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Donnerstag war Junmyeon nicht im Haus und Luhan wusste nicht sicher ob ihn das erleichterte oder bedrückte. Er hatte die Frühschicht ab elf Uhr übernommen und war kaum überrascht, als er Sehun nach seiner Schicht vor dem Restaurant herumlungern sah. Er lächelte ihm zu, als er Luhan herauskommen sah.

„Ich dachte, du hättest es dir abgewöhnt mich zu überraschen. Meine Telefonnummer hat sich nicht geändert."

Sehun zuckte die Achseln. „Erinnerst du dich? Du meintest, du könntest genauso gut kochen wie Minseok und dass du es mir beweisen würdest."

Luhan blinzelte ihn an. „Und?"

„Na ja, beweis es mir?"

Luhan schwieg für eine ganze Weile, bevor er schließlich seufzte. „Gut, ich mache Abendessen." Er blickte zu Sehun herüber. „Aber ich habe gelogen, ich kann nicht einmal Ansatzweise so gut kochen wie Minseok."

„Das dachte ich mir schon", gab Sehun zu. „Minseok-hyung hat mir erzählt, dass du früher mal Nudeln anbrennen gelassen hast, weil du nicht wusstest, dass man sie in Wasser kocht."

Luhan knirschte mit den Zähnen. Dieser miese Verräter grub noch immer seine peinliche Vergangenheit ans Tageslicht. „Das war einmal." Einmal, weil er danach geschworen hatte nie wieder Nudeln zu kochen und diesen Schwur viele Monate lang eingehalten hatte – bis Minseok ihm gezeigt hatte, wie es ging.

„Ehrlich? Es ist wahr? Ich habe ihm nicht geglaubt, als er mir davon erzählt hat." Sehun lachte und stieß dabei mit der Schulter gegen Luhans. Luhan stimmte unweigerlich in sein Lachen ein.

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Statt von der Bushaltestelle also direkt nachhause zu gehen, machten Luhan und Sehun einen Abstecher beim Supermarkt, den Luhan normalerweise nur für Alkohol und Snacks aufsuchte. Er hatte keine Ahnung was er kochen sollte...gar konnte, aber wahrscheinlich würde es kein gutes Licht auf ihn werfen, wenn er mit Tiefkühlpizza ankam. Luhan biss unentschlossen auf seiner Unterlippe herum und ging ratlos durch den Laden. Er könnte Spiegeleier machen...das hatte er auch damals getan, als Sehun zum ersten Mal bei ihm übernachtet hatte und es war ihm gelungen also...aber Spiegeleier waren vielleicht nicht sonderlich beeindruckend und Luhan konnte natürlich mehr....nur was? Er lief weiterhin ratlos zwischen den Regalen umher.

Sehun folgte ihm und beobachtete das Ganze mit einer Mischung aus Unglauben und Belustigung. Es war als wären sie wieder Klamottenkaufen, nur dieses Mal in vertauschten Rollen.

„Gut, du hast verloren, aber ich habe sowieso nie geglaubt, dass du wirklich kochen kannst", sagte Sehun schließlich, als Luhan sich gerade geschäftig in der Öl und Essig Abteilung umgesehen hatte. „Wie wäre es, wenn ich koche?"

„Du kannst kochen?", erwiderte Luhan erstaunt. „Das wusste ich nicht."

„Ich bin praktisch zwischen den Ferienhäusern und Herbergen meiner Eltern aufgewachsen und als Kind habe ich gerne überall meine Nase hineingesteckt. Auch in der Küche." Er legte einen Arm um Luhan und drehte ihn in die Richtung der Obst- und Gemüsekörbe, die Luhan einfach passiert hatte. „Als ich vierzehn war habe ich über die Sommerferien in einem unserer Gasthäuser ausgeholfen. Man hat mir dort die Basics beigebracht, aber ich wollte nie Koch werden, also habe ich es bei den Grundlagen belassen."

„Das ist wirklich erstaunlich", sagte Luhan und stand neben Sehun, während er anfing Gemüse in den Einkaufskorb zu laden.

„Meine Eltern haben darauf bestanden, dass ich meine Ferien sinnvoll nutze und ich habe genug Geld verdient um mir eine Playstation zu kaufen. Es war also für mehr als nur einen guten Zweck." Er wandte sich zu Luhan um. „Hast du Reis Zuhause?"

Luhan schüttelte den Kopf.

„Kein Reis?" Er hob beide Augenbrauen an. „Wow, sogar Jongin hat einen Sack Reis in seinem Kleiderschrank rumliegen."

Luhan zuckte die Achseln. „Ich kann mir Reis aus dem Restaurant besorgen, wenn ich möchte."

„Ich weiß, was ich dir zu Weihnachten schenken werde."

„Bitte nicht. Ich weiß nicht, ob Reis schlecht werden kann, aber ich will es auch nicht testen." Er stemmte eine Hand in die Hüfte und tat so, als würde er nachdenken. „Wobei, dann hätte ich das perfekte Geschenk für Kyungsoo. Er steht auf simple, effiziente Sachen."

Sehun schüttelte den Kopf, bevor er ihn breit angrinste. „Ich meine nicht einen Sack Reis." Er zeigte mit dem Daumen auf seine eigene Brust. „Ich schenke dir mich als Gutschein. Ich koche dir Reis."

„Nein danke", sagte Luhan kühl. „Ich mag meine Köche lieber im Restaurant und nicht bei mir Zuhause."

Sehun kicherte leise. „Ich kann dir auch andere Dienste anbieten."

„Ich weiß nicht, ob ich wissen will welche."

Sehun trat unerwartet einen Schritt näher, bis er Luhan nah – zu nah – stand. Seine Haut war rein, wo Luhan in seinem Alter mit Akne kämpfen musste. Luhan konnte kleine Poren auf seiner Nase sehen und ein winziges Muttermal neben seiner rechten Augenbraue, das ihm davor nie aufgefallen war. ‚Er ist wie Zuckerwatte', schoss es Luhan durch den Kopf. ‚Süß und so unendlich klebrig, wenn man ihn erst einmal Stück für Stück auseinandernimmt.' Wahrscheinlich war Sehuns Anwesenheit nicht gut für Luhan, aber es war schwer sich von ihm fernzuhalten. Klebrig und Süß.

„Ich wollte eigentlich einen Scherz machen." Seine Augen funkelten wegen den Deckenlichtern, wie Wunderkerzen am Silvesterabend. „Aber ich habe vergessen, was ich sagen wollte. Ich wünschte ich könnte dich küssen. Darf ich?"

Zuckerwatte.

Süß.

Klebrig.

Großartig.

„Ich breche dir den Arm wenn du näher kommst", sagte Luhan und leckte sich über die Unterlippe, weil sein Mund plötzlich sehr trocken geworden war. „Lass uns einfach den Rest der Lebensmittel kaufen und dann von hier verschwinden."

Sehun griff nach seiner Hand, als Luhan sich abwenden wollte. Er drehte sich langsam zu ihm um. „Und später?" Er räusperte sich. „Was ist...mit später?"

Luhan spürte Wärme in seine Wangen und Ohren schießen. Er drehte sich schnell wieder um und befreite seine Hand aus Sehuns schlaffem Griff. „Du spinnst doch. Auf keinen Fall." Sehun seufzte leise hinter ihm, aber Luhan ging bereits in die andere Richtung, nicht sicher warum er das Verlangen danach hatte zu flüchten.

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Sehun kochte besser als Luhan erwartet hatte und hörte nicht auf ihn zu loben, während sie sich am Esstisch gegenübersaßen.

„Du hast nur wenig erwartet", sagte Sehun bescheiden, konnte jedoch nicht aufhören auf seine Suppenschale hinunter zu grinsen. „Das war nichts."

„Nicht viel erwartet? Du vergisst, dass ich an hochklassiges Essen gewöhnt bin. Du bist wirklich gut, kochst du auch Zuhause?"

„Manchmal", antwortete Sehun. „Junmyeon gibt sich Mühe zu kochen, damit wir zusammen Abendessen können, aber ich bin mir sicher, dass er sich nur meinetwegen die Mühe macht. Er kann auch nicht wirklich kochen", gab Sehun zu und legte seine Stäbchen kurz beiseite um einen Schluck aus seinem Glas zu trinken. „Ich versuche jetzt langsam die Küche zu erobern, ohne dass er sich dafür schlecht fühlt."

„Du bist wirklich ein guter kleiner Bruder Sehunnie. Ich würde dich adoptieren." Und vielleicht war Luhan ein Idiot oder auch nur ein dummer Feigling. Er hatte seine Worte nicht so gemeint, aber er hatte auch irgendwie darauf gebaut, dass sie Sehun verletzen würden.

Sehun schwieg für einen langen Moment, bevor er sein Glas wieder abstellte ohne dass es einen Laut machte. „Ich weiß nicht. Ich bin in Wahrheit gar kein so guter Bruder. Ich habe viele Geheimnisse vor Hyung." Seine Haare fielen ihm in die Augen und warfen Schatten über sein Gesicht. Luhan konnte ihn nicht lesen, auch weil er Luhan nicht in die Augen sah. „Ich habe ihm nicht erzählt, dass ich ständig an dich denken muss. Dass die Person, die ich mag, Du bist. Dass ich an deine Stimme und an deine Hände denke, wenn ich mir unter der Dusche einen runterhole." Luhan zuckte leicht zusammen, als Sehun schließlich wieder zu ihm aufsah und schief lächelte. Seine Augen schrien ihm Schmerz entgegen. „Ich denke nicht, dass du mich adoptieren solltest. Du müsstest noch mehr Zeit mit mir verbringen und ich würde jede Sekunde nutzen, um bei dir zu bleiben. Ich würde die Situation nur ausnutzen." Er atmete tief aus. „Ich müsste mich zusammenreißen dich nicht zu küssen, wenn du schläfst und dich ständig ansehen, wenn wir im selben Raum sind."

„Sehun", sagte Luhan leise, ohne zu wissen, wie der Satz weitergehen sollte.

„Ich will nicht, dass du einen kleinen Bruder in mir siehst. Es würde mich umbringen."

Luhan schwieg, sein Herz schlug ihm gegen die Brust als verlangte es nach draußen gelassen zu werden. „Entschuldige, ich war unsensibel."

„Darin bist du gut", sagte Sehun schwach. „Erinnerst du dich? Du hast mir gesagt, dass ich dir nichts bedeute, bevor du mich geküsst hast und du hast mich zurückgeküsst, als du verwirrt wegen Junmyeon warst." Er nahm sich einen Moment Zeit um leise auszuatmen. „Du kannst wirklich grausam sein."

Luhan wollte Sehun nicht verletzen, er wollte nicht mies und schrecklich zu ihm sein, aber er tat es dennoch.

„Ich bin trotzdem in dich verliebt." Er ließ den Kopf in den Nacken zurückfallen und sein gesamter Körper schien alle Anspannung zu verlieren. „Ich bin echt hoffnungslos."

Luhan wollte etwas schnippisches wie ‚Das bemerkst du erst jetzt?' sagen aber, er brachte es nicht über die Lippen. Die Worte blieben, wie festgeklebt, in seiner Kehle stecken.

„Sogar Kris hat mir gesagt, ich solle lieber aufhören und dich vergessen. Er meinte, du würdest es ernst meinen und dass ich nur verletzt werde, wenn ich nicht auf Abstand gehe." Er lächelte, aber es erreichte seine Augen noch immer nicht. „Das ist lustig, weil ich niemals angezweifelt habe, dass du es ernst meinst, wenn du mir sagst, dass ich dir nichts bedeute. Ich bin nur...hilflos."

Luhan suchte nach Worten in dem großen, schwarzen Sumpf, der seinen Kopf ausfüllte. Alles was er daraus jedoch hervorzog, waren klebrige Überreste von weißer Zuckerwatte, die ihn mehr empfinden ließen, als er wahrscheinlich sollte.

„Tut mir leid", sagte Sehun dann. „Ich habe diesen Abend ziemlich unangenehm gemacht. Tut mir wirklich leid, ich wollte nicht so ehrlich sein. Ich will nicht...dass du mich jetzt meidest. Bitte nicht."

Luhan schüttelte den Kopf. „Sehun, das alles-" Er hielt inne, verwarf die Worte wieder und stand schließlich auf. „Räumen wir den Tisch ab."

„Luhan?"

Luhan antwortete nicht und Sehun versuchte nicht mehr ihn zum Reden zu bringen. Er sah schrecklich traurig aus, als Luhan ihn eine Weile später an der Haustür verabschiedete.

Luhan seufzte tief. Er lehnte seine Stirn für einen Moment an die kühle Tür vor ihm an. Seine Gedanken und Gefühle waren ein verdammtes Chaos.

Neben der Tür, in der Schale auf der Kommode, lag sein Schlüssel mit dem kleinen Fußball Anhänger. Luhan nahm ihn in die Hand und schmiss ihn kräftig zu Boden.

Sehun kam am nächsten Tag nicht ins Restaurant. Oder am darauffolgenden. Oder an dem, der daraufhin folgte. Er kam überhaupt nicht mehr.

Er hatte zwei ihrer Anrufe bereits ignoriert und nun klingelte sein Telefon zum dritten Mal. Sein Klingelton erschien ihm wütender und schriller als sonst und doch war Luhan versucht auch einen weiteren ihrer Anrufe zu ignorieren, aber sie würde auch noch ein viertes und fünftes...und sechstes Mal anrufen, also hatte es doch keinen Zweck die Sache noch weiter hinauszuzögern.

Er nahm das Telefon also in die Hand und wischte über den Bildschirm, um den Anruf anzunehmen. „Hallo?"

„Spar dir dein Hallo", kam die wütende Stimme seiner Schwester zurück. „Ich habe bereits zwei Mal angerufen. Du hast absichtlich nicht abgenommen."

„Ach was", sagte Luhan schwach. „Wo denkst du hin? Ich war beschäftigt."

„Ich kann die Fußball Geräusche im Hintergrund hören Luhan. Du sitzt auf deiner Couch und schaust Fernsehen nicht wahr?"

Manchmal fragte Luhan sich, ob sie Kameras in seiner Wohnung installiert hatte. „Tja, erwischt. Was gibt's?"

Sie entließ ein tiefes Seufzen, bevor sie wieder ansetzte: „Ich bin in drei Wochen in Seoul, wollen wir uns zum Essen treffen? Mom wird auch da sein."

Luhan stellte den Fernseher auf stumm. „In drei Wochen? Da bin ich nicht hier."

„Hör auf mich anzulügen. Du bist immer zufällig beschäftigt, wenn Mom und ich uns mit dir treffen wollen."

„Ich bin eben ein sehr beschäftigter Mann." Jemand hatte ein Tor geschossen. Luhan verzog das Gesicht weil er es verpasst hatte.

„Komm schon Luhan, du kannst dich nicht ewig davor drücken uns zu sehen. Mom vermisst dich."

Luhan biss sich fest auf die Unterlippe um nicht etwas Spitzes zu sagen. „Lin ich bin wirklich beschäftigt. Wir machen einen Mitarbeiter Ausflug nach Chungcheongbuk-do."

Sie schwieg für einen Moment, wahrscheinlich überlegte sie, ob sie ihm glauben sollte oder nicht. „Gut. Dann nächstes Mal", entschied sie. Lin war früher ein unglaublich schüchternes Mädchen gewesen, das sich vor ihrem eigenen Schatten gefürchtet hatte. Jetzt war sie eine junge Frau, die niemals zögerte ihre Meinung kundzutun und sich von nichts und niemandem einschüchtern ließ. Luhan hatte sie immer ein wenig für ihre Stärke bewundert. Vor allem, weil sie stark geblieben war, als es wirklich gezählt hatte, während Luhan...„Wie geht es dir? Was macht die Arbeit?"

„Alles bestens", antwortete er und versuchte sich zu entspannen. „Was ist mit dir? Datest du noch immer diesen Medizinstudenten?"

Lin lachte leise. „Ja. Immer noch, und ich denke daran wird sich auch nicht so schnell etwas ändern."

„Schön. Werd' nicht schwanger."

„Du auch nicht", erwiderte sie schnippisch, was Luhan nun ebenfalls zum Grinsen brachte.

„Und du willst mal Ärztin werden? Bei deiner Wissenslücke was es mit der männlichen Biologie auf sich hat? Überleg dir das vielleicht noch einmal."

„Das habe ich." Luhan konnte sich vorstellen wie ihre strengen Züge sich langsam in ein Lächeln aufgelöst hatten. Sie waren sich sehr nahe gewesen, als sie kleiner waren. Nicht in dem Sinne, dass sie viel Zeit miteinander verbracht hatten – dafür war Luhan zu oft beim Fußballtraining und Lin in der kleinen Bücherei der Schule gewesen – aber in einen ganz anderen, viel wichtigeren Zusammenhang. Sie hatten einander immer am allerbesten verstanden...zumindest hatte Luhan das geglaubt. Ein Altersunterschied von zwei Jahren machte ebenfalls nicht viel aus und Lin war immer ruhig und reif für ihr Alter gewesen – ganz anders als Luhan, dem man zwei Jahre genauso gut abziehen konnte.

Sie hatten sich schließlich voneinander entfremdet, als Lin zu ihrer Mutter stand während Luhan Krieg gegen die gesamte Welt angezettelt hatte. Lin hatte sich damals dem Feind angeschlossen, was Luhan ihr nicht verzeihen konnte und erst jetzt brach das Eis zwischen ihnen langsam wieder auf. Was nicht bedeutete, dass Luhan seiner Mutter ebenfalls verzeihen musste.

„Schau dein Spiel weiter du Fußball-Freak. Ich rufe bald wieder an. Ignorier mich nicht, hörst du?"

„Das würde ich nie tun."

„Spinner."

Luhan legte auf, mit einem schweren Gefühl in der Brust. Er wollte nicht über seine Familie nachdenken, wenn genug anderes bereits auf ihm lastete.

Luhan seufzte leise. Wieso war er überhaupt überrascht? Natürlich musste es dazu kommen. Luhan hatte vor einer halben Stunde noch tief und fest geschlummert, bevor ein Anruf ihn aufschrecken ließ. Es war Jongins Nummer gewesen und Luhan hatte sofort gewusst um was es ging.

Deshalb saß er nun im nächsten Taxi Richtung Itaewon, während er sich noch immer den Schlaf aus den Augen rieb. Sehun hatte sich seit über einer Woche nicht mehr im Restaurant blicken gelassen, was für ordentlich Sorge unter seinen Kollegen geführt hatte. Junmyeon hatte versichert, dass er einfach mit anderen Dingen beschäftigt war und deshalb nicht aufkreuzte, aber es war dennoch eigenartig gewesen.

Und nun das.

Luhan bezahlte den Taxifahrer und vergrub seine Hände tief in den Hosentaschen, als er in den Club hineinging, ohne nach seinem Ausweis gefragt zu werden. Es war laut und stickig hier und Luhan würde sich morgen früh die Haare waschen müssen, um den Geruch von Zigarettenqualm los zu werden. Dann wiederrum, er könnte jetzt auch eine Zigarette vertragen.

Er schob sich durch die Menge, bis zur Bar wo er Jongin und ein Mädchen neben einer vornübergebeugten Person auf einem Barhocker bemerkte. Luhan nahm noch einmal einen tiefen Atemzug, bevor er zu ihnen aufschloss.

„Hyung", sagte Jongin weinerlich und griff nach seinem Unterarm. „Sehun hat den Verstand verloren."

Luhans Augen schweiften noch einmal zu ihm herüber, aber er hatte sein Gesicht in den Armen vergraben. „Schläft er?"

„Nein, denke nicht. Ich bin so froh, dass du hier bist. Sehun hat geschworen er bringt mich um, wenn ich Junmyeon-hyung anrufe aber er lässt sich auch nicht von hier wegbringen. Ich wusste nicht, was ich tun soll."

Luhan sah von Jongin zu dem Mädchen, das, jetzt da Luhan hinsah, einen Arm um Jongin geschlungen hatte, sobald er wieder neben sie getreten war. Sie war hübsch, mit großen braunen Augen und langem, glattem Haar.

„Schon gut ich kümmere mich um ihn." Er zeigte mit dem Kopf auf das Mädchen. „Bring du dein Date nachhause."

„Oh, sie ist nicht-", setzte Jongin an und Luhan sah ihn, selbst mit der schwachen Deckenbeleuchtung, rot anlaufen. „Also noch nicht, aber ich hätte nichts dagegen, wenn das mal ein..." Er brach erneut ab und sah wieder von ihr zu Luhan. „Aber Sehun?"

„Ich bringe ihn sicher nachhause. Keine Sorge Jonginnie." Er deutete mit dem Kopf zum Ausgang. „Geht nachhause, es ist spät."

Jongin warf noch einen letzten Blick auf Sehun, bevor er sich bei Luhan bedankte und ihn bat ihm später zu schreiben, bevor er das Mädchen zum Ausgang führte. Sie schien auch nicht mehr ganz sicher auf ihren eigenen Beinen zu sein.

Luhan sah ihnen einen Moment länger hinterher, bevor er sich auf den Barhocker neben Sehuns eingefallener Gestalt setzte und den Barkeeper mit einer Handbewegung auf sich aufmerksam machte. Er kam mit einem wachsamen Auge auf Sehun näher.

„Einen Gin Tonic bitte. Und ein Glas Wasser für den Typen neben mir."

Der Barkeeper sah ihn mit zusammengezogenen Augenbrauen an. „Wäre es nicht besser ihn nachhause zu bringen? Er sieht ziemlich fertig aus."

„Erst brauche ich einen Drink", antwortete Luhan und hasste wie laut er schreien musste, um über die Musik gehört zu werden. Der Barkeeper zuckte schließlich die Achseln. Als er wieder ging, wandte er sich Sehun zu, dessen Gesicht noch immer in seinen Armen vergraben war und schnippte ihm gegens Ohr. Sehun wich leicht zurück. „Du schläfst nicht. Na los, zeig mir dein Gesicht damit ich weiß, wie schlimm du dran bist."

Sehun schüttelte den Kopf. „Geh weg", murmelte er. Luhan hatte ein paar Augenblicke gebraucht um ihn tatsächlich zu verstehen.

Luhan schnippte ihm noch einmal gegen sein Ohr. „Komm schon Sehun. Kopf hoch. Im aller wahrsten Sinne des Wortes überhaupt."

Sehun bewegte sich nicht.

Luhan seufzte und ließ ihn in Ruhe, als sein Cocktail ankam. Er trank letztlich zwei Gin Tonic, bevor Sehun schließlich doch den Kopf hob und verwundert zu ihm herübersah. „Da ist unser Sonnenschein ja", sagte Luhan und prostete ihm zu.

„Du bist echt kein gutes Vorbild", sagte Sehun und strich sich mit der Hand übers Gesicht. „Ich kann nicht glauben, dass du einfach nur hier sitzt und nichts machst."

„Ich trinke, das ist also eine ganze Menge die ich tue." Er schob ihm das Glas Wasser näher, von dem er auch schon ein paar Schlucke getrunken hatte. „Du solltest auch trinken." Sehun hatte offensichtlich nicht wenig Alkohol getrunken, was ihn aber mehr beunruhigte, waren seine roten Augen und die dunklen Schatten unter seinen Augen. „Hast du Drogen genommen?", fragte er nachdem Sehun einen Schluck aus seinem Glas genommen hatte. „Ich bringe dich um, wenn du Drogen genommen hast", zischte Luhan. „Aber erst bringe ich dich ins Krankenhaus." Er griff nach seinem Handgelenk und beugte sich zu ihm nach vorne, um ihm besser ins Gesicht sehen zu können. „Hast du Sehun?"

„Nein", antwortete er und wandte sich von ihm ab. „Natürlich nicht, ich bin nicht bescheuert."

„Deine Augen..."

„Ich habe geweint", unterbrach er ihn mit rotem Gesicht. „Also...nur ein bisschen meine ich. Nur kurz."

„Wasserfälle", sagte der Barkeeper plötzlich, der anscheinend zugehört hatte. Er stellte Luhan noch ein Wasserglas vor, für das er sich bedankte. „Hat meine ganze Theke unter Wasser gestellt."

Sehun funkelte den Mann wütend an, der ihm kurz zulächelte, bevor er sicher wieder abwandte.

„Klingt ganz nach dir Sehunnie." Luhan legte ihm eine Hand auf den Kopf, der Sehun nicht auswich. „Du bist wirklich eine Heulsuse."

Sehun sah aus als würde er seinem Spitznamen gleich wieder alle Ehre erweisen, doch stattdessen wandte er das Gesicht von Luhan ab. „Ich hasse Jongin. Er hätte dich nicht anrufen sollen, du bist an allem Schuld."

„Jongin hat sich Sorgen um dich gemacht. Er hat das Richtige getan." Seine Haare waren weich zwischen Luhans Fingern. Er verharrte einen Moment länger und zog seine Hand anschließend wieder fort. „Du hättest dich nicht so abschießen sollen Sehun, du bist zu jung um über der Theke einer Bar zu hängen und über dein beschissenes Leben zu heulen. Warte erst, bis du einen Job hast den du nicht leiden kannst, geschieden bist und Unterhalt für drei Kinder zahlen musst, die dich nicht ausstehen können."

Sehun warf ihm einen irritierten Blick zu. „Soll das aufmunternd sein?"

Luhan zuckte die Achseln. „Vielleicht? Jetzt kannst du zumindest sagen, dass dein Leben nicht ganz so beschissen ist, nicht wahr? Worüber auch immer du traurig bist, es ist nichts gegen so ein Leben."

„Du bist keine Hilfe."

„Dann hättest du Jonginnie erlauben sollen Junmyeon anzurufen. Junmyeon hat bestimmt einen guten Rat für dich."

Sehun setzte sich etwas gerader hin. „Nein, auch wenn...auch wenn du an allem Schuld bist und ich wegen dir so bin dann", er nahm einen tiefen Atemzug, seine Augen waren noch immer etwas glasig. „Dann will ich dich trotzdem sehen. Ich will dich immer sehen und ich will immer in deiner Nähe sein. Das ist doch mein großes Problem." Er vergrub das Gesicht wieder in den Händen. Luhan konnte nicht hören, was er als nächstes in seine Handballen murmelte, aber er sah aus, als würde er gleich wieder in Tränen ausbrechen, also kippte Luhan den Rest seines Cocktails hinunter und glitt von seinem Barhocker hinunter.

Er legte einen Arm um Sehuns Rücken und schüttelte ihn sanft. „Lass uns von hier verschwinden, in Ordnung? Kannst du aufstehen? Ist dir übel?"

Kopfschütteln. „Mir geht's gut", versicherte Sehun, aber wehrte sich nicht, als Luhan ihn ebenfalls von seinem Hocker zog. Sehun war gar nicht so wackelig auf den Beinen, wie Luhan angenommen hatte, was ihm die Sache, Sehun aus dem Club zu bekommen, ungemein erleichterte.

An der frischen Luft winkte Luhan einem Taxi zu, dass bereits auf herausstreunende Partygäste wartete. Sehun ließ sich mit einem leisen Ächzen in seinen Sitz sinken und Luhan schloss die Tür hinter ihm, bevor er um den Wagen ging und auf seiner Seite einstieg. Sehun versuchte sich gerade mit plumpen Fingern anzuschnallen und Luhan half ihm dabei die Sicherung zu treffen, bevor er seinen eigenen Gurt anlegte.

Er nannte dem Fahrer seine Adresse, was Sehun blinzelnd aufnahm. „Zu dir?"

„Wir sollten vermeiden, dass Junmyeon dich so sieht, ich will nicht, dass er sich dazu gezwungen fühlt dir Hausarrest zu erteilen."

„Ich würde Hyung zutrauen, dass er es versuchen würde", murmelte Sehun in seinen Jackenkragen hinein.

„Tja ich auch, deshalb bleibst du ihm in deinem Zustand lieber fern."

Sehun brummte nur noch in Einverständnis und ließ sich dann tiefer in seinen Sitz sinken, das halbe Gesicht in seiner Jacke versteckt und die Hände unter den Oberschenkeln. Luhan fragte sich ob ihm kalt war und bat den Fahrer die Heizung etwas aufzudrehen.

Sehun stieg unaufgefordert aus dem Wagen aus, als sie ankamen und brachte auch die Strecke von Taxi bis zu Luhans Haustür ohne Hilfe hinter sich. Er war ein wenig wie Junmyeon, der mit reiner Willenskraft das Unmögliche möglich machen konnte – selbst, wenn er zu viel Alkohol intus hatte.

Sehun zögerte erst, als Luhan die Haustüre hinter ihnen geschlossen hatte. „Ist dir übel?", fragte Luhan und streifte sich seine eigenen Schuhe und seine Jacke ab. Darunter trug er noch immer sein Pyjama-Top. Er hatte sich keine Socken angezogen, als der Anruf von Jongin kam und er schnell die Wohnung verlassen musste. „Sehun?"

„Mir ist nicht übel", sagte Sehun leise. „Ich..." Er lehnte sich gegen die geschlossene Tür in seinem Rücken und schloss gepeinigt die Augen. „Ich bin so ein Volltrottel."

„Weil du dich abschießt und damit jeder Protagonistin eines K-Dramas auf KBS alle Ehre erweisen würdest?" Luhan lächelte. „Meinst du das mit Volltrottel?"

Sehun schüttelte den Kopf, dann hielt er inne und nickte. „Das auch."

„Was bedrückt dich noch?", fragte Luhan und trat näher, um den Reißverschluss seiner Jacke hinunterzuziehen. Sehun öffnete langsam die Augen, plötzlich so nahe.

„Ich will dir immer nur meine aller beste Seite zeigen, aber irgendwie siehst du nur die schlechtesten." Er senkte den Blick auf seine Füße hinunter. „Das sollte so nicht ablaufen, ich will dich beeindrucken und nicht...nicht bemitleidet werden."

„Du denkst wirklich, ich hätte Mitleid mit dir?"

Sehun verzog das Gesicht. „Gut kein Mitleid aber...ich muss dir ziemlich erbärmlich vorkommen." Kleine Tränen, wie schimmernde Perlen, bildeten sich in seinen Augenwinkeln. „Wieso musst du mich immer so sehen?"

Die Antwort war ziemlich klar. Luhan zögerte einen Moment, bevor er die Worte aussprach: „Weil ich Schuld daran bin. Das hast du selbst gesagt." Er strich ihm mit dem Daumen unter dem rechten Auge entlang und fing eine winzige Träne auf. „Tut mir leid Sehun. Es tut mir wirklich leid, dass du wegen mir eine schwere Zeit hast."

Sehun blinzelte ihn an, mit so viel Trauer und Verwundbarkeit im Gesicht, dass Luhans Herz sich fest in seiner Brust zusammenzog. „Es ist nicht...deine Schuld dass ich mich in dich verliebt habe."

„Vielleicht", bestätigte Luhan, sein Blick flog für einen Moment zu Sehuns Lippen. „Aber es ist meine Verantwortung."

„Was?"

Luhan legte ihm sanft die Hände auf die Wangen und drückte sich ihm entgegen als er Sehun küsste. Es war ein unschuldiger Kuss, mit wenig Druck und geschlossenen Lippen. Ein Kuss so sanft und vorsichtig wie eine Entschuldigung. Sehun brauchte einen Moment, bevor er die Arme um Luhan legte und ihn noch näher zu sich heranzog.

Sie blieben eine Weile so stehen, bis Luhan seine Lippen von Sehuns löste und einen halben Schritt zurücktrat, um ihm in die Augen sehen zu können ohne zu schielen.

Sehun sah noch trauriger aus als zuvor. War das wirklich der Effekt den Luhan auf ihn hatte? „Danke", sagte er. „Und entschuldige."

„Wofür entschuldigst du dich?", fragte Luhan, seine Hände lagen noch immer auf seiner Brust.

„Dafür, dass du das Gefühl hattest es tun zu müssen. Ich bin...wirklich nur ein heulendes Kind für dich, das getröstet werden muss, nicht wahr?"

Daran hatte Luhan nicht gedacht, als er Sehun geküsst hatte, aber er konnte auch nicht sagen, was genau er sich dabei gedacht hatte. Er wollte Sehun wirklich beruhigen und den traurigen Ausdruck auf seinem Gesicht entfernen, aber er...er hatte auch nichts dagegen gehabt ihn zu küssen, weil er traurig und niedergeschlagen aussah. Und trotzdem schön war und so sehr an Luhan dachte.

Luhan nahm einen tiefen Atemzug. „Du bist eben nur ein heulendes Kind." Er trat einen Schritt zurück. „Wobei du jetzt wenigstens aufgehört hast zu heulen." Er schenkte ihm ein Lächeln. „Kopf hoch Sehunnie, bitte schau nicht mehr so niedergeschlagen drein. Hast du nicht davon gehört, dass Glühwürmchen ihr Licht verlieren, wenn Kinder traurig sind?"

Auf Sehuns Lippen schlich sich ein kleines Lächeln. „Das hast du definitiv gerade eben erst erfunden, nicht wahr?"

„Durchschaut." Er wandte sich ab. „Zieh deine Schuhe aus, ich stelle uns Kaffee auf, damit du wieder einen klaren Kopf bekommst."

„Luhan?" Er hielt inne und wandte sich noch einmal zu Sehun um. Er hatte sich nicht von der Stelle bewegt, aber der Ausdruck auf seinem Gesicht hatte sich verändert.

„Ja?"

Sehun schüttelte den Kopf und streifte dann seine Schuhe ab. „Nichts, schon gut."

Luhans Herz schlug ihm in den Ohren, als er sich wieder umwandte.

-

Sie tranken schwarzen Kaffee aus weißen Porzellantassen, aus denen warmer Dampf in geschwungenen Mustern zur Decke stieg. Luhan hatte die Zigarettenschachtel aus seiner Nachttischschublade geholt und nahm tiefe Atemzüge von seinen Menthol Zigaretten. Sehun hatte nur eine Augenbraue gehoben, bis jetzt jedoch nichts weiter dazu gesagt.

„Du hast damals auch geraucht. Nach unserem ersten...Date."

„Ich rauche nicht oft, es ist zu lästig um es regelmäßig zu tun. Ich werde so schnell auch nicht süchtig danach." Er schnippte ein wenig Asche in den Aschenbecher, der sonst immer auf dem Fenstersims seines Balkons stand. „Ab und an jedoch rauche ich gerne eine."

„Hyung hat einen Aschenbecher in seinem Schrank stehen", sagte Sehun. „Er ist zwar sauber, aber ich frage mich, ob er auch raucht und nur meinetwegen aufgehört hat?"

Luhan schüttelte den Kopf. „Er hat ihn wegen Minseok und mir besorgt. Minseok hat früher ziemlich viel geraucht und ich habe manchmal mitgemacht. Minseok hat schließlich damit aufgehört, weil er seine Geschmacksnerven nicht zerstören wollte." Er lächelte schwach. „Junmyeon hält nicht viel vom Rauchen, aber es klingt ganz nach ihm, trotzdem einen Aschenbecher in seinem Schrank für uns aufzubewahren."

„Unser Vater hat früher geraucht", sagte Sehun, die Hände unter seinen zu langen Shirt Ärmeln versteckt, damit er sie um die heiße Tasse legen konnte. „Mom und ich haben es gehasst und ich denke Hyung auch, aber er hat Dad trotzdem Zigaretten aus dem Automaten gekauft, weil er unseren Vater immer bewundert hat. Dad hat irgendwann auch aufgehört", er schwieg für einen Moment. „Ich denke Hyung war schon in der Oberstufe und ich glaube er hat mit Dad darüber gesprochen, aber ich erinnere mich nicht mehr."

„Junmyeon ist ein guter Mensch", sagte Luhan mit einem Stich in der Brust.

Sehun nickte. „Jongin und ich haben früher Wettbewerbe darum gemacht, wen Hyung lieber mag – wir waren beide ein bisschen besessen von ihm." Er lächelte still in sich hinein. „Ich kann mir vorstellen, warum du in ihn verliebt bist."

Luhan hatte die Zigarette in seiner Hand völlig vergessen und sie ausbrennen lassen. Er drückte sie im Aschenbecher aus.

„Ich wünschte, ich wäre mehr wie er."

„Das musst du nicht", unterbrach Luhan. „Du bist gut, so wie du bist."

Sehuns Lächeln war klein und traurig als er ihn ansah. „Nicht gut genug. Nicht für dich."

Luhans Hände ballten sich unter dem Tisch zu Fäusten. „Du bist genug Sehun. Du bist mehr als das."

Er schüttelte den Kopf. „Das bin ich nicht."

„Woran willst du das messen? Nur weil ich...weil ich nicht-" Er runzelte die Stirn und beendete seinen Satz nicht. Die Worte wollten ihm nicht über die Lippen kommen. „Du bist besser als das. Besser als all diese Zweifel und falschen Ideale." Es war Luhans Schuld, dass er an sich zweifelte. Es war seine Schuld, dass Sehun nicht das Beste in sich selbst sah und stattdessen nach etwas anderem strebte.

Luhan holte das Schlechteste aus ihm heraus.

„Sehun", setzte er nach einer Weile wieder an. „Weißt du, was ich am meisten an dir bewundere?" Er wartete nicht auf seine Antwort. Er konnte ihm auch nicht ins Gesicht sehen. „Du bist ehrlich. Ehrlicher als jeder Mensch den ich kenne. Du hast mir deine Gefühle gestanden ohne zu zögern und du gibst dir so viel Mühe, ohne jemals zu stocken oder dich von mir aus dem Konzept bringen zu lassen. Ich bewundere deine Aufrichtigkeit wirklich sehr. Wenn du weinst...dann sehe ich darin eine Stärke. Du bist ehrlich zu dir selbst, so sehr, dass du deine eigenen Gefühle nicht unterdrücken kannst. Du kannst dich selbst nicht anlügen." Er atmete tief aus. „Ich bewundere dich dafür, vielleicht auch, weil ich genau das Gegenteil von...ehrlich und aufrichtig bin." Luhan dachte an seine Familie, an Zwischenräume und an Junmyeon und für einen flüchtigen Augenblick auch an Sehun.

Sehun zuckte leicht zusammen. „Ich bin gar nicht...ich denke du überschätzt mich." Er schüttelte den Kopf. „„Außerdem...das ist doch eigentlich eine Schwäche nicht wahr? Wenn ich weniger ehrlich wäre, dann würde ich dir nicht zur Last fallen."

Luhan sah auf und musste unweigerlich lachen. Sehun dieser verfluchte, rücksichtsvolle Mistkerl. „Scheiß darauf, was ich darüber denke. Es sind deine Gefühle und niemand darf dir diktieren wie du fühlen sollst." Er würde seine nächsten Worte bereuen. Er würde sie DERMAßEN bereuen. „Du bist eine Nervensäge und ich war immer ehrlich zu dir, wenn ich dir gesagt habe das ich nicht dasselbe für dich empfinde." Vielleicht nicht ganz. „Aber...alles was ich je getan und zugelassen habe hätte ich...nicht getan wenn ich es nicht selbst gewollt hätte und...du weißt schon." Luhan war über seine eigenen Gedanken gestolpert und Sehun hatte wahrscheinlich keine Ahnung was Luhan gerade versucht hatte mitzuteilen, aber Luhan wusste es und es war ein großer Schritt in Richtung Aufrichtigkeit, den Luhan eben gewagt hatte.

„Ich weiß nicht, was du mir sagen möchtest", gab Sehun zu, was Luhan wie das Zerschlagen seiner Bemühungen vorkam. „Ich denke, ich bin dafür nicht nüchtern genug." Er lächelte schüchtern. „Aber im Grunde heißt es, dass du nichts dagegen hast, dass ich dich mag, nicht wahr?"

„Es bedeutet mehr, dass ich eben nichts dagegen tun kann", murmelte Luhan, versuchte jedoch auch nicht weiter auf die Sache einzugehen.

„Nerve ich dich, wenn ich in deiner Nähe bin?"

Luhan hätte vor ein paar Monaten wahrscheinlich noch (nur aus Prinzip) bejaht, aber eigentlich wäre das eine Lüge. Er verbrachte seine Zeit gerne mit Sehun. Weil Sehun rücksichtsvoll und nett und aufmerksam und... „Nicht wirklich."

„Hasst du mich?"

„Nein."

„Liebst du mich?"

Luhans Herz setzte einen Schlag aus. „Was sollen diese ganzen Fragen?"

„Ich bin betrunken", er zuckte die Achseln. „Wann sonst werde ich mich trauen dich das zu fragen?"

„Nur Leute mit genug Verstand können noch zugeben, dass sie betrunken sind. Dir geht es also gar nicht so schlecht."

„Der Kaffee hat geholfen", lächelte Sehun. „Und du. Danke Luhan."

Luhan antwortete in seine Kaffeetasse hinein, weil seine Wangen verräterisch warm geworden waren. „Kein Problem. Du kannst immer anrufen, wenn was ist oder du abgeholt werden musst...das solltest du wissen."

„Das natürlich auch, aber ich meinte die Art wie du mir immer sagst, dass ich gut genug bin." Er lachte verlegen. „Ich bin wirklich eine Heulsuse, aber du schaffst es immer wieder mich aufzumuntern."

Luhan lächelte, weil Sehun nun endlich wieder etwas glücklicher aussah. „Schön, dass du das einsiehst."

„Ich bereue nicht mich in dich verliebt zu haben." Er schob seine Tasse von sich und strich mit den Fingerspitzen flüchtig über Luhans Handrücken. „Und ich bin froh, dass ich dich kennenlernen durfte."

Und das nach allem was Luhan mit ihm getan hatte. Sehun war wirklich bewundernswert.

Und Sehun hatte wahrscheinlich keine Ahnung wie effektiv seine Aufrichtigkeit wirklich war und wie sehr Luhan anfing seinem Charakter und seiner Art zu erliegen.

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In diesem Kapitel wurde ein bisschen was von Luhans Vergangenheit angedeutet aber ihr werdet erst später die nötigen Details erhalten :)

Ich hoffe es hat euch gefallen!

Liebe Grüße~



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