen umher auf der Suche nach einem Ausweg, aus dem Loch, dass er sich letztlich selbst gegraben hatte.

Baekhyun seufzte. „Ergib dich Jongin. Das war's für dich. Ich werde die Tore öffnen und dich den Erzengeln übergeben."

„NEIN!" Er zitterte, sein Gesicht in Horror verzogen. „Wenn du das tust...weißt du nicht, was mit Chanyeol geschehen wird? Was sie mit ihm tun werden?"

Baekhyun hielt inne. Jongin nutzte diesen Moment um weiterzusprechen.

„Sie werden ihn verbannen weil er mich nicht gemeldet hat. Weil er mich versteckt hat." Er legte sich eine Hand auf die Brust. „Sie werden ihm keine Gnade zeigen und es wird deine Schuld sein, weil du zugelassen hast, dass sie an ihn herankommen. Willst du das?"

Baekhyun blickte auf den bunten Boden des Palodiums hinunter. Vielleicht hatte Jongin recht und die Erzengel würden Chanyeol verbannen...aber...so wie Baekhyun Chanyeol kannte würde er diesen Preis bezahlen. Und das völlig freiwillig. Chanyeol war ein Herzensguter Engel, der beste wahrscheinlich. Er würde wollen, dass man ihn für ein Verbrechen, dass er begangen hatte, zur Rechenschaft zog.

Als Baekhyun wieder aufblickte, hätte er beinahe aufgestöhnt. Jongin, diese manipulative Schlange, würde sich auch wirklich keine Gelegenheit entgehen lassen. Er blickte ihm grinsend entgegen. Sehun stand vor ihm, mit ausgebreiteten Schwingen und einem leeren Ausdruck in den Augen.

„Du schreckst wirklich vor nichts zurück, was? Ich dachte, ihr seid Partner?"

„Er war mein Werkzeug."

Das war es, was Baekhyun wohl am meisten an Jongin verachtete. Seine Kaltblütigkeit, selbst im Angesicht derjeniger, die sich für ihn einsetzten. „Chanyeol auch? Sind alle Wesen nur Werkzeuge für dich?"

Jongins Augen waren plötzlich voller Hass. „Nein. Ich schätze Chanyeol."

Baekhyun glaubte ihm sogar für eine Sekunde, bevor er sich an all die Dinge erinnerte, die Chanyeol wegen Jongin auf sich nehmen musste. „Du weißt doch nicht einmal was es bedeutet eine Person wirklich wertzuschätzen."

„Und du weißt es?", knurrte er. „Ein dummer Engel?"

Baekhyun preschte voraus, zu schnell als das Sehun seiner Bewegung hätte folgen können. Er prallte gegen Jongin und riss ihn mit sich durch den gesamten Raum, bis er ihn an die Wand nageln konnte. Jongin gab einen erstickten Laut von sich, als seine Flügel in den Stein krachten. „Unterschätz mich nicht", spie Baekhyun ihm ins Gesicht. „Ich habe meine verdammten Schwächen, ja. Aber zumindest bin ich niemals so ein manipulatives, verfluchtes..." Sein Satz wurde abgetrennt, als Sehun ihn zur Seite riss. Baekhyun und er rollten über den Boden, bis Sehun auf ihm zu sitzen kam und versuchte ihm seine leuchtende Hand ins Gesicht zu rammen. Sehun war stärker als Kyungsoo, aber Baekhyun musste auch jetzt erstaunlich wenig Mühe aufbringen, um ihn von ihm zu stoßen.

Baekhyun wandte sich wieder Jongin zu und zögerte dieses Mal nicht. Er dachte an Ketten und zitierte Phrasen in seinem Inneren, die von einer neuen Stimme unterbrochen wurde...Die Autorität der Engel der Palodiumsschriften steht der der Erzengel gegenüber...es steht Entscheidung gegen Entscheidung...es bedarf mehrerer Erzengel um über einen Palodiumsengel zu richten.

Baekhyun erinnerte sich an die Worte des Universums, die ihm dasselbe schon einmal mitgeteilt hatten. Richtig, er war so gut wie machtlos gegen Jongin, weil das Kräftegleichgewicht es gebot, dass Erzengel nicht willkürlich gegen Palodiumsengel handeln durften.

Jongin konzentrierte sich auf ihn, wahrscheinlich zitierte er seine eigenen Phrasen aus den Palodiumsschriften um eine Verhandlung gegen ihn einzuleiten, aber aus irgendeinem Grund wollten die richtenden Ketten nicht erscheinen.

Baekhyun konnte vielleicht nicht mit Autorität gegen Jongin vorgehen, aber zumindest hatte er noch ein anderes Ass im Ärmel. Und zwar rohe Gewalt.

Er richtete strahlendes Licht auf Jongin, dass in die Steinwand neben ihn krachte und das gesamte Palodium erschütterte. Die Wand explodierte und eine der dicken Steinsäulen in der Nähe fiel in sich zusammen. Die Glaskuppel über ihnen klirrte gefährlich. Baekhyun hielt nach Jongin Ausschau als der Rauch sich verzog, aber er konnte ihn nicht ausmachen.

Er fand ihn weiter links, in Sehuns Armen, der ihn rechtzeitig aus der Gefahrenzone gerettet hatte. Baekhyun versuchte es mit noch mehr strahlendem Licht. Stein explodierte in alle Richtungen als Sehun es mit derselben Methodik versuchte. Der Boden brach zusammen, bunte Mosaiksteine flogen meterweiter über den Boden, tragende Säulen gaben nach und endeten mit ohrenbetäubendem Lärm in einem Steinhaufen auf dem Boden.

Sehun flog auf ihn zu, getarnt von einer Rauchwolke und katapultierte Baekhyun gegen eine Tür, die unter seinem Gewicht zu Boden krachte. Baekhyun war augenblicklich wieder auf den Beinen und schoss zu ihm zurück.

„Sehun!", rief er. „Komm schon, Sehun! Komm zu dir, damit du verstehst, was dir angetan wurde! Jongin hat dich benutzt! Von Anfang an!" Baekhyun ergriff ihn an seinem schmutzigen Gewand und stieß ihn heftig in den Boden hinein, so dass sich eine Mulde unter ihm bildete. Baekhyun suchte das Regelwerk in seinem Inneren ab nach einer Möglichkeit einen Erzengel wieder zu einem Engel zu machen, aber er wurde informiert, dass auch das nur in den Palodiumsschriften geschrieben stand.

Sehuns leere Augen starrten zu ihm auf, ohne zu erkennen. Seine rechte Gesichtshälfte war Blutüberströmt. Sehun mochte ihn verraten haben, aber Baekhyun erinnerte sich an eine Zeit als sie Freunde gewesen waren...zumindest glaubte Baekhyun noch immer daran, dass seine Gefühle aufrichtig gewesen waren.

Sehun knurrte, bevor er seine Hand unter seinem Körper hervorzog und Baekhyun mit Licht attackieren wollte. Baekhyun sprang zurück, so dass das Licht in die Decke geschleudert wurde. Glas explodierte klirrend und fiel in einem leuchtenden Regenschauer auf sie hinunter. Baekhyun suchte nach Kyungsoo und schoss zu ihm herüber, um ihn vor den Splittern zu beschützen. Lange Scherben verfingen sich in seinen Flügeln, als er sie über seine ohnmächtige Gestalt ausbreitete.

Er blickte auf, als das meiste der Glaskuppel auf dem Boden aufgekommen war. Das Palodium war ein Schlachtfeld, die meisten Säulen zerstört, so wie der Boden und die Wände. Wahrscheinlich würde der Raum in wenigen Minuten völlig zusammenbrechen und sie unter dickem Steingeröll begraben. Aus den Augenwinkeln, sah Baekhyun plötzlich wie ein Lichtstrahl in den Himmel schoss. Sehun hatte sich wieder Jongin geschnappt und flog nun mit ihm durch das Loch in der Decke. Eine Sekunde darauf waren sie verschwunden.

„Verflucht", knurrte er. „Was jetzt?"

Kyungsoo war noch immer bewusstlos. Er sollte ihn von hier wegbringen, bevor er Jongin folgte. Er schloss kurz die Augen und dachte an die Himmelstore, doch auch hier erhielt er die Antwort, dass Jongins Autorität ihm im Weg stand. Es galt Entscheidung gegen Entscheidung.

„Und wenn ich mich als Erzengel gegen die Himmelstore wende, dann nimmt mir der Himmel sofort meine Macht ab." Er hielt inne, bevor ein Grinsen seine Lippen beschlich. „Gut, dass ich nicht nur ein Erzengel bin."

Er hob Kyungsoo vom Boden auf und verschwand, kurz bevor das Palodium tatsächlich in sich zusammenfiel und in eine dichte Rauchwolke verhüllt wurde. Das Herzstück des Himmels nicht mehr als ein Haufen übereinanderliegender Steine.

~*~

Baekhyun wusste nicht, was Jongin als nächstes vorhatte, aber er wusste, was er tun würde. Und Jongin würde ihn nicht aufhalten können. Er ließ Kyungsoo bei einer Schar gelangweilter Engel zurück, die ihm nur unbewegt dabei zu sahen, wie er den ohnmächtigen Erzengel auf einer Wolke ablegte und dann erneut davon flog.

Er konnte die Himmelstore nicht öffnen, weil Jongin ein Mistkerl mit Autorität war, der ihm im Weg stand und er konnte Jongins Erzengelkreationen nicht von ihrer Macht entheben, weil Erzengel sich gegenseitig nicht ihrer Macht berauben durften – ansonsten würde das nur zu Willkür führen und einem einzigen Erzengel ermöglichen an unüberwindbare Macht zu gelangen. Das verstand Baekhyun irgendwie auch, aber der Himmel hatte diese Machtverhältnisse zwischen Erzengel und Palodiumsengel so ausgeglichen aufgebaut, dass er nun eine verflucht schwere Zeit hatte, Jongin in den Hintern zu treten. Das gute an dieser ganzen Sache war jedoch: Baekhyun war nicht an alle Regeln gebunden, weil er noch immer auch ein verstoßener, ein gefallener Engel war.

Er flog automatisch zu dem Himmelstor zurück, dass ihm bekannt war. Es mochte voraussehbar sein, dass er zu dem Tor zurückkehrte, durch das er selbst bei seinem Eintritt in den Himmel geschritten war, aber es wäre zu umständlich gewesen, gerade jetzt nach einem anderen Tor zu suchen. Außerdem glaubte Baekhyun ohnehin, dass Jongin überall seine Erzengel platziert hatte um ihn abzuwehren.

Auch dieses Himmelstor war keine Ausnahme.

Baekhyun verzog das Gesicht, als er sich dem Erzengel näherte den Jongin zum Schutz hiergelassen hatte. Junmyeon war atemberaubend als Erzengel, so wie Baekhyun es niemals angezweifelt hatte, aber sein Blick war leer und sein Gesicht ausdruckslos und so sollte Junmyeon nicht dreinschauen.

Baekhyuns Blick schweifte weiter, dort waren auch...

Er zog die Flügel ein und kam lautlos auf dem Boden auf. Köpfe wandten sich zur Seite, dann hörte er lautes Keuchen.

„B-baekhyun?"

Sie waren alle in dicke Ketten gelegt. Yixing, Kris, Minseok und Luhan – wobei Luhan und Minseok beide schrecklich mitgenommen aussahen und nicht bei Bewusstsein waren und daneben...Chanyeol starrte ihn mit großen, fassungslosen Augen an. Unglaube und Fragen...so viele Fragen waren ihm ins Gesicht geschrieben. Baekhyun hätte sich gerne die Zeit genommen um jede einzelne zu beantworten.

„Du lebst? Wie?", fragte Kris mit großen Augen. „Wie ist das möglich? Wir haben gesehen wie du..."

„Das erzähle ich euch später", sagte er, ohne den Blick von Chanyeol zu wenden. Fassungslosigkeit wandelte sich langsam zu etwas um, das wie Erleichterung aussah. Baekhyun war auch erleichtert ihn zu sehen. So sehr.

Er horchte in sich hinein und versuchte nach etwas zu suchen, das die Ketten lösen könnte. Erneut stand es Autorität gegen Autorität. Verfluchter...

Baekhyun sammelte Macht in seinem Inneren – die Verbotene – und wollte seine Freunde damit befreien, als ein Blitzstrahl sich in seinen Weg stellte. Baekhyun blinzelte mehrfach und spürte dann wie eine leuchtende Hand wenige Zentimeter neben seinem Gesicht durch die Luft sauste. Wenn er sich nicht gebückt hätte... Junmyeon hatte offensichtlich nicht vor, Baekhyun zu erlauben den anderen aus ihren Ketten zu helfen.

„Baekhyun, flieh! Er ist ein Erzengel, du hast doch gar keine Chance gegen-" Kris blieben die Worte in der Kehle stecken, als Baekhyun sein eigenes Licht auf Junmyeon schleuderte, der daraufhin weit zurückflog. Er krachte heftig gegen das Himmelstor, es klang wie wütender Donner.

„Er hat gerade...WAS?"

„Nicht schlecht, Baekhyun", kommentierte Yixing mit einem Lachen. „Wo hast du das gelernt?"

Junmyeon erholte sich schnell von diesem Schlag und war in Sekundenschnelle wieder direkt vor Baekhyun. Er war unheimlich schnell und Baekhyun wusste nun mit Sicherheit, dass er einen wirklich unglaublichen Erzengeln abgeben würde, aber auch er - ohne arrogant klingen zu wollen - aber selbst Junmyeon wirkte im Vergleich zu Baekhyuns eigener Macht nicht...allzu stark.

Baekhyun stieß Junmyeons Hand beiseite als er mit Klauen nach ihm greifen wollte, packte ihn an der Kehle (versehentlich, weil er dort am besten zugreifen konnte) und stieß ihn heftig in den Boden zurück, so wie er es vorhin schon bei Sehun getan hatte.

Er hörte Yixing anerkennend pfeifen. „Schade, dass Lucifer das nicht sehen kann."

„Baekhyun! Das ist Junmyeon! Verflucht, sei gefälligst etwas SANFTER."

„Ich muss dir später etwas erzählen", rief er in Kris' generelle Richtung, weil er sich nicht zurückhalten konnte. „Und Junmyeon auch."

Junmyeon sah schon jetzt mitgenommen aus, aber er wehrte sich weiterhin unter Baekhyuns Hand. Es war schrecklich mitanzusehen. „Entschuldige, Junmyeon." Er holte mit seiner anderen Hand aus, die in einen sanften Lichtschein gehüllt war und rammte sie Junmyeon dann in den Magen. Junmyeon keuchte heftig auf, sein Körper krümmte sich nach oben und dann erschlaffte er. Blut sickerte ihm aus dem Mund, als sein Kopf zur Seite fiel.

„Baekhyun, du verfluchter Mistkerl, ich schwöre dir, das wirst du mir..."

Baekhyun stieß sich vom Boden ab und kam mit einer geschmeidigen Bewegung vor den anderen zu stehen. Er griff nach der Kette, die, wie eine Giftschlange, um Kris geschlungen war. Es waren Himmelsketten...die Frage war, würde der Himmel sich gegen ihn wenden wenn er sie mit Erzengelmacht aufsprengte. Er wartete einen Moment, hörte auf die Stimme in seinem Inneren und entschied sich dann, dass es einen Versuch wert war. Er zog die andere Hand dazu und schloss die Augen. Eine ließ er aufleuchten, die andere tauchte er in schwarzen Rauch. Die Kette zerstob unter dem Druck, den er auf sie ausübte.

Wenn er seine Mächte mischte, dann konnte der Himmel ihn nicht direkt als Erzengel identifizieren, das erlaubte ihm auf einer Grenze herumzutanzen, die den Himmel verwirrte. Immerhin waren gefallene Engel nicht im Aufgabengebiet vom Himmel, sondern Sache der Erzengel. Vielleicht waren die Regeln in dieser einen Hinsicht also gar nicht so übel.

Kris starrte ihn weiterhin fassungslos an. „Du...wie machst du das? Wieso..."

„Du bist ein Erzengel?", fragte Chanyeol leise. „Aber wie..."

„Später", wiederholte er. Er ging vor Chanyeol nieder, während Kris sich seine Handgelenke rieb und probeweise seine schwarzen Flügel ausstreckte um den Schaden zu begutachten. „Achtung, ich nehme sie dir ab." Er spürte Chanyeols Augen auf seinem Gesicht, während er seine Hände in Macht hüllte.

„Ich bin froh, dass du am Leben bist", sagte er leise. „Und es tut mir leid. So unendlich leid."

Baekhyun schüttelte nur den Kopf. „Jongin ist noch nicht besiegt. Er und Sehun..." Ein Stich durchfuhr seine Brust. „Das ist noch eine Geschichte für später, sie werden nicht lange auf sich warten lassen. Ich muss die Tore öffnen, bevor er sich einen neuen Plan ausgedacht hat, aber ihr müsst in der Zeit in Sicherheit kommen. Ich kann nichts gegen ihn ausrichten, wenn er euch in seiner Hand hat."

Die Ketten fielen von Chanyeol ab. Er ergriff ihn am Handgelenk, als Baekhyun gerade aufstehen und gehen wollte. „Danke, Baekhyun. Ich...vielen Dank, dass du zurückgekommen bist."

Baekhyun blinzelte mehrfach und nickte dann. Wärme durchflutete seine Brust, er dachte an das, was ihm durch den Kopf gegangen war, während er in Chanyeols Armen gestorben war. Er ging zu Yixing herüber, als Chanyeol seine Hand wieder losließ. Kris war bereits bei Junmyeon und hob seine ohnmächtige Gestalt vom Boden auf.

Nachdem Baekhyun Yixing, Luhan und Minseok befreit hatte, wandte er sich dem strahlenden Himmelstor zu.

„Wie lautet dein Plan?", fragte Yixing, während er Luhan mit Chanyeols Hilfe über seinen Rücken drapierte. „Was sollen wir jetzt tun?"

„Ich werde die Himmelstore aufsprengen." Er sah auf seine Hände hinunter.

„Alleine?" Chanyeol runzelte die Stirn. „Das ist unmöglich."

Er wandte sich um, um abwechselnd von Kris zu Yixing zu sehen. „Hat einer von euch noch genug Macht um mir zu helfen?"

Beide sahen mit verzogener Miene zu Boden. „Diese verdammten Ketten", fluchte Kris.

„Ich komme zurecht", versicherte er. „Bringt euch in Sicherheit. Ich habe das Gefühl hier wird es gleich sehr unschön werden."

Kris zögerte kurz und sah dann zu Yixing herüber. „Wir bringen sie weg, aber wir kommen wieder", sagte er mit fester Stimme. „Als ob wir dir den ganzen Spaß alleine überlassen."

Baekhyun spürte wie sich die Luft hinter ihnen auflud, als würden sich die Wolken in der Entfernung elektrisch aufladen. Etwas Schreckliches kam auf sie zu.

„In Ordnung", sagte er. „Aber geht jetzt." Er sah Chanyeol an, der sich noch keinen Zentimeter bewegt hatte. „Bitte."

Chanyeol nickte, beugte sich hinunter und warf sich Minseok über die Schulter. Einer seiner Flügel war mehr rot als weiß.

„Unglaublich, dass wir uns jetzt von unserem jüngsten Gefallenen Engel Befehle erteilen lassen", murmelte Yixing, klang aber, wie so oft, völlig amüsiert. Sie gehorchten jedoch, vielleicht weil auch sie die Unruhe spürten, die sich hinter ihnen anstaute und der sie niemals standhalten könnten.

Baekhyun wandte sich den Himmelstoren zu und trat nahe an sie heran. „Ich hoffe, dass das klappen wird", flüsterte er. „Wir sind alle erledigt wenn nicht."

Baekhyun sah dabei zu wie seine linke Hand in Rauch gehüllt wurde, während seine rechte blendend hell erstrahlte. Er nahm einen tiefen Atemzug. „Bitte, bitte...gib nach!" Er presste seine Handflächen auf das strahlende Metall der Tore und spürte wie seine Macht heiß gegen sie anbrandete. Macht gegen Macht explodierte gegen seine Handflächen und dieses Mal spürte er sie heftigen Widerstand leisten. Seine Handflächen schienen zu brennen, heftiger Schmerz, als würde er in Feuerflammen greifen, breitete sich auf ihnen aus. Er hielt ihm stand, weil er wusste, dass ihm keine andere Wahl blieb. Er legte mehr Macht in seine Handflächen. Holte jedes bisschen verbotene Macht aus seinem inneren heraus, das sich mit der Erzengelmacht vermischte und den Himmel verwirrte. Ein Gefallener Engel und ein Erzengel in ein und derselben Macht vereint. Dunkelheit und Helligkeit, die ineinander kooperierten.

Er spürte die Risse, die sich langsam durch die Oberfläche des Tores zogen. Einer von ihnen würde gleich nachgeben, die Frage war, ob Baekhyun es länger aushalten würde als das Tor...

Es war purer Instinkt, der ihm das Leben rettete.

Er ließ vom Tor ab und warf sich zur Seite. Der Lichtstrahl fiel gegen das Tor und prallte daran ab. Baekhyun wandte sich um und...stockte.

Jongin, so schrecklich und widerlich er auch war, er war außerdem ein genialer Stratege und ein angsteinflößender Gegner.

Baekhyun konnte mehr Dunkelheit erkennen als seine Engelsgestalt und er wusste nicht, ob das überhaupt möglich war, aber so sah er aus. Das Zentrum einer schwarzen Flamme. Sehun lief neben ihm her und hinter ihnen befand sich eine Armee aus Erzengeln.

Baekhyun vergaß für einen Moment wie schrecklich seine Handflächen schmerzten. Jongin musste alle Erzengel, die er in letzter Zeit erschaffen hatte hier versammelt haben und gleichzeitig noch reichlich mehr erschaffen haben in der Zeit in der Baekhyun sich um die anderen gekümmert hatte. Es waren hunderte von Erzengeln mit tiefdunklen, ausdruckslosen Augen, die alle auf Jongins Kommando hörten.

Baekhyun schüttelte den Kopf. Er war so gut wie tot. Schon wieder. Und Jongin dachte, ER wäre immer wieder für eine Überraschung gut.

„Oh, wir kommen pünktlich", sagte er mit Spott in der Stimme. „Wird Zeit dich endlich loszuwerden, kleiner Engel."

Baekhyun fand, dass er diese Neuigkeit auch deutlich genug mit der Armee in seinem Rücken ausdrückte. „Es wäre so viel einfacher ohne dich", murmelte Baekhyun, bevor er sich heftig gegen das Tor in seinem Rücken presste, als Jongin das Zeichen zum Angriff gab.

„Oh Himmel", flüsterte er. „Oh Himmel und Hölle."

Er beschwor Licht und Dunkelheit in seinen Handflächen. Niemals würde er gegen so viele Erzengel auf einmal bestehen können, also wandte er sich dem zu, dass er eventuell bezwingen könnte. Er drehte sich zum Himmelstor um, als Lichtstrahlen links und rechts von ihm ins Tor drangen. „Gib NACH!", schrie er und presste seine Macht wieder dagegen.

Lichtstrahlen trafen ihn in den Rücken und raubten ihm die Sicht vor Augen, aber Baekhyun hörte nicht auf Dunkelheit und Erzengelsmacht ins Tor zu schicken. Er fühlte sich wie ein elektrisches Gerät, das man vollgeladen hatte und das nun in der nächsten Sekunde wegen Überanstrengung explodieren würde. Er spuckte Blut aus, als ihn zwei Lichtstrahlen auf einmal trafen. Sie rieselten wie Pfeile auf ihn hinunter...viel zu viele um sie zählen zu können. Ihm würde nicht mehr viel Zeit....

„Baekhyun!" Es war Kris' Stimme. Sie waren tatsächlich zurückgekommen. Verrückt.

Baekhyun blinzelte die schwarzen Flecken vor seinen Augen fort und richtete sich wieder auf, seine Knie waren schwach, aber er zwang sie dazu sich durchzudrücken und ihn auf dem Boden zu halten.

Er konnte hören, wie sich Yixing und Kris hinter ihm um die Erzengel kümmerten...oder sie ablenkten, denn niemals waren sie ihnen gewachsen.

„Hinter dir, Baekhyun! Baekhyun, HINTER DIR!"

Baekhyun spürte die Risse im Tor größer werden...er konnte jetzt nicht -

Jemand vergrub plötzlich eine Hand in seinem Haar und stieß seinen Kopf gegen das Tor. „Wieso musst du immer stören?", hörte er Jongin zischen, bevor plötzlich seine Hand in Baekhyuns unteren Rücken versank. Baekhyun schrie, aber er ließ nicht von dem Tor ab. Verflucht, wenn er jetzt aufgeben würde...

Dunkle Macht...es war dunkle Macht, die in ihn eindrang. Jongin hatte seine Verbotene Macht benutzt und das bedeutete....

Er blickte zurück und konnte sehen wie Jongin seine blutige Hand (die, die er eben noch durch Baekhyun gerammt hatte) wieder über den Kopf hob. Sie rauchte schwarz und...plötzlich wurde Jongin zur Seite gestoßen. Er rang mit Chanyeol auf dem Boden und...

Das Tor gab plötzlich mit einem krachenden Laut nach. Baekhyun wurde von der Explosion zurück gestoßen und fiel Meterweit, bis er heftig auf dem Boden aufkam.

Er winselte leise. Das war kein guter Fall für seine Flügel gewesen. Er hob vorsichtig den Kopf an, das einzige Körperteil, dass er noch ungefähr bewegen konnte und lachte auf. Schmerz hin oder her! Dort wo das gewaltige Himmelstor hätte stehen müssen war klaffende Leere. Baekhyun hatte es geschafft. Er hatte das Tor gesprengt.

Er lachte lauter, weil niemals irgendjemand mehr sagen könnte, dass er ein nutzloser Engel war. Auch er selbst nicht.

Dann fiel er in Ohnmacht.

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Das ist doch noch nicht das letzte Kapitel xD aber andernfalls wäre es zu lang geworden ^^ sieht ja so aus als wäre jetzt endlich alles gut gegangen :D

Ich hoffe, es hat euch gefallen. Das nächste Kapitel wird dann wahrscheinlich das letzte sein xD

Liebe Grüße
Cherry




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