NINE

the soul unto itself
is an imperial friend –
_____________

Die Nachtluft war erstaunlich kühl, dafür, dass die Tageshöchsttemperatur die fünfzig Grad-Marke überschritten hatte.

Während ich meinen Namen unter die Grußfloskel der E-Mail setzte, brach Scott mit zwei Tassen heißer Schokolade durch die automatisierte Glastür, die den Treppenabsatz von der Dachterrasse trennte.

Obwohl es schon spät war – nach Mitternacht –, sah ich mich von einer Reihe Forscher umgeben, die hier stationiert waren und den Abend ebenfalls auf der breiten Terrasse ausklingen ließen.

Keiner von ihnen sprach mich an, aber ich spürte ihre neugierigen Blicke auf mir, und natürlich erst recht auf Scott, der mit seinem halb hinunter gekrempelten Anzug ein wahrer Hingucker war. Er erinnerte mich ein wenig an einen Snowboarder, der seinen Anorak loswerden wollte.

„Hier", sagte er und stellte die Tassen vor mir ab. „In einer von denen ist ein Schuss Whiskey drin, aber ich hab vergessen in welcher."

Ich hob eine Augenbraue und schnupperte misstrauisch an beiden Tassen. „Ich glaube, der Alkohol ist inzwischen ohnehin verdampft."

Scott ließ sich auf die Bank fallen, die am Picknicktisch angebracht war, der Kakao schwappte aus den Tassen und bildete eine braune Pfütze auf dem Tisch.

„Hol Servietten", befahl ich ihm streng, aber er überging meinen Kommentar.

Mit abwesender Miene trank er einen Schluck aus der Tasse, die er nach kurzer Überlegung ausgesucht hatte, und starrte nachdenklich in den Nachthimmel.

Die Sterne waren äußerst gut erkennbar; die nächste Stadt befand sich mehrere hundert Kilometer entfernt von hier und die Lichtverschmutzung war dementsprechend gering. Außerdem war keine Wolke am Himmel zu sehen, ein weiterer Grund, warum die Luft sich hier so eisig anfühlte.

Ich klappte den Laptop zu und nahm mir ebenfalls eine Tasse.

Scott schwieg und starrte weiterhin auf das Himmelszelt.

Ich kannte ihn nicht, wusste nicht einmal seinen Nachnamen, und trotzdem konnte ich erkennen, dass ihn irgendetwas bedrückte.

„Woran denkst du?", fragte ich, während ich einen Schluck von dem heißen Gebräu nahm.

„Ich versuche den Abstand zwischen der Erde und dem Mond mithilfe der Himmelsmechanik zu ermitteln", entgegnete er trocken. „Nein, was glaubst du, wenn ein Mann mit traurigem Blick in die Sterne starrt, woran wird er denken?"

„An seinen Kontostand. Die Hungersnöte dieser Welt. Korruption in Brasilien. Die Ungerechtigkeit, mit der der Regen dieser Welt auf dem Planeten verteilt ist?", schlug ich vor und Scott hob eine Augenbraue.

„Bei Gott, Orla, bist du unromantisch."

Ich fragte ihn nicht, woher er meinen Namen kannte. Wahrscheinlich war ich bei Team Captain America ohnehin Gesprächsthema Nummer Eins; immerhin bedeutete ich ihre Hoffnung aus dem Exil entfliehen zu können.

„Frau?", fragte ich und nahm noch einen Schluck.

Scott schnaubte. „Nein, Tochter. Cassie ist sieben. Ich habe ihren Buchstabierwettbewerb verpasst. Ich bin der schlechteste Vater aller Zeiten."

„Nein, bist du nicht", widersprach ich. „Du tust etwas für die allgemeine Verbesserung dieser Welt, indem du mit Captain America kämpfst – und das ist mehr, als die meisten Väter bereit sind zu tun."

Ein Lächeln flog über seine Lippen. „So habe ich es noch gar nicht betrachtet."

Eine Weile schwiegen wir, während jeder mit seinen Gedanken beschäftigt war. Scott wollte nach Hause, das konnte ich nur zu gut verstehen. Niemand von Team Cap war gerne hier, so viel hatte ich inzwischen verstanden.

Aber Tony Stark machte es ihnen unmöglich, sich wieder unter die Leute zu mischen – hier war tatsächlich der einzige Ort, an dem sie frei von der Gefahr waren, gefangen genommen zu werden.

Wenn ich der UN eine Resolution vorbrachte, in der ich die Motive und Hintergründe des Winter Soldiers hinreichend erklärte – vorausgesetzt, der amerikanische UN-Vorsitzende würde meinen Antrag annehmen –, und der Winter Soldier würde aus irgendeinem Grund politische Immunität und einen ausgiebigen Aufenthalt in einer Psychiatrie ausgeschrieben bekommen, selbst dann wäre Stark persönliche Vendetta zumindest für Barnes immer noch nicht aus der Welt geschafft.

Steve und seinen Mitverschwörern musste irgendwie bewiesen werden, dass sie den Vertrag, der zu ihrem Zerwürfnis geführt hatte, nicht aus Böswilligkeit, sondern aus dem eigenen Streben nach Erhaltung nicht unterschrieben hatten.

Und dann müsste das erneute Schließen eines solchen Vertrags verhindert werden. Nur auf diese Weise konnte Scott bald nach Hause zurückkehren.

Und der Winter Soldier würde niemals Frieden finden. Warum musste diese Situation auch so unglaublich ausweglos sein?

______________

Der neue Tag kam mit einer unangenehmen Überraschung.

Wanda hörte sie zuerst, Steve wurde am wütendsten und Barnes tat so, als sei sie ihm egal.

Ich war in erster Linie enttäuscht.

Tony Stark war kalt. Und das stimmte mich traurig.

Wanda rief uns alle an den Fernseher; ich hatte in einem Politikmagazin über die neue Protokollregelung im Sicherheitsrat geschmökert und Steve lümmelte auf dem Sofa und krakelte grimmig auf einem Stück Papier herum.

„Leute, das solltet ihr euch ansehen!", rief sie und schaltete den Fernseher auf das Maximum seiner Lautstärke.

Ich legte die Zeitung beiseite und befreite mich von dem Kissen, das ich ans Fenster gelegt hatte, um die auf dem Bett liegende Wanda zu erreichen.

„Tony Stark, notorischer Waffenmagnat und Multimilliardär, schockierte die Weltöffentlichkeit heute Morgen bei einer privaten Pressekonferenz mit der Enthüllung, dass Captain Steve Rogers die Avengers verlassen habe und sich nun vor der staatlichen Gerechtigkeit entfliehe."

Die Stimme der Berichterstatterin des Kanals schallte durch das Appartement und Steve, der zeitgleich wie ich bei Wanda angelangt war, stieß ein überraschtes Keuchen aus.

„Offensichtlich versteckt der Mann, der unter dem Alias Captain America seit dem Zweiten Weltkrieg im Dienst der Vereinigten Staaten steht, einen Auftragsmörder und weigert sich standhaft diesen den Autoritäten auszuliefern."

Die Kamera schwenkte auf eine Grafik um, in der ein grobes Phantombild des Winter Soldiers unter einer Reihe an Daten eingeblendet wurde. Am prominentesten stach der sechzehnte Dezember 1991 heraus, rot unterlegt und mindestens zwei Schriftgrößen über den anderen Jahreszahlen.

„Stark behauptet, dass der Winter Soldier, so der Name des Killers, den man bereits mit Terrorkatastrophen wie D.C. letztes Jahr und Wien vor wenigen Tagen in Verbindung bringt, nun auch für den Tod des Firmeninhabers Howard Stark und seiner Frau Maria verantwortlich ist."

Ein Video wurde eingeblendet, ein Mitschnitt einer Pressekonferenz in Starks Firmensitz. Tony stand auf einem Podium vor einem Rednerpult.

Das Ganze erinnerte mich unangenehm an die berühmt berüchtigte Stellungnahme zu den Gerüchten, er stecke hinter Iron Man, vor inzwischen mehr als sechs Jahren.

„...erweist sich Steve Rogers als ein Staatsfeind und ich schreibe eine Belohnung von mehr als einer Million Dollar auf denjenigen aus, der ihn mir lebendig bringt. Das doppelte an Kopfgeld wird für den Winter Soldier – tot oder lebendig – angesetzt und ingesamt zehn Millionen für denjenigen, der mir beide bringt..."

Er klang eiskalt. Eiskalt und skrupellos. Genauso, wie er mir Steve beschrieben hatte, als er noch auf mich angewiesen gewesen war.

„Er ist verrückt", hauchte Wanda.

Steve riss ihr die Fernbedienung aus der Hand und stellte den Fernseher auf stumm. Er sagte kein Wort, aber ich spürte, wie wütend er war. Wütend und verletzt. Dann –

„Stark! Dieser falsche, dreckige Hun–"

„Steve, beruhig dich!", sagte Wanda und legte ihre Hände um seine Arme. „Niemandem ist geholfen, wenn du jetzt die Fassung verlierst."

Ich saß wie gelähmt auf dem Bett und beobachtete Steve – der sonst niemals ansatzweise über die Stränge schlug –, wie er kurz davor stand, den Fernseher aus der Wand zu reißen.

„Er ist so blind! So verbohrt und engstirnig. Dieser verrückte Rachefeldzug raubt ihm das letzte bisschen Anstand, das er nach den Jahren in der Waffenbranche noch besessen hat." Seine Armmuskeln traten überdeutlich hervor, während er seine Hände wütend zur Faust ballte.

„Steve", murmelte ich und er sah mich an.

„Was ist, Orla?"

„Wir müssen hier weg."

Er nickte. „Ich weiß."

Wanda, die Steve noch immer halb umarmt hielt, hob den Kopf. „Wieso? Wir können uns doch noch weiter hier verstecken! Hier ist der einzige Ort der Welt, an dem wir sicher sind."

„Nein, Wanda", erwiderte Steve bestimmt. „T'Challa hat uns hier unterkommen lassen, weil er ein schlechtes Gewissen wegen Bucky hatte. Nun hat sich die Situation aber gründlich geändert; Stark wird seinen Drohungen auch Taten folgen lassen und zehn Millionen Dollar sind selbst für einen Kopfgeldjäger ein Haufen Geld. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis hier jemand plaudert."

„Nein", widersprach Wanda vehement. „Das sind doch nur Forscher, von denen sich die meisten mit Technologien auseinandersetzen, wie man Wasser aus der Wüste gewinnt oder andere, die den lieben langen Tag Antilopen bei der Balz beobachten. Sie mögen mich, sie sind nett zu mir!"

„Geld lässt Menschen schreckliche Dinge tun, Wanda", murmelte Steve und sein Blick begegnete meinem über ihren Kopf hinweg.

Ich schwieg. Wie recht er doch hatte.

Die meisten Verbrechen, die dem internationalen Gerichtshof vorgelegt wurden, waren aus Geldgründen begangen worden, und diejenigen anderen aus dem Sterben nach Macht – was im Grunde auf dasselbe hinauslief.

Geld oder Macht; unterschiedliche Wörter und Bedeutungskerne für ein gleiches, irrsinniges Ziel.

Und ich wusste, dass Steve die Wahrheit sprach. Wir waren hier nicht mehr sicher. T'Challa war dem Captain zwar nicht feindlich gesinnt; aber wenn dieser den Krieg und den Abschaum der Kopfgeldjäger und Assassinen ins Land brachte, dann war der König sicherlich nicht sonderlich erbaut über dessen längeren Aufenthalt.

„Wie viele von euch sind hier?", fragte ich.

„Wanda, Scott, Buck, Sam und ich", antwortete Steve wie aus der Pistole geschossen. „Sam und Scott sind aber in einem anderen Bereich des Gebäudes untergebracht, noch weiter entfernt als Bucky."

„Okay." Ich zermarterte mir mein Hirn darüber, wie wir von hier entfliehen wollten, ohne die Aufmerksamkeit der hier stationierten Forscher auf uns zu ziehen.

Eigentlich gab es nur eine Möglichkeit. „Wir müssen uns–"

„–aufteilen", beendete Steve meinen Satz. „Ich weiß."

Wanda sah erschreckt zwischen uns beiden hin und her. „Nein, nicht aufteilen! Das ist eine total schlechte Idee! Steve muss mit Barnes gehen, sonst haben wir bald das nächste Problem, und dann sollte Orla die beiden begleiten, weil sie von ihnen gebraucht wird und das heißt wiederum, dass ich mit Sam und Scott fliehen muss – und die beiden kriegen absolut nie etwas auf die Reihe!"

Steve musste trotz der angespannten Situation lachen. „Hey, sag das nicht in ihrer Gegenwart, sonst lassen sie dich gleich hier zurück." Dann wandte er sich wieder mir zu. „Das alles muss auch nicht in diesem Augenblick entschieden werden. Wir müssen lediglich die anderen drei hierher rufen, den König informieren und umgehend mit den Aufbruchsvorkehrungen beginnen."

„Ich suche Scott und Sam", bot Wanda sich an und Steve nickte nervös. „Aber beeil dich. Wir sollten uns nicht zu viel Zeit lassen."

Das ließ Wanda sofort in Panik verfallen. „Was ist, wenn ich sie nicht sofort finde?"

Während Steve versuchte, Wanda zu beruhigen, machte ich ein paar Schritte auf die große Fensterfront zu, vor der ich vor wenigen Minuten noch gesessen hatte.

Die Nacht brach an, und die Savanne war wie jeden Abend in blutrotes Licht getaucht.

Die Szenerie wirkte vollkommen friedvoll, idyllisch und beinahe so, als wäre sie nicht von dieser Welt. Die wenigen Bäume, die aus dem harten Erdboden gebrochen waren, wiegten sich sanft in Wind.

Ein tiefes Grollen erschallte in einem dunklen Tenor über die breite Wüste und die Bäume begannen plötzlich, die Geschwindigkeit der Rotorenblätter aufzunehmen, die wenige Meter mit rasender Geschwindigkeit über sie hinweg flogen.

Eine Armada von Hubschraubern kam auf die Station zu, Militär, Polizei, Geleit – von verschiedener Art und Form, aber sie alle hatten eines gemeinsam: den hellblauen Schriftzug auf dem Seitenflügel: Stark International.

„Steve, Wanda", sagte ich leise. „Wir haben ein Problem."

_____________

Bạn đang đọc truyện trên: AzTruyen.Top