Vorgeschichte
»Mark! MARK, du Idiot!«, brüllte Lucy ihren Zwillingsbruder an. Er war nur zehn Minuten jünger als sie, weshalb die beiden sich meist auch gut verstanden, aber eben nicht immer. »Mark, verdammt noch mal, wo ist mein Schulbuch das ich dir geliehen hatte?«, rief Lucy und stapfte wütend auf ihren Bruder zu, der auf dem Bett lag und trotz ihres Geschreis erstaunlich ruhig blieb und sie ignorierte. Lucy ermahnte sich zur Ruhe. »Mark, ein letztes Mal; Wo... Ist... Mein...Schulbuch?« Langsam setzte sich der rothaarige Junge auf und streckte sich mit einem Gähnen, ehe er antwortete. In einer Schublade von deinem Schreibtisch. Wenn du willst, guck nach, aber ich würde lieber Schlittschuh fahren... Soll ich Mum und Das fragen ob wir dürfen? Ich meine, es ist mitten im Winter, minus zehn Grad, der See ist zugefroren und es würde Spaß machen. Das sollten wir ausnutzen!« sagte Mark und seine dunkelblauen Augen glänzten. »Gute Idee! Komm wir fragen!«, rief Lucy und stürmte aus dem Zimmer; das Schulbuch war völlig vergessen.
Kurz darauf rannten die Geschwister lachend mit den Schlittschuhen auf dem Rücken den Waldweg entlang, der zum nahegelegenem See führte.
Immer noch lachend kamen sie zum See und zogen sich die Schlittschuhe an. Dann begann die Schlitterparty. Es vergingen einige Stunden und die Dämmerung setzte schon leicht ein, als es passierte. Ein Ohrenbetäubendes Knacken war zu hören, gefolgt von einem Schrei, bei dem Lucy zusammenzuckte. Noch vor wenigen Sekunden hatte sie noch lachend im Schnee gelegen um sich auszuruhen und nun schlitterte sie über das Eis zu der Einbruchsstelle.
»MARK!«, schrie sie panisch und sofort liefen ihr Tränen über die Wange. Sie kniete sich vor dem Loch hin und packte in das eiskalte Wasser. Sie bekam Mark's Hand zu fassen, und versuchte ihn daran hochzuziehen aber ihre Kraft reichte dafür nicht. Mark's Kopf tauchte zwar aus dem Wasser auf, aber lange konnte sie ihn nicht mehr festhalten.
»Lucy... I...Ich fühle m...mich komisch.«, keuchte Mark. Seine Lippen waren schon blau von der Kälte und sein Körper war taub. »Mark...nein, bitte e-es wird alles gut! Ich krieg dich hier raus. Halte durch, verdammt nochmal!«, wimmernde Lucy und schluchzte unkontrolliert. »N-nein Sch-schwester, w-wird es... nicht. E-es t-t-tut m-mir s-s-so l-leid!«, sagte Mark ruhig, aber traurig und blickte seiner Schwester tief in die Augen. »W-wir werden u-uns... e-eines Tages... wiedersehen. I-ich l-liebe d-d-dich, S-schwesterchen«, stieß er hervor und genau in dem Moment konnte Lucy ihn nicht mehr halten und prallte zurück. »MAAAARK! NEEIIIIN!«, schrie sie und sank kraftlos auf den Boden.
Erst leise, dann immer lauter weinte sie, lag auf dem Eis, geschüttelt von den Weinkrämpfen. Der Wind nahm zu und trug einen unangenehmen Geruch mit sich. Als Lucy das bemerkte, erstarrte sie und blickte in den immer dunkler werdenden Himmel. Etwas stimmte nicht, das spürte Lucy eindeutig, weshalb sie überhaupt auch aufstand und in die Richtung ihres Zuhauses. Ihr fielen die großen Rauchwolken auf, die aus der Richtung kamen. Geschockt rannte sie ohne lange nachzudenken nach Hause.
Den Weg, für den sie, wenn sie normal gerannt wäre, vier Minuten gebraucht hatte, schaffte sie diesmal in anderthalb Minuten. Beim Haus angekommen, atmete sie heftig ein und aus und lief zur Tür -oder wenigstens das, was mal eine Tür gewesen war. »Scheiße!«, rief sie erschrocken aus und ging vorsichtig ins Haus, denn soweit wie sie es wahrgenommen hatte, brannte nur das Dach, aber es wäre ihr eh egal gewesen, hätten ein paar Flammen sie verschluckt. Sie wollte einfach nur wissen, was hier passiert war, und wie es ihren Eltern ging.
Wie in Trance ging sie den Flur entlang und wollte gerade ins Wohnzimmer abbiegen, als sie in etwas flüssiges trat. Es war klebrig und roch metallisch. Zitternd blickte sie auf ihre Füße - sie hatte nur Socken an, denn die Schlittschuhe hatte sie am See gelassen- und entdeckte etwas, was ihr den Magen umdrehte. Blut! Zitternd ging sie in das Wohnzimmer, bis aufs letzte angespannt, und auf alles gefasst. Als sie sich ängstlich umsah, entdeckte sie die Ursache für das viele Blut: Dort lag ihr Vater John mit aufgeschlitzter Kehle auf dem Boden. Sein Blick war leer. Lucy hatte das Gefühl, dass ihre heile Welt zusammenbrach und die Puzzlestücke um sie wirbelten. Ohne wirklich nachzudenken trat sie zu ihrem Vater und schloss seine Augen.
Als kurz danach oben ein Schrei einer Frau ertönte, zögerte sie nicht und stieg die Treppe hoch, ging vor das Schlafzimmer ihrer Eltern. Ein keuchen war zu hören und dann ein Aufprall. Ohne in das Zimmer zu gucken, wusste Lucy, dass ihre Mutter Ella tot war. Als sie dann vorsichtig ins Zimmer lugte, sah sie einen Körper auf dem Boden in einer Blutlache liegend. »Mama!«, flüsterte Lucy mit brechender Stimme.Dann trat sie ins Zimmer ein, da sie niemanden sah, was allerdings ein Fehler war. Kaum war sie bei ihrer Mutter, wurde sie von hinten gepackt und aus dem offenem Fenster geschleudert. Dann war alles schwarz.
Lucy wachte drei Tage später im Krankenhaus auf. Ihr wurde erklärt, dass irgendjemand gesehen hatte, dass das Haus brannte, weshalb er die Feuerwehr und einen Krankenwagen verständigte. Man suchte das ganze Gelände ab, aber der Täter wurde nicht gefunden. Danach war Lucy befragt worden und kam zu einer neuen Familie, die sie zwar mochte, aber sie vertraute sich ihnen nie an, denn sie hatte Angst verstoßen zu werden, also fraß sie all den Hass, den Kummer und die Angst ohne ein Wort in sich hinein und um ihr Herz bildete sich eine Schicht aus Eis, welches immer dicker wurde.
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