30

Noch in dieser Nacht würde Alana es tun. Sie würde sich das Leben nehmen. Sie hatte alle nötigen Informationen gesammelt, die sie für diesen Schritt benötigte. Sie kann ohne Mandrik einfach nicht mehr glücklich werden - die beiden sind Seelenverwandt. Sie würde sich nicht erhängen, so wie Gree. Sie hätte Angst, dass sie dann nicht in den Zirkus kommen würde, weil sie schon eine Seiltänzerin hatten- was sollte man da mit noch einer. Sie hatte sich alle Möglichkeiten in ihrem Kopf zusammen gereimt und war zu einem Entschluss gekommen. Sie würde das durchziehen. Sie hatte nichts mehr zu verlieren. Ihren Eltern war sie egal und ihre beste Freundin hatte sie auch verloren. Das Gespräch, welches sie in dieser Nacht geführt hatten, wahr mehr als deutlich. Der einzige Mensch, dem sie noch wichtig war, ist Mandrik. Ein Geist, bei dem sie nicht sein kann. Was für beschissene Voraussetzungen.

Alana hat einen Tag gewählt, an dem ihre Eltern erst spät nach Hause kommen sollen. Es gab bei keinem Suizid die hundertprozentige Wahrscheinlichkeit, dass er funktionierte, aber sie wollte nicht zu früh gefunden werden. Man sollte sie nicht retten können. Noch einmal würde sie nicht all den Mut dazu aufbringen, es durchzuziehen. Sie hatte einen Tag gewählt, an dem der Zirkus in der Stadt sein würde. Auf jeden Fall in der Stadt sein würde und nicht auf einmal verschwinden würde, wie er es in den letzten Monaten oft so gerne getan hatte.

Sie schließt die Augen und stellt sich noch einmal Mandrik vor. Sie sieht sich, die beiden, wie sie gemeinsam tanzen. Als Geister. Es wäre ihr egal, wenn sie auch nur irgendein Geist wäre. Ist sie ein böser Mensch fragt sie sich in den letzten Minuten ihres Lebens. Sie weiß es nicht, ob die letzten Monate sie zu einem bösen Menschen gemacht hatten. Es ist ihr egal. Alles ist ihr in diesem Moment egal, bis auf ein einziger Wunsch. Hauptsache sie würde nicht altern und könnte ihr ganzes Leben lang mit Mandrik verbringen. Das ist das einzige, was sie will und was in diesem Moment für sie zählte. Sie kommt gerade von dem FSJ nach Hause, welches sie in den letzten Wochen viel zu oft geschwänzt hatte. Ihre Zukunft wäre sowieso dahin gewesen. Wahrscheinlich wäre sie in der nächsten Zeit sowieso herausgeworfen wurden. Sie kann sich keine Zukunft vorstellen, in der sie ohne ihn alt werden würde. Sie kann sich solch eine Zukunft einfach nicht ausmalen. Sie weiß nicht, was sie jemals mit ihrem Leben anfangen wollen würde. Sie will zum Zirkus. Aber da würde sie jede Sekunde, jede schmerzhafte Sekunde des Tages an ihn erinnert werden. An ihren Freund, der niemals älter wird.

Sie lässt sich mit zitternden Händen die Badewanne ein. Das Wasser ist kochend heiß. Als sie es einlässt geht sie in die Küche und holt sich eines der schärfsten Messer. Sie hatte sich diese Art von Tod ausgesucht, weil es einer der häufigsten war und weil sie das Gefühl hatte, dass daraus ein Zirkustalent resultieren würde. Alle die Tode hatten etwas mit den Aufführungen der Artisten zutun. Vielleicht würde sie eine Messerwerferin werden. Sie würde es wirklich tun - inzwischen bekommt sie doch ein wenig Panik. Ihre Gedanken rasen. Am Ende fasst sie noch einmal all ihren Mut zusammen, sie ist entschlossen, dieses Leben zu beenden. Jetzt, hier und heute in dieser Badewanne. Sie steigt mit den Klamotten, die sie anhat in die Badewanne. Trotz allem will sie nicht, dass ihre Eltern sie nackt in der Badewanne finden. Am liebsten hätte sie es auch gehabt, dass sie sie nicht finden müssen. Aber es wäre noch unerträglicher gewesen, wenn sie irgendwo anders gestorben wäre und ihre Eltern niemals von ihrem Tod erfahren würden. Sie kann sich nichts grausameres vorstellen, als sein Kind zu vermissen und nicht zu wissen, ob es ihm gut geht, geschweige denn, ob es noch lebt. Sie setzt das Messer an und schneidet zwei Mal tief in ihre Arme hinein. Dann sieht sie das Blut in die Badewanne laufen, bis alles um sie herum schwarz wird.

*

Alanas Eltern kommen nach Hause und finden ihre Tochter. Sie kommen spät nachts Heim und ihr Vater will noch einmal nach ihr sehen, so wie jeden Abend. Er geht in Alanas Zimmer, doch dort liegt niemand in ihrem Bett. Schon jetzt schwingt in seiner Stimme eine gewisse Panik mit. In der Sekunde, in der er seine Frau nach ihrer gemeinsamen Tochter fragen will, schreit diese hysterisch auf. Alanas Vater rennt in die Richtung, aus der der Schrei kommt und dann sieht er es auch. Seine Frau hält Alanas Kopf in den Händen. Ihre starren Augen schauen in die Leere. Er ruft sofort einen Krankenwagen, doch weiß innerlich, dass es schon lange zu spät ist. Er will es einfach nicht wahrhaben.

Den ganzen Abend weint seine Frau und er versucht sie zu trösten. Er weint nicht, weil er das Gefühl hat, vor seiner Frau stark sein zu müssen. Sie auffangen zu müssen, doch als er einen Moment alleine ist, bricht seine Stimme. Er hatte schon die ganzen letzten Wochen über das Gefühl, dass bei seiner Tochter etwas nicht stimmt, dass etwas anders ist und nun macht er sich Vorwürfe. Er hätte es ansprechen sollen, doch die beiden hatten noch nie den besten Draht zueinander. Er gibt sich die Schuld an ihrem Tod. Er denkt, er hätte es verhindern können, wenn er mit ihr geredet hätte, wenn er früher nach Hause gekommen wäre, wenn er ein besserer Vater gewesen wäre. Wenn, wenn, wenn. Doch nun ist es zu spät und seine Tochter tot.

Emma erfährt am Montag von dem Tod ihrer besten Freundin. In der Versammlung der kleinen Stadt. Alanas Vater hatte es nicht übers Herz gebracht, sie anzurufen. Er konnte es nicht über die Lippen bringen. Er konnte den Satz nicht sagen, denn dann würde er real werden. Er hatte es bisher noch nicht einmal ausgesprochen. Seine Stimme würde brechen. Emma bricht in Tränen aus, als der Bürgermeister die Nachricht verkündet. Sie kann es nicht zurück halten. In solchen Momenten wäre Alana es gewesen, die sie tröstet. Doch Alana kommt nie wieder. Niemand nimmt sie in den Arm. Niemand ist für sie da. Alana ist weg. Einfach so. Verschwunden.

Emma gibt sich die Schule an dem Tod. Sie hätte besser zuhören müssen, da sein müssen und sie hätte Alana in den letzten Monaten nicht so sehr vernachlässigen dürfen. Sie hasst sich und kann es nicht verstehen, weshalb Alana allen dies angetan hat. Sie kann sich noch nicht einfach so aus dem Staub machen, ohne sich zu verabschieden. Ihre Eltern hatten bisher keinen Abschiedsbrief gefunden. Vielleicht war es eine Kurzschlusshandlung und Emma hätte es verhindern können, wenn sie eine bessere Freundin gewesen wäre.

*

Alana sieht sich in der Badewanne. Sie schwebt über sich und sieht all das Blut darin. Was hatte sie bloß getan? Ihre Eltern würden sie in diesem Blutbad finden und ihr ihren Suizid niemals verzeihen, doch es hatte funktioniert. Sie schwebt über sich und kann sich sehen, also muss sie ein Geist sein, oder? Aber was für einer? Sie ist nicht im Zirkus, bei Mandrik, wo sie hinwill. Sie hat es noch nicht an ihr Ziel geschafft. Sie kann sich noch an alles erinnern, an all die letzten Monate. An ihr gesamtes, beschissenes Leben lang. Alle Artisten aus dem Zirkus konnten dies nicht. Mandrik hatte Fetzen der Erinnerung gehabt, aber die anderen kannten nichts. Sie wussten noch nicht einmal die Art, wie gestorben sind, nur ihren Namen. Bis Alana ihnen geholfen hatte, was sie vielleicht doch zu einem guten Menschen machte. Doch dann hatte sie noch nicht einmal die Chance, ein böser Geist zu sein. In diesem Moment gerät Alana in Panik. Was hatte sie bloß getan? Wieso ist sie nicht bei Mandrik? Sie ist doch einen unnatürlichen Todes gestorben? Oder ist sie noch nicht tot? Sie würde sich dafür hassen, wenn sie nicht ans Ziel kommt und sich umsonst das Leben genommen hatte. Wenn sie allen Menschen, die sie zumindest von ihrer Seite aus liebte, so sehr wehgetan hatte, ohne das es was gebracht hatte.

Alana versucht sich selbst zu beruhigen und streckt beide Arme länglich gestreckt mit der Handinnenfläche nach oben von sich, um zu überprüfen, ob dort nun zwei wulstige Narben platziert sind, wie bei Gree an ihrem Hals von dem Seil, mit welchem sie sich erhängt hat. Tatsächlich entdeckt sie zwei wulstige Narben, die sich die Unterarme entlang schlängelten. Am rechten Handgelenk entdeckt sie in der gleichen Sekunde ein Tattoo. 2008. Das Jahr, in dem sie bis vor ein paar Minuten noch gelebt hatte. Das Jahr, in dem sie sich das Leben genommen hatte. Das Jahr, in dem sie gestorben ist.

ENDE

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