TWENTY-TWO

if i can stop one
heart from breaking
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Seine Hand in meiner, die Gewissheit seiner vollkommenen geistigen Gegenwärtigkeit und sein Atem so dicht an meinem Ohr; diese Kleinigkeiten ließen mich hoffen, ließen mich glauben, dass alles gut werden würde.

Wir rannten durch die Gänge, Bucky schien ein festes Ziel vor Augen zu haben, denn er zögerte an keiner Biegung, immer weiter zog er mich durch die unterirdische Forschungsstation.

HYDRA schien diesen Komplex noch nicht allzu lange wieder aufgenommen zu haben; die meisten Türen war eingerostet und die ständige Feuchtigkeit schien ihren Tribut gefordert zu haben.

Der Boden war großenteils so glitschig, dass ich aufpassen musste, nicht auszurutschen und das war bei dem Tempo, dass Bucky an den Tag legte, geradezu unmöglich.

„Warum versucht niemand, uns aufzuhalten?", japste ich atemlos, als wir bereits beunruhigend lange Zeit niemanden begegnet haben.

„Die Station ist unterbesetzt", war Buckys knappe Antwort. „Eigentlich ist das nur ein Außenposten, der wahre Sitz von HYDRA ist–" Er unterbrach sich. „Verdammt! Hörst du das?"

Ich wollte schon den Kopf schütteln, aber er zog mich sofort in den Schatten einer Tür zurück; und nun, da mein zitterndes Einatmen nicht das einzige Geräusch mehr war, das an mein Ohr drang, konnte ich tatsächlich hören wovon er sprach.

Ein durchdringendes, lautes Quietschen erschallte über uns, so als ob irgendetwas Schweres durch den Gang gezogen wurde.

Bucky fluchte auf Russisch. „Sprengsätze. Sie wollen den Tunnel zum Einsturz bringen, und dann sind wir hier unten eingesperrt."

Ich blickte ihn erschrocken an, wähnend meine Hand sich in seiner verkrampfte. „Was sollen wir tun?"

„Wir schaffen es nicht mehr rechtzeitig zum Haupteingang", erwiderte er nach kurzem Überlegen. Bevor ich antworten konnte, hatte er mich an meiner Hand schon aus der Nische gezogen und startete in die entgegensetzte Richtung, die aus der wir gekommen waren.

„Was machst du?", fragte ich panisch. „Das ist die falsche Richtung. Dort kommen wir doch nur tiefer in den Berg hinein!"

„Es gibt einen zweiten Ausgang", erwiderte Bucky schnell. „Wenn wir uns beeilen, dann können ihn erreichen, bevor sie bemerken, was wir vorhaben."

Mein Herz schlug wie wild gegen meinen Brustkorb, ich hatte in meinem Leben noch niemals solches Seitenstechen gehabt; es fühlte sich an, als würde jemand wiederholt einen Dolch zwischen meine Rippen stoßen.

Während Bucky mich unbarmherzig weiter zog, spürte ich, wie meine Beine langsam unter mir nachgaben.

Ich war mehrere Tage bewegungslos in einer eiskalten Zelle verharrt, ein Umstand, der sich nicht gerade positiv auf meine Fitness ausgewirkt hatte.

Und mit einem manipulierten Supersoldaten konnte ich ohnehin nicht mithalten.

„Bucky", keuchte ich irgendwann und er drehte sich alarmiert zu mir um. „Ich kann nicht mehr."

Ich ließ seine Hand los und presste meine Hände in meine Hüften, meinen Lippen entwich ein schmerzerfüllter Laut.

Er legte seine Hand auf meine Schulter, während die Metallhand sanft über meine Wange strich. Nicht zum ersten Mal fragte ich mich, ob er damit etwas fühlen konnte. Ob er spürte, wie sich sofort eine Gänsehaut unter seiner Berührung bildete, selbst wenn diese Hand streng genommen nicht zu ihm gehörte.

Ob er den schwachen Pulsschlag viel zu schnellen Blutes unter der festen Textur der Prothese fühlen konnte.

„Orla", wisperte er gegen meine Lippen. „Du musst rennen."

Anstatt zu nicken und versuchen, meine letzten Reserven zusammenzukratzen, lehnte ich mich vor und küsste ihn auf die Lippen.

Bucky ging sofort darauf sein, so, als hätte er die gesamte Zeit darauf gewartet.

Seine Hände umschlangen meine Taille und während ich mich immer tiefer in den Kuss hineinlehnte, tat er nichts dazu, mich daran zu hindern.

Ganz im Gegenteil, er war derjenige, der nach jeden kurzen Unterbrechung des Kontakts unserer Lippen den Kuss immer und immer wieder aufleben ließ, derjenige, der keine Sekunde von mir ablassen konnte.

Schließlich brachen wir schwer atmend auseinander; und ich erkannte im schwach erleuchteten Gang, wie riesig seine Pupillen plötzlich waren.

„Ich wusste nicht, ob du wolltest, dass ich dich küsse", brachte er hervor. „Nicht, nachdem was ich dir in Bukarest angetan habe."

Ich gab ihm einen Klaps auf den Oberarm. „Du Idiot. An meinen Gefühlen hat sich nichts geändert; im Gegensatz zum Rest der Welt weiß ich, wann ich es mit dem Winter Soldier und wann ich es mit Bucky Barnes zu tun habe."

Er machte einen Schritt von mir fort, ein schmerzverzerrter Ausdruck war in seinen vertrauten Zügen erschienen. „In den letzten Monaten war ich fest davon überzeugt, dich getötet zu haben, bevor ich mir in der nächsten Sekunde vollkommen sicher war, dass du leben musst. Es war ein konstanter, schrecklicher Zustand zwischen Selbsthass und Hoffnung; und während der Selbsthass beinahe gut getan hat, war die Hoffnung eine einzige Folter. Ich habe gehofft; ich war der Winter Soldier und ich habe gehofft und das war so inkompatibel, dass es mich von innen zerfressen hat. Und immer und immer wieder musste mich mir sagen, dass es ohnehin egal ist, ob du lebst oder nicht, denn du wirst mich hassen, mich verabscheuen und mich fürchten und das war das grauenhafteste von allem." Er atmete tief ein und blickte mich nun direkt an. „Und dann kommst du und du glaubst an mich, du gibst mich nicht auf und du riskierst alles dafür, dass ich mich gegen HYDRA wehren kann. Ich will einfach nicht glauben, dass jemand das für mich tun würde."

Ich schüttelte den Kopf. „James Buchanan Barnes, du bist es wert. Du bist das alles wert. Du bist Steve wert. Du bist Wanda wert, und Scott und Sam. Du bist sogar Tony Stark wert, auch wenn er das selbst noch nicht ganz verstanden hat." Ich nahm seine Metallhand in meine, spürte, wie kühles Chrom und warme Haut sich gegenseitig ergänzten. „Du bist James Buchanan Barnes und ich liebe dich."

Sein Mund öffnete sich leicht, einige winzige Millimeter. „Du... du liebst mich?"

Ich verdrehte die Augen. „Willst du, dass es ich wiederhole?"

„Nein. Ja." Ich erkannte absolute Verwirrung und Verwunderung in seinen Blick. „Wiederhole es noch einmal, damit ich weiß, dass das kein Traum ist."

„Ich. Liebe. Dich. Zufrieden?"

„Zufrieden? Orla Crimson, ich war noch nie so glücklich", flüsterte er und dann – „Und ich liebe dich, du dickköpfige Möchtegern-Psychologin."

Ich schlug ihm scherzhaft gegen die harte Brust. „Hör mal, du grenzdebiles Fischstäbchen, willst du, dass ich einen Rückzieher mache?"

Mein Herz hatte bei seinen Worten jedoch einen schmerzhaften Schlinger gemacht. Ich konnte seine Worte kaum glauben. Zu oft war ich in letzter Zeit von den Zweifeln heimgesucht worden, dass Bukarest lediglich ein Trugschluss meiner Erinnerung gewesen war; ein Resultat eines Gehirntraumata, das durch den Sauerstoffmangel ausgelöst worden war. Vielleicht hatte ich Bucky Barnes intensiver in Erinnerung behalten, als er mich.

Aber all diese Zweifel und die Sorge; sie alle wurden von seinen sanften, ernsten Worten vom Tisch gewischt.

„Und wie bringen wir das Steve bei?", fragte ich ihn grinsend, während ich spürte, dass die kurze Pause meine Lungen wieder angeregt hatte, mehr als zuvor zu leisten.

„Am besten schleichend." Er warf mir ein so schiefes Grinsen zu, wie ich es davor an ihm noch nicht gesehen hatte. Es war, als würde sich der 'alte', der Vorkriegs-Bucky endlich herauskristallisieren, von dem ich nur durch Steve wusste. Der Mann, der sorglos in einer Zeit gelebt hatte, die zu größter Unruhe aufgerufen hatte.

„Wir können wieder", entschied ich und Bucky warf mir hinter seinem viel zu langen Haar einen belustigten Blick zu.

„Dann los."

Und wir rannten wieder. Das Grau der Höhlen wurde zu einem undefinierbaren Schleier, der sich über meine Augen zu legen schien, je weiter wir vordrangen und je schneller wir rannten, desto weniger erkannte ich.

Bucky blieb einige wenige Male zur Orientierung stehen und so wurde mir plötzlich bewusst, wie bekannt mir die Gegend vorkam.

Die breite Fensterfront, hinter der absolut nichts zu erkennen war! Daran war ich nur wenige Minuten zuvor vorbeigeführt worden.

Das bedeutete... „Bruce!", keuchte ich plötzlich.

„Nein, ich bin Bucky", erwiderte Bucky irritiert. „Ist dir der Sauerstoffmangel zu Kopf gestiegen?"

Ich schnaubte verächtlich. „Bruce Banner. Mein Mitgefangener. Wir haben uns einige Tage eine Zelle geteilt. Wir beide sollten ihn wirklich hier rausholen."

Bucky seufzte, aber er schien mir nicht widersprechen zu wollen. „Wir haben wirklich nicht viel Zeit, Orla."

„Zeit für Bruce auf jeden Fall."

Dann zog ich ihn bestimmt den Gang hinauf, den ich davor nur bedingt im Delirium des plötzlichen Lichteinfalls begutachten hatte können.

Erst jetzt erkannte ich den Zellentrakt, in dem ich tatsächlich einige Tage meines Lebens verbracht hatte.

Bei Bucky schien dieser Anblick jedoch eine ganze Menge an Schuldgefühlen auszulösen. „Es ist meine Schuld, dass du hier eine Gefangene warst. Ich weiß nicht mehr, warum ich dich ausgeliefert hab, ehrlich nicht. Wahrscheinlich hattest du das Pech, mir genau in einem meiner schlechteren Momente über den Weg zu laufen..."

Ich verzichtete darauf, ihm mitzuteilen, dass er genau genommen in meiner Wohnung aufgetaucht war, und eilte den Zellentrakt entlang, bis ich die metallene Falltür entdeckte, die ich die gesamte Zeit gesucht hatte.

„Hier", murmelte ich und stemmte mich gegen die Metallluke, die sich jedoch um keinen Millimeter bewegen ließ. „Hilf mir!"

Bucky beugte sich hinab und riss die gesamte Tür – mitsamt etwas Gestein aus der Fassung – aus dem Boden heraus.

„Angeber", schmollte ich und beugte mich sofort zu dem dunklen Loch hinunter. „Bruce?"

Auf meinen Ruf reagierte zunächst niemand und ich machte mir schon Sorgen, vielleicht doch die falsche Tür erwischt zu haben, aber dann hörte ich ein Stöhnen.

„Orla?"

In den kleinen Lichtfleck, den die geöffnete Luke erlaubte, erkannte ich einen Mann mit angegrautem Haar und einem schmutzigen, wenngleich freundlichen Gesicht.

„Hey, Bruce. Bucky und ich sind hier um dich rauszuholen", rief ich ins Loch hinab, während Bucky eine Leiter hinter einer der anderen Türen zutage gefördert hatte und diese langsam in das Loch hinab ließ.

„Beeil dich", murmelte er, so leise, dass Bruce ihn unmöglich hören konnte.

Doch dieser schien nicht vorzuhaben, seinen Aufenthalt in dem Höllenloch auch nur ein wenig auszudehnen.

Mit einer Agilität, die selbst mich überraschte, stand er plötzlich vor uns, Staub und Dreck auf seinem in die Jahre gekommenen Tweed.

Er war rund einen halb Kopf kleiner als ich und trug das friedlichste, freundlichste Lächeln auf seinem weichen Gesicht.

„Schön, dich mal bei Tageslicht erblicken zu dürfen, Miss Crimson." Er zwinkerte mir zu, während er sich den Staub von seiner Jacke strich.

Ich musste lachen. „Gleichfalls."

Bucky gab ein ungeduldiges Schnauben von sich.

„Ja, ganz toll. Und jetzt raus hier, bevor HYDRA verstanden hat, wo wir hinwollen und den Tunnel auch noch zuschütten."

Wie zur Bestätigung seiner Worte erschallte plötzlich von der anderen Seite der Höhle ein dumpfes Grollen, so als seien tausende Tonnen Stein gerade auf unnachgiebigen Boden gekracht.

Bucky setzte sich sofort in Bewegung und ich folgte ihm, während Bruce sich Mühe gab, unmittelbar zu uns aufzuschließen.

Er hatte Buckys Anblick zwar mit einiger Überraschung aufgenommen, aber er schien sich offenbar eins und eins zusammenreimen zu können, denn ich blieb um eine irritierte Frage verlegen.

Vielleicht wusste Bruce sogar von Buckys Gedankenkontrolle. Es wäre nicht verwunderlich, immerhin war er in den letzten zwei Jahren auf einer Universität in der Neurologie gewesen und hatte vielleicht das eine oder andere aufschnappen können.

Bruce schien nicht so schnell schlappzumachen wie ich, trotz seines eher schmächtigeren Äußeren. Als er mich irgendwann an einer besonders steilen Stelle einfach überholte, kam mir der Gedanke, dass ich vielleicht langsam wirklich an meiner Kondition arbeiten sollte.

Die Gesellschaft dieser Superhelden bürdete mir Erwartungen auf, die ich definitiv nicht erfüllen konnte.

Schließlich, als ich schon glaubte, meine Lunge wurde einfach kollabieren und mich japsend zurücklassen, verlangsamte Bruce vor mir seine Schritte und ich blieb erleichtert stehen.

Ein paar Meter vor mir hatte Bucky an einer großen Drucktüre innegehalten, die offensichtlich in Richtung Freiheit führte.

Die Tür wirkte massiv und nicht so, als ob sie im vergangenen Jahrhundert einmal geöffnet worden sei, aber Bucky strich probehalber mit seiner Metallhand über die verrosteten Scharniere, was ein unangenehmes metallisches Kreischen nach sich zog.

Dann legte er beide Hände auf das korrodierte Sicherheitsrad. „Aus dem Weg", rief er noch über seine Schulter und in der nächsten Sekunde flog ein zerstörtes, tonnenschweres Metallstück wenige Millimeter über meinen Kopf hinweg.

Kreischend duckte ich mich in den Schatten des Ganges und so war ich die letzte von uns drei, die einen Blick auf die Landschaft erhaschte, die sich plötzlich vor uns erhob.

Frische, reine und kühle Luft strich an mir vorbei und ich beeilte mich, meine Deckung aufzugeben.

Bucky und Bruce standen vor dem Loch in der Höhlenwand, in der einmal die Tür eingelassen gewesen war.

Und dahinter erstreckte sich eine schier endlose, weiße Schneewüste, die ungeschützt kilometerweit zu gehen schien, bevor sie knapp vor dem Horizont in eine dunkle Bergkette ausartete.

Eines war klar; eine heimliche und versteckte Flucht vor HYDRA war damit unwiderruflich vom Tisch.

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