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In den nächsten Wochen, in den Mandrik mit seinem Zirkus weiterhin verschwunden ist, schaut sie sich alte Aufzeichnungen an. Sie schaut sich die Bilder an, die sie vor allem gezeichnet hat. Denn alles andere ist seit dem Verschwinden des Zirkus wieder weg. Und sie weiß, dass sie niemals ein normales Bild ihres Freundes in der Hand halten kann. Sie weiß, dass sie ihren Freund niemals ihren Freundinnen, geschweige denn ihren Eltern vorstellen kann. In den Nächten, in der er verschwunden ist, weint sie wieder viel. Mandrik ist ihr erster Freund. Sie hätte nicht gedacht, dass die erste Beziehung so sehr wehtun würde. Aber wer kann auch schon damit rechnen, dass sein erster Freund ein verschissener Geist ist. Sie wusste nicht, dass Liebe auch gleichzeitig so viel Schmerz bedeutet. Hätte sie dies gewusst, hätte sie Mandrik damals im Zirkus niemals angesprochen. In den nächsten Wochen wünscht sie sich immer mehr, niemals einundzwanzig geworden zu sein. Sie wusste nicht, dass mit der ersten Beziehung auch gleich der erste Liebeskummer auf sich warten lässt. Und sie wusste nicht, wie beschissen er sich in Wirklichkeit anfühlte. Emma hatte ein paar Mal davon berichtet, wie es ist. Aber so schlimm hätte sie es nicht erwartet. Nicht in diesem Ausmaß. Sie hasst ihr Leben, sobald Mandrik die Stadt verlässt und sie weiß, dass es so nicht sein sollte. Man sollte auch ohne seinen Partner glücklich sein. Alana war es, glücklich oder zumindest zufrieden, doch seitdem sie Mandrik kennt und immer wieder verschwindet und aus dem nichts auftaucht, kann sie an nichts anderes mehr denken, als ihn. Als wenn verliebt sein schön wäre. Von wegen. Es ist eine Qual.

Alana will wie jedes andere Mädchen einfach einen Freund haben und in einer glücklichen Beziehung mit ihm Leben. In einer Symbiose. So wie Emma mit ihrem bescheuerten Freund, wobei Alana diesen eher als Parasiten bezeichnen würden, denn er hat Alana ihre beste Freundin gestohlen. Sie wünschte, sie könnte mit ihr darüber reden. Über all den Schmerz, den sie in der letzten Zeit gefühlt hat. Nach einer Kurzschlussreaktion mitten in der Nacht macht sie sich auf den Weg zu Emma. Sie hat die Hoffnung, dass ihr Freund heute Nacht nicht bei Emma ist, denn ihre Eltern sind ziemlich streng, was solche Sachen betrifft. Es ist die einzige Chance, ihre beste Freundin einmal alleine zu erwischen. Sie klingelt mitten in der Nacht an Emmas Haustür. Sie will nicht Sturm klingeln, denn sie hat Angst, Emmas Eltern zu wecken, auch wenn sie Alana jederzeit hereinlassen würden. Alana ist sowas wie ihre zweite Tochter, die sie nie hatten und würden alles für Alana tun.

Als jedoch niemand öffnet, versucht Alana es auf Emmas Handy. Sie hatte es in der Nacht nie auf stumm gestellt, weshalb Alana sie immer erreichen konnten. In der fünften Klasse, als die beiden ihre ersten Klapphandys bekommen hatten, haben die beiden einen Pakt geschlossen. Sie konnten sich jederzeit anrufen. Immer, egal was war, weshalb beide Handys nie stumm gestellt sind. Es hat die beiden schon in einige unangenehme oder brenzliche Situationen gebracht und Alana musste das ein oder andere Mal schon einen Kuchen backen und als Strafe im Unterricht verteilen, weil ihr Handy durch Emmas Anruf geklingelt hatte. Tatsächlich geht eine völlig verschlafene Emma ans Telefon und meldet sich. Sie kann eigentlich wissen, dass es nur Alana sein kann und Alana ist ein wenig erstaunt darüber, dass ihre Freundin überhaupt rangeht. Sie hätte sie auch einfach ignorieren können, indem sie das Handy stumm schaltet. Vielleicht ist doch noch ein Funken ihrer Freundschaft übrig. Seitdem sie die so sehr angelogen hat, ist sie sich da nicht sicher gewesen. Seitdem ist es nämlich seltsam zwischen den beiden. Das Emma rangeht, deutet Alana als gutes Zeichen. Ihr Freund wird nicht bei ihr sein.

"Alana?" , fragt ihre Freundin völlig verschlafen in den Hörer.

"Kannst du zur Haustür kommen?" , fragt diese. Emma legt kurz darauf auf und kommt in einem Schlafanzug, den sie schon seit gefühlten Jahrzehnten hat, ins dämmrige Licht der Nacht. Sie hat nur eine Wolljacke übergezogen, aber Alana ist auch nicht wirklich dicker angezogen.

"Was machst du hier?" , fragt diese eindringlich und lässt die Haustür einen kleinen Spalt breit offen, sodass sie gleich wieder hineinschlüpfen kann.

"Können wir reden? Ich brauche dringend meine beste Freundin" , erklärt Alana. Emma schaut unsicher in die Richtung des Flurs. Schließlich überwindet sie sich und geht mit ihrer besten nach draußen. Früher haben die beiden gerne Mitternachtsausflüge gemacht oder Mitternachtspartys gefeiert, doch diese Zeit ist schon lange vorbei.

"Ich vermisse dich" , ist das erste, was Alana ihrer besten Freundin sagt, die jedoch nichts darauf erwidert. Es scheint ihr ein wenig unangenehm zu sein, ihre Freundin in letzter Zeit so vernachlässigt zu haben, traut sich aber nicht, sich zu entschuldigen oder recht zu fertigen. Sie weiß, dass sie eine miese Freundin war. Als Alana den gesenkten Blick ihrer Freundin sieht, beginnt sie einfach zu erzählen.

"Ich muss dir das einfach erzählen" , sagt sie schließlich.

"Was denn?" , fragt Emma nun flüsternd und schaut Alana fragend an.

"Ich habe einen Freund" , erklärt Alana.

"Wirklich?" , fragt sie.

"Wirklich" , sagt Alana und lächelt in sich hinein.

"Das freut mich für dich" , sagt Emma und umarmt ihre beste Freundin, als wäre es eine Meisterleistung einen beschissenen Freund zu haben, der die Dinge doch nur verkomplizierte. Immerhin haben die beiden sich wegen Jungs aus den Augen verloren. Sie ist sich nicht sicher, ob sie das mit den Geistern doch verraten soll. In diesem Moment will sie es unbedingt. Aber sie hat Emma letztes Mal wegen dieser Sache angelogen - Sie kann nicht andauern zwischen den Seiten hin und her wechseln.

"Wir haben uns doch Mal ein versprechen gegeben. Damals." , beginnt Alana. "Niemand würde uns jemals auseinander bringen. Keine Jungs, niemand"

"Und trotzdem haben wir uns so weit voneinander entfernt, als Jungs das erste Mal in unserem Leben eine Rolle gespielt haben. Alana, es tut mir Leid. Magst du mir von deinem Freund erzählen?" , fragt sie.

"Okay" , sagt Alana und fasst all ihren Mut zusammen. Sie muss all das mit jemandem teilen und es kommt kein anderer in Frage, als ihre beste Freundin. Sie ist die einzige Person, der sie zu hundert Prozent vertraut. Mehr als ihren Eltern.

"Ich find es beschissen, weil du jede deiner Minuten des Tages mit deinem Freund verbringen kannst. Ich kann das nicht und ich wollet die Tage, an denen er weg ist, so gerne mit dir verbringen" , gesteht Alana.

"Warum, wo geht er hin? Lebt er nicht in Rumor?" , fragt Emma.

"Nicht so richtig. Er reist sehr viel" , weicht Alana aus. Sie weiß, dass Emma ihr niemals glauben würde. Dass sie sie wieder für verrückt erklären würde. Es ist ihr egal. Sie wird drum herum reden müssen, aber sie will ihre Gedankenwelt endlich mit ihren engeren Vertrauten teilen.

"Wohin denn?" , fragt sie.

"Um die Welt"

"Wow. Okay" , sagt Emma beeindruckt.

"Hast du ein Bild von ihm?" , fragt sie daraufhin. Alana schüttelt den Kopf. Wie gerne sie eines von ihm hätte, aber man kann die meisten Geister nicht fotografieren. Und wenn, dann würde man sie als diese enttarnen. Man würde an ihnen forschen wollen und das will sie ihrem Freund nicht antun. Die beiden hatten noch nie versucht, Mandrik zu fotografieren. Es wäre viel zu gefährlich, weil solche Aufnahmen immer in die Hände von den falschen Leuten geraten.

"Ich habe eine Zeichnung" , sagt sie und holt das stellvertretende Bild aus ihrer Hosentasche. Sie hat es zusammen gefaltet und trägt es seit dem ersten Treffen von Mandrik und sich in der Hosentasche herum.

"Zeig schon her. Und das nächste Mal musst du mir ein Bild zeigen, okay?" , fragt sie. Alana will dringend eine Ausrede suchen, doch sie hat keine Parat. Inzwischen schaut Emma sie schon fragend an.

"Mag er nicht gerne fotografiert werden?" , fragt sie.

"Genau" , entgegnet Alana schnell. Es ist die passende Ausrede.

"Dann mach es heimlich" , kichert sie. "Mein Freund mag auch nicht gerne fotografiert werden."Inzwischen schauen die beiden sich das Bild von Mandrik an und Alana sieht all die Kleinigkeiten darin, die sie an Mandrik so liebt. Trotz allem sieht sie auch die Stellen, die sie nicht getroffen hat. All die Fehler, die sie beim zeichnen gemacht hat. Die Striche, die das Radiergummi hinterlassen hat, als sie etwas wegradiert hat und all die Details, die sie hätte besser treffen müssen. Sie weiß in ihrem Kopf ganz genau, wie Mandrik aussieht. Wie gerne sie ein richtiges Bild von ihm hätte.

"Oh, wir müssen unbedingt mal auf ein Viererdarte!" , flüstert sie immer noch aufgeregt und unterbricht somit Alanas Gedanken. Alana würde erfinden müssen, dass die beiden Schluss gemacht hatten, weil es nach einer Weile auffallen würde. Oder sie müsste die Wahrheit sagen. Beide Optionen sind beschissen.

"Emma, ich muss dir was sagen" , entscheidet sich Alana schließlich für die Wahrheit.

"Was denn? Mag er das etwa auch nicht?" , fragt sie.

"Doch. Er würde es bestimmt lieben. Aber ihr könntet ihn nicht sehen"

"Was? Warum denn?" , fragt Emma nun und schaut sie mit zusammengezogenen Augenbrauen an.

"Weil ich Geister sehen kann und er einer ist" , sagt sie so schnell, dass Emma es kaum verstehen kann. Sie will nicht in Emmas Gesicht sehen, dass sie inzwischen auslacht. Ja, wirklich. Ihre beste Freundin lacht sie aus.

"Was hast du dir da jetzt wieder zusammengereimt? Hast du etwa einen Freund erfunden, weil du eifersüchtig auf meinen bist?" , fragt sie belustigt. Es tut weh, unglaublich weh, solch etwas aus dem Mund ihrer besten Freundin zu hören.

"Nein" , flüstert Alana und Hitze kriecht ihren Körper hoch, bis ihr Gesicht feuerrot sein muss.

"Alana. Du hättest es mir auch einfach sagen können und nicht so eine dämliche Geschichte ausdenken, um meine Aufmerksamkeit zu erregen. Es ist ja schon schräg genug, dass du mitten in der Nacht hier auftauchst. Aber es mit dieser Geschichte zu toppen. Du bist echt unglaublich. Du hast dich verändert. Ich habe Mal eine andere Alana gekannt und jetzt kommst du ständig mit absurden Fragen und noch absurderen Geschichten bei mir an. Darauf kann ich echt verzichten" , sagt sie, steht auf und will wieder rein gehen.

Alana steigen Tränen in die Augen. Sie hatte nicht mit solch einer Reaktion gerechnet. Unverständnis, auf jeden Fall. Aber keinen Bitch-Move. Emma hatte sich verändert. Ins Negative. Emma bleibt vor der verschlossenen Tür stehen. Der Wind muss sie zugeweht haben.

"Wir haben Mal einen Pakt geschlossen, kannst du dich erinnern?" , fragt sie ihre ehemalige beste Freundin, denn sie weiß nicht, ob sie Emma noch so nennen kann, ob sie Emma noch so nennen will. Nicht nach diesem Gespräch. Es klingt verrückt. Das ist ihr bewusst. Aber man musste doch nicht so darauf reagieren.

"Das war, als wir Kinder waren, Alana. Vergiss diesen dummen Pakt endlich"

Sie tritt wütend gegen die Tür, weil sie immer noch verschlossen ist und Alana hinter ihr steht, der die Tränen nun stumm übers Gesicht laufen. Emma hat ihr Handy mitgenommen. Nun greift sie zum Telefon und Alana hat schon Angst, dass sie die Polizei wegen Belästigung, Ruhestörung oder sonst etwas anruft, doch als sich die Haustür öffnet, sieht sie einen jungen Mann. Emma hat ihren Freund angerufen, der bei ihr schläft und in diesem Moment hasst sie Emma bis ins erschütterte Mark, bis tief in ihr Herz hinein. Alana fasst in dieser Nacht einen Entschluss. Es muss noch nicht einmal das Geistermädchen auftauchen, was sie bestimmt darin bestärken würde.

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