11.2
Baekhyun hatte für einen langen Moment die Orientierung verloren als er plötzlich von etwas gestreift wurde, dass sich wie Eiszapfen auf seiner Haut anfühlte aber wie blaues Feuer brannte. Kris hatte ihn am Handgelenk gepackt und ihm wahrscheinlich das Leben gerettet indem er ihn durch das Tor geschleift hatte. Kris Flügelspitzen waren dabei versengt worden aber er schien es gar nicht zu beachten.
„Was war das?", keuchte Baekhyun und kam wacklig wieder auf die Füße zurück. Er blickte zurück zum Tor aber alles war deutlich zu hell um auf die andere Seite blicken zu können. „Was hat uns da getroffen?"
„Chanyeol", antwortete Kris. „Er muss Lucifers Absichten durchschaut haben." Seine Augen verengten sich. „Dieser Angriff galt nur Lucifer, das ist wahrscheinlich der einzige Grund weshalb wir noch leben."
Baekhyun erschauderte heftig. „Und Luhan? Was ist mit Luhan?"
„Ich weiß es nicht. Yixing und Lucifer werden sich wehren und versuchen zu uns durchzukommen wenn sie eine Gelegenheit dazu haben." Er runzelte die Stirn. „Hoffen wir dass sie es schaffen, andernfalls sieht es schlecht für uns aus." Kris Augen schweiften weiter über die weißen Wolken, die mal höher, mal tiefer über ihnen herflogen. Über die weißen Säulen, die aus dem Boden hervorragten und von innen heraus zu strahlen schienen. „Fühlt sich eigenartig an, nach all den Jahren, wieder hier zu sein."
Baekhyun nickte langsam. „Ich kann niemanden sehen, wo sind sie alle?" Irgendwie hatte Baekhyun erwartet dass eine Menge Engel, wie gefangengenommene vor dem Tor auf ihre Rettung warten würden aber niemand war hier.
„Die meisten werden nur ein seichtes Gefühl von Unsicherheit über die ganze Szene empfunden haben und andere, die ihre Gefühle überhaupt nicht wahrnehmen können, werden kaum einen Gedanken daran verschwendet haben."
„Richtig", sagte Baekhyun. „Wir sind immerhin im Himmel." Im Vergleich zur Hölle erschien ihm der Himmel plötzlich sehr kahl und ereignislos. Denn genau das war der Himmel ja – und das aus guten Gründen.
Baekhyun und Kris hatten keine Gelegenheit sich zu fragen, was sie als nächstes tun sollten als erst Yixing und anschließend Lucifer, sichtlich etwas mitgenommen, durch die Tore stolperten. Nur einen Augenblick darauf folgte Chanyeol ihnen, mit rasender Wut in den Augen und leuchtenden Händen. Er feuerte Licht auf Lucifer ab und jagte ihm hinterher als Lucifer, in Luhans Körper, davonjagte, wie vom Teufel gejagt...das war kein passender Vergleich.
Kyungsoo und Junmyeon stolperten als nächstes durch das Portal und sahen dabei beide schwer erleichtert aus. Die Erleichterung verblasste ihnen jedoch schnell auf den Gesichtern als sie sich plötzlich Yixing gegenüberfanden.
„Mistkerl", zischte Kris wutentbrannt und flog zu den Toren zurück um sich Yixing in den Weg zu stellen. Ein Streit brach zwischen den beiden aus, während Kris Junmyeon und Kyungsoo verteidigte und Yixing ihn mit schwarzrauchenden Händen zurückdrängte.
Baekhyun stand alleine gelassen, etwas abseits von allem und fragte sich was er nun tun sollte. Seine Flügel waren schwarz wie der Nachthimmel und würden hier im Himmel immerzu etwas hinausstechen und für Fragen sorgen. Außerdem wollte ihn bestimmt überhaupt niemand hier haben also hatte es wahrscheinlich gar keinen Sinn sich darüber Gedanken zu machen ob ihn jemand hier jemand akzeptieren würde oder nicht. Es war schön den Himmel wiederzusehen aber er gehört wohl nicht mehr hier her. Er hatte sein Zuhause längst verloren.
Schwarze Ketten schossen aus dem Untergrund aus Wolken und griffen plötzlich nach Yixing und Kris. Baekhyun zuckte zusammen als er ihre Flügel brechen hörte.
Junmyeon, wieder im Besitz seiner Fähigkeiten, hatte es wohl nicht nötig gehabt von Kris gerettet zu werden und seinen Retter zur Erinnerung gleich mitbestraft. Baekhyun verstand dass Lucifer wohl geplant haben musste die Engel und Chanyeol zu vernichten, bevor sie durch die Tore schreiten konnten aber er war sich nicht sicher wie er das hätte anstellen können wenn Chanyeol so viel mächtiger war als sie anderen. Vielleicht hatte auch Lucifer so große Sehnsucht nach dem Himmel empfunden dass er die Chance einfach ergreifen wollte – komme was wolle.
Baekhyun seufzte leise. „Scheint so als wäre diese Aktion komplett gescheitert."
„Öffne die Tore", hörte er Junmyeon zu Kyungsoo rufen, eine Hand schwebte noch immer über den zwei angeketteten Gefallenen Engeln. Weit hinter sich hörte Baekhyun etwas explodieren und war sich sicher dass es sich dabei nur um Chanyeol und Lucifer handeln konnte.
Sollte Baekhyun Yixing und Kris helfen? Aber was brachte das schon? Junmyeon würde sie noch einmal auf die Erde verbannen weil nur Erzengel Gefallene richten durften und der Himmel wäre wieder befreit sobald Kyungsoo alle Tore geöffnet hätte. Und das war schließlich der wahre Grund weshalb – zumindest Baekhyun – hier aushelfen wollte.
Nur kam es nicht dazu.
Baekhyun hatte es kaum wahrgenommen. Es war eines dieser Geräusche, die einem erst nach einigen Momenten plötzlich bewusst wurde. Ein Fingerschnippen.
Baekhyun wandte sich um, wo ein Engel in der Entfernung stand. Er hatte weiße, strahlende Flügel – groß und imposant aber nicht ganz so riesig wie die von Chanyeol oder Luhan. Baekhyun erkannte ihn sofort, weil er das Gesicht aus seiner letzten Reincarnation behalten hatte. Jongin durchschritt den Himmel mit einem siegessicheren Lächeln auf den Lippen. Es war unmöglich aber Baekhyun bildete sich ein wie dunkler Rauch aus seinem Körper sickerte und sein natürliches Licht ein wenig dimmte.
„Was?", fragte Junmyeon atemlos. Baekhyuns Kopf fuhr zu ihm herum, wo Kris und Yixing sich langsam aus den Wolken erhoben und mindestens so verblüfft dreinschauten wie Junmyeon selbst. Die Ketten, die Junmyeon eben noch beschworen hatte, hatten sich in Luft aufgelöst und, nach Junmyeons Gesichtsausdruck zu schließen, war es nicht sein Werk gewesen.
„Das war knapp, nicht wahr? Was wenn die anderen Erzengel aufgekreuzt wären?" Jongin schnalzte mit der Zunge, plötzlich sehr viel näher als Baekhyun eben noch gedacht hatte. Er wich zurück, weil Jongin Boshaftigkeit ausstrahlte und sie bisher nicht nur einmal auch präsentiert hatte. Jongin streckte seine Hand aus, so dass sie zum Tor zeigte. Ein Licht strahlte auf und als es verblasst war stand das riesige Himmelstor wieder an Ort und Stelle. Verschlossen. Einfach so. Das musste das Werk der Schriften sein von denen Kyungsoo erzählt hatte.
Baekhyun war sprachlos vor Entsetzen und Erstaunen.
„Mit euch habe ich nicht gerechnet", sagte Jongin als würde er mit ihm plaudern. „Mit Chanyeol vielleicht aber doch nicht mit ein paar Gefallenen Engeln."
Baekhyun beschlich plötzlich ein sehr, sehr ungutes Gefühl. „Jongin...was tust du da?"
Jongin, der dunkle Engel, wandte das Gesicht zu ihm um und lächelte ihn an. „Das wirst du gleich sehen, du Plage."
Dunkle Ketten schossen aus den Wolken hervor und schlangen sich um Baekhyuns Gliedmaßen und Flügel. Er schrie auf als seine Flügel brachen aber sein eigener Schrei wurde von den vier anderen Engeln gedämpft, die ebenfalls von Ketten auf den Himmelsboden gezerrt wurden. Vor Baekhyuns Augen tanzten kleine schwarze Punkte, die er heftig davon blinzelte. Jetzt war nicht der richtige Zeitpunkt um das Bewusstsein zu verlieren.
Baekhyun hörte Laute, wie Trommelschläge als die Schreie der anderen Engel verklungen waren. Sein Blick schweifte zum Tor herüber. Es klang beinahe so als würden Fäuste dagegen schlagen.
„Oh das war ja wirklich sehr knapp", setzte Jongin mit Belustigung in der Stimme fort. „Einen Moment länger und ich hätte es mehr als nur mit einem Erzengel zu tun gehabt." Jongin schritt an ihm vorbei, ohne ihn weiter zu beachten, während schwarze Ketten ihn weiterhin zu Boden drückten, fest genug um sich in seine Haut zu bohren und Blut zu fordern. Scharlachrote Tropfen fielen von den Ketten auf strahlend weiße Wolken hinunter. Baekhyun konzentrierte sich auf seine Kräfte oder versuchte zumindest seine Flügel zu schließen aber das hier waren himmlische Ketten – er hatte keine Chance gegen sie.
„Bleib ihm fern", zischte Kris von seiner Position auf dem Boden aus, als Jongin sich zu Junmyeons eingefallener Gestalt hinunterbeugte. Er und Kyungsoo hatten augenblicklich das Bewusstsein verloren, sobald die Ketten ihnen die Flügel gebrochen hatten – sie waren immerhin nicht allzu vertraut mit Schmerzen. Und gebrochene Flügel waren der schlimmste Schmerz dem man einem Engel zufügen konnte. „Was hast du getan? Was hast du ihm angetan Jongin?!"
„So begrüßt man also einen alten Freund?" Er legte den Kopf schief. „Oder sollte ich Liebhaber sagen? Letztlich sind wir uns ja doch ein wenig näher gekommen." Kris fluchte und wehrte sich gegen seine Ketten, die sich nur fester um ihn schlangen. „Ich habe deinen alten Freund hier seiner Autorität enthoben. Er ist immerhin ein Verräter, der es gewagt hat Gefallenen Engeln Eintritt in den Himmel zu gewähren."
Baekhyun beschlich eine schreckliche Vorahnung. Kris ebenfalls.
„Geh weg von ihm! Lass ihn in Frieden!" Jongin ging vor Junmyeon in die Hocke. „VERSCHWINDE! LASS JUNMYEON IN RUHE!!"
„Was denkst du ist die angemessene Strafe, die der Himmel über einen solchen Verräter aussprechen sollte?"
„Nein."
„Ich denke mit Verbannung machen wir nichts falsches, nicht wahr?"
„NEIN", wiederholte Kris mit Wut und Verzweiflung in der Stimme. „Stopp! Tu das nicht. Junmyeon ist nicht-"
Jongin unterbrach ihn mit Gelächter. „Unglaublich wie sehr du noch an ihm hängst, obwohl du seinetwegen gefallen bist."
Baekhyun konnte Kris' Augen aus der Entfernung nicht genau sehen aber er war sich sicher, dass Mordlust in ihnen geschrieben stand. „Junmyeon hatte nichts damit zu tun du Dreckskerl."
„Hm vielleicht nicht aber das ist jetzt auch egal." Er erhob sich wieder und schenkte dabei auch ein kurzes Lächeln in Yixings Richtung. „Ich schicke euch auf die Erde zurück, hier oben seid ihr für mich nur nervige, kleine Fliegen."
Baekhyun spürte Übelkeit in sich aufkommen als er hilflos beobachtete, wie die Ketten um Kyungsoos und Junmyeons Körper kurz aufstrahlten. Jongin würde sie zu Gefallenen Engeln machen, zu Abtrünnigen und Verrätern. Er würde sie unschuldig zu ihrem Tode verurteilen und Tod wären sie, sobald sie in die Nähe eines Erzengels fielen. Baekhyun bezweifelte auch das Kris und Yixing überleben würden, wenn Lucifer ihnen kein Tor zur Hölle öffnen konnte und niemand ihnen helfen würde sie vor den anderen Erzengeln zu beschützen...Panik und Angst stiegen in Baekhyun auf, während Jongin gütig auf die anderen hinunterlächelte.
„Stopp!" rief er, weil er hilflos und verzweifelt war, weil er nicht wusste wie er ihnen sonst helfen sollte. „Aufhören! Bitte Jongin! Hör auf!"
Jongin hielt inne und wandte sich um. Baekhyun war für einen Moment erleichtert darüber, weil er glaubte er hätte es tatsächlich geschafft Jongin abzulenken aber es war nicht er, dem Jongin seine Aufmerksamkeit geschenkt hatte. Ein Lächeln beschlich Jongins Lippen, ein Lächeln dass Baekhyun in seinen Alpträumen verfolgen würde.
„Und wer genau seid ihr beide?" Jongin stand vor Baekhyun, bevor Baekhyun es richtig realisiert hatte. Ein erstickter Laut wurde hinter Baekhyun laut. Baekhyun, er...er kannte diese Stimme. Er wandte den Kopf nach hinten, wo plötzlich Jongdae und Minseok standen. Blass vor Schreck, mit geweiteten Augen, die von Baekhyun zu Jongin huschten.
Baekhyun konnte seinen eigenen Augen nicht glauben. Jongdae! Es war wirklich Jongdae!
„W-was...wieso?"
Jongdaes Lippen zitterten aber er schaffte es trotzdem ein kleines Lächeln auf sie zu zaubern. „I-ich habe dich vom Himmel aus beobachtet Baekhyun. Wie versprochen, erinnerst du dich? Ich dachte du...du brauchst vielleicht Hilfe, jetzt da du wieder im Himmel bist."
Baekhyuns Kinnlade fiel auf. Jongdae dieser unglaubliche Volltrottel! Dieser... Baekhyun spürte wie Tränen in seinen Augen prickelten. „Du bist echt ein Idiot."
Seine Lippen zitterten stärker. „Sieht...ganz danach aus Kumpel."
„Hm", machte Jongin. „Zwei weitere Verräter also, euch können wir gleich mit den anderen-" Er hielt inne als seine Augen auf Minseok landeten. Minseok, der nun weiße Flügel hatte. Seine Augen jedoch wirkten kaum verändert, es schien fast so als wäre sich Minseok seiner menschlichen Gefühle noch immer Bewusst...Jongin brach plötzlich in Gelächter aus. „Du bist die Seele nicht wahr? Die verkettete, arme Seele." Er klatschte sich in die Hände. „Das ist großartig! Wirklich großartig."
Baekhyun hatte kein gutes Gefühl bei der Sache. „Verschwindet", sagte er, auch wenn die Chance schlecht stand dass Jongin sie so einfach davonkommen lassen würde. Aus der Entfernung erklang noch eine Explosion. „Ihr müsst weg von hier! Sofort!"
„Wo ist Luhan?", flüsterte Minseok ohne auf Jongins interessierte Augen zu achten. „Ist er hier?"
„Herzergreifend", hauchte Jongin und legte Minseok in der nächsten Sekunde ebenfalls in Ketten, nicht fest genug um seine Flügel zu brechen aber es reichte alle mal aus um ihn komplett bewegungsunfähig zu machen. Jongdae stand mit großen, ängstlichen Augen da und wich vorsichtig einen Schritt zurück. „Darüber solltest du gar nicht erst nachdenken", sagte Jongin ohne Jongdae anzusehen. „Du würdest nicht allzu weit kommen, glaub mir." Er wandte sich Minseok zu. „Ich denke du kannst mir noch ganz nützlich werden."
Baekhyun sah aus den Augenwinkeln, wie Junmyeon langsam das Bewusstsein wiedererlangte. Kris fragte ihn sogleich mit panischer Stimme wie er sich fühlte und ob er in Ordnung sei.
„Ich sollte mich erst um unsere Freunde dort hinten kümmern, bevor ich mich euch zu-" Er hielt inne und seufzte dann tief. „Oder auch nicht. Es ist hier plötzlich sehr geschäftig geworden, was?" Er wandte sich zur Seite. „Hier bist du also Chanyeol. Willkommen zurück."
„Jongin", sagte Chanyeol leise und trat ein paar Schritte nach vorne. Baekhyun unterdrückte einen Schrei als er bemerkte, wen Chanyeol an einem seiner Flügel hinter sich her schliff. Luhan lag zusammengekrümmt auf dem Boden, seine Flügel...Himmel seine Flügel sahen schrecklich aus. Sie brannten stellenweise und dünne Knochen ragten grotesk aus dem ramponierten Federkleid hindurch. Baekhyun wurde übel von dem Anblick. Minseok zitterte wie Espenlaub. Chanyeol ließ Luhan (oder Lucifer) zu Boden fallen und kam mit wutentbrannten Augen auf Jongin zu. „Das ist genug Jongin."
„Genug? Wovon redest du?" Er lachte leise. „Ich habe doch noch gar nicht richtig angefangen."
„Jongin", zischte Chanyeol leise. „Lass die Engel frei, hörst du?" Seine Hände leuchteten, Chanyeols gesamter Körper leuchtete. „Ruf die Ketten zurück, bevor ich dich dazu zwinge es zu tun."
Jongin schürte die Lippen und legte Baekhyun plötzlich eine Hand auf die Schulter. „Ich tue es wenn ich das Gefühl habe das du kein Verräter bist."
„Hör auf Spielchen zu spielen", zischte Chanyeol. „Verstehst du nicht was du hier tust?!"
„Natürlich verstehe ich", erwiderte Jongin. „Aber wer soll es mir verübeln nicht wahr? Schon vergessen? Ich bin eine Dunkle Aura und ah richtig! DU hast mich zu dem gemacht was ich bin."
Chanyeol zuckte leicht, fast unmerklich, zusammen aber Jongin hatte es mit Sicherheit gesehen. „Jongin-"
„Ich habe den Himmel auf meiner Seite, wenn du es noch nicht bemerkt haben solltest", sprach Jongin über ihn hinweg. „Ich habe die Schriften des Himmels und mit ihnen kann ich tun was auch immer ich will. Das verstehst du, nicht wahr?"
„Du kannst einen Erzengel nicht seines Standes entheben", sagte Chanyeol und trat einen Schritt nach vorne. „Nur der Himmel nimmt uns unsere Macht."
„Nein das nicht", nickte Jongin zustimmend. „Aber ich kann einen Verräter richten, sogar einen Erzengel wenn Verdacht besteht dass er etwas Verbotenes getan hat. Der Himmel muss mir nur zustimmen und in deinem Fall, sehe ich nicht wieso der Himmel dich nicht schon längst bestraft hat. Du hast eine Horde Gefallener Erzengel, sogar Lucifer selbst, den Weg in den Himmel gezeigt Chanyeol. Du weißt dass das ein unverzeihliches Vergehen ist."
„Jongin", sagte Chanyeol und klang plötzlich flehentlich. „Hör auf damit, ich kann dir noch helfen aber wenn du mich dazu zwingst..." Er brach ab und straffte plötzlich die Schultern. „Du weißt dass ich dich ebenfalls richten kann, nicht wahr?"
„Jetzt gerade haben wir die gleiche Art von Autorität", nickte Jongin. „Aber bringst du es wirklich über dich Chanyeol? Du hast mir schon genug angetan, denkst du nicht? Wie viele Versprechen willst du noch brechen?"
Baekhyun spürte plötzlich wie es in seinem Inneren brannte - vor Wut und Zorn brannte. Chanyeol hatte die Möglichkeit den Himmel von Jongin zu befreien aber dafür musste er ihn richten und sein Todesurteil aussprechen und Jongin war sich sicher, dass Chanyeol nicht so weit gehen würde, weil er ihn mit alten Schuldgefühlen plagte. Und Baekhyun war sich eigenartig sicher, dass Chanyeol es nicht über sich bringen würde Jongin zu verurteilen. Er hatte ihn immerhin selbst auf der Erde noch immer beschützt. Eine unglaubliche Wut stieg in ihm auf. Jongin benutzte Chanyeols Verantwortungsbewusstsein wie eine Schachfigur, er benutzte Chanyeols Güte und seine Schuldgefühle und wandte sie gegen ihn.
Baekhyun begehrte gegen die Ketten auf und kümmerte sich kaum darum als sie nur noch fester in sein Fleisch drangen. „Elender Mistkerl", zischte er. „Du verfluchter Dreckskerl!"
Jongin sah leicht überrascht zu ihm hinunter. „Hast du etwas zu sagen Gefallener?"
„Und ob ich das habe! Du tust Chanyeol all diese Dinge an, obwohl du weißt wie viel du ihm bedeutest! Wie leid es ihm tut dass er dich alleine gelassen hat! Du nutzt ihn aus weil du weißt wie gut und nett und fürsorglich er ist und du redest ihm all diese Lügen und Schuldgefühle ein, obwohl Chanyeol rein gar nichts für deinen Zustand kann! Du bist eine Dunkle Aura und kümmerst dich doch gar nicht um ihn, weil du das nichts kannst! Weil du keine echten Gefühle mehr hast." Baekhyun zappelte weiter herum. „Du sagst und machst all diese Dinge nur um IHN zu verletzen. Das ist es wirklich, was du willst nicht wahr?"
„Oh da hat jemand aber ganz gründlich aufgepasst", sagte Jongin und drückte seine Schulter, die er niemals losgelassen hatte, etwas fester. „Aber denkst du wirklich das Chanyeol das alles nicht schon längst weiß?" Er lachte leise. „Sieh ihn dir doch an, natürlich weiß er von alle dem schon längst Bescheid aber genau das ist es doch, was ihn zu so einem guten Engel macht. Er kann mir trotzdem nichts zu leide tun, weil er tief in seinem Inneren weiß, dass ich dennoch Recht habe."
Chanyeol blickte zur Seite, plötzlich unsicher und schwach. Jongin hatte Recht, Chanyeol würde es nicht schaffen gegen ihn vorzugehen. Das was Baekhyun immer so sehr an ihm bewundert hatte, stand ihm nun im Weg. Das war also auch einer der Gründe, weshalb Erzengel sich ihrer Gefühle nicht Bewusst werden sollten. Sie hinderten sie daran, das Richtige zu tun. Baekhyun war sprachlos vor Unglauben.
„Erbärmlich", sagte Luhan plötzlich und kam langsam wieder auf die Füße. Seine Wunden waren allmählich verheilt aber seine Flügel sahen noch immer grotesk verdreht aus. Luhan – nein es war wieder Lucifer, denn die Kette um Luhans Hals leuchtete – hob langsam den Kopf an und funkelte Jongin an. „Erzengel heutzutage sind absolut erbärmlich."
Jongin sah Lucifer nachdenklich an. „Der Herrscher der Hölle gibt jedoch auch kein allzu gutes Bild ab. Du hast einen Engel an dich gekettet um mithilfe seines Körpers in den Himmel zu gelangen? Das ist erstaunlich ausgeklügelt."
Lucifer schnaubte leise. „Hey Dunkler Engel, dein Ziel ist es Dunkelheit zu verbreiten nicht wahr? Wie wäre es wenn du dich mir anschließt? Ich denke wir haben dieselben Ziele." Chanyeol warf einen scharfen Blick auf Luhans Körper, aber Lucifer war noch immer mitgenommen genug um nicht stehen zu können ohne leicht zu schwanken. Er war nicht wirklich eine Gefahr. „Deshalb bin ich hier. Ich denke du könntest meine Unterstützung gut gebrauchen."
Baekhyun starrte Lucifer ungläubig an. War das sein Ernst? Deshalb wollte er in den Himmel? Um Jongin ein Bündnis vorzuschlagen?
Jongin legte den Kopf schräg. „Du siehst nicht allzu mächtig aus", sagte er abschätzend.
„Du Göre ich bin der Herrscher der Hölle! Der mächtigste Erzengel! Der Engel, der vom Obersten Schöpfer selbst auserwählt wurde!"
„Und an die Hölle gebunden. Du bist schwach und eingeschränkt", er dachte kurz nach. „Aber wieso nicht? Lass es mich ausprobieren. Ich verbünde mich mit dir und lasse sogar deine Gefallenen Engel frei, wenn du mir beweisen kannst, dass du mächtig genug bist um es zu verdienen mir zu helfen."
Lucifer starrte Jongin wutentbrannt an. So hatte wahrscheinlich noch nie zuvor jemand mit ihm gesprochen. Jongins Augen richteten sich auf Minseok und Baekhyun wusste augenblicklich was er plante.
Jongin schloss für einen Moment die Augen, während sie anderen wie erstarrt dastanden. Es waren nur wenige Worte, die er vor sich hin murmelte, bis die Ketten plötzlich von Minseok abfielen und er stattdessen in Licht getaucht wurde. Jongin machte einen Erzengel aus ihm, nein, viel mehr machte er Minseok zu einer seiner Marionetten.
„Stopp!", rief Chanyeol und preschte voraus. Jongins Hand schlang sich plötzlich um Baekhyuns Kehle und presste heftig zu. Chanyeol kam stolpernd zu stehen.
„Du wirst mich nicht töten Chanyeol, das kannst du nicht. Ich bin im Vorteil verstehst du nicht? Solange du es nicht über dich bringst mich zu richten, habe ich einen Haufen Geiseln in meinem Besitzt. Selbst wenn du versuchst mich nur außer Gefecht zu setzen, habe ich einen deiner Engel auf die Erde verbannt, bevor du mir auch nur zu nahe kommen kannst. Und das willst du ganz bestimmt nicht."
Chanyeol blieb wie festgefroren stehen. Baekhyun sah den Konflikt in seinen Augen aber es war zwecklos. Chanyeol KONNTE Jongin einfach nicht verbannen. Er konnte Jongin nicht zu einem Gefallenen Engel machen, er konnte sein Todesurteil nicht aussprechen. Und verdammt es würde ihr aller Leben kosten.
„Chanyeol", rief Junmyeon zu ihnen herüber. „Chanyeol du musst handeln! Du musst etwas gegen Jongin unternehmen! Verdammt der ganze Himmel ist gefährdet. DU MUSST IHN RICHTEN."
Und Jongin lachte, weil er wusste dass Chanyeol es niemals tun würde. Und leider sollte er Recht behalten.
~*~
Baekhyun hatte noch nie zuvor gesehen wie ein Erzengel entstand aber es war ein wenig als würde man in die Sonne blicken und von Wärme und Licht geblendet werden. Minseok strahlte wie die Sonne und zog alles Licht nach und nach in sein Inneres hinein.
Seine Augen waren trüb und leblos als seine Flügel schließlich wie Diamanten im Licht erstrahlten und Macht von seinem Körper sickerte. Minseok war zu einem Erzengel geworden – zu einem Erzengel, der nur noch Jongin gehorchte. Es war ein schrecklicher Anblick.
Jongin deutete mit dem Kinn auf Luhan. „Das ist ein Gefallener Engel. Es ist deine Aufgabe ihn zu vernichten."
Lucifer runzelte nur belustigt die Stirn als Minseok sich ihm entgegen stellte. Er blickte zu Jongin herüber. „Ich mag zwar in diesem Körper stecken aber denkst du wirklich ich hätte Hemmungen davor diesem Wesen etwas anzutun? Ich bin nicht Luhan, er bedeutet mir rein gar nichts."
Jongin zuckte die Achseln. „Das ist es was mich interessiert. Wer von euch beiden letztlich stärker sein wird."
Lucifer runzelte die Stirn und lachte dann. „Ich mag ein wenig mitgenommen sein aber ich war dennoch einst der stärkste Engel dieser Welt. Vergiss das nicht Dunkler Engel."
Jongin grinste. „Oh ich meinte nicht meinen neuen Erzengel." Er deutete mit der Hand, die nicht um Baekhyuns Kehle lag, auf Lucifer. „Ich meine den Körper in dem du steckst."
Lucifer runzelte die Stirn wandte sich aber Minseok zu als dieser sich auf ihn stürzte. Lucifer machte eine einfache Bewegung mit der Hand, die Minseok heftig zur Seite riss.
„Das ist lächerlich. Luhan ist an mich gekettet und zu Gehorsam verbannt, ich verstehe dein Experiment nicht."
„Ich habe gelernt dass Engel mit Gefühlen zu den stärksten Wesen ihrer Art werden können." Er sah flüchtig zu Chanyeol herüber. „Ich bin nur gespannt ob das in diesem Fall genauso sein wird.."
„Lächerlich." Lucifer machte eine neue Handbewegung und brach Minseok damit mitten im Flug die Flügel. Minseok war gerade erst zu einem Engel geworden und nun, allzu bald, zu einem Erzengel. Er war schwach und unbeholfen und konnte die Macht, die er nun besaß, nicht richtig gebrauchen. Es war ein lächerlich ungleicher Kampf.
„Stopp", knurrte Chanyeol und wollte sich einmischen als Junmyeon plötzlich aufschrie.
„Nicht einmischen Chanyeol", sagte Jongin mit einem Funkeln in den Augen. „Das könnte interessant werden."
„Bitte", sagte Chanyeol, so viel leiser als sonst. „Hör auf Jongin, ich bitte dich."
Jongin sah ihn verdutzt an. „Aber das kann ich nicht Chanyeol. Und das weißt du ganz genau. Es ist immerhin deine Schuld dass ich so geworden bin."
Chanyeol schloss für einen Moment gepeinigt die Augen. „Bitte Jongin. Selbst wenn es meine Schuld ist, dann richte deine Wut zumindest auf mich und nicht auf die anderen Engel."
Minseoks Flügel bluteten, während Lucifer ihn lässig von einer zur anderen Seite katapultierte und dafür kaum Kraft benutzen musste.
„Du kennst den Grund, weshalb mir das alles hier", er machte eine ausschweifende Handbewegung „geglückt ist, nicht wahr? Wärst du bei MIR gewesen und nicht auf der Erde, vielleicht wäre es dann niemals so weit gekommen."
Baekhyun keuchte als sich Jongins Fingerspitzen in seinen Hals bohrten, die Ketten gruben sich noch so viel tiefer in sein Fleisch hinein. Sein Körper hatte gelernt in rasantem Tempo zu heilen aber das wurde ihm nun zum Verhängnis, weil seine Flügel, zwischen den Ketten in gebrochenem Zustand, falsch verheilten, wieder brachen und erneut verheilten. Es waren höllische Schmerzen.
„Hast du es nicht geschworen? Mir mit meiner Dunkelheit zu helfen? Wieso hast du dann mit der nächsten Reincarnation gezögert? Wieso Chanyeol?"
Baekhyun blinzelte heftig gegen das Gefühl von Schmerz und Ohnmacht an. Die Wunden um seinen Hals verheilten und wurden in der nächsten Sekunde wieder von Jongins Fingern aufgerissen. Es war absolute Folter. Baekhyun war so abgelenkt von den Schmerzen, dass er beinahe nicht realisierte was Jongin gesagt hatte.
„Vielleicht hätte ich unseren Schwur damals ein wenig genauer ausdrücken sollen. Kein Mensch, kein Gott" Baekhyun schrie auf. „Nicht der Tod und-" Jongin hob Baekhyuns Kinn an, so dass er Chanyeol ansehen musste, der ihn mit weitaufgerissenen Augen ansah. „Und kein Engel."
„J-jongin, nicht...stopp."
Baekhyuns Sicht verschwamm ihm vor den Augen. Ein panischer Gedanke durchzuckte sein Bewusstsein. Jongin war dabei ihn zu vernichten. Er war ernsthaft dabei ihn zu vernichten. Aber das konnte er nicht ohne seine eigene, verbotene Macht zu gebrauchen, nicht wahr?
„Du hättest ihn in unserem letzten Leben über mich gestellt. Du HAST ihn über mich gestellt als wir eigentlich widergeboren werden sollten. Und wieso? Weil du ihn wiedersehen wolltest?"
„Ich...es war meine Aufgabe ihn zu richten", flüsterte Chanyeol „Ich habe aus Pflichtgefühl gehandelt."
Jongin schnaubte, Baekhyun schrie vor Schmerz. „Ich glaube dir nicht aber schön. Da du es nicht konntest, lass mich diese Pflicht für dich erfüllen. Erzengel!" Minseok gehorchte augenblicklich und erschien an Jongins Seite, auch wenn er sich kaum mehr aufrecht halten konnte. Wahrscheinlich hatte niemand damit gerechnet, denn für einen Moment hielten alle ganz still vor Schreck. Es war ein Moment zu lang.
Baekhyun spürte Macht in sich eindringen, die nicht ihm selbst gehörte, er spürte wie sie an ihm zerrte und ihn von innen auseinander nahm. Minseok zog seine Hand zurück und stürzte dann plötzlich zur Seite als jemand, Lucifer wahrscheinlich, ihn mithilfe seiner Macht davon fliegen ließ.
Er hörte Jongin schreien als Chanyeol ihn als nächstes von Baekhyun stieß, er hörte Jongdae und Junmyeon seinen Namen rufen. Er konnte hören wie Kris und Yixing gegen ihre eigenen Ketten aufbegehrten.
Er spürte selige Wärme als Chanyeol seine Macht benutzte um ihn zu heilen, er spürte wie er leichter wurde und sah Chanyeols Gesicht vor seinen Augen aber es war eine Abfolge von Gesichtern. Er sah ihn als Menschen über einem Bett gebeugt dasitzen und ausflippen, sobald Baekhyun die Augen öffnete, er sah ihn seine gebrochenen Flügel verbinden, in der Küche stehen und Curry kochen, im Park vor dem Erzengel Jonghyun stehen um ihn zu verteidigen, er sah ihn...über den Sinn des Lebens und über Kisten, die man aus noch mehr Kisten auspacken musste sprechen...er...er sah ihn die Augen kurz schließen, als Baekhyun ihm am Bahnhof von Huirisan einen kleinen Abschiedskuss gab...er sah ihn in den Zug steigen...Weitere Bilder tanzten Baekhyun vor den Augen herum, von der Hölle, von seinen sieben Ausbildern, Luhan, Kris und Yixing. Lucifer im gelben Raum. Chanyeol als Erzengel und... Wenn Baekhyun die Kraft dazu hätte, dann hätte er wahrscheinlich gelacht, denn er sah sein Leben vor seinem inneren Auge vorbei ziehen! Dieses Mal könnte er Kyungsoo also nicht darum bitten seinen Tod zu annullieren...Er bezweifelte jedoch, dass er Kyungsoo jemals wieder um irgendetwas bitten könnte.
Seine Augen wurden ein letztes Mal klar, als alle Bilder dahingezogen waren. Er sah Chanyeol über sich gebeugt. Nicht den Menschen und nicht den Erzengel, sondern eine Mischung aus beidem und verstand nun endlich wieso er ihn in Huirisan mit einem Kuss verabschiedet hatte und in der Hölle nur an ihr Wiedersehen gedacht hatte. Es war nicht Bewunderung dafür, dass er der beste und tollste Mensch dieser Welt gewesen war, und nicht der Wunsch einmal so zu werden wie er...es war ein Gefühl dass Baekhyun nicht erkannt hatte, weil er letztlich eben doch nur ein Engel war und dieses eine, spezielle Gefühl unheimlich schwer an die Oberfläche seines Bewusstseins zu treiben war.
Baekhyun wünschte sich nur er hätte viel früher verstanden was es bedeutete.
Er schloss die Augen nicht, als sich Dunkelheit von seinen Augenrädern, langsam ins Innere vorankämpften, er wollte Chanyeol bis zum Schluss im Auge behalten. Er wollte sehen wie seine Lippen seinen Namen formten auch wenn er die Worte nicht mehr hören konnte...es was nichtsdestotrotz ein schöner Gedanke dass er ihn festhielt und seinen Namen sprach während Baekhyun langsam dahinschied.
Baekhyun dachte daran was Chanyeol einmal zu ihm gesagt hatte: Dass es der Sinn des Lebens sei, Kisten aus Kisten zu ziehen und dass diese Kisten Entscheidungen repräsentierten. Baekhyun hatte viele falschen Entscheidungen getroffen, viele falsche Kisten geöffnet, aber zumindest hatte er dennoch niemals damit aufgehört. Er war letztlich wirklich ein nutzloser Engel gewesen, der nicht viel erreicht hatte und keinen heldenhaften Tod gestorben war aber vielleicht würde sein Tod helfen Chanyeol dazu zu bringen eine andere Kiste, einer andere Entscheidung in Hinsicht auf Jongin zu treffen. Vielleicht war es immer das gewesen, was seine Existenz wirklich bewegen sollte. Und das wiederum war kein schlechter Gedanke. Nein es war wirklich überhaupt kein schlechter Gedanke.
Chanyeols Wärme verblasste als Dunkelheit Baekhyun umfing.
~*~
Seine Arme waren leer, als Chanyeol die Augen wieder öffnete. Dort wo er Baekhyun eben noch an sich gedrückt hatte war nichts mehr zu sehen. Baekhyun, der Gefallene Engel, war gerichtet worden.
Chanyeol stand langsam auf, er fühlte sich taub bis in die Flügelspitzen. „Das eben... weißt du was du so eben getan hast, Jongin?"
„Deine Arbeit", antwortete Jongin und grinste breit. „Das war ein wirklich gutes Gefühl. Dieser verdammte Engel ist mir schon während unseres letzten Menschenlebens tierisch auf die Nerven gegangen."
Chanyeol dachte an Baekhyun und wie sehr er an diesem dummen Pullover mit den Engelsschwingen gehangen hatte, über seine Vorliebe einfach alles Essbare in sich reinzustopfen...an die unglaubliche Traurigkeit mit der er aus seinem früheren Menschenleben erzählt hatte... Chanyeol hatte im Himmel erfahren, dass Baekhyun aufgrund eines Missverständnisses gefallen war. Junmyeons Lehrling hatte die Stelle der Wiederbelebung falsch zitiert...Das zumindest war es, was alle dachten. Chanyeol hatte herausgefunden das mehr dahinter steckte.
Jemand hatte die Schriften absichtlich manipuliert. Und zwar genau die Schriften, die in Junmyeons Besitz waren. Es war beinahe zu offensichtlich wer dahinter gesteckt hatte. Wer in den winzigen Abständen, die sie im Himmel verbracht hatten, ein wenig Dunkelheit verbreitet hatte. Natürlich hatte es Junmyeons Lehrling getroffen, denn Junmyeon kannte die Schriften bereits auswendig und musste sie nicht mehr lesen. Chanyeol hatte also gewusst wer in Wahrheit hinter Baekhyuns Fall steckte aber selbst dann war es bereits zu spät für den Gefallenen Engel gewesen.
Chanyeol hatte zumindest gewollt, dass er es sein würde, der ihn richtete. Er und nicht die anderen Erzengel, die öfter als nicht grausam und brutal zu ihren Opfern waren. Deshalb hatte Chanyeol im Himmel ausgeharrt und seine nächste Wiedergeburt verschoben. Er hatte nicht gewusst wann und ob Baekhyun aus der Hölle zurückkehren würde aber er hatte mit eigenartiger Sicherheit gewusst dass er es tun würde.
Ihr Wiedersehen hatte auf dem Friedhof seiner menschlichen Hülle stattgefunden und Chanyeol hatte es nur passend gefunden, die Sache dort zu beenden. Dort wo der menschliche Körper ruhte, der Baekhyun so fest ins Herz geschlossen hatte.
Er hatte nicht geahnt dass Jongin die Jahre genutzt hatte um die Schriften heimlich zu studieren. Er hatte nicht geahnt dass er plante alle verantwortlichen Engel mit eben jenen Schriften auf die Erde zu verbannen und er hatte nicht geahnt dass Jongin die besonderen Schriften, die Phrasen mit der größten Macht, aus dem Palodium entwenden würde und mit ihnen neue, gefügige Erzengel erschaffen wollte. Er hatte all das nicht gewusst aber es machte es nicht weniger seine Schuld, weil er es zugelassen hatte. Weil er Jongin nicht viel früher gestoppt hatte. Vielleicht schon damals als er Kris von Junmyeon fortgerissen hatte.
Chanyeol konnte sich nicht verzeihen, was er aus Jongin geschaffen hatte aber es war Zeit, jetzt dringender als je zuvor, dass er das Monster das aus ihm geworden war, stoppte.
Jongin sah den Entschluss in Chanyeols Augen und ließ langsam die Schultern sinken. „Sein Tod hat dich also doch berührt." Jongins Augen wurden schmal. „Du willst mich verraten nur weil ich einen Gefallenen Engel bestrafen ließ?"
Chanyeol schritt auf Jongin zu. Er würde ihn in Ketten legen und auf die Erde verbannen. Jongin würde in die Nähe eines Erzengels fallen und als Verräter sterben. Anschließend würde Chanyeol die Himmelstore öffnen und den anderen Erzengeln helfen, die Engel wieder an ihren rechtmäßigen Ort zu bringen. Er würde sich seiner eigenen Strafe hingeben und sich nicht beschweren.
„Weißt du Chanyeol", sagte Jongin plötzlich. „Ich habe nie verstanden, wieso du so handelst wie du tust." Er deutete mit einer Hand auf das Himmelstor, während er weiterhin vor ihm zurückwich. „Wieso hast du sie nicht gleich geöffnet, sobald du im Himmel angekommen bist? Du lagst nicht in Ketten wie Junmyeon und Kyungsoo."
„Sie hätten dich getötet", antwortete Chanyeol. „Sobald die Erzengel hier gewesen wären. Ich wollte dich retten."
Jongin hob eine Augenbraue an. „Und nun nicht mehr?"
„Du bist zu weit gegangen Jongin. Ich öffne die Tore sobald ich dich auf die Erde verbannt habe."
Jongins Gesicht zuckte vor aufkommender Wut. „Du meinst sobald die Erzengel mich vernichtet haben."
Chanyeol nickte langsam mit dem Kopf. „So ist es."
„Du kannst mich doch gar nicht verbannen! Du bringst es nicht über dich."
Er hatte Recht. Alles in seinem Inneren sträubte sich dagegen weil das hier...das hier war noch immer Jongin. Sein Prinz, sein König, der Mann der ihm einmal das wertvollste auf der Welt gewesen war. Nur war das lange her und Jongin längst nicht mehr die Person, die er einmal gewesen war.
„Ich kann auch sofort die Tore öffnen und wir warten darauf, bis die Erzengel dich finden."
„Ich werde dir nicht erlauben sie zu öffnen. Es gilt dein Wort gegen meines. Sie werden sich nicht öffnen. Du hättest es tun müssen, bevor ich aufgetaucht bin."
„Dann muss ich dich also doch selbst verbannen."
Jongin war immer weiter zurückgewichen und langsam sah Chanyeol Panik in seinen Augen aufkommen. „W-wieso so plötzlich? Wieso stellst du dich plötzlich gegen mich? Es war doch deine schuld! Alles nur deine verdammte schuld!"
Chanyeol nickte langsam. „So ist es und es wird Zeit das ich es wieder gutmache." Er hob die Hand an und versuchte ruhig zu bleiben, während er still an die Worte dachte, die Ketten aus den Wolken beschwören würden. Ketten, die Jongin auf die Erde hinunterzerren würden.
Nur war Jongin schneller als er.
Dunkle Ketten griffen nach Chanyeol, die Jongin eben beschworen hatte. Seine Augen waren geweitet vor Angst aber langsam stahl sich ein Lächeln auf seine Lippen. „Ich sagte dir doch, dass ich selbst einen Erzengel richten kann, wenn bei ihm der Verdacht auf Verrat besteht."
Chanyeol hielt inne, während sich das kühle Metall um seine Gliedmaßen schlang. Jedoch nicht so heftig wie bei gewöhnlichen Engeln. Chanyeol war immerhin ein Erzengel und damit über einen Engel – einen der sogar die Palodiums Schriften kannte - gestellt. Die Ketten lagen zaghaft um seinen Körper, während der Himmel selbst ihn nun richtete.
Chanyeol sah langsam zu Jongin auf. „Du weißt was geschieht wenn der Himmel mich für unschuldig befindet."
Jongins Hände zitterten, während er hilflos dabei zusah, wie die Ketten um Chanyeols Körper pulsierten. Nur der Himmel selbst konnte Erzengel richten aber jeder Engel, der die Schriften kannte, konnte eine Verhandlung gegen einen Erzengel einberufen. Genau das hatte Jongin getan, weil er gesehen hatte, dass Chanyeol bereit war ihn nun endgültig auf die Erde zurückzuschicken.
Die Kette schlang sich für einen Moment fester um Chanyeol, dann verschwand sie plötzlich. Chanyeol seufzte leise. „Der Himmel hat entschieden Jongin." Er hatte Chanyeol nicht für schuldig erklärt. Nun würde Chanyeol Jongin richten.
„W-warte", bat Jongin und hob beide Hände an. „Das kannst du nicht tun." Er schloss die Flügel wie Engel es taten wenn sie Reue bekundeten. „Das kannst du mir nicht antun, du hast es geschworen! Erinnerst du dich nicht mehr? Es war ein Schwur zwischen uns beiden!"
Chanyeol erinnerte sich. Natürlich. Aber das hier musste beendet werden. Er streckte die Hand aus, Jongin sank verängstigt zu Boden. Chanyeol rief sich die Phrasen ins Gedächtnis und folgte ihrem Wortlaut still im Inneren. Nur die letzten Worte sprach er laut aus: „Falle Engel." Es kam ihn nur als ein Flüstern über die Lippen, ein erstickter Laut. Beinahe eine Entschuldigung.
~*~
Einen langen Moment geschah rein gar nichts und einen weiteren, langen Moment ebenfalls nicht. Chanyeol wiederholten die Phrasen innerlich noch einmal aber auch dann geschah rein gar nichts.
Jongin kam langsam wieder auf die Füße und brach dann in schallendes Gelächter aus. „Der Himmel hat dich also doch bestraft Chanyeol." Jongin grinste breit. „Du bist kein Erzengel mehr."
Chanyeol starrte ungläubig auf seine Hände hinunter. Der Himmel...er hatte ihm wirklich seine Macht genommen. Chanyeol wurde schwindelig vor Unglauben.
Jongin lachte lauthals los und hatte Chanyeol im nächsten Moment in Ketten gelegt. „Du hättest früher handeln müssen Chanyeol! Du hättest mich viel früher in Ketten legen müssen du dummer, dummer Engel."
Chanyeol sank ungläubig auf die Knie, als die Ketten ihn dazu zwangen.
Jongin trug ein siegessicheres Lächeln auf den Lippen. Jetzt gab es niemanden mehr, der sich ihm noch in den Weg hätte stellen können. Jongin hatte Kyungsoo und Junmyeon ihrer Autorität enthoben, Chanyeol war kein Erzengel mehr, die Tore waren weiterhin geschlossen und niemand hatte mehr genug Macht um sie von außen aufzusprengen.
Chanyeol hatte ein schreckliches Bild vor Augen.
~*~
Baekhyun fühlte nicht, er sah nicht, er hatte keinen Körper und er glaubte auch nicht dass er überhaupt existierte und doch...WAR er.
Und dieses Gefühl war ihm eigenartig vertraut.
„Hallo Baekhyun", sagte eine Stimme, die niemals laut ausgesprochen wurde, die keinem Körper gehörte und die vielleicht gar nicht wirklich existierte. So wie seine Gedanken nicht wirklich existierten weil er nicht wirklich da war und...das war alles verflucht verwirrend.
„Das ist es allerdings", antwortete die Stimme. „Es ist schön dich wiederzusehen, du bist so verwirrt wie eh und je."
„Mh", sagte, machte, dachte...Baekhyun wusste es nicht aber es war zumindest da...oder nicht da. Was auch immer. „Wo bin ich?"
„Wo? Bei mir natürlich."
Das beantwortete rein gar nichts.
„Oh doch! Natürlich tut es das. Du bist ein Teil von Allem schon vergessen Baekhyun? Du bist Teil des Universums."
Baekhyun wünschte sich er hätte eine Kinnlade, nur damit er sie weit aufreißen könnte. „D-das bedeutet..."
Das Universum lachte. „Ja Baekhyun. Du bist ein Kettenglied."
~*~
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Ein alter Freund den niemand wirklich leiden konnte und es ist....Das Universum! Hat es irgendjemand erraten? :D
OK vorweg, der Himmel hat gewisse Regeln und ich habe mir all diese Regeln am Anfang aufgeschrieben aber weil 99% der Geschichte NICHT im Himmel spielt konnte ich vereinzelt immer nur ein paar Regeln einbringen. Was hier zwischen Jongin und Chanyeol geschehen ist war im Grunde ein Tanz um diese Regeln herum. Nach dem nächsten Kapitel werde ich die Regeln, die ich am Anfang festgelegt habe, als Nachwort oder sogar als eigenes Kapitel posten damit ihr nicht allzu verwundert seid, wieso Jongin Junmyeon und Kyungsoo ihre 'Autorität' nehmen konnten, Chanyeol das gleiche aber nicht bei Jongin tun konnte usw. Ich verspreche das System macht Sinn und ist nicht willkürlich gewählt aber ich kann euch diese ganzen Regeln erst nach dem nächsten Kap geben, weil ich sonst eine entscheidende Sache 'verrate'. (Na ja ich hab sie schon verraten aber ich will euch damit nicht noch einmal vor dem Gesicht herumwedeln).
Ihr könnt euch jetzt wundern warum Baekhyun bei dem Universum gelandet ist und ich verspreche auch das macht Sinn :D (man das klingt mies aber ich kann euch nur versichern dass alles so seit dem Anfang geplant war) und Lucifer hat damit nichts zu tun ;) aber ja...nächstes Mal.
Das war wirklich ein langes Kapitel aber ich wollte unbedingt bis zu dieser Stelle kommen :) Ich hätte den Cut wohl auch nach Baeks Tod setzen können aber ich denke ein Protagonist hatte in einer Geschichte noch nie so viele Tode/Fast Tode wie in Fallen also dachte ich mir dass mir ohnehin niemand mehr glauben wird xD
Ich hoffe ihr seid gespannt auf das nächste Kapitel. Da wir uns dem Ende rasant nähern, werde ich wahrscheinlich ziemlich bald wieder updaten :)
Liebe Grüße!
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