10.2
Das Rennen wurde so groß wie eh und je zelebriert, so wie Chanyeol es kannte. Der einzige Unterschied befand sich darin, dass Chanyeol nun auf einem Pferderücken saß und das Geschehen aus aller, aller nächster Nähe beobachten konnte. Beinahe wünschte er sich erneut in den Palast zurück, mit einem Lappen und einem Eimer voll stechendem Seifenwasser damit er irgendwelche Palastböden schrubben konnte. Alles besser als das hier.
„Du bist ein wenig grün um die Nase", bemerkte Semachites und lachte voller Schadenfreude. Alter Mistkerl.
„Mir geht's bestens."
Seit Chanyeol offiziell zu Jongins Gefährten ernannt wurde, hatte keiner der anderen Jungen es je wieder gewagt auch nur schief in Chanyeols Richtung zu blicken. Vor allem Arastro hielt sich so weit wie irgendwie möglich von Chanyeol fern. Normalerweise störte Chanyeol das nicht, normalerweise wäre auch Jongin an seiner Seite um ihn abzulenken, aber jetzt gerade, so kurz bevor das Rennen beginnen würde, hätte Chanyeol nichts dagegen gehabt mit jemandem zu reden (bevorzugt jemand, der sich nicht über ihn lustig machte).
Er wünschte sich Jongin wäre hier.
Er blickte zum Podium herüber, das den wichtigsten Zuschauer Schatten und eine Sitzmöglichkeit gab. Jongin saß zwischen dem König und einer jungen Dame und unterhielt sich lächelnd mit ihr. Ganz im Ungewissen darüber, dass Chanyeol vor Nervosität gleich vom Pferd fallen würde.
„Reiter stellt euch auf!"
„Oh ihr Götter", flüsterte Chanyeol zur Antwort.
Semachites lachte nur noch lauter. „Überlass alles dem Pferd Chanyeol und mach dir keine Gedanken. Wird schon mein Junge."
Oh Semachites hatte gut reden. Am liebsten hätte er ihm die Zügel überlassen.
Die Pferde wurden in Reih und Glied gestellt, dicht aneinander, so dass manche nervös ausscharten. Chanyeol beugte sich ein Stück nach vorne.
„Wir zwei haben den letzten Monat gut zusammengearbeitet", flüsterte er. „Und wir wissen wer von uns beiden die Zügel in Wahrheit in der Hand hält." Das Ohr der Stute zuckte. „Ich überlasse das dir wenn du nichts dagegen hast." Sie bewegte den Kopf auf und ab und Chanyeol bildete sich gerne ein, es wäre weil sie ihn verstanden hatte und nicht weil eine Fliege sich auf ihre Nasenspitze gesetzt hatte.
„Mögen die Götter mir beistehen." Er blickte noch einmal zu dem Podest herüber. Jongin war ihm nun zugewandt, ihre Blicke kreuzten sich und auf seine Lippen schlich sich ein aufmunterndes Lächeln. Die Prinzessin, neben ihm, sprach noch immer über irgendetwas aber dieser Moment gehörte nur ihnen beiden. Natürlich konnten sie keine Worte miteinander wechseln, aber Chanyeol hatte das Gefühl als wäre so einiges zwischen ihnen gefallen. Aufmunterungen, Glückwünsche, Liebesbekundungen...das Versprechen auf einen Sieg.
Das Signal zum Bereitmachen wurde mit einem Trommelschlag verkündet. Chanyeol lächelte Jongin noch einmal zu und blickte anschließend nach vorne. Vor ihm erstreckte sich breites, überwuchertes Feld, dahinter würden Strand und Wald folgen. Er würde eine Runde um den Palast und die Stadt drehen und dann wieder hierher zurückkehren. Und er würde als erster ins Ziel kommen.
Das Geräusch von Trommeln und Jubel erfüllte die Luft, letzte Wetten wurden geschlossen, ein mancher Sprach ein Gebet zu den Göttern um sein Wunsch-Pferd an die Spitze zu treiben. All diese Geräusche waren in weite Ferne gerückt, er wartete nur noch auf...
Stille.
Alle Trommeln verstummten, dann plötzlich – ein tiefer, heller Ton und die Pferde preschten voraus. Chanyeol an ihrer Spitze. Sand und Staub wurden aufgewirbelt aber vor Chanyeol breitete sich nur der Horizont aus.
Und Chanyeol preschte ihm entgegen, schneller und immer schneller werdend.
Er gewann das Rennen.
~*~
Chanyeol wurde von tosendem Applaus und begierigen Händen von seinem Pferd begleitet, dass schwer atmend und brausend neben ihm stand. Chanyeol bedankte sich leise bei ihr und grinste breit. Sie war seit der ersten Sekunde des Rennens an der Spitze gewesen, mit viel Abstand zu den anderen Reitern, und hatte diese Position bis zum Ende auch bewahrt. Ein junger Stallbursche nahm ihm die Zügel ab und führte sie zu den Wassertränken, während Chanyeol noch immer umjubelt wurde. Auch die anderen Reiter kamen langsam im Ziel an aber Chanyeol sah ihnen nicht dabei zu. Sein Blick war erneut von Jongin eingefangen worden, der ihn anstrahlte und mit den Augen beglückwünschte.
„Das hast du gut gemacht mein Junge! Wie zu erwarten vom Gefährten des Prinzen, nicht wahr?" Meister Semachites klopfte ihm anerkennend auf den Rücken, bis Chanyeol lachend um etwas Platz zum Atmen bat. Das jubelnde Volk wurde etwas zurückgedrängt, damit Semachites Chanyeol zum Podest des Königs führen konnte.
Der König wirkte höchst zufrieden als er auf Chanyeol hinunterblickte. Er hielt eine vor Lob übersprudelnde Rede auf Chanyeols Leistung und sprach ihn mit ‚mein Sohn' an, was Chanyeol unheimlich überraschte aber nicht im negativen Sinne. Er verbeugte sich tief vor dem König um seine Dankbarkeit kundzutun, bevor der König Jongin ein Signal gab.
Jongin nahm einem Diener das Kissen mit den Lorbeerkranz ab und ging die seitlich angebrachte Treppe hinunter um auf Chanyeols Höhe zu kommen. Ein symbolischer Akt in dem der Prinz dem Sieger Respekt zollte, indem ER zu ihm hinunterkam und nicht der Sieger zu ihm herauf. Deshalb konnte es auch niemals ein König sein, der den Lorbeerkranz überreichte. Die Menge schien den Atem anzuhalten, während Jongin die Treppenstufen hinunterstieg.
Der Lorbeerkranz war eine unglaubliche Auszeichnung und sein Ruf würde den Empfänger noch sein Leben lang begleiten.
Jongin kam lächelnd vor Chanyeol stehen. Er reichte das Kissen dem nahestehenden Diener und nahm den Lorbeerkranz vorsichtig zwischen beide Hände. Chanyeol neigte den Kopf, so dass Jongin besser an ihn herankam und richtete sich zu seiner vollen Größe auf, sobald Jongin die Hände zurücknahm.
„Herzlichen Glückwunsch", sagte er und trat einen Schritt näher. Er küsste seine Wange, wie es normalerweise nur Prinzessinnen taten. Das Volk war nicht minder überrascht als Chanyeol über Jongins intime Geste. Jongin lächelte nur umso breiter.
Der Augenblick verstrich, Leute begannen zu jubeln und bald ging alles erneut in Lärm unter.
***
„Chanyeol lass mich dir Gurantius vorstellen. Er ist erster Offizier und Bruder des Königs von Peloneos."
Chanyeol verbeugte sich tief vor dem dunkelhaarigen Mann. Er war groß und gut gebaut mit Armen und Beinen die von Farbe und Form dünnen Baumstämmen glichen. Chanyeol schätzte ihn auf Ende zwanzig.
„Meine Glückwünsche Chanyeol, das war ein unglaubliches Rennen."
„Vielen Dank. Ich bin froh nicht vom Pferd gefallen zu sein."
Prinz Gurantius lachte mit tiefer, polternder Stimme. „Sie haben Humor! Mir schien es dass Sie Ihr Pferd bestens unter Kontrolle hatten."
„Es war andersherum. Das Pferd hatte IHN unter seiner Kontrolle", warf Jongin ein, der plötzlich hinter Chanyeol erschienen war. In seiner Begleitung befand sich Prinzessin Leia von Peloneos – die Nichte von Gurantius wie Chanyeol nun erfahren hatte.
„War es so?", fragte Gurantius an Chanyeol gerichtet und hob fragend eine Augenbraue an.
„Ich muss Jongin Recht geben", gab Chanyeol zu und tat so als würde er dies bedauern. „Das Pferd muss wohl Mitleid mit mir gehabt haben, so gut wie es gerannt ist."
„Genug", lachte Jongin. „Unsere Gäste werden denken, dass wir es ernst meinen."
„Oh, wir Scherzen?", fragte Chanyeol überrascht, woraufhin alle zu lachen begannen. Die Stimme des Königs dabei die lauteste.
„Gehen wir zu Tisch", schlug Jongin dann vor. „Bevor noch weitere Überraschungen enthüllt werden." Jongin strahlte Chanyeol an. Er wünschte sich sie könnten für einen Moment alleine sein aber bisher hatte sich solch eine Gelegenheit noch nicht geboten. Chanyeol ermahnte sich zur Geduld aber es fiel ihm schwer die Augen von Jongin abzuwenden.
Während sie an der Tafel saßen und Sklaven Speisen und Getränke an ihren Tisch brachten, leere Teller mit vollen austauschten und Wein nachschenkten, fragte der König seine Gäste über das Wohlergehen des Königs von Peloneos, der Politik des Landes und schließlich ihre Herreise aus. Gurantius sprach sehr viel und schnell, mit dem dicken Akzent des Nordens, war aber nichtsdestotrotz gut verständlich. Leia hingegen war eine stille Schönheit, die wenig aß und noch weniger zu ihrem Gespräch beifügte. Ab und an begegnete Chanyeol, über den Tisch hinweg, ihren Augen und konnte eine stille Neugierde in ihnen sehen. Sie errötete jedoch nicht oder wandte den Blick ab, so wie andere koschere Mädchen es taten. Sie war wie ein völlig bewegungsloser Eiszapfen, der in ihrer Mitte saß.
Jongin sprach manchmal leise mit ihr, mit sanfter Stimme und freundlicher Miene und dann antwortete die Prinzessin, sprach eine Weile um etwas zu erzählen und wenn sie fertig war, schloss sie wieder den Mund und kehrte zu ihrem Eiszapfen-Dasein zurück. Für eine Weile irritierte Chanyeol das ein wenig aber Jongin schien sich unlängst an ihr Verhalten gewöhnt zu haben und ging locker und gutmütig mit ihr um. Sie schien nicht dagegen zu haben, denn Chanyeol hatte das Gefühl, sie wechselte mehr Worte mit Jongin als mit ihrem Onkel.
Wein floss reichlich, die Musiker spielten ein aufregendes Lied und Tänzer erheiterten die Feiergesellschaft. Kelche wurden auf Chanyeol und seinen Sieg erhoben, einzelne Freunde des Königs versuchten Chanyeol ein paar der Tänzerinnen für die Nacht zu kaufen, was Chanyeol rotwerdend und stotternd ablehnte. Jongin hatte viel Spaß daran Chanyeol so in Rage zu sehen und beobachtete die ganze Sache nur stumm über den Rande seines eigenen Weinglases.
Der Abend verlief großartig bis der König, rotnasig und mit verschwommenem Blick, einen Toast auf Prinzessin Leia aussprach. Das junge Mädchen schnippte sich nur eine schwarze Locke nach hinten und blickte ihn regungslos an, während der ältere Mann sich auf schwankende Beine kämpfte. Sie hielt einen Kelch zwischen den Händen, den sie den ganzen Abend hinweg kein einziges Mal an die Lippen geführt hatte.
„Auf unsere Gäste, die den weiten Weg aus Peloneos auf sich genommen haben um heute an unserem Tisch zu sitzen." Er betrachtete das Mädchen nicht mit wenig eigener Genugtuung. „Und vor allem auf die schönste aller Prinzessinnen des Nordens, die von nun an unseren bescheidenen Süden entzücken wird." Er machte eine zufriedene Spannungspause. „Mögen die Götter dich mit gleichermaßen Wärme, wie ich, dich in meiner Familie willkommen heißen Leia von Peloneos." Überraschte Stille, dann setzte lautes Gejohle und Applaus ein. Plötzlich war Jongin von jedermann umringt, erhielt Glückwünsche und guten Segen von links und rechts und schien gleichzeitig nichts davon mitzubekommen.
Prinzessin Leia saß weiterhin ohne großes Mienenspiel da aber sie blickte zu Jongin herüber und beobachtete seine Reaktion. Man musste sich nicht Mühe geben um die Blässe und den Schock richtig zu interpretieren, die über den Prinzen gekommen waren. Jongin hatte nichts von den Plänen seines Vaters gewusst.
„Vater", sagte Jongin und versuchte sich an einem Lächeln, als die Glückwünsche abgeebbt waren, weil man sich wieder dem Wein zuwenden wollte. So wie es König Phobos gerade getan hatte. „Du hast mir nicht gesagt dass Prinzessin Leia so...lange zu bleiben gedenkt."
Phobos lachte grölend. „Bist du überrascht? Solch eine Schönheit will man doch nicht wieder hergeben, mein Junge! Denk wie ein Mann!"
Jongins Gesicht kochte. Prinz Gurantius beobachtete die Szene aus forschen Augen. „Ist es richtig die Prinzessin eines anderen Königreichs so einfach bei uns zu behalten Vater? Wir sollten nicht unhöflich sein."
Der König schien keine Lust mehr auf seinen Sohn zu haben, denn er wedelte mit der Hand über den Tisch hinweg, als verscheuche er Fliegen. „Was ist dein Problem? Sie ist schön und jung! Nicht jeder Prinz hat solch ein Glück. Hast du von Fisanzius aus Hessa gehört? Seine Frau hat drei Nasenlöcher und Büschel von Haaren die aus JEDEM DAVON gedeihen wie Unkraut."
Jongins Faust schnellte auf den Tisch hinunter, nicht im Geringsten über den Scherz seines Vaters amüsiert. „Du hättest mit mir reden sollen", zischte er.
„Ach?", fragte der König, mit einem Mal deutlich nüchterner. „Darf ein Vater heute nicht einmal mehr die Ehefrau seines Sohns aussuchen? Du wagst es meine Entscheidung anzuzweifeln du Wurm?"
Das Alles ging zu weit und langsam bekamen auch die anderen Gäste von dem Streit an der Königstafel Wind. Ganz zu schweigen von der Prinzessin und des Prinzen von Peloneos. Chanyeol, bisher von Schock und Unglauben überfordert, schüttelte den Kopf in der Hoffnung Jongin würde ihn sehen und sich beruhigen aber Jongins Wut hatte ihn bereits mitgerissen.
„Und du verkündest MEINE Verlobung in aller Gemeinschaft, bevor ich auch nur den Hauch einer Warnung bekomme?!"
Der König verdrehte die Augen. „Es ist ein Geschenk Jongin und du bist Erwachsen. Wie lange hätte ich noch warten sollen? Das Angebot von Peloneos stand und die Prinzessin und ihr Onkel sind hier. Bring keine Schande über unser Haus du missratenes Balg!"
Jongin funkelte seinen Vater wütend an und sagte dann etwas sehr, sehr unkluges: „Nein."
„Was?"
„Ich habe Nein gesagt."
„Nein?", wiederholte der König.
„NEIN", spie Jongin ihm ins Gesicht. Phobos erhob sich fauchend von seinem Stuhl und hievte seinen Sohn an seiner Tunika auf die Füße. Der Stoff riss sogleich, wo der König ihn umklammert hielt. Chanyeol sprang ebenfalls auf die Beine.
„Hast du eine Ahnung was du gerade gesagt hast?! WAS FÄLLT DIR EIN?!"
Jongin zwang König Phobos' Hand von seiner Tunika abzulassen. Aus den Augenwinkeln sah Chanyeol Semachites auf sie zu eilen. „Du wolltest mich überraschen? Hier ist DEINE Überraschung. Ich heirate nicht."
Phobos biss wütend die Zähne zusammen und riss mit einem Schrei seinen Arm zurück. Das war Chanyeols Stichwort. Er stütze einen Fuß auf seinem Stuhl ab und sprang mit Schwung über den Tisch. Er kam in der Lücke zwischen König Phobos und Jongins Stuhl auf und fing die Faust des Königs ein, bevor sie Jongin berühren konnte.
„LASS MICH LOS", brüllte der König, was auf einem Mal zu Soldaten Bewegung führte und Gäste aufkreischen ließ. Schwerter wurden gezogen und auf sie gerichtet.
„Verzeiht mein König", sagte Chanyeol und versuchte so besänftigend wie möglich zu klingen. „Aber Sie sollten sich beruhigen."
„Du wagst es?! Nimm die Hand weg!"
„Nicht wenn Sie damit gedenken den Prinzen zu verletzen."
König Phobos schnaubte. „Mein eigenes Kind kann ich nicht mehr erziehen!"
„Nicht mit Gewalt", beharrte Chanyeol. „Und wenn Sie es doch wünschen, so müssen Sie mich schlagen."
„Chanyeol", zischte Jongin wütend.
„Denn das ist meine Aufgabe als sein Gefährte", vollendete Chanyeol unberührt. Der König ließ nach einem angespannten Moment schließlich die Hand sinken aber seine gesamte Körperhaltung verriet wie wütend er noch immer war.
„Du wirst gehorchen Jongin und du wirst vor der Prinzessin und ihrem Onkel auf Knien um Vergebung bitten. Hast du mich verstanden?!"
Jongins Blick war trotzig und Chanyeol war darauf gefasst weitere Schläge des Königs zu blockieren denn – Himmel! – Jongin sah rasend vor Wut aus und würde mit Sicherheit gleich etwas unheimlich dummes sagen, doch Phobos verhinderte mit den nächsten Worten alles was Jongin noch loswerden wollte.
„Du bist eine SCHANDE. Ein Miststück von einem Sohn, deine Männlichkeit ist dir ein wertloses Geschenk!" Jongin, und jede andere Person in diesem Raum, hielt den Atem an. „Als ein Mann ist es deine Aufgabe ZU EROBERN und NICHT EROBERT ZU WERDEN!" Sein Blick glitt für den flüchtigsten Moment zu Chanyeol herüber. „Du bist schwach Jongin. Schwach und verzogen!"
Nichts bewegte sich, nichts atmete, nichts machte auch nur den kleinsten Laut. Die vernichtenden Worte des Königs hingen Jongin nach.
„UND JETZT GEH MIR AUS DEN AUGEN!"
Und Jongin brauchte keine weitere Aufforderung mehr. Er wandte sich um und floh aus dem Raum, nicht rennend aber so schnellen Schrittes dass es kein würdevoller Abgang war. Chanyeol folgte ihm sobald seine Beine seinem Befehl gehorchten.
***
Er holte Jongin erst in ihrem Zimmer ein wo Jongin bereits tüchtig am Werk war alles kurz und klein zu schlagen. Er warf Krüge voll Wasser gegen die Wand, schlug Stühle zu Boden und trat Tische um. Er zerriss den Stoff seiner – ihrer Bettdecke – und machte auch nicht halt vor den Schatztruhe mit Edelsteinen, Armreifen und Broschen, die er zu Festlichkeiten trug. Chanyeol blieb an der Wand neben der Tür stehen und wartete.
Als Jongin Minuten später schließlich atemlos inne hielt, weil ihm die Dinge ausgingen, die er noch durch die Luft schleudern oder mit den Händen zerstören konnte, stieß sich Chanyeol von der Wand ab und kam auf ihn zu. Dabei geschickt um Scherben und Holzsplitter herumtanzend.
„Zumindest steht das Bett noch", sagte er und versuchte nicht die Belustigung aus seiner Stimme zu unterdrücken. „Und für Decken ist es ohnehin zu warm."
Jongin wirbelte zu ihm herum, er hatte ein sein nächstes Opfer gefunden. „Du scheinst Spaß zu haben", fauchte er. „Oh ja das alles ist wirklich amüsant."
„Du hast einen Wutanfall wie ein Kleinkind, wer soll das später aufräumen?"
Jongin überbrückte die letzten Meter zwischen ihnen und vergrub seine Hand in Chanyeols Tunika. „Ein Kleinkind?", spie er. „DU beleidigst mich nach all dem was ER gesagt hat?" er stieß ihn unsanft von sich. „Hast du eine AHNUNG was das bedeuten wird?"
Chanyeol konnte Jongin gut verstehen, ehrlich wenn er nicht derjenige von ihnen wäre, der jetzt einen kühlen Kopf bewahren musste, dann würde er Jongin gerne dabei helfen auch noch alle Bücher zu zerfetzen und den Kleiderschrank kurz und klein zu schlagen. Das Problem war, dass Jongin SO SCHNELL WIE MÖGLICH wieder runter kommen musste.
Also hob Chanyeol eine Augenbraue an und verschränkte die Arme vor der Brust. „Ja ich mache mich über dich lustig. Du wusstest dass du eines Tages heiraten wirst."
„Aber nicht so!", rief Jongin zurück. „Und nicht so plötzlich, nicht ohne Vorwarnung, nicht ohne mein Einverständnis!"
„Macht es denn einen Unterschied?"
Jongin sah ihn an, als hätte er ihm ins Gesicht gespuckt. „Du verfluchter Mistkerl" Er stieß ihn an der Schulter aber Chanyeol rührte sich davon kaum einen Zentimeter von der Stelle. „Dich lässt das Alles also kalt? Dir macht das nichts aus? Du bist" Noch ein Stoß, ein ziemlich Schmerzhafter sogar. „Du bist also zufrieden damit dass ich heirate?"
„Kann man so sagen."
Jongin knirschte mit den Zähnen. „Wundervoll Chanyeol. Gut dass ich nun weiß, wie wenig dir an mir liegt."
„Jongin-"
„Nein", er hob die Hand an, um Chanyeol abzuwehren. „Hast du es genossen? Was mein Vater über dich gesagt hat? Was nun alle über dich wissen? Der SKLAVE der einen PRINZEN erobert hat. Du Abbild eines Mannes, eines Eroberers!" Jongin redete sich in Rage und so schnell und wütend das Chanyeol kaum folgen konnte. „Wie WUNDERBAR dass nun alle Adligen Bescheid wissen, dass ich mein Bett mit dir teile, dass ich mich dir-"
Chanyeol schlang die Arme um ihn als Jongins Schultern zu beben begannen. Er wehrte sich für ein paar Momente gegen ihn, bevor er vollends in seinen Armen erschlaffte. Er weinte nicht aber Chanyeol wusste, dass es ihm alles abverlangte es nicht zu tun.
„Was kümmern uns die anderen Jongin? Sollen sie es wissen."
Der Prinz schüttelte den Kopf. „Du hast meinen Vater gehört, es raubt mir meine Autorität."
„Wir sind kein Einzelfall und das weißt du. Viele Hetairoi-"
„Chanyeol", sagte er schwach. „Niemanden interessiert es solange wir Knaben, jung und unreif sind, aber wenn ich deinetwegen nicht heirate, dann werden sie anfangen zu lachen und aufhören mich zu respektieren, es ist-"
„Wer sagt dass du nicht heiraten wirst?" Jongin stieß sich nun mit mehr Entschlossenheit von ihm ab und Chanyeol ließ es geschehen. „Bei allen Göttern hör auf so zu sprechen, als würde es dich völlig kalt lassen!"
Chanyeol nickte langsam. „Gut es lässt mich nicht kalt und wenn du es genau wissen willst, ja es macht mich rasend vor Wut aber weißt du was du so eben gesagt hast Jongin? Was du mitten in den Festlichkeiten vor all diesen Leuten getan hast?"
Jongin schnaubte. „Ich muss es vergessen haben unter all den wundervollen und liebenswürdigen Dingen die MEIN VATER über MICH gesagt hat."
Chanyeol seufzte schwer. „Das regeln wir okay? Kein Problem, das wird uns nicht im Weg stehen. Aber Himmel Jongin, denk nach! Du hast die Prinzessin und ihren Onkels eines Königreichs beleidigt, dass die vierfache Größe von deinem eigenen hat. Ist dir klar was für politische Folgen so ein Fehler haben könnte? Wenn dein Vater diese Bande bereits beschlossen hat, dann um Himmels Willen ist sie mit der Einsicht gekommen hier zu heiraten und nicht vor den Kopf gestoßen zu werden!"
Jongin blinzelte ihn ein paar Sekunden lang völlig erstaunt an. „Woher weißt du so viel über Politik?"
„Denkst du der alte Archimedes kann nachts gut schlafen im Wissen dass ich, als dein zukünftiger Berater, nicht den Hauch einer Ahnung davon habe wie der Hase läuft?"
„Ja."
„Falsch gedacht. Außerdem war das wirklich nicht schwer zu erraten und du würdest auch sehen was für ein Schlamassel du angerichtet hast, wenn du nicht so verflucht wütend wärst."
Jongin schien sich nun zu beruhigen, er nahm ein paar tiefe Atemzüge und schien Sinn und Logik wieder Einlass zu seinen Gedanken zu gewähren.
„Gut", sagte er dann nach einer Weile. „Ich habe impulsiv gehandelt und es vermasselt."
„Schön dass du das einsiehst."
Jongin sah nun etwas zerknirscht zu ihm auf. „Entschuldige dass ich dich gestoßen habe aber du warst für einen Moment ein ziemlicher Mistkerl."
„Damit warst du zumindest für kurze Zeit wütender auf mich als auf deinen Vater. Und auf mich kannst du nicht lange wütend sein."
„Was für eine Art besonderen Unterrichts hat Archimedes dir erteilt, dass du so verzwickt denken kannst?"
„Oh das? Nein das war nur Selbstgefälligkeit. Ich weiß dass du mich liebst und ich weiß dass das der Grund ist, wieso du an erster Stelle so ausgerastet bist. Glaub mir ich wäre es ebenfalls, wenn du nicht so viel schneller als ich gewesen wärst."
Jongin seufzte noch einmal. „Oh Götter ich habe Prinzessin Leia völlig vor den Kopf gestoßen."
„Das hast du."
„Und ihren Onkel."
„Mhm."
„Und ihren Vater inklusive eines Königreichs das viermal so groß ist wie das meine."
Chanyeol schwieg.
„Verdammt." Er schloss gepeinigt die Augen. „Ich muss mich entschuldigen, Heirat hin oder her." Er erschauderte. „Ich will nicht heiraten aber noch weniger will ich dass ein Krieg ausbricht. Mh unter all den anderen Kriegen, die derzeit wüten."
Chanyeol nickte.
„Danke Chanyeol", sagte Jongin sanft. „Du hast dich wie ein mieser Bastard benommen aber ich habe es verdient. Vielen Dank."
Chanyeol lächelte schwach. „Immer wieder gern mein Prinz."
„Du benutzt meinen Titel tatsächlich nur noch um Spott zu bekunden." Er fuhr sich müde mit einer Hand übers Gesicht. „Ich gehe mich entschuldigen und werde darum bitten die Hochzeit nicht abzublasen. Mögen die Götter mir helfen die Worte aus meiner Kehle zu quetschen ohne dass ich an ihnen ersticke."
„Das ist es was du tun solltest", bestätigte Chanyeol.
Jongin sah ihm noch einmal in die Augen und hob dann eine Hand an um den Lorbeerkranz auf seinem Kopf zu richten. „Herzlichen Glückwunsch zum Sieg", sagte er dann sanft. „Ich habe jede Sekunde lang für dich gebangt obwohl ich wusste, dass nur du als Sieger hervorgehen könntest." Seine Hand fiel auf Chanyeols Wange und er schmiegte sie für einen Augenblick mit geschlossen Augen in seine Handfläche.
„Verzeih mir aber mir wird heute wahrscheinlich nicht mehr zu Feiern zu Mute sein", sagte Jongin, bevor er die Hand sinken ließ und Chanyeol umrundete um den Raum zu verlassen. Chanyeol ging es nicht anders.
Er hatte gewusst dass er Jongin nicht auf wenig für sich alleine haben würde. Natürlich er war der einzige Prinz des Landes und es verlangte nach Thronfolgern und was auch immer. Wenn die Sache ein wenig weniger plötzlich und etwas besser besprochen ans Tageslicht gekommen wäre, dann hätte Chanyeol wahrscheinlich einfach nur die Achseln gezuckt und Jongin zu seiner Ehefrau gratuliert (zumindest hätte er sich nicht weiter darum geschert) aber so wie die Sache stand, waren sie nun eben aus allen Wolken gefallen und auf steinhartem Boden gelandet.
Die Sache würde sich beruhigen, es würde sich nichts zwischen ihnen ändern, alles würde wieder zusammenfinden. Davon war Chanyeol fest überzeugt und so würde es kommen.
Nur würde Jongin niemals verzeihen können, was sein Vater über ihn gesagt hatte und so würde er die anklagenden Worte bis zu seinem Tod in seinem Herzen tragen.
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Wow es ist lange her :O irgendwie habe ich Fallen in letzter Zeit ziemlich vergessen. Ich hoffe ihr nicht :D
Ein paar Sachen zu Teil 10: Ich war mir super unsicher, wie ich diesen Teil gestalten soll um ehrlich zu sein. Ob er länger oder kürzer sein soll usw. aber letztlich ist mir super super wichtig zu betonen wie unglaublich nahe sich Chanyeol und Jongin einmal waren (damit zukünftige Dinge und Entscheidungen in euren Augen mehr Sinn ergeben). Ich hoffe also ihr mögt diesen Teil. Er wird natürlich nicht unendlich lang sein aber er verdient etwas mehr aufmerksamkeit :)
Ich hoffe ihr mochtet es!
Liebe Grüße :)
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