XI
Aus einer schwarzen dunkelheit gerissen, wache ich auf. Schmerz durchflutet mich und ich verziehe mein Gesicht, ehe ich meine Augen langsam aufmache. Das helle Licht blendet mich und ich mache sie wieder zu, ehe ich ein bischen Zeit verstreichen lasse und es dann wieder wage, meine Augen zu öffnen. Blinzelnd warte ich darauf, bevor sich mein Blick schärft und ich alles einigermaßen wieder sehen kann. Ein bischen verschwommen ist es immer noch, aber in Ordnung. Ich sehe ein unbekanntes Zimmer und drehe dann langsam meinen Kopf, während ich mich ein bischen genauer umsehe. Also mein Zimmer ist das schonmal nicht...!
Testend, bewege ich meine Finger, dann meine Hand und dann meine Arme. Das gleiche mache ich mit den Füßen. Zuerst Zehen, dann Füße und dann Beine. Schmerzen sind zwar da, aber ich nehme es so hin. Mit einem zischen richte ich mich langsam auf und verziehe mein Gesicht wieder. Innerlich verfluche ich mich gerade und frage mich, wo ich eigentlich bin! Ist das die Hölle? Denn in den Himmel komme ich ganz sicherlich nicht. Aufrecht sitzend, sehe ich an mir hinunter. Ich bin auch umgezogen worden... ein weites Nachthemd verhüllt meinen Körper und ich runzle die Stirn. Seit wann wird man in der Hölle umgezogen?
Doch ich sehe mich lieber noch ein bischen weiter um. Das Zimmer ist komischerweise... ziemlich normal eingeräumt und ganz sicherlich kein Krankenzimmer oder der Vorhof zur Hölle. Ein normales Bett mit schwarzem Bettlaken und dunkelblauer Bettwäsche steht in der rechten hinteren Ecke. Daneben ein Schreibtisch und ein Fenster, dass aber ziemlich verdreckt ist. Auf der Fensterbank stehen in Einmachgläsern einige... Organe? Neugierig und ohne auf meine schmerzen zu achten stehe ich von dem quietschenden metallenem Bett auf und gehe an einer Kommode und einem großen hölzernen Schrank vorbei, ehe ich vor dem Schreibtisch und somit den Gläsern stehe.
Und tatsächlich... Menschliche Organe schwimmen in einer trüben grünlichen Flüssigkeit herum und man kann jedes Detail genauestens erkennen. Die kleinsten Blutgefäße beim Herzen, die feine Maserung auf der Leber und die Bohnenform der Niere, die noch ein bischen was von dem großen Blutgefäß weghängen hat, dass die Nieren sonst versorgen würde. Ich schüttle den Kopf und gehe dann einen Schritt zurück. Wo auch immer ich bin, es ist nirgendwo wo ich mich auskennen würde. Und ich muss hier weg! Meine Gedanken überschlagen sich im nächsten moment und mein Blick fällt auf den großen Schrank, der an der linken seite des Zimmers steht.
Ich drehe meinen Kopf und sehe zur Tür. Kann aber nichts hören und widme mich wieder dem Schrank. Für einen Augenblick warte ich noch zögerlich, bevor ich meine rechte Hand auf den Griff lege und die Türe öffne. Als ich die Auswahl der Kleidung sehe, bin ich etwas baff, neugierig UND verängstigt. Dunkelgraue Hoody's. Schwarze Hosen. Spontan würde mir in der Zimmerkonstelation eine bestimmte Person einfallen und augenblicklich taste ich mit beiden Armen meine Nieren ab! Während rechts kein Problem ist, zischt mir linksseitig ein stechender Schmerz in die Schulter und ich sehe zu ihr hinab.
Mit meiner rechten Hand schiebe ich das Nachthemd auf die Seite und sehe, dass ein weißer Verband sich um meine Schulter windet. Diese pulsiert schmerzhaft und ich sehe mit entsetzen, dass sich der eigentlich weiße Verband nun langsam dunkler färbt, bis das rot heraussticht. Wer auch immer diese Wunde versorgt hat, wird mich wahrscheinlich umbringen dafür, dass ich sie geöffnet habe...! Aber ich muss den Schmerz jetzt ersteinmal ignorieren und sehe wieder mit immer größer werdender Furcht in den Schrank. Eyeless Jack. Zumindest deutet alles darauf hin. Schwarz-blaues Bettzeug. Die Krankenliege. Die schwimmenden Organe. Der Schrankinhalt. Ich finde diese möglichkeit immer weniger prickelnd, je mehr ich darüber nachdenke!
Statt sich aber zu fragen, wie man hier am besten jetzt ersteinmal rauskommt, atme ich tief durch und sehe wieder in den Schrank. Dann hole ich eine Hose, eine Boxershort, schwarze Socken, ein graues Shirt und einen der dunkelgrauen Hoody's aus dem Schrank. Eines nach dem anderen ziehe ich an und finde eine Boxershort überraschend angenehm zu tragen. Auch als mädchen! Natürlich ist alles irgendwie ein bischen groß. Die Socken gehen mir bis zur mitte meines Schienbeines. Die Hose krempele ich ein bischen um und das Shirt und den Hoody... da könnte ich zweimal reinpassen. Aber gemütlich ist es irgendwie schon.
Das Nachthemd falte ich und lege es zurück auf das metallene Krankenbett. Ganz unhöflich bin ich nicht und wenn ich schon Kleidung klaue, dann sollte das andere wenigstens nicht soooo unordentlich sein, oder? Dann sehe ich mich ein bischen weiter um. Achte immer auf die Geräusche vor der Türe und darauf, ob sie am Zimmer vorbei gehen, oder ob sie genau vor jenem stehen bleiben. Es sind immer wieder kleine Herzinfarkte die ich habe und jedes mal bete ich kurz. Also man kann sagen... für den Augenblick bin ich ziemlich religiös, da ich es sonst eigentlich nicht bin.
Ich finde auch noch einige interessante Dinge, wie Skalpelle, wovon ich mir eines einstecke und ich mir jetzt sicher bin, dass das das Zimmer von Eyeless Jack ist. Desweiteren noch einige Medizinbücher und Verbandsmaterial. Von den Büchern würde ich mir gerne alle mitnehmen, ist aber nicht möglich. Stattdessen packe ich einfach das Skalpell und das Verbandszeug in die Tasche des Hoody's und gehe dann zur Türe. Verdammte Scheiße. Wo zur hölle bin ich eigentlich? Diese Frage kam am anfang und diese Frage ist jetzt auch wieder aktuell. Herrgottsackezement. Das gibt's doch nicht! Das sind meine Gedanken, als ich die Stimmen höre, die direkt vor der Türe angehalten haben.
"Und wieso muss ICH das jetzt machen? Ich hab selbst ein Problem an der Backe!" eine dumpfe stimme ertönt und ich stolpere so leise es geht von der Tür weg. "Weil du unser Arzt bist, EJ! Als ob ich oder der Gartenzwerg das machen könnten!" erwiedert eine andere knurrende Stimme und erstarre. Na danke... jetzt hab ich auch noch Jeff am Hals. Panik steigt auf, als die Türklinke nach unten und die Türe ein wenig auf geht. "Ich kann nicht." "Du musst! Slendy meinte, dass du das machen musst!" Und mit diesen worten geht die Türe wieder zu und die Klinke geht nach oben. Gerettet! Zumindest für den Moment! Aber was jetzt? Mein Blick fällt auf das Fenster und einen Augenblick später fange ich an zu lächeln. Plan gefunden...!
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