20
Grinsend steckte Alexander sein Handy weg. Er hatte gerade eine Nachricht von Fjodor erhalten, der verlangte zu wissen, in welcher Scheiße er schon wieder steckte. Wenn es nur einen Tag dauerte, dass die Nachricht von seiner blutbefleckten Rückkehr ins Blue Moon bis zu Fjodor drang, konnte ihm das nur recht sein. Er hoffte, dass derjenige, der ihm den Killer auf den Hals gehetzt hatte, seine Entscheidung bereits bereute.
Gut gelaunte stieg er die Treppen von seiner Suite hinunter in den Clubraum. Es war weit nach Mitternacht und er hatte vor, Lily nach ihrer Schicht abzufangen. Es war riskant, sie so schnell nach ihrer ersten gemeinsamen Nacht wieder in sein Bett zu holen, insbesondere in seiner derzeitigen Situation, doch ihm stand der Sinn danach. Außerdem war es nicht so unüblich, dass er Phasen hatte, in denen er eine Frau anderen bevorzugte.
Mit einem Glas Whiskey in der Hand schlenderte er die Tische, die direkt vor der Bühne standen, entlang. Alle waren besetzt, wie immer, wenn Lily ihren Auftritt hatte. Wo andere Tänzerinnen einfach nur suggestive ihren Körper bewegten, lieferte sie eine Show, die nicht nur erotisch, sondern auch abwechslungsreich war.
Aus einiger Entfernung sah er, dass an einem der Tische ein paar seiner Türsteher, die heute frei hatten, saßen, und so steuerte er darauf zu. Er musste nichts sagen. Als er am Tisch ankam und eine Augenbraue hochzog, sprangen alle drei sofort auf und verzogen sich. Sie wussten es besser, als ihren Boss herauszufordern, wenn er mal seine Tänzerinnen genießen wollte.
Aufmerksam verfolgte er alle ihre Bewegungen. Heute war Lily in einem Lilaton gekleidet, der sich auf interessante Weise mit der Farbe ihrer Haare biss und sie noch mehr zum Leuchten brachte. Gerade zog sie sich nur an ihren Armen die Stange hoch, während ihr Blick schüchtern gesenkt dem Boden galt. Irrte er sich, oder zitterten ihre Arme? In der nächsten Sekunde rutschte sie die Stange nach unten und wickelte sich auf dem Boden sitzend darum.
Nachdenklich legte er den Kopf schief. Wann immer er sie hatte tanzen gesehen in den letzten Wochen, hatte sie den Anschein erweckt, als wäre es leicht und ginge mühelos. Obwohl ihre Performance heute genauso stark war wie sonst, meinte er, eine gewisse Schwerfälligkeit darin entdecken zu können. Er nahm den letzten Schluck Whiskey und stellte das Glas zurück auf den Tisch. Ob sie sich beim Tanzen verletzt hatte? Er hoffte, dass es sie nicht davon abhielt, ihn auf ein Zimmer zu begleiten.
Das Licht ging aus und die Musik verklang. Während er darauf wartete, dass sie ihre Trinkgeldrunde machte, erschienen vier andere Frauen auf der Bühne, die eine einstudierte Choreografie an den Stangen zeigten.
»Guten Abend, der Herr«, hörte er plötzlich eine gurrende Stimme hinter sich. »Haben Sie meinen Auftritt genossen?«
Er drehte sich um und entdeckte Lily, die vornübergebeugt hinter seiner Sitznische stand und gerade dabei war, ihm mit den Fingern durchs Haar zu fahren. Ihre Berührung sandte Blitze durch seinen Körper. Lächelnd ergriff er ihre Hand und presste ihr einen Kuss auf den Puls an ihrem Handgelenk. »Sehr genossen. War das dein letzter Auftritt für heute?«
In einer flüssigen Bewegung umrundete sie die Sitzecke und schob sich auf die Bank zu ihm. »In der Tat. Du bist gerade noch rechtzeitig gekommen, bevor ich mich nach Hause auf gemacht hätte.«
Lächelnd fuhr er ihr mit einer Hand über die nackten Schenkel. »Und trägst du heute dein nur für mich sichtbares schwarzes Band?«
Sie schien für einen Moment zu überlegen, doch dann schüttelte sie den Kopf. »Nicht heute, sorry.«
Er konnte nicht aufhören, mit seiner Hand über ihre nackte Haut zu streichen. Sie fühlte sich so weich und warm an. »Darf ich dich dann auf einen Drink einladen?«
Kichernd schlug sie ihm gegen den Oberarm. »Du gibst dir wirklich Mühe, mir das Gefühl zu geben, nur eine Frau in einer Bar zu sein, mh?«
Alex zuckte mit den Schultern und hob einen Arm, um eine der Kellnerinnen zu sich zu rufen. »Ich bin nur ein Taxifahrer für Frauen in Not, schon vergessen?«
Eine der knapp gekleideten Kellnerinnen kam angetänzelt und beugte sich zu ihm runter, um ihm einen Kuss auf die Wange zu drücken. Alex ließ es geschehen, betete jedoch, dass sie sich ansonsten zurückhielt. Mit Lily im Clubraum zu sitzen, brachte Gefahren ganz neuer Art mit sich. Jede andere Frau hier wusste, wer er war, und er war noch nicht bereit, die Scharade aufzugeben. Er hoffte, dass niemand ihn auffliegen ließ.
Doch die blonde Kellnerin verstand ihr Handwerk und tat nichts anderes, als die Bestellungen von ihnen beiden aufzunehmen und dann davonzugehen. Das war die Regel für alle: Wenn eine Tänzerin bei einem Gast saß, mischte man sich nicht, selbst wenn dieser Gast der Besitzer war.
»Also, Lily«, setzte er lächelnd an und widmete ihr wieder seine ganze Aufmerksamkeit. »Üblicherweise fallen Frauen hier in zwei Kategorien: temporär und dauerhaft. Welche davon bist du?«
Sie schlug die Beine übereinander und verschränkte ihre Arme so, dass sie ihr eh schon üppiges Dekolletee noch mehr pushte. »Ist das deine Art zu fragen, was ich sonst so im Leben mache?«
Sein Blick wanderte unwillkürlich zu ihren Brüsten, die kaum von dem lila Stoff verdeckt waren. Er widerstand dem Drang, einfach hinzugreifen, sondern blickte wieder in ihre Augen. »Bisher weiß ich nur, dass du gut tanzen kannst und dass du Winterhude nicht besonders leiden kannst.«
Augenrollend streckte sie ihm die Zunge raus. »Es ist nicht sonderlich höflich, eine Dame ständig an einen ihrer absoluten Tiefpunkte zu erinnern.«
Alex ließ sich nicht lange bitten. Kraftvoll packte er ihre Hüften und hob sie sich auf den Schoß. »Tut mir leid. Kann ich es mit besonderer Aufmerksamkeit wieder gutmachen?«
Ihre Arme legten sich augenblicklich um ihn und sie begann, mit seinen Haaren zu spielen. Wäre er eine Katze, hätte er vermutlich geschnurrt. Es war beinahe, als besäße er einen Aus-Knopf am Hinterkopf, den sie mit ihren geschickten Händen gezielt gefunden und gedrückt hatte. Er schlang seine Arme um ihren Rücken und drückte sie enger an sich, um sein Gesicht in ihrem Ausschnitt zu vergraben.
Kurz erstarrte sie in seinen Armen, doch dann fuhr sie fort, ihm durch sein Haar zu streichen. Er gab zwei kleine Küsse auf ihre Brüste, ehe er sie wieder so weit von sich wegließ, dass er ihr in die Augen sehen konnte. »Es tut mir wirklich leid, Lily. Wenn du willst, verliere ich nie wieder ein Wort über die Nacht.«
Im Hintergrund stellte die Kellnerin zwei Gläser auf den Tisch, doch Lily schien das nicht zu bemerken. Sie schüttelte bloß den Kopf. »Es ist okay. Wenn ich nicht so neben der Spur gewesen wäre, hätte ich dich nie kennengelernt. Wäre das nicht traurig?«
»Sehr traurig.«
Alex ließ seine Hände über ihren Rücken fahren, hinauf zu ihrem Nacken und dann wieder runter, bis sie auf ihrem Hintern zu liegen kamen. Er hatte gehofft, dass er sie mit auf ein Zimmer nehmen konnte heute, aber das hier war auch schön. Jeden Zentimeter ihrer Haut spüren zu können, sie auf dem Schoß zu haben, authentisch und offen, nicht nur die Tänzerin auf der Bühne, sondern auch die Lily aus jener Nacht.
Er schätzte es, dass die Tänzerinnen hier alle professionell waren und sich sehr gut darauf verstanden, für Gäste immer gut gelaunt zu sein. Hier war das Leben leicht. Aber von Lily wollte er mehr. Er wollte mehr als nur die Tänzerin.
»Ich studiere.«
Kurz war Alex verwirrt, doch dann erinnerte er sich, dass er gefragt hatte. Natürlich wusste er so einiges über sie, doch als einfacher Gast konnte er das schlecht zeigen. Es fühlte sich gut an, dass sie ihm das erzählte, auch wenn es nur ein unbedeutendes Detail war. »Kommst du ursprünglich von hier oder bist du zum Studium hergezogen?«
Sie seufzte tief. »Ich wünschte, ich wäre zum Studium umgezogen, aber mein Herz hängt zu sehr an Hamburg. Ich bin hier geboren und aufgewachsen. Ein echtes Nordlicht.«
Vorsichtig beugte er sich mit ihr vor, um nach den beiden Gläsern auf dem Tisch zu greifen. Überrascht bemerkte er, dass sie exakt dasselbe bestellt hatte wie er. Mit hochgezogener Augenbraue reichte er ihr das Glas.
»Ich sehe in deinem Blick, dass du nicht gedacht hättest, dass ich Whiskey trinke«, bemerkte sie augenrollend und nahm einen Schluck.
Alex beobachtete ihr Gesicht genau, doch kein Zucken deutete an, dass sie das Brennen des Alkohols überhaupt wahrnahm. Er hob selbst das Glas an die Lippen und tat es ihr nach. »Du wirkst nicht so, als wärst du eine harte Trinkerin.«
Schnaubend nahm sie noch einen Schluck, ehe sie sich verrenkte, um das Glas zurück auf den Tisch zu stellen. »Man muss kein Trinker sein, um guten Whiskey schätzen zu können. Ich bin nie an Bier rangekommen und Wein bereitet mir immer einen Kater, auf den ich verzichten kann. Sekt oder Champagner sprudeln, was ich grundsätzlich nicht mag. Da bleiben dann nur noch harte Getränke.« Er konnte an der Art, wie sie sprach, hören, dass sie diese Sätze schon sehr oft gesagt hatte. Sie klang beinahe genervt davon. »Und weil ich eben trotzdem will, dass mir Alkohol schmeckt, bin ich bei Whiskey gelandet. Wodka schmeckt zu sehr nach Chemie und Rum ist auf eine so merkwürdige Art klebrig, dass ich den nicht runterkriege. Also Whiskey. Aber nur selten.«
Mit einem Zug trank er sein Glas aus und stellte es ebenfalls zurück. Dann ließ er beide Hände ihre Oberarme hinauffahren, von wo aus sie sich um ihre Schultern legten, sodass er ihre Brust näher zu sich drücken konnte. Als er einen Kuss auf ihr Schlüsselbein hauchte, griff sie in seine Haare und legte genüsslich den Kopf in den Nacken. Grinsend küsste er eine Spur von ihrem Schlüsselbein hinab, immer tiefer, bis er an die Grenzen des Stoffes kam.
Er wollte nichts lieber, als den Stoff runterzuziehen und ihre steifen Knospen in den Mund zu nehmen. Sein Schwanz spannte sich gegen seine Hose und es brauchte alle Selbstbeherrschung, sich nicht an ihrer heißen Mitte zu reiben. Sie hatte heute Nein zum Sex gesagt und er würde das respektieren.
Mit einem Seufzen richtete er sich wieder auf und entließ sie aus seiner festen Umarmung. Als er in ihre Augen schaute, entdeckte er ein Leuchten in ihnen, das ihm wohlige Schauer den Rücken runter jagte. Sie schien seine Zuwendungen aufrichtig zu genießen. Für den Bruchteil einer Sekunde fiel sein Blick auf ihre Lippen, doch sofort besann er sich. Mutter Gina hatte darauf bestanden, dass keine Frau einen Gast auf den Mund küsste, und er hatte dem zugestimmt. Er würde nicht seine eigenen Regeln brechen, so einladend ihre roten Lippen gerade auch waren.
»Du machst es mir schwer, nicht über dich herzufallen«, murmelte er leise, während er seine Stirn auf ihrer Schulter ablegte.
Ihr Oberkörper erbebte unter ihrem Lachen. »Das nehme ich mal als Kompliment.«
Er nickte bloß, ehe er sie packte und von seinem Schoß hob. Mit einem wissenden Lächeln sank sie neben ihm tief in die flauschigen Kissen der Sitzbank. Noch immer hatte er ihre ungeteilte Aufmerksamkeit, doch Alex wusste, er war für die nächste Zeit nicht mehr in der Lage, anständige Konversation zu betreiben. Zu verführerischen waren die Bilder in seinem Kopf, die ungebeten und mit Nachdruck seine Fantasie fesselten. Es war nicht fair ihr gegenüber, wo sie so deutlich gemacht hatte, dass sie heute nicht zu haben war.
Als hätte sie seinen inneren Kampf bemerkt, beugte Lily sich plötzlich vor. Ihre vollen Brüste pressten sich an seinen Oberarm, während sie sich reckte, ihm eine Hand auf den Kiefer legte und dann einen heißen, feuchten Kuss auf seinen Hals gab. »Ich mach für heute Feierabend. Falls du nächste Woche hier bist ...«
Sie ließ den Satz offen enden, doch Alex verstand. Gegen seinen Willen stahl sich ein Grinsen auf seine Lippen. »Das würde mir sehr gefallen.«
Lily griff nach ihrem Glas, leerte den Rest in einem Zug und stand dann auf. Ihre Hüfte wogte von einer zur anderen Seite, während sie sich mit erstaunlich sicheren Schritten auf ihren High Heels einen Weg durch den Club zum Backstagebereich bahnte.
Seufzend schloss Alex die Augen und ließ seinen Kopf zurückfallen. Jede Bewegung dieser Frau war so unfassbar verführerisch, dass er sich wunderte, dass nicht jeder andere Mann im Raum beim bloßen Anblick implodierte. Am liebsten würde er sie für eine ganze Woche bezahlen und nicht mehr aus seiner Suite lassen. Es war, als hätte er von dem Heroin, das er nach Hamburg schmuggelte, genascht und könnte jetzt nicht mehr die Finger davon lassen.
Er brauchte mehr von ihr.
In den Tiefen seines Gewissens regte sich eine kleine Stimme. Seine Gedanken waren gefährlich. Er sollte sie gar nicht erst denken. Um ihretwillen. Um des Clubs Willen. Es würde sie alle nur ins Verderben stürzen, wenn er seinen Feinden eine Angriffsfläche bot, gerade jetzt. Und dass er so schnell auf diese Bahn geraten war, verhieß auch nichts Gutes. Er kannte sich. Wenn er erstmal von einer Sache besessen war, dann ließ er nicht mehr los. Das war der Grund, warum er sich so schnell in der Organisation hochgearbeitet hatte. Er verfolgte seine Ziele mit unerbittlicher Entschlossenheit.
Kopfschüttelnd winkte er die Kellnerin heran, um sich ein weiteres Glas Whiskey zu bestellen. Es war and er Zeit, mit Alkohol gegen seine schiefen Gedanken anzukämpfen.
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