NINETEEN

time is very short for
those who celebrate.
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Bucky erinnerte sich an mich.
Er erinnerte sich an mich.
Er hatte nicht vergessen, wer ich war.

Die Worte hallten wie ein ständiges Mantra durch meinen Kopf und ich spürte, wie mir schwindlig wurde und schwarze Punkte in meinem Blickfeld zu tanzen begannen.

Ich ließ mich auf die Couch sinken.

Natasha hatte sich schon längst wieder von mir verabschiedet; sie hatte mir mitgeteilt, dass sie sofort zu Clints Farm aufbrechen würde, um sich den anderen anzuschließen. Ich hatte gleichgültig genickt und sie zur Tür gebracht, ohne tatsächlich zu wissen was ich tat.

Sobald sie verschwunden war, schienen meine Gedanken enorme Ausmaße anzunehmen; sie schrieen mich an, hallten in meinen Kopf wieder, so als wollten sie mich in die Knie zwingen.

Bucky.

In den vergangenen Monaten hatte viel Zeit gehabt, über das nachzudenken, was diese letzten zwei Tage zwischen uns vorgefallen war.

Und langsam aber sicher war mir die Erkenntnis gekommen, dass ich sehr viel mehr für ihn empfunden hatte, als ich es irgendjemanden erzählen würde; geschweige denn Natasha.

Ich vermisste ihn. Ich vermisste einen Mann, den ich gerade eine Woche gekannt; und nur zwei Tage davon gemocht hatte. Ich vermisste jemanden, der bei jeder Gelegenheit spöttisch und gemein zu mir gewesen war; bis er es plötzlich nicht mehr war. Ich vermisste einen gesuchten Mörder, eine willenlose Marionette einer Institution, die man nur als böse beschreiben konnte.

Ich rollte mich auf dem Sofa zusammen und starrte mit leeren Blick an die Decke.

Es war so lange her gewesen, dass ich ihn gesehen hatte; fast ein Jahr und trotzdem erschien es mir, als sei es gestern gewesen, als dass er mich im Schnee mitten in Bukarest geküsst hatte.

Ich wünschte, ich könnte irgendetwas tun, um ihm zu helfen, sich zu erinnern.

Aber ich wusste nicht einmal, wo er sich im Augenblick befand.

Irgendwann, als meine Gedanken langsamer wurden und mir erlaubten, sie zu vergessen, schlief ich ein.

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Mitten in der Nacht wurde ich durch das prickelnde Gefühl auf meiner Haut geweckt, das sich abfühlte, als ob jemand mich beobachtete.

Sofort begann mein Herz zu rasen und ich drehte mich langsam in den Kissen um, während ich die Augen fest geschlossen hielt.

Falls wirklich jemand in der Wohnung war, wollte ich ihn nicht durch plötzliches Wachwerden alarmieren.

Schließlich hatte ich mich in eine Position gebracht, die es mir erlaubte, in Richtung des Fensters zu sehen.

Es war relativ hell im Wohnzimmer; Vollmond und die Vorhänge waren nicht zugezogen und als ich die Augen ein stückweit öffnete; machte ich die große, dunkle Gestalt sofort aus, die am Fenster stand und scheinbar zu mir blickte.

Während mein Herz vor Angst beinahe aus meiner Brust zu springen schien, setzte ich mich vorsichtig auf.

„Wer ist da?", fragte ich mit fester Stimme.

Die Gestalt am Fenster bewegte sich so weit, als dass ich einen kurzen Blick in ihr Gesicht werfen konnte.

Diese kristallblauen Augen und das dunkle, halblange Haar würde ich überall wieder erkennen.

„Bucky?"

Meine Stimme versagte mir den Dienst, sie klang brüchig und so, als wollte sie gar nicht zu mir gehören.

Er sagte nichts. Nun war auch das Metall seines Armes viel besser ersichtlich.

„Bucky, was tust du hier?", fragte ich sanft und erhob mich vorsichtig vom Sofa.

„Ich kenne dich", sagte er plötzlich. „Ich kenne dich, aber ich weiß nicht, wer du bist."

Ich wagte es nicht, mich ihm noch weiter zu nähern, den Abstand zwischen uns noch weiter zu verringern; auch wenn ich nach diesen elf Monaten nichts lieber getan hätte, als seine Haut endlich wieder unter meinen Fingern zu spüren.

„Bucky, du kennst mich. Ich bin Orla."

„Orla", wiederholte er, als ob das Wort ihm entfernt etwas sagte, aber er im Augenblick nicht entscheiden konnte; ob ich eine Lügnerin war oder nicht.

„Du bist James Buchanan Barnes", fuhr ich leise fort und langsam; so damit er von der Schiere dieser Information nicht überschüttet wurde. „Du bist 1917 in Brooklyn geboren. Du warst im hundertundsiebten Infanterieregiment. Dein bester Freund ist Steve Rogers."

„Steve...", flüsterte er und Erkenntnis blitzte in seinen Augen auf.

Ich entschied, dass es sicher war, noch einen Schritt auf ihn zuzumachen. Bucky blickte mich unverwandt an, schien seine kalte Metallhand jedoch nicht erneut um meinen Hals legen zu wollen. Zumindest noch nicht.

„Du bist Bucky", murmelte ich und war ihm nun so nahe, als dass ich meine Hand ausstrecken und ihn berühren konnte, wenn ich wollte. „Du bist nicht HYDRA."

Er schüttelte den Kopf; so, als wollte er diese Wahrheit nicht hören, aber er blieb um eine Erwiderung verlegen.

„Was machst du hier?", fragte ich erneut, diesmal mit mehr Nachdruck in der Stimme.

„Ich bin ihr gefolgt."

„Wem?"

„Der anderen. Der Frau, die vor kurzem hier war. Ich sollte sie ausschalten, aber als sie dich im Park beobachtet hat, wusste ich plötzlich, dass ich dich kenne."

Er hatte mich am Park gesehen. Und seine Mission, Natasha Romanoff zu töten, war damit vollkommen in Vergessenheit geraten.

„Bucky", murmelte ich jetzt. „Ich kann dich zu Steve bringen. Er kann dir helfen. Er weiß, was zu tun ist."

Aber Bucky schien mich nicht zu hören, viel mehr fixierte er mein Haar, das wirr und verknotet von meinem Kopf abstand.

„Da war etwas mit Schnee", sagte er plötzlich. „Und... Sand, sehr viel Sand."

„Der Schnee war in Bukarest", entgegnete ich. „Und die Wüste in Wakanda. Wir sind vor HYDRA geflohen, erinnerst du dich?"

„Bukarest...", wiederholte er langsam. „Wakanda..."

„Wir... ähm... haben uns geküsst, wenn du dich erinnerst." Ich klang verlegen. Verständlich. Nicht jeden Tag musste man einen gehirnmanipulierten Auftragskiller davon erzählen, wie er einen inmitten Schnee und Dunkelheit geküsst hatte.

Bucky fixierte mich weiter, sein Blick leer.

Mein Herz sank. Er erinnerte sich nicht daran. Er wusste nur, dass er mir kannte. Und sonst nichts.

„Bucky", wiederholte ich flehentlich. „Du musst mit mir kommen. Wir können dir helfen, bitte! Wenn du zurück zu HYDRA gehst, dann werden sie dich immer und immer wieder löschen, rebooten und einfrieren, bis nichts mehr von dir übrig ist. Ich kann das nicht zulassen!"

Ich hatte etwas Falsches gesagt; ich wusste es in dem Augenblick, in dem seine Augen das letzte bisschen Wärme verloren.

„Ich sollte dich zu ihnen bringen", murmelte er. „Sie werden wissen, warum ich dich kenne."

Mein Magen machte einen unangenehmen Schlinger. „Bucky, nein. Sie sind die letzten, die dir helfen wollen! Du bist ihre Waffe und nicht mehr."

Bucky jedoch schien seine Entscheidung schon getroffen zu haben. „Du kannst entweder aus freien Stücken mitkommen, oder nicht."

Das 'Nicht' klang so gefährlich, dass ich mich unwillkürlich für die andere Alternative entschied.

„Bucky!", flehte ich ihn an. „Du musst das nicht machen! HYDRA wird mich töten; willst du das wirklich?"

Wie immer, wenn ich mit der Wahrheit herausrückte, wurden seine Augen stumpf und seine Lippen pressten sich unnachgiebig aufeinander.

Er hob seinen Arm und bevor ich irgendwie reagieren konnte, schlug er mir mit seiner Metallhand so abrupt vor den Kopf, dass ich sofort das Bewusstsein verlor.

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Mein Kopf schmerzte.

Der Boden unter meinen Rücken fühlte sich hart, kalt und feucht an.

Meine Finger waren eisig klamm und ich zitterte am ganzen Leib.

Als ich die Augen öffnete, war ich von vollkommener Schwärze umgeben.

Vielleicht hatte Bucky einen Sehnerv eingeklemmt, als er mich ohnmächtig geschlagen hatte. Oder es war einfach nur wirklich stockdunkel.

Mein Kopf wehrte sich vehement, als ich versuchte, mich aufzusetzen. Ich hatte das Gefühl, mir einen Schädelbasisbruch zugezogen zu haben, aber wahrscheinlich war das nur ein Trugschluss, denn es fühlte sich nicht so an, als wäre mein Schädelknochen in irgendeiner Weise gespalten.

Nichtsdestotrotz; diese Kopfschmerzen. Sie brachten mich buchstäblich um den Verstand.

Eine Weile lag ich zusammengerollt auf dem Boden und versuchte, nicht ohnmächtig zu werden vor Schmerz und gleichzeitig irgendwie zu ermitteln, wo ich hier war.

Es war kalt und feucht; das ließ entweder auf ein unterirdisches Höhlensystem schließen, das in irgendeinen feuchten Berg gehauen worden war, oder aber auf eine schlecht isolierte Anlage irgendwo in den kalten Gebirgen dieser Welt.

Hatte ich nicht mal irgendwo gehört, dass die erste HYDRA-Einrichtung in den österreichischen Alpen gelegen hatte?

Irgendwie wurde ich das Gefühl nicht los, dass ich mich tatsächlich irgendwo in den Bergen befand.

Es war gut, dass ich nicht wusste, wo ich war. Die Ermittlung dieses Umstands trug enorm dazu bei, dass ich nicht an Buckys Verrat denken musste und an die Tatsache, dass er HYDRA offenbar ergebener zu sein schien, als ich zuerst angenommen hatte.

Schließlich kroch ich zur Wand; oder zumindest in die Richtung, in der ich eine vermutete.

Meine Finger trafen das nasse, kalte Gestein einer Mauer, in die diese Zelle offenbar grob gehauen worden war.

Wo war hier der Ausgang?

Wahrscheinlich auf der gegenüberliegenden Seite, denn ich könnte mir nicht vorstellen, dass jemand sich die Mühe machte eine Tür in festes Gestein einzulassen.

Vorsichtig rollte ich über den Boden und machte ein paar Robbbewegungen in die andere Richtung.

Doch die Zelle schien größer zu sein, als ich angenommen hatte. Ich war schon mindestens zehn Meter vorgedrungen und noch immer berührten meine Finger kein Gestein.

„Der Eingang ist über uns."

Eine heisere Stimme erklang aus der Dunkelheit und ich musste mich beherrschen, vor Schreck und Überraschung nicht laut aufzuschreien.

Sie kam von der Wand in meinem Rücken; die ich bisher noch nicht abgesucht hatte.

„Wer ist da?", fragte ich möglichst forsch in die Dunkelheit.

„Ein weiterer Gefangener von HYDRA. Genau wie du."

Die Stimme klang männlich und ein wenig rau, so als sei sie mehrere Tage nicht verwenden worden.

„Bruce Banner", stellte er sich vor, bevor er in einen Hustenanfall ausbrach. „Diese ewige Feuchtigkeit wird noch mal meinen Tod bedeuten."

Banner war hier! Der Avenger, den Natasha so verzweifelt gesucht hatte.

Er war wie ich von HYDRA gefangen genommen worden; wahrscheinlich planten sie, Experiment an ihm zu vollführen, falls der Winter Soldier seinen Nutzen überschritten hatte.

„Orla Crimson", antwortete ich und versuchte, näher auf den Ursprung der Stimme zuzukriechen.

„Wer bist du, dass HYDRA sich die Mühe macht, dich erstens gefangen zu nehmen und zweitens bis jetzt noch am Leben zu lassen?" Banner klang erschöpft, so als sei er schon länger in dieser Zelle, als dass es für seine Gesundheit förderlich war.

„Ich kenne den Winter Soldier." Ich drehte mich auf den Rücken und versuchte, nicht allzu viel von der eisigen Kälte durch meine dünne Jacke dringen zu lassen. „Außerdem bin ich die einzige, die weiß, wo Captain America, Scarlet Witch, Ant-Man und Falcon aufhalten."

Banner klang interessiert. „Und wie kommst du in Besitz dieser empfindlichen Informationen?"

Ich lachte bitter. „Glaub mir, das frage ich mich auch seit geraumer Weile. Wie bin ich überhaupt in diese ganze Avengers-Sache hineingerutscht?"

„Bist du ein verbessertes Individuum?"

„Falls du fragst, ob ich irgendwelche Superkräfte habe; nein. Da muss ich dich enttäuschen. Ich ganz und gar gewöhnlich."

Banners Stimme hatte inzwischen etwas Festigkeit zurückgewonnen. „Wenn du gewöhnlich wärst, dann wärst du jetzt wohl nicht hier."

„Wie gesagt; meine jetzige Position hat mehr damit zu tun, wen ich kenne, als wer ich bin."

Diese Antwort schien Bruce Banner zufrieden zu stellen, denn eine Weile hörte ich nichts von ihm.

„Wie lange bist du schon hier?", fragte ich, als die Stille unerträglich geworden war.

„Ein paar Tage. Ich weiß nicht genau. Aber sie lassen mich weitgehend in Ruhe; sie geben mir Essen und lassen mich zwei mal am Tag in ein Badezimmer. Ich habe das Gefühl, sie wissen nicht so richtig, was sie mit mir anstellen wollen."

Das klang nicht gut. Wenn der Hulk – der in seiner grünen, wütenden Form für jeden anderen Avenger zur Gefahr wurde, in die Hände von HYDRA fiel, dann war ihnen die Weltherrschaft eigentlich schon sicher.

„Keine Sorge, Orla", sagte Bruce nun. „Ich bin nicht so einfach zu brechen."

Ich schwieg und klammerte mich an der Hoffnung fest, dass er wusste, wovon er sprach.

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