TEN
❝ she had a heart of gold
once she was witty and bold. ❞
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Den Bruchteil eines Augenblicks verharrten wir bewegungslos.
Das Surren der Rotoren – das erstaunlich an das Geräusch eines Bienenschwarms erinnerte –, kam mit jeder Sekunde unerbittlich näher und riss uns allesamt aus der kurzzeitigen Starre.
Wanda war zuerst an der Tür, Steve und ich folgten unmittelbar darauf.
Die Gänge waren wie ausgestorben, denn die wenigen Forscher, die über die Hitzeperioden die Station bevölkerten, waren mit großer Wahrscheinlichkeit alle auf dem Dach – und so hatten wir freies Geleit.
Wanda trennte sich am Treppenabsatz von uns, ihre Augen groß und besorgt, während um ihre Hände der gewohnte, rote Schimmer erschienen war. Das Metall ihrer Ringe spiegelte das glänzende Rot wieder, und sie nickte mir ein letztes Mal zu.
Wir sehen uns gleich, schien ihr Blick zu sagen – im nächsten Augenblick war sie das Treppengehäuse nach oben verschwunden und das Gefühl der Sicherheit, das der roter Glimmer in mir ausgelöst hatte, mit ihr.
Steve war schon halb die Treppe hinab, als meine Füße sich bemüßigt fühlten, ihm zu folgen. Ich holte ihn lediglich ein, da er jede Tür einzeln mit einer Chipkarte öffnen musste.
Bald waren wir wieder in dem spärlich beleuchteten Zelltrakt, hinter dessen zahlreichen stählernen Türen unser Ziel lag.
Wir hatten uns nicht einmal verständigen müssen; Wandas grober Umriss eines Plans, der in dem Gedanken getroffen wurde, er könnte noch zehnmal verbessert werden, hatte durch das abrupte Auftauchen der Helikopter an Wichtigkeit gewonnen.
Ich würde Steve begleiten, er fühlte sich für mich verantwortlich – und es war tatsächlich wahr, ich war die einzige, die das Problem, das durch Tony Starks Polemik verstärkt worden war, ein für alle mal auslöschen konnte.
„Woher weiß Stark, dass wir hier sind?", fragte ich Steve atemlos, als dieser den Code in den Leser der Zelle eintippte.
„Intuition? Keine Ahnung. Schnell, lass uns Bucky holen und dann nichts wie raus hier!"
Ich wusste nicht, ob es meine Panik war, aber plötzlich bildete ich mir ein, in den Stockwerken über uns hunderte schneller Schritte zu hören, so als sei ein gesamtes Battalion zu uns auf dem Weg.
Steve legte ebenfalls nervös seinen Kopf in den Nacken. „Sie kommen." Er zog eine 9mm-Glock aus seinem Gürtel, die mir davor nicht aufgefallen war. „Du holst Bucky und ich halte sie auf."
Die Zellentür schwang auf und bevor ich protestieren konnte, hatte Steve sich bereits so im Gang positioniert, dass er die riesige Tür, die den Zelltrakt vom Stiegenhaus trennte, perfekt im Blick hatte.
„Barnes?", rief ich in das Dunkel der Zelle hinein, und weiter hinter am Bett registrierte ich eine Bewegung.
Es war der Winter Soldier, der sich rasch von seinem Bett aufrichtete. Er war vollkommen bekleidet und aus seinen Augen sprach der gewohnte eisige Ausdruck seiner Apathie.
„Was ist?", fragte er kalt, aber seine Stimme klang schneller als sonst. „Wo ist Steve?"
„Draußen vor der Tür. Er versucht, die Truppen abzuhalten, wenn sie kommen. Stark hat–" Aber da hatte der Winter Soldier sich schon wortlos an mir vorbeigedrängt und war sofort zu Steve aufgeschlossen.
Ich seufzte. „–unseren Aufenthaltsort herausgefunden. Vielen Dank für deine überaus knapp bemessene Aufmerksamkeit." Ich verzog genervt das Gesicht und folgte ihm aus der Zelle.
Das Geräusch der trampelnden Füße über uns war inzwischen zu einem ohrenbetäubenden Crescendo angeschwollen – sie mussten sich nun direkt über uns befinden und es war nur eine Frage der Zeit, bis es ihnen gelingen würde, die Hochsicherheitstür zu stürmen.
Barnes legte Steve seine Hand auf die Schulter und letzterer gab seine Position sofort auf. Die beiden stürmten in perfekter Gleichförmigkeit in die entgegengesetzte Richtung der Türe auf mich zu, wobei Steve meine Hand packte und Barnes mich lediglich unwirsch aus dem Weg schubste.
„Dort draußen befindet sich die Garage", rief Steve in mein Ohr. „Wir sind inzwischen so weit unten im Berg, dass wir geografisch gesehen auf einer Höhe mit dem Erdboden sind."
Hinter uns ertönte ein berstendes Geräusch; schrecklich laut und schrill – ich wollte mich umdrehen, aber Steve zog mich einfach weiter.
Der Winter Soldier kämpfte sich einen Vorsprung heraus – entweder, er war insgesamt schneller als Steve, oder dieser war aufgrund meiner Hand in seiner ein wenig verlangsamt –, so kam es jedenfalls, dass Barnes bereits an einer doppelflügrigen Tür wartete, als wir ihn einholten.
Sein Arm schimmerte im Licht der Neonröhren metallisch auf; Steve und er tauschten einen einzigen wortlosen Blick, bevor sie sich beide mit höchster Geschwindigkeit gegen die Tür warfen.
Da diese nur zwei Scharnieren besessen hatte und keineswegs hochgesichert war, flog die Tür nach lediglich einer ihrer gemeinsamen Attacken aus den Angeln –, und wir waren frei.
Ein paar wertvolle Sekunden hatten wir dennoch verloren; Steve und Barnes hatten sich im rechten Moment gegen den Rahmen stemmen müssen und so war ich die Erste, die den Scharfschützen sah. „In Deckung!", schrie ich und ging, so unerfahren wie ich war, nicht in Deckung.
Während Barnes sich ohne einen Blick auf mich durch die zerstörte Türe geschwungen hatte, rannte Steve geduckt zu mir zurück und packte mich erneut an meiner Hand. Dabei kugelte er mir beinahe das Gelenk aus, als er mich halb über den Boden in Barnes' Richtung schleifte.
Ein Schuss erklang und ein metallenes Etwas flog durch die Luft; Steve hatte Barnes seine Glock zugeworfen, der diese nun mit verbissener Genauigkeit auf unsere Verfolger abfeuerte.
Obwohl Steve mich mit seinem gesamten Gewicht von dem Türrahmen wegdrückte; gelang es mir zumindest einen kurzen Blick auf unsere Verfolger zu werfen. Es waren mindestens zwanzig; äußerst verhüllt und sie alle trugen dunkle Hosen mit identischen kugelsicheren Westen. Sie schienen derselben Institution zu entstammen; ein internationaler Kopfgeldbund vielleicht?
Barnes traf mindestens drei von den Schützen – nach dem dumpfen Geräusch fallen gelassener Waffen zu urteilen nach –, aber es waren nicht genug, um uns die unaufhaltsame Masse an Kopfgeldjägern vom Hals zu halten.
„Steve, Magazin!", rief er, während er sich tiefer in den Schatten des Türrahmens drückte. Uns trennten lediglich drei Meter und mehrere Schusssalven voneinander und so musste Steve die Stimme erheben, damit Barnes uns vernehmen konnte: „Hab keins mehr!"
Der Winter Soldier gab ein unwilliges Schnauben von sich und war in der nächsten Sekunde in den Schusssalven.
Offensichtlich hatte der Supersoldat mit dem Todeswunsch seine Deckung aufgegeben und war in einer todesmutigen und äußerst dummen Aktion inmitten unsere Verfolger gestürmt.
Steve gab einen frustrierten Laut von sich und fixierte mich mit sehr bestimmenden Blick. „Bleib du hier."
Dann schwang er sich mit einer leichtfüßigen Eleganz aus seiner derzeitigen Position in Richtung seines besten Freundes, der offenbar nur auf ihn gewartet zu haben schien.
Die Kopfgeldjäger oder Söldner oder was auch immer sie waren, sie hatten keine Chance.
Dort wo Steve die Ablenkung erbrachte, schlug Barnes zu und wo der Winter Soldier jemanden in beeindruckendster Manier das Gewehr aus der Hand hieb, war Steve zur Stelle, um es sofort in Empfang zu nehmen.
Waffen wechselten zwischen ihnen alle zwei Sekunden den Besitzer, niemals traf einer ihrer Schüsse in Leere.
Steve Rogers und James Barnes waren das effektivste Team, das ich jemals gesehen hatte.
Die gemeinsame Zusammenarbeit schien ihnen im Blut zu liegen, es war beinahe so, als hätte jeder der beiden ein Radar für die Dinge, die der andere als nächstes anstellen würde.
Plötzlich verstand ich Steve und seinen brennenden Wunsch, Barnes nicht zu verlieren. Wer in einer solchen Einigkeit auf dem Schlachtfeld kämpfte, der musste im wahren Leben das allerstärkste Band besitzen.
Es machte mir offen gestanden trotzdem ein wenig Angst, mit welcher Überlegenheit sie den Söldnern entgegentraten.
Vor allem Barnes schien sich der Unbezwingbarkeit seiner eigenen Mittel bewusst zu sein; der schimmernde Metallarm war von einer unleugbaren Tödlichkeit, und wann immer er in Kontakt mit einem Hals oder einem Kopf kam, machte er dem Betroffenen sofort den Garaus.
Er war so faszinierend, wie er erschreckend war; eine Naturkatastrophe, von der man die Augen einfach nicht abwenden konnte; so sehr man es auch versuchte.
Als der letzte der Kopfgeldjäger mit einem dumpfen Geräusch auf dem Boden aufkam, waren Steve und Barnes schon dabei, die Leichen auf Waffen zu plündern; Ersterer nahm sich sofort der Handfeuerwaffen an, während Barnes keine Präferenzen zu haben schien, was seine Tötungsmittel anging.
Wahrscheinlich weil er wusste, dass er mit einer Bazooka genauso tödlich war, wie mit einer RPG.
Erst jetzt, da die unmittelbare Gefahr gebannt zu sein schien, fiel mir auf, dass wir uns mitten in einer Garage befanden.
Sonderlich viele Autos waren dort nicht geparkt, aber Steve hielt sofort auf einen Jeep in unserer Nähe zu, der auf dem Dach eine Messstation montiert hatte. In den Ladebereich warf er alle Waffen, die er tragen konnte, während Barnes noch an der Tür die Jackentaschen der Männer durchsuchte.
Ich beeilte mich, zu Steve aufzuschließen, der inzwischen versuchte, das Auto in Gang zu kriegen; ohne Zündschlüssel erwies sich das jedoch, selbst für den Captain, als schwierig.
„Hast du schon in Sonnenblende geschaut?", fragte ich, während ich mich auf die Bank neben ihn quetschte.
Steve öffnete die Klappe und der Autoschlüssel fiel ihm direkt in den Schoß.
„Woher...?"
„Also ehrlich, Steve, in wirklich jedem Hollywoodfilm ist doch mindestens eine Szene, in der der Protagonist ein Auto stiehlt – und der Schlüssel ist wirklich ausnahmslos dort drinnen versteckt!"
Er starrte mich an. „Orla, du überraschst mich immer wieder."
In diesem Augenblick ertönte ein lauter Aufprall hinter uns; Barnes hatte sich auf die Ladefläche zu den Waffen geschwungen und gab Steve offenbar das Okay, den Wagen zu starten.
Durch das schmale Heckfenster beobachtete ich, wie Barnes eine Maschinengewehr mit einem Patronengurt auffüllte und es auf den fünfzehn Zentimeter hohen Rand der Ladefläche abstützte, bevor er sich selbst in paralleler Linie dazu positionierte.
Irgendwie gab er mir das Gefühl, wir hätten sie noch nicht alle abgeschüttelt.
Und tatsächlich; während Steve den Rückwärtsgang so abrupt einlegte, dass ich auf der Bank zur Seite rutschte, brach eine neue Truppe aus der demolierten Tür.
Barnes begann zu schießen, und die schwere Panzerfaust auf der Schulter des einen Angreifers sagte mir, dass sie nun ebenfalls die schweren Geschütze auffuhren.
Ein gleißendes, rauchendes Etwas flog nur knapp über den Fahrerbereich des Jeeps und rasierte die sündteure Forschungsstation auf dessen Dach dafür nicht allzu knapp.
Metallteile rutschten die Fenster des Jeeps hinab und ich fühlte mich unwillkürlich schlecht für den Forscher, der sein Werk von mehreren Jahren durch diesen einzigen Schuss verloren hatte.
Während Steve wilde Schlangenlinien auf dem kürzesten Weg aus der Garage raste, gab Barnes sich große Mühe, keinen Betonpfeiler, dem wir auf dem Weg nach draußen begegneten, unbeschädigt zu passieren.
Kaum, dass wir die Garage auf einer kleinen Erhöhung verlassen hatte und kein Schütze weit und breit in Sicht war, schwang Barnes sich über die Ladefläche an der Seite durch das geöffnete Fenster in das Auto hinein.
Ich erlitt beinahe einen Herzkollaps, als er plötzlich neben mir auftauchte und über meinen Kopf hinweg begann, auf Steve einzureden.
„Das war eine bezahlte Söldnerarmee", sagte er und reichte ihm eine schwarze Karte, auf der in goldenen Lettern ein Name aufgedruckt waren. „Von Strucker. Der Kerl arbeitet bei–"
„HYDRA", beendete Steve seinen Satz. „Ich weiß. Wir haben ihn letztes Jahr in Sokovia bekämpft, aber Ultron hat ihn getötet. Er war derjenige, der die Maximoff-Zwillinge ausgebildet hat."
Apropos Maximoff. „Was ist mit Wanda?", fragte ich besorgt.
„Sie hat Sam und Scott. Ich denke, die drei werden versuchen zu Clints Farm zu gelangen. Sobald sie einen sicheren Ort gefunden haben, werden sie uns kontaktieren." Steve wirkte zuversichtlich, aber ich war nicht ganz überzeugt.
Außerhalb der Forschungsstation war es stockdunkel – der Nachteil, wenn man sich fernab jeglicher Zivilisation aufhielt – und Steve wagte es nicht, die Scheinwerfer zu betätigen.
Es war ohnehin schon schlimm genug, dass der Motor wie ein verwundeter Elch über die leise Wüstenlandschaft röhrte.
Die Forschungsstation in unserem Rücken wurde immer kleiner und kleiner, bis das letzte Licht der Fenster schließlich vollkommen von der Nacht verschluckt wurde.
Wir schwiegen. Keiner hatte sonderlich große Lust über das zu sprechen, das soeben geschehen war.
Steve hielt sich die ganze Zeit an den glitzernden Wassermassen des Flusses und während meine Gedanken um Tony und seine Motive kreisten, spürte ich, wie mein Kopf immer schwerer wurde.
Es war nun nach Mitternacht und ich bemerkte, dass die Müdigkeit mir in jeden Knochen meines Körpers kroch.
Eigentlich hatte ich nicht vorgehabt, einzudösen; immerhin war man nicht jeden Tag mit zwei Supersoldaten auf der Flucht durch die Wüste Wakandas, aber das regelmäßige Knirschen der trockenen Erde unter den Reifen des Jeeps, sowie das beruhigende Auf und Ab des Fahrerhäuschen verleiteten mich schließlich dazu, von der Müdigkeit übermannt zu werden.
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