Ein Schatten
Im Raum schwebte ein Schatten.
Ich weiß, dass Schatten nicht schweben können und schon gar nicht mitten im Raum, doch ich wüsste nicht, wie man es anders beschreiben könnte.
Der Schatten bekam plötzlich Konturen und wurde dreidemensional.
Es formte sich eine wunderschöne Frau, vielleicht abgesehen davon, dass sie aus Schatten bestand und ihre Augen, ja wirklich ihre Augen, nicht nur ihre Iris, rot leuchteten.
Sie wandte sich uns zu und lächelte diabolisch.
„Vielen Dank für meine Befreiung", zischte sie, wurde wieder zum Schatten und flog durchs Schlüsselloch.
Wie erstaart standen wir nun in Mysannas Büro.
„Leute", hörte ich eine tonlose Stimme sagen, „Meine Wolke ist weg."
Wir alle drehten uns zu Lena um.
Sie hatte Recht, die Regenwolke war verschwunden.
„Hä, wieso ist die jetzt weg?"
„Ich hab keine Ahnung", seuftste Lena.
Plötzlich wurde die Tür aufgerissen und Leo kam rein.
„Und Anna, geht es dir... Was ist hier passiert? Warum schaut ihr so? Wo ist Mysanna?"
Wir zuckten synchron mit den Schultern.
„Da war so eine Truhe...", Begann Anna, aber ich fiel ihr schnell ins Wort.
„... Die haben wir nur angeschaut. Hier ist gar nichts passiert. Was sollte hier denn auch passieren? Nein, wir haben nur die Kiste von außen angeschaut."
Leo sah schräg hinter mich.
„Nur angeschaut?"
„Ja."
„Wieso ist sie dann offen?"
Ohne ihn aus dem Blick zu lassen, ging ich rückwärts zur Kiste und klappte sie zu.
„Die ist nicht offen."
Leo betrachtete mich mit hochgezogenen Augenbrauen.
„Wenn du meinst... Aber es ist nicht okay, dass ihr in Mysannas Sachen schnüffelt."
Ich schaute betreten zu Boden.
„Ja, ist gut."
„Anna, was ist jetzt eigentlich mit dir?"
„Mir geht's schon besser. Ich hab nur ein bisschen kopfweh."
„Mysanna sollte sich das trotzdem nochmal anschauen."
Anna nickte.
„Okay, können wir gehen?"
Mit einem nicken entließ er uns.
Wir gingen zurück in den Unterricht, auf dem Weg zu Physik überlegten wir sie ganze Zeit, was der Grund für das Verschwinden der Wolke gewesen sein könnte.
Am Ende einigten wir uns darauf, dass sie sich einfach ausgerechnet hatte, was ja manchmal der Fall war bei Wolken.
Nach zwei ereignislose Stunde Physik und Englisch, gingen wir zum Mittagessen und schließlich in unser Zimmer, um unsere Hausaufgaben zu machen.
Nach gefühlt 100 gebrochenen Gleichungssystemen und ich das Gefühl hatte, alles würde nur noch aus Formeln, Variablen und Stromstärken (Physik) bestehen, erinnerte uns Toni daran, dass wir nochmal zu Mysanna gehen sollten.
Zum einen wegen Annas Kopf, zum anderen wegen des Schatten.
Also gingen wir zu ihrem Büro und klopften.
Die Tür öffnete sich gleich darauf.
Sie lächelte bei unserem Anblick.
„Ah, ihr seid es. Kommt doch rein."
Wir traten ein und ich schloss leise die Tür.
Sie musterte uns aus ihren freundlichen braunen Augen.
„Was ist denn los?"
Anna trat einen Schritt nach vorne.
„Ich hatte einen kleinen Unfall in Kampfkunst und hab mich am Kopf verletzt. Jetzt tut es nicht mehr wirklich weh, aber Leo hat gesagt, sie sollen nochmal schauen, ob wirklich alles in Ordnung ist."
Mysanna nickte.
„Dann komm Mal her."
Anna schilderte ihr genau, was passiert war und Mysanna tastete kurz an ihrem Kopf Rum und fragte Anna, ob und wo es wehtat.
Scheinbar war alles in Ordnung.
Dann erhob ich das Wort wegen der Sache mit der Kiste und dem Schatten.
Als ich meine Erzählung beendet hatte und betreten den Boden musterte (schöner Boden!), Hörte ich ein helles Lachen.
Verwirrt schaute ich auf.
Mysanna lachte einfach!
Nachdem sie aufgehört hatte, klärte sie uns auf.
„Ach Mädchen. Wie ihr wisst war auch ich einmal jung und sehr neugierig. Ich finde es sehr mutig von euch, zuzugeben, dass ihr einen Fehler gemacht habt.
Aber um auf den Inhalt der Kiste zu sprechen zu kommen. In der Kiste war lediglich eine kleine Überraschung, die ich eigentlich irgendwann den Schülern zeigen wollte."
„Dieser... Schatten? Er war nur eine Überraschung?"
„Ja. Nichts bedrohliches. Ich wollte den Streit zwischen Nyx und den Elementen darstellen, der schatten war eine kleine Zauberei, die eine befreundete Magierin hergestellt hat.
Aber keine sorge, ich bin euch nicht böse."
„Dann können wir jetzt gehen?"
„Ja, könnt ihr. Eure Elementstunde findet heute wie immer statt. Wir sehen uns beim Abendessen."
Perplex traten wir aus der Tür.
Dieser Schatten, oder was auch immer wir, besser gesagt ich, befreit hatte, war nur eine kleine Spielerei mit Magie?
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