21

Elisabeth machte große Augen, als sie sich am Esstisch in der WG von Anke niederließ. Der große, runde Tisch mitten in dem gemütlichen Wohnzimmer hatte alles zu bieten, was man sich an einem Sonntag beim Brunch wünschen konnte: Eier in jeglicher Form, Bacon, Toast, Joghurt, Obst, Gemüse, Organgensaft – und vor allem Kaffee, der seinen Duft in der ganzen Wohnung verbreitete. Obwohl alle Möbel hier offensichtlich von Flohmärkten oder Onlinebörsen stammten, fühlte Elisabeth sich sofort wohl. Das Zimmer hatte Persönlichkeit.

»Du kannst Juliane dafür danken«, kommentierte ihre beste Freundin Lilys Starren. »Sie hat alles eingekauft und damit die meiste Arbeit gehabt.«

»Gar nicht wahr«, protestierte Sarah, die gerade mit einer Käseplatte in der Hand reinkam. »Ich hab hier stundenlang Eier gebraten und gekocht und den Käse geschnitten. Einkaufen was das leichteste!«

Lachend packte Elisabeth den Strauß Blumen, den sie mitgebracht hatte, aus. Anke hatte ihr versichert, dass das Essen und Trinken ganz von der WG gestellt würde, also hatte sie einen großen, bunten Strauß gekauft. Blumen machten immer glücklich.

»Das wichtigste kommt von mir. Ich habe Kaffee gekocht.« Triumphierend warf Anke ihre schwarzen Haare zurück und ließ sich auf einen der Stühle fallen, der dabei bedenklich quietschte.

Verunsichert, ob die offensichtlich sehr alten Stühle überhaupt noch dazu taugten, zum Sitzen benutzt zu werden, nahm Lily deutlich langsamer auf dem Stuhl daneben Platz.

Als schließlich Juliane mit einem Tablett voller Geschirr und Besteck reinkam, war die Runde vollzählig und das Festmahl konnte beginnen. Schweigend luden sich alle vier Frauen ihre Teller voll, gossen sich gegenseitig Orangensaft und Kaffee ein und konzentrierten sich ganz darauf, den ersten Hunger zu überbrücken.

Nachdem Anke ihre erste Portion Rührei verschlungen hatte, lehnte sie sich mit ihrer Kaffeetasse in der Hand zurück und musterte Elisabeth eindringlich. »Du hast einiges verpasst am Freitag.«

Dass Juliane und Sarah daraufhin in heftiges Kichern ausbrachen, unterstrich die Worte ihrer Freundin perfekt. Sie beschloss, das Spiel mitzuspielen. »So? Was ist passiert?«

Ehe Anke eine Chance hatte zu antworten, rief Sarah dazwischen: »Peter hat ihr einen Heiratsantrag gemacht!«

Beinahe hätte sie sich an ihrem Kaffee verschluckt. Hustend stellte Elisabeth die Tasse auf den Tisch und presste sich ihre Serviette an die Lippen, ehe sie ihre Fassung wieder erlangte. »Bitte was?«

Anke lehnte sich zur Seite und schlug nach Sarah. »Hey, das wollte ich erzählen!«

»Ihr macht nur Spaß, oder?«

Einstimmig schüttelten die drei anderen Studentinnen den Kopf. Grinsend stopfte Anke sich ein Stück Mandarine in den Mund, ehe sie genauer erklärte, was vorgefallen war. »Da war diese echt heiße Studentin auf der Party. Ethnologie und Slavistik. Die geilsten, perfektesten Dreadlocks, die ich je gesehen habe. Honigblondes Haar und anscheinen stellt sie selbst den Schmuck her, den sie reinmacht. Echt abgefahren.« Ein verträumter Ausdruck trat auf ihr Gesicht, dann fuhr sie fort: »Jedenfalls hab ich sie angequatscht und wir haben uns gut verstanden. Zwei Bier später standen wir in irgendeiner Ecke und haben rumgeknutscht.«

»Uuuuuh«, machte Lily grinsend, während sie genüsslich ihren Kaffee schlürfte.

»Und dann kam Peter. Sturzbetrunken. Hat sich vor mir auf die Knie geworfen und gesagt, dass er immer dachte, dass wir mal heiraten würden und warum ich ihn jetzt betrügen würde.« Ankes Wangen färbten sich rot bei den Worten, doch sie stockte nicht. »Das heiße Mädel dachte natürlich direkt, ich wäre vergeben und ist abgehauen. Ich hab Peter mein übriges Bier über den Kopf geschüttet und bin ihr nach.«

»Peter ist direkt dort in der Ecke eingeschlafen«, warf Sarah von der Seite ein, die sich ein Grinsen kaum unterdrücken konnte.

»Ich bete, dass er sich Montag an nichts erinnert. Und ich bete, dass er das nicht ernst meinte.«

Alle viert stimmten in ein Lachen ein, doch Lily konnte sehen, dass Anke ihre Worte ehrlich meinte. Sie hatte Mitleid mit Peter, auch wenn er es sich selbst zuzuschieben hatte, in diese peinliche Lage gekommen zu sein. Für sie war es offensichtlich, dass er wirklich an Anke interessiert war. Der Heiratsantrag war sicher nur dem Alkohol zuzuschieben, aber seine Gefühle waren echt.

»Da wünschte ich fast, ich hätte nicht arbeiten müssen«, nickte sie.

»Das verstehe ich eh nicht«, kam es sofort von Juliane. »Als Anke uns damals vorgestellt hat, da hab ich dich gefragt, woher du kommst. Und du meintest, du bist aus Winterhude. So arm können deine Eltern doch nicht sein.«

Hilflos zuckte Elisabeth mit ihren Schultern. »Mein Verhältnis zu meinen Eltern ist speziell.«

Sarah knotete sich ihre braunen Haare im Nacken zusammen und stützte ihr Kinn auf eine Hand. »Was? Wollten sie, dass du Jura studierst und ihre Anwaltskanzlei übernimmst und du hast rebelliert und jetzt haben sie dich enterbt?«

Sie schnitt eine Grimasse. »Haha. Meine Eltern sind keine Anwälte und ich bin nicht enterbt. Es ist einfach...« Sie verstummte. Es gab nichts, was sie sagen konnte, um sich zu erklären. Sie wusste, dass Sarah und Juliane aus sehr armen Verhältnissen kamen und sich die WG mit Anke nur leisten konnten, weil Anke alleine die Hälfte der Miete zahlte. Jemand wie sie würde nie verstehen, wie sie geschenktes Geld ablehnen konnte. Seufzend stellte sie ihre Kaffeetasse weg. »Ich bin einfach gerne unabhängig.«

Anke schien ihr Unwohlsein zu spüren, denn sie beugte sich, vor griff sich eine Scheibe Toast und wechselte bestimmt das Thema. »Genug von meinen Eskapaden. Was ich wirklich wissen will – hast du jetzt endlich deinen Onenightstand bekommen?«

Juliane sprang sofort darauf an. »Onenightstand? Du? Ich dachte immer, du wärst die Vernünftigste von uns vieren.«

Sie warf Anke einen bösen Blick zu. Wenn ihre Freundin schon merkte, dass ihr ein Gespräch unangenehm war, dann könnte sie wenigstens versuchen, den Fokus auf jemand anderen zu legen. Grummelnd stopfte sie sich eine Weintraube in den Mund und kaute demonstrativ darauf rum, um keine Antwort geben zu müssen.

»Aaaaaha!«, machte Sarah, als wäre sie ein Detektiv, der gerade einen entscheidenden Hinweis entdeckt hatte. »Du willst uns etwas verschweigen, gib's zu!«

Abwehrend hob Elisabeth beide Hände. »Blödsinn. Ich schweige, weil es nichts zu erzählen gibt.«

Wie abgesprochen legten alle drei Studentinnen sich zwei Finger unters Kinn und beugten sich zu ihr, während sie ihre Augen zusammen kniffen und sie von oben bis unten musterten. Errötend versuchte sie, den Blick von allen dreien zu erwidern, doch die stumme Untersuchung ließ sie einknicken.

»Okay, okay!«, rief sie ergeben. »Ihr könnt auf, mich so anzustarren. Ich hatte meinen Onenightstand, okay? Ende der Geschichte!«

Ankes Augen wurden groß. »Warte, was? Ich hab das nur im Scherz gesagt. Du verarschst uns.«

Sie spürte, wie ihre Wangen noch heißer wurden, doch sie schüttelte entschlossen den Kopf. »Tu ich nicht. Ich hab einen Kollegen nach der Arbeit mit nach Hause genommen.«

Kurz legte sich Schweigen über den Esstisch, als wären die anderen drei vor Schock erstarrt. Dann, wie auf ein Stichwort, fingen sie alle drei gleichzeitig an, auf sie einzureden.

»Einen Kollegen?«

»Zu dir nach Hause?«

»Ist er wenigstens heiß?«

Elisabeth griff nach ihrer Kaffeetasse und nahm einen tiefen Schluck, ehe sie sich dazu bereit fühlte, den Fragen zu antworten. »Ich glaube, er ist der heißeste Typ, den ich je gesehen habe.« Wenn man Alex außenvorließ, aber dass sie sich von ihm für Sex hatte bezahlten lassen, erzählte sie lieber nicht. »Er hat darauf bestanden, mich nach Hause zu bringen. Irgendwie hat er dann angefangen zu flirten und als wir da waren, hab ich ihn mit rauf genommen.« Sie schloss kurz die Augen, als Bilder von der heißesten Nacht ihres Lebens in ihr aufstiegen. Räuspernd kratzte sie sich im Nacken. »Er wusste ziemlich genau, was er tut, und ist danach ohne langes Rumgerede wieder gegangen. Super easy, quasi.«

Sarah schnappte nach Luft. »Was? Er ist nach dem Sex gegangen? Mensch, Lily, du hättest ihn zum Übernachten überreden sollen und ihm am nächsten Morgen Frühstück machen können!«

Skeptisch zog sie eine Augenbraue hoch. »Du verstehst schon, was ein Onenightstand ist, oder? Das war ein Mal Sex. Nicht der Anfang einer Romanze.«

»Uuuuh, eiskalt!«, kam es von Juliane, die sich lachend auf den Schenkel klopfte. »Und hier dachte ich, dass du lieb und brav bist. Eiskalt, Madame, eiskalt.«

Mit einem schiefen Grinsen schaute Elisabeth zu ihr. »Sagst du, die ihre Männer immer so schnell es geht aus dem Bett wirft.«

»Eben!« Juliane nickte enthusiastisch. »Ich meine das voller Bewunderung. Du machst es genau richtig. Als ob du von mir gelernt hättest.«

Ein betontes Schlürfen aus der Richtung von Sarah unterbrach das gemeinsame Kichern der beiden. Schmunzelnd bemerkte Elisabeth, dass die älteste Studentin in der Runde nicht mitlachen konnte. »Ich weiß schon, Sarah. Du hast gehofft, ich bin anders als Juliane.«

Die Angesprochene zuckte mit den Achseln und platzierte einen Fuß auf ihrem Stuhl, um ihre Kaffeetasse auf ihrem Knie abstellen zu können. »Mir ist es ja egal, was ihr macht. Ich finde es nur fahrlässig, mit wildfremden Menschen zu schlafen.«

Sofort wurde Elisabeth ernst. »Deswegen sind es ja auch keine wildfremden. Ich hätte Konstantin nicht mitgenommen, wenn ich ihm nicht vertraut hätte.« Dass sie ihn zu dem Zeitpunkt nur wenige Stunden gekannt hatte, verschwieg sie lieber.

»Uuuuh, Konstantin. Hießen so nicht ganz viele römische Kaiser?«, hakte Anke neugierig nach. »Sieht er aus wie eine von diesen antiken Statuen?«

Lily biss sich auf die Lippen und schaute kurz auf ihre Hände, ehe sie eine Antwort geben konnte. »Ich würde sagen, die Statuen würden neben ihm vor Neid erblassen. Also noch mehr, als sie eh schon sind.«

Diesmal stimmte auch Sarah mit ins Gekicher ein. Während Lily den anderen drei genauer beschrieb, wie Konstantin aussah, fühlte sie eine seltsame Zufriedenheit in sich aufsteigen. Sie war ihren Wünschen und Bedürfnissen gefolgt und war dafür belohnt worden. Natürlich hatte es Mut erfordert, aber es war es mehr als wert gewesen. Vor drei Jahren, als sie noch bei ihren Eltern gelebt hatte, hätte sie sich niemals auf Alex oder Konstantin eingelassen. Sie hätte ihre Neugier und Lust einfach geleugnet und unterdrückt und sich ganz auf ihrem Job und das Studium konzentriert.

Als Juliane begann, von ihren eigenen Eskapaden zu erzählen, ließ Elisabeth ihren Blick durch das Wohnzimmer schweifen. Zusammengewürfelte Möbel, abgenutzte Teppiche, ruinierte Vorhänge an den Fenstern und massenhaft gestapelte Bücher, die in kein Regal mehr passten. Ihre Eltern würden vermutlich in Ohnmacht fallen, wenn sie so etwas sehen würden. Doch genau deswegen fühlte Elisabeth sich hier so wohl. Es war anders. Bescheiden, aber kreativ, durcheinander, aber doch persönlich. Es war der Inbegriff einer Studenten-WG, wie sie sie sich als Schülerin immer ausgemalt hatte.

Und auch wenn sie hier nicht lebte, gehörte sie dazu. Neben ihrer Wohnung war das hier ihr zweites Zuhause geworden. Ihr Leben lief gut, besser, als sie es sich jemals erhofft hatte, und das, weil sie den Mut gehabt hatte, es anders zu machen. Sie war eine ganz normale Studentin mit ganz normalen Studentenfreunden und einem vielleicht nicht ganz so normalen Studentenjob und sie liebte es jeden Tag mehr.

Beherzt sprang sie auf und schlang einmal von hinten jeder ihrer Freundinnen die Arme um den Hals. »Ihr seid einfach die besten Mädels, die ich jemals kennengelernt habe.«

Anke reckte ihre Arme nach hinten und drehte sich halb zu ihr um, um die Umarmung zu erwidern. »Oooooch, wir haben dich auch lieb, Herzchen.« Sie drückt ihr einen Kuss auf die Wange. »Wirst du jetzt emotional, weil du auch bei den erwachsenen Frauen mit aktivem Sexleben angekommen bist?«

Lachend gab Elisabeth ihr einen Klaps auf den Hinterkopf. »Erwachsen bin ich noch lange nicht! Mit 22 kann man gar nicht erwachsen sein.«

»Und das ist auch gut so!«, rief Juliane dazwischen. »Ich bin lieber wie Peter Pan und bleibe ewig ein Kind.«

Irritiert zog Sarah ihre Augenbrauen hoch. »Peter Pan ist Kind geblieben, weil er sich gegen romantische Liebe und Sexualität gesperrt hat. Ich bezweifle, dass du das wirklich willst.«

Als Antwort streckte Juliane ihr nur die Zunge raus. Lachend umrundete Lily den Tisch wieder, um zu ihrem Stuhl zurückzukehren. Sie wünschte, sie könnte die Zeit anhalten und ewig bei diesem Brunch bleiben. Denn so sehr sie ihr Studium auch liebte, das damit verbundene Lernen würde sie gerne sein lassen.

Beherzt griff sie nach einer Schüssel, um sich Müsli zusammenzustellen. Sie wollte um halb zwei nach Hause, bis dahin hatte sie noch eineinhalb Stunden Zeit, und die würde sie nutzen, um sich bis oben hin mit dem leckeren Frühstück vollzustopfen.



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