TWENTY-SIX
❝ forget the pain
remember my name ❞
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Wir saßen alle auf der Veranda, eingehüllt in warme Decken – Laura hatte ein riesiges Tablett mit Tee herausgebracht – eine aufgekochte Variante der Wurzellimonade, und während ich aus Höflichkeit versuchte, das Gebräu Schluck für Schluck meine Kehle hinabzuzwängen, schüttete Wanda den Inhalt ihrer Tasse in eine nahegelegene Topfpflanze.
Scott kritzelte in seinem Notizbuch herum, im Augenblick war er eher dabei Dinge durchzustreichen – und das mit äußerst unzufriedener Miene. Ich löste mich von Wanda, die ihre Beine über meinen Schoß gelegt hatte, weil sie die gesamte Bank für sich haben wollte und ich irgendwie ein Störelement in der Sache war.
„Und?", fragte ich grinsend, als ich mich neben ihn in einer Hollywoodschaukel niederließ.
Scott sah zu mir hoch. „Wenn Stark und Steve da drinnen eine Einigung erzielen, dann kann ich nach Hause."
„Das heißt du musst dein Buch nicht schreiben", lachte ich, und Scott machte ein seltsames Gesicht.
„Was?", fügte ich irritiert hinzu.
Scott wirkte verlegen. „Ich habe gesehen, dass das Aufschreiben meiner Gefühle und Erfahrungen mir wirklich gut tut. Ich fühle mich so viel besser, vielleicht werde ich damit fortfahren, selbst wenn ich wieder zu Hause bei Cassie bin."
Ich klopfte ihm auf die Schulter. „Das freut mich außerordentlich, das zu hören. Wann werden wir also deinen ersten Roman lesen können?"
Ein seltsames Leuchten trat in Scotts Augen. „Weißt du, ich habe geplant, das Ganze vielleicht in Anekdoten aufzuteilen, damit ich keine durchgehende Geschichte schreiben muss, so etwas kann ich nämlich definitiv nicht. Ich werde einfach jeder Kapitel–"
Er unterbrach sich abrupt, als die Haustür auf die Veranda geöffnet wurde, und Steve heraustrat, dicht gefolgt von Tony.
Steve trug einen rot blauen Schild über dem Arm, auf dem ein einziger silberner Stern prangte.
Scott neben mir sog scharf Luft ein, aber dann erschien ein strahlendes Lächeln auf seinem Gesicht.
Wanda und Clint, die zuvor ins Gespräch vertieft gewesen waren, blickten sich euphorisch an, und als auch Team Iron Man glückliche Blicke tauschten, wurde mir bewusst, was gerade geschehen war.
Die Avengers hatten sich wieder zusammengesetzt, zusammengefügt auf der Asche und Staub, den ihre Trennung verursacht hatte – Tony hatte seinen Hass vergessen und Steve hatte ihm verziehen.
Und nun standen sie nebeneinander auf der Veranda, ein wenig verlegen noch – sich der Reaktion der übrigen Avenger jedoch durchaus bewusst.
Niemand sagte etwas, niemand tat seine Erleichterung kund – bis auf Sam, der an einer der Säulen lehnte und grinsend entgegnete: „Wollt ihr uns eure Verlobung bekannt geben, oder was steht ihr hier rum?"
Steve und Tony tauschten einen Blick – es war zu früh, als dass jemand der beiden den Scherz aufgreifen konnte –, aber ich erkannte keinen Hass mehr in ihren Augen, keine Wut, keine Rache.
„Steve und ich haben entschieden, doch nicht die Scheidung einzureichen – und das Sorgerecht für euch unwürdige Kinder bleibt damit bei uns beiden", erwiderte Tony schließlich.
Wanda befreite sich aus ihren Decken, und rannte auf die beiden zu, und schloss sie in eine so enge Umarmung, dass ich schon beim bloßen Zusehen in Atemnot geriet.
„Oh, ich hab euch vermisst", murmelte sie und während Steve versuchte die Autonomie über seine Luftröhre wiederzugewinnen, tätschelte Tony Wandas Rücken erstaunlich sanft.
„Und was jetzt?", fragte Rhodes, der grundsätzlich ständig auf den Ernst der Situation zurückkommen wollte. „Was ist mit dem Winter Soldier?"
Alle Blicke waren auf Tony gerichtet. „Wenn wir ihn finden, dann werde ich alle meine Mittel dafür einsetzen, dass er die besten Psychoanalytiker und Ärzte bekommt, die auf dieser Welt zu finden sind – und wenn das funktioniert, dann gehen wir darüber hinaus." Er klang vollkommen ernst. „Ich töte den Winter Soldier und damit den Mörder meiner Eltern nicht, wenn Bucky Barnes auf dem Weg dahin ebenfalls verloren geht. Wenn ich HYDRAs Vermächtnis aus seinen Gedanken löse; dann ist mir das Rache genug. Ach ja", fügte er schließlich hinzu, als alle überrascht verharrt waren, „und wir werden HYDRA auslöschen."
Wanda klatschte in die Hände. „Großartiger Plan. Ich bin dabei. Und wie wollen wir das anstellen?"
Tony blickte Steve an, als wollte er, dass er das Wort ergriff.
„Berlin unterhält einen Gefangenen, der unglaublich viel über HYDRA weiß. Er könnte uns sowohl darüber informieren, wer dieser HYDRA-Funktionär ist, der Buckys Auslösewörter gefunden hat, als auch wie wir ihn finden können – und damit Bucky selbst."
Sam hob überrascht eine Augenbraue. „Du sprichst von Zemo?"
Tony nickte an Steves Stelle. „Er ist unsere einzige Chance diesem Wahnsinn Einhalt zu gebieten."
„Das gefällt mir nicht", erwiderte Sam. „Dieser Typ ist gefährlich. Wisst ihr nicht mehr, wie er euch gegeneinander aufgehetzt hat? Wer sagt, dass das nicht wieder geschieht?"
„Zemo war es nur möglich, sich mit seinen Worten so weit zu uns vorzudringen, weil er wusste, dass Zweifel schon gesät waren", sagte Tony langsam. „Aber Cap und ich haben das ausdiskutiert. Wir werden uns nicht mehr so einfach blenden lassen, weder von seinen Worten noch seiner Überlegenheit."
„Das heißt du hebst das Kopfgeld auf, das auf Cap und Barnes angesetzt war?", fragte Scott. „Und wir dürfen nach Hause zurückkehren?"
Tony nickte. „Natürlich. Aber Rogers und ich würden uns sehr glücklich schätzen, wenn du uns auf diese letzte Mission begleiten würdest, bevor du nach San Francisco zurückkehrst."
Scott warf Cap einen Blick zu, dann zuckte er mit den Schultern. „Von mir aus. Und wie kommen wir nach Berlin?"
Auf Tonys Gesicht erschien der Anflug eines Lächelns – mehr als ich auf seinen Lippen je gesehen hatte.
„Keine Sorge, mit Tony Stark in eurem Team habt ihr entschieden mehr Gadgets zu Verfügung."
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„Ich kann nicht glauben, dass Stark eine Concord besitzt", murmelte Scott neben mir. „Kannst du glauben, dass Stark eine Concord besitzt?"
Wanda, die zwischen uns beiden auf der engen Bank saß, blickte ihn mitleidig an. „Er ist Multimilliardär, hat mehr als dreihundert Anzüge, eine künstliche Intelligenz, ein ganzes Team an Leuten, die ihn unterstützen; ich denke ja, ich kann glauben, dass wir gerade in einer Concord sitzen."
Scott konnte anhand des Pragmatismus, der ihm von Wanda aus entgegenschlug, nur die Schultern zucken.
Aus seiner Jackentasche holte er sein Notizbuch hervor und begann auf einer Seite, die mit Wandas Namen bespickt war, eine Reihe an Adjektiven aufzulisten.
„...vorlaut, manchmal richtiggehend besserwisserisch...", hörte ich ihn murmeln und von Wandas Seite aus flog ein kühler Blick auf ihn zu.
„Wie bitte?", fragte sie übermäßig freundlich, aber Scott hatte sein Notizbuch bereits wieder zusammengeklappt und tat so, als würde er den abgenutzten Boden des Flugzeugs für das Non-Plus-Ultra aller Flugzeugböden halten – zumindest nach der Intensität mit der er die Fliesen betrachtete.
Ich musste grinsen und meine Belustigung wurde von Peter aufgenommen, der uns gegenüber saß und von Scotts kleiner Kategorisierung ebenfalls so viel mitbekommen hatte wie ich.
Er selbst saß zwischen einem gähnenden Sam Wilson und Bruce, der in einem Lehrbuch für angewandte Physik blätterte und mit Elan irgendwelche Zeichnung mit Textmarker hinterlegte.
Eine Weile beschränkten wir uns auf ein kleines Blickduell – zumindest so lange, bis Peter sein sich anbahnendes Gelächter nicht mehr unterdrücken konnte, und wegsehen musste.
Irgendwann, Wanda war schon dazu übergegangen, zu versuchen, sich Scott Notizbüchlein mit ihren Telekinese-Kräften zu beschaffen, drang Tonys Stimme aus dem Cockpit zu uns.
„Wir nähern uns Berlin rasant; noch knappe fünf Minuten und wir treffen am Flughafen ein. Stewardess Romanoff kümmern Sie sich darum, dass die Mitreisenden ihre Tische hochgeklappt und ihre Rückenlehnen wieder aufrecht gestellt haben."
Natasha, die neben Clint am andere Ende der Concorde saß, machte eine unflätige Geste in Richtung des Cockpits, die ihren besten Freund dazu anregte in schallendes Gelächter auszubrechen.
Steve wirkte, als wollte Tasha für ihre eindeutige Unhöflichkeit rügen, aber er hielt sich zurück.
Ich hatte wenig mit ihm gesprochen, seit ich ihm offenbart hatte, was zwischen Bucky und mir tatsächlich los war.
Ich wollte nicht, dass er glaubte, ich sei Bucky wichtiger, als er es war – nein.
Steve und Buckys Freundschaft war etwas Tiefes, Mächtiges und Beständiges und niemals in hunderttausend Jahren wollte ich da dazwischen geraten.
Es war nur so, dass Steve nicht als einziger einen Anspruch auf Bucky Barnes hatte, bloß weil er ihn als einziger vor dem Krieg gekannt hatte, bevor er zum Winter Soldier wurde.
Vielleicht war er dabei, sich mit dem Gedanken anzufreunden, dass jemand anderes sich genauso um Bucky sorgte wie er es tat, dass jemand anderes die Nacht schlaflos verbrachte und hoffte und wünschte, Bucky würde wohlbehalten zurückkehren.
Aber Steve würde seine anfängliche Irritation und die Spur der Eifersucht überwinden – daran glaubte ich fest.
Er würde irgendwann verstehen, dass Liebe und Freundschaft zu koexistieren vermochten und dass ich nicht mehr eine Gefahr war für seine und Buckys innige Beziehung als Wanda, oder Scott oder Tasha.
Bald senkte sich das Flugzeug in den Landeanflug. Die Fensterscheiben, die in der Concord vor ewigen Jahren Platz gefunden hatten, waren von Tony getilgt worden, der offensichtlich niemals geglaubt hatte, jemals wieder Passagiere in diesem eigentlich in Rente gegangenen Flugzeug zu transportieren.
Wir erkannten nicht viel, bis die Räder auf der Flugbahn aufsetzten, der Flieger an Geschwindigkeit verlor und schließlich und endlich die Tür ins Innere geöffnet worden war.
Draußen herrschte tiefste Nacht.
Wir hatten die Strecke von Clints Farm irgendwo in Nebraska bis nach Berlin in weniger als zwei Stunden bewältigt – ich war mir ziemlich sicher, dass Tony an den Maschinen der Concord ganz eindeutig herumgedoktert haben musste. Die alten Flieger waren definitiv nicht so schnell gewesen.
Nun, da wir uns nicht mehr vor Tony verstecken mussten, war das Reisen um einiges einfacher.
Drei Wägen standen bereit und bevor ein Streit um die Konstellation der Sitzplätze ausbrechen konnte, entschied Tony kurzerhand, dass alle sich nach dem Anfangsbuchstaben des Nachnamens aufteilen sollten.
Darauf entgegnete Vision irritiert, dass er überhaupt keinen Nachnamen habe, woraufhin Tony genervt Luft ausstieß und ihm sagte, er solle sich nach V ordnen.
Schließlich landete ich mit Bruce, Clint, Scott und Wanda in einem Auto, während Steve und Tony sich ebenfalls zusammen in eines quetschen mussten.
Wanda summte leise zu der Musik aus dem Radio des Fahrers vor sich, Bruce blätterte schon wieder in seinem Lehrbuch und Scott warf besorgte Blicke in Wandas Richtung, die immer wieder verlangend auf sein Notizbuch linste.
Der Wagen hielt wenige Minuten später vor einem hochmodernen Gebäudekomplex, hinter dessen Fenstern helles Licht auf einen tiefen, künstlichen See neben seiner Einfahrt fiel.
„Zemo wird hier gefangen gehalten", erläuterte Clint, während Wanda mir leise von seinem Schaffen berichtete.
Das meiste war mir ohnehin bewusst gewesen, und Wanda füllte lediglich ein paar Lücken in meinem Wissen auf.
Wir waren der letzte Wagen, der im Inneren der Zentrale ankam, und schon anhand Sams besorgten Gesicht, das uns begrüßte, sobald wir ausstiegen wurde mir bewusst, dass etwas überhaupt nicht nach Plan verlief.
„Cap und Stark sind unten – aber Zemo ist verschwunden. Jemand scheint ihn aus seiner Zelle befreit zu haben", fasste er die Umstände schnell zusammen, während Tasha ungeduldig neben ihm auf und ab wanderte.
Das war nicht gut.
Wenn HYDRA ihn vor uns in die Finger bekommen hatte, dann war unsere einzige Möglichkeit Bucky zu finden mit einem Mal zerstört.
Verzweiflung machte sich in mir breit. Wir würden ihn niemals finden.
Ich würde ihn damit in Stich lassen, ganz anders, als ich es ihm versprochen hatte.
„Was machen wir jetzt?", fragte Bruce ratlos, als Wanda plötzlich erschreckt die Augen aufriss.
Vision, der mit Peter und einem Sicherheitsmann, den ich nicht kannte, versucht hatte die Flucht zu rekonstruieren aus den spärlichen Informationen, die wir hatten – war sofort bei Wanda, deren Hände rot zu glühen begonnen hatten.
„Wanda?", flüsterte er und sein Arm umfing ihre Hüfte.
Aber sie war nicht erreichbar, ihre Augen blickten in eine ganz andere Dimension, leer und blind.
„Was ist mit ihr?", fragte ich erschrocken, wagte es aber nicht, nach ihrer Hand zu greifen. Der rote Schimmer war mir überhaupt nicht geheuer – wer konnte schon sagen, was er mit einem gewöhnlichen Menschen wie mir anstellte.
„Sie sieht irgendetwas", antwortete Vision leise und strich Wanda ihr Haar aus dem Gesicht.
Tatsächlich zuckten ihre Augen plötzlich wie wild hin und her, ihr Körper bäumte sich auf – und in der nächsten Sekunde war sie wieder vollkommen bei uns.
Ihr Blick traf zuerst auf Visions, der sie erstaunlich sanft an ihrer Hüfte festhielt, dann auf meinen und in ihren Augen lag Bestimmheit, keineswegs diese seltsame Leere, die ich soeben beobachtet hatte.
„Ruft Steve und Tony", sagte sie mit fester Überzeugung in der Stimme. „Ich weiß wo Barnes und Zemo sind."
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