Two

Die E-Mail war so simpel gewesen, dass Gray sie zuerst für einen Scam gehalten hatte. Wenn Gwen nicht zufällig auf sein Handy gesehen hätte, dann hätte er sie ohne weitere Gedanken gelöscht und sein Training fortgesetzt. Weil Gwen es allerdings nicht lassen konnte, als sich in seine Angelegenheiten einzumischen („Ich bin deine Managerin, du bezahlst mich dafür, dass ich mich in deine Angelegenheiten einmische!"), hatte sie sich sein Handy geschnappt und die Mail genauer überprüft. Nur deswegen war er jetzt hier. Nur deswegen verlor er wertvolle Zeit, die er eigentlich im Gym hätte verbringen sollen.

„Mach mal was mit deinen Haaren", sagte Gwen und stieß ihm gegen die Schultern. „Und guck nicht die ganze Zeit so, als hättest du eine Glühbirne im Mund."

„Ich weiß nicht mal, wie man gucken würde, wenn man eine Glühbirne im Mund hat", erwiderte Gray, fuhr sich aber mit einer Hand durch die dunklen Haare, bevor er sie sich aus der Stirn schüttelte. „Besser?" Er setzte sein bestes Kameralächeln auf.

„Annehmbar." Gwen hob eine Hand und wischte ihm eine Strähne nach vorne. „Jetzt ist es besser. Überlass mir das Reden."

„Wie immer."

Grayson hätte sich in seinen kühnsten Träumen nicht vorgestellt, jemals wieder an die IMG Academy zu kommen. Seit er das letzte Mal hier gewesen war, hatte sich nicht viel verändert, auch wenn er das nicht erwartet hatte. Es waren die gleichen Gänge mit den gleichen Zimmern und den gleichen, flimmernden Lampen, die über ihnen knisterten. An den Wänden hingen Bilder von Männern und Frauen, die sich einen Namen in der Sportwelt gemacht hatten. Etliche Vitrinen standen überall verteilt, die vergangene Siege in Sportturnieren darstellten, als wären sie Edelsteine auf einer Ausstellung. Die umliegende Rasenlandschaft wurde gerade für den Start des kommenden Schuljahres frisch gemäht. Es kam Gray wie gestern vor, als er das erste Mal den Rasengeruch eingeatmet hatte, als er hier ankam.

Er wusste noch immer nicht, was sich Gwen und Mr. Harking von dieser ganzen Sache erhofften. In seiner E-Mail war Mr. Harking formell und knapp gewesen, sodass er lediglich spekulieren konnte, was seine genauen Intentionen waren, aber Gray bezweifelte, dass seine sportlichen Leistungen seinen alten Lehrer dazu gebracht hatten, ihn an die Academy einzuladen. Gray war niemand Bekanntes, aber selbst seine kontinuierliche Losing Streak hatte es das ein oder andere Mal in die lokale Zeitung oder eins der Klatschblätter geschafft. Als das letzte Mal über ihn in einer der Zeitungen berichtet wurde, hatte Gwen fast eine Stunde lang am Telefon verbracht und verlangt, mit dem Redakteur zu sprechen, damit sie die Artikel sofort rausnehmen würden. Gray wusste nicht, wieso sie sich die Mühe machte. Es war ja nicht so, als würden sie großartige Lügen über ihn verbreiten.

„Hier müsste es sein, oder?" Gwen war vor einer schlichten, hölzernen Tür stehengeblieben. Ein glänzendes Schild neben der Tür verriet ihnen, dass es sich um eines der Lehrerzimmer handelte. „Dritter Stock, Lehrerzimmer, in der Nähe der Treppe." Sie blickte sich um. „Ein anderes Zimmer sehe ich nicht, das passen könnte."

„Wir können immer noch umdrehen", sagte Gray leise.

„Und die Spritkosten umsonst auf uns genommen haben? Nein, Danke. Wir hören den Mann wenigstens an." Gwen holte ihr Handy hervor und überprüfte ihre Reflektion im dunklen Bildschirm, dann sah sie auf die Uhr. „Etwas zu früh, aber das passt schon. Bereit?"

„Nein."

„Perfekt." Gwen schob ihr Handy zurück in die Tasche, dann hob sie die Hand und klopfte an.

Es dauerte nur einen Moment, dann ertönte eine gedämpfte Stimme von der anderen Seite der Tür aus. „Herein, Herein!"

Gray hatte nur eine Sekunde, um sich darauf vorzubereiten, was auf ihn zukommen könnte. Er schloss die Augen und versuchte seinen Herzschlag zu beruhigen. Vor einem Spiel hatte er dieses Problem nicht. Er konnte auf das Spielfeld laufen, dutzende Augen auf sich spüren, die gekommen waren, um unter anderem ihn spielen zu sehen und ihm wurde nicht einmal warm. Kaum musste er das Spielfeld allerdings verlassen und sich einer Konfrontation ohne Schläger und Ball stellen, fing er unkontrolliert an zu schwitzen und seine Hände wurden klamm und feucht. Er wischte sie nebensächlich an seinem Hosenbein ab, als Gwen neben ihm die Tür öffnete.

Auf den ersten Blick hin waren sie allein. Das Lehrerzimmer war so, wie er es sich vorgestellt hatte; ein paar dunkle Schreibtische, ausgestattet mit Laptops und Aktenschränken, einige Schränke entlang der Wand, auf denen Drucker, Kopierer oder Kaffeemaschinen standen. Durch ein paar große Fenster fiel gleißendes Sonnenlicht herein. An einem Tisch zur Linken der Tür saß ein in die Jahre gekommener Mann mit schütterem, grauen Haar und einer rundlichen Lesebrille, die an einer Kette um seinen Hals hing. Er trug Tweed und Jeans, sowie einen leicht schief sitzenden Lederhut. Gray hatte ihn zwar seit Jahren nicht gesehen, aber trotz des Alters, das ihn ergriffen hatte, erkannte er Mr. Hacking sofort.

Als er hinter Gwen eintrat und die Tür schloss, erkannte er, dass Mr. Hacking nicht allein war. Von der Tür zuvor verborgen, befand sich ein schwarzes, ledernes Sofa an der Wand, ausgestattet mit einer schicken Topfpflanze, sowie einem Kaffeetisch, auf dem sich eine dampfende Tasse befand. Ein Mann saß auf dem Sofa. Ein Mann, an den Gray versucht hatte, seit Monaten nicht mehr zu denken.

„Mr. Fowley", sagte Mr. Hacking und erhob sich von seinem Stuhl aus. „Und Sie müssen Mrs. Lancaster sein?"

„Genau, wir haben telefoniert, Sir", antwortete Gwen, die den blonden Mann auf dem Sofa ebenfalls gesehen hatte.

„Setzen Sie sich doch bitte", sagte Mr. Hacking. „Ich nehme an, Sie erkennen sich wieder?"

Der Mann auf dem Sofa lächelte Gray an, bevor er sich etwas ungelenk aufdrückte. Er griff nach einer Gehhilfe, die Gray zuvor nicht gesehen hatte, und klemmte sie sich unter den Arm. Sein linkes Bein war etwas steif. Das Alter hatte Patrick Saint-Germain wie einen feinen Wein behandelt. Seine Augen glänzten, seine Haut war sonnengebräunt und seine Haare dicht und perfekt wie immer. Das Lächeln zerrte in der richtigen Art an seiner Haut, sodass sich ein kleines Grübchen auf seinen Wangen bildete. Seine Nase war lang und gerade, sein Kiefer scharf geschnitten und sein Adamsapfel prominent wie eh und je. Er hatte nichts von seinem jugendlichen Charme verloren, als er die Hand ausstreckte. „Grayson Fowley. Wie lange ist es her? Ein Jahr?"

„Achtzehn Monate", erwiderte Gray und hasste sich ein wenig dafür, dass er es so genau wusste.

„Es war ein gutes Spiel", sagte Patrick, bevor er die Hand fallen ließ, als ihm klar wurde, dass Gray sie nicht ergreifen würde. Er wandte sich Gwen zu. „Ich fürchte, wir sind uns noch nicht vorgestellt worden. Patrick Saint-Germain, sehr erfreut."

„Gwendoline Lancaster", entgegnete Gwen, die Patrick von sich aus die Hand ausstreckte und schüttelte. „Ich bin Grays Managerin."

Es war erstaunlich, fand Gray, wie Gwen so tun konnte, als wäre Patrick ein Fremder für sie, obwohl sie in den letzten zehn Jahren mehr über ihn gehört haben musste als über jeden anderen Profispieler. Grays Wangen wurden heiß, als er darüber nachdachte, wie viel und oft er über Patrick geredet hatte, dass es Gwen sicherlich schon aus den Ohren gelaufen war. Er versuchte sich nicht anmerken zu lassen, wie laut sein Herz hämmerte, weil es wieder in Patricks Nähe war, und wandte sich an Mr. Hacking. „Wieso genau haben Sie mich eingeladen?"

„Ich habe Sie auf Mr. Saint-Germains Wunsch eingeladen", gab sein alter Lehrer zurück. Er deutete mit der Hand ein weiteres Mal aufs Sofa, bevor er sich auf seinem Stuhl niederließ. „Bitte, Setzen Sie sich."

Gray beobachtete, wie Patrick sich umwandte und ans äußerste Ende des Sofas ging, wo er seine Gehhilfe an die Lehne stellte und sich dann mit steifem Bein hinsetzte. Er hatte gehört, dass Patrick eine gesundheitliche Auszeit nehmen würde, hatte es auf seinem Social Media und überall in den Nachrichten gesehen, nachdem dieser bei einem Turnier vor einigen Wochen schwer gestürzt war, aber er hatte nicht gewusst, dass es so schlimm war, dass er nicht mehr ohne Hilfe gehen konnte. Auf Gwens Drängen hin setzte er sich langsam ebenfalls, auch wenn er am anderen Ende der Couch blieb und damit Gwen die Mitte überließ. Sie ließ es sich nicht nehmen, ihm dabei auf den Fuß zu treten.

„Mr. Saint-Germain, vielleicht wollen Sie mich und unsere Gäste genauer über ihr Vorgehen aufklären." Mr. Hacking richtete seinen Blick mit gefalteten Händen auf Patrick.

Für ein paar Momente blieb Patrick still. Aus dem Augenwinkel konnte Gray sehen, dass er mit den Händen in seinem Schoß rang, den Blick stur geradeaus gerichtet. Seine Haltung war gerade und jemand, der ihn nicht kannte, würde ihn als kühl und reserviert einschätzen. Gray kannte ihn allerdings. Gray kannte ihn manchmal besser als sich selbst. Etwas an seiner Haltung, an seinem Blick, an dem Muskel in seinem Kiefer und den weißen Knöcheln an seinen Händen war anders als sonst. Es war lange her, seit sie sich wirklich gegenübergestanden hatten, keine Kameras, kein Netz, keine Schläger zwischen ihnen, sondern nichts weiter als Luft und ein Versprechen, das immer wieder in Grays Kopf klingelte, wann immer er einen Punkt einbüßen musste. Patrick war lange nicht mehr der Junge, den Gray an der IMG gekannt hatte, und doch hatte er das Gefühl, als hätten sie sich beide kein Stück verändert.

„Ich muss euch bitten, dass das, was ich euch jetzt sage, nicht an die Öffentlichkeit dringt", fing Patrick mit langsamer Stimme an. „Ich vertraue darauf, dass wir uns unter professionellen Umständen unterhalten können, ohne dass ich mir Sorgen darüber machen muss, was genau ich sage und was nicht."

„Nichts verlässt diesen Raum", stimmte Gwen zu. „Sie haben mein Wort."

„Und bitte hört auf mich zu sietzen", fügte Patrick mit einer Grimasse an. „Ich hasse es, wenn ich so förmlich angesprochen werde." Er senkte den Blick, sodass er auf seine ringenden Hände sah. Gray konnte erkennen, wie er tief Luft holte, den Mund öffnete, ihn einen Moment offenhielt, und dann sagte: „Meine Karriere ist inoffiziell – und hiermit wohl auch offiziell – vorbei."

Von allen Aussagen, die Patrick hätte treffen können, traf diese Gray genau dort, wo es am meisten schmerzte. „Das kann nicht dein Ernst sein", erwiderte er. „Du bist –"

„Ich habe mir das linke Knie komplett zerstört", unterbrach Patrick ihn. „Ich bin bereits in der Reha, aber ich werde das Spielfeld nicht mehr betreten können. Neben dem Bruch meiner Kniescheibe habe ich mir auch mehrere Nerven und Muskeln im Bein verletzt, die so einfach nicht heilen können. Meiner Karriere ist nicht mehr zu helfen."

Ein paar Worte, die Gray damals im Affekt gesagt hatte, kamen ihm wieder einmal in den Sinn und er ballte die Hände zu Fäusten. „Du hast es versprochen."

„Ich weiß", sagte Patrick. „Glaub mir, ich finde es auch nicht unbedingt großartig. Es ist immerhin mein Leben und meine Karriere. Es hat nichts mit dir zu tun, Gray."

Seinen Namen aus Patricks Mund zu hören, löste einen unerklärlichen Drang der Flucht in Gray aus. Von allen Leuten, die ihn so nannten, hatte Patrick es immer geschafft, tief unter seine Haut zu kriechen und in seine Nerven zu kneifen. Es war das wohl unliebsamste Talent, dass sein Gegenüber hatte, eines, das nur Gray und Gray allein beeinflusste. „Wieso erzählst du es mir dann? Uns? Wieso hast du uns herbestellt, wenn es nichts mit mir zu tun hat?"

Patrick seufzte leise und verschränkte die Arme, auch wenn das nicht half, um seine Hände zu beruhigen. Er krallte sich selbst immer wieder in den Hemdstoff und den Oberarm. „Weil ich... weil ich nicht bereit bin, einfach so aufzuhören. Ich kann nicht verkünden, dass ich meine Karriere abbreche und dann einfach vom Feld treten. Das ist nicht – dafür habe ich nicht so lange trainiert. Dafür habe ich mein Leben nicht genutzt. Ich hab's dir doch versprochen, oder?"

„Du –" Gray schloss den Mund und wandte den Blick ab. Er konnte es nicht ertragen, Patrick anzusehen. Es war egoistisch, das wusste er, aber ein irrationaler Teil von ihm wollte Patrick anschreien und ihn fragen, wieso er ihm das antun würde. Die letzten Jahre hatte Gray versucht, mehr als sein Bestes zu geben, hatte sich für jedes Turnier eingeschrieben, dass er erreichen konnte, hatte mehr trainiert, als es körperlich ertragbar wäre, damit er sein und Patricks Versprechen irgendwann einlösen könnte. Es war ihm die größte Motivation gewesen. Ein Rematch, sozusagen. Ein weiterer Versuch, Patrick in einem wichtigen Match zu schlagen. Damals hatte er verloren und Patrick wurde als kleiner Prinz gefeiert, während Gray sich mit dem zweiten Platz hatte zufriedengeben müssen. Er hatte es Patrick versprochen.

Irgendwann würden sie sich im Finale eines Grand Slams gegenüberstehen und dann würde er ihn fertig machen.

Gray hatte nur an dieses Versprechen gedacht, als er sich und seine Grenzen überschritten hatte, und jetzt brach es wie ein Kartenhaus vor seinem inneren Auge in sich zusammen. Sein Plan – sein Wunsch, Patrick Saint-Germain beweisen zu können, dass er ein Tennisspieler war, den man ernst nehmen sollte... vorbei, bevor er die Chance gehabt hatte. Einzelne Matches in Turnieren waren nicht das, was er sich erhofft hatte. Sie waren nie das gewesen, was er gehofft hatte.

Auf das große Finale hatte er hingearbeitet, nur damit der Vorhang zu früh fallen würde. Es war diese Art der Ungerechtigkeit, die es Gray manchmal schwer machte, den Sinn zu sehen.

„Das erklärt leider immer noch nicht, wieso Sie – ich meine, wieso du uns hergebeten hast", meldete sich Gwen neben ihm zu Wort. „Was haben wir damit zu tun?"

„Ich wusste nicht, wie ich Gray sonst kontaktieren könnte", erwiderte Patrick langsam nickend. „Es ist nicht gerade einfach, herauszufinden, ob er überhaupt eine Online-Präsenz hat, wenn ich das mal so sagen darf, und wenn ich ganz ehrlich bin, war es mir alles zu blöd, also hab ich Mr. Hacking hier um Hilfe gebeten. Wenn jemand seine alten Kontaktdaten noch irgendwo herumliegen hatte, dann wahrscheinlich er."

„Vollkommen vertraulich, natürlich", fügte Mr. Hacking rasch an, als Gwen bereits den Mund öffnete. „Ich habe mich zuerst vollends versichert, dass ich keinem Trickbetrüger auf den Leim gehe."

Patrick schenkte ihrem alten Lehrer ein Lächeln. „Das war sicher nicht meine Intention."

„Und warum wolltest du unbedingt Kontakt mit mir aufnehmen?", fragte Gray mitzusammengebissenen Zähnen.

„Ich hab gehört, was passiert ist", erwiderte Patrick. Für einen Moment sah Gray nur noch schwarz; schwarze Anzüge, schwarze, frische Erde, schwarze Regenschirme, schwarzes Holz, das in die Erde gelassen wurde, dann redete Patrick weiter. „Ich weiß nicht, wie es dazu gekommen ist, aber siebzehn Niederlagen... die müssen hart sein."

Gray sollte nicht erleichtert sein, dass er das meinte, aber er konnte nicht anders. Er atmete leise aus und zuckte mit den Achseln. „Deswegen bist du hier? Um mir zu sagen, dass ich mich mehr anstrengen soll?"

Gwen stieß ihm in die Seite und warf ihm einen warnenden Blick zu.

„Nein, nicht ganz – obwohl ich mich doch schon fragen muss, ob du dich überhaupt anstrengst. Der Gray, den ich kenne, hätte sich sowas nie gefallen lassen."

„Vielleicht ist er tot." Die Worte brannten auf seiner Zunge, noch bevor er sie gänzlich ausgesprochen hatte. Gwen sog scharf die Luft ein, bevor sie ihm heftig auf den Fuß trat. Er spürte es kaum.

„Vielleicht", gab Patrick zurück. „Was würdest du dazu sagen, wenn ich ihn wiederauferstehen lassen will?"

Gray wusste absolut nicht, was er dazu sagen sollte. Schon während ihrer Zeit an der Academy hatte es ihm in Patricks Nähe manchmal die Sprache verschlagen, aber das war nicht mit einem hitzigen Spiel zwischen Teenagern zu vergleichen. Professionell zu spielen war immer Grays Traum gewesen und er war weit davon entfernt, ihn auch Realität zu nennen. Vielleicht spielte er nicht gut genug, vielleicht hatte er nie die Chance gehabt, die er gebraucht hätte, das war mittlerweile etwas, das ihn nicht mehr interessierte. Zehn Jahre waren vergangen, seit er Patrick geschworen hatten, ihn irgendwann fertig zu machen und in diesen zehn Jahren hatten sie sich Welten auseinander bewegt. Patrick war ein Top 100 Spieler, es wurde im Fernsehen über ihn berichtet, manche seiner Spiele waren auf Social Media zu finden, es wurden ganze Artikel über ihn und seine berühmte Familie geschrieben, während Gray Probleme hatte, ein Spiel gegen einen Frischling zu gewinnen, weil sein Kopf überall aber nicht im Match war.

„Ich fürchte, das musst du genauer erläutern", sagte Gwen.

„Ich will Grays neuer Trainer werden", entgegnete Patrick, als würde er sie über das Wetter der kommenden Tage unterrichten. „Ich weiß, wie schwer es sein kann, sich aus einer Losing Streak zu befreien, wenn man nicht die passende Unterstützung hat, oder an seinen Regeln eisern festhält, und wenn sich eine Sache seit unserer Akademie-Zeit nicht geändert hat, dann würde ich wetten, dass Gray immernoch der sture Bock ist, der er damals schon war."

„Als seine Managerin bin ich nicht sicher, ob ich das beantworten sollte."

Gray schnaubte leise. „Das ist der dümmste Vorschlag, den ich je gehört habe. Du kannst nicht ernsthaft glauben, dass ich dir das abkaufen soll. Wieso solltest du gerade mich coachen wollen? Wieso glaubst du überhaupt, dass ich dich als Coach haben will?"

„Ich hatte gehofft –"

„Oh, was?", unterbrach Gray ihn mit bitterer Stimme. „Du kommst hier her und ich falle vor dir auf die Knie, weil du es wagst, mich mit deiner Anwesenheit zu beehren? Dass ich vor Freude am besten weinen sollte, weil ich dir so dankbar bin, dass du an einen kleinen Wicht wie mich gedacht hast? Ich soll alles stehen und liegen lassen und sofort jede deiner Ideen annehmen, denn du weißt es natürlich besser, wie du es immer besser weißt, und ich sollte – ich sollte was genau sein, Patrick? Nein, lass mich", zischte er und schob Gwens Hand beiseite, die sie ihm auf die Schulter gelegt hatte. „Du hast keine Ahnung, also tu nicht so, als würdest du mich noch kennen."

Die Stille nach Patricks Vorschlag war bereits ohrenbetäubend gewesen, aber diese übertrumpfte sie noch um Längen. Das einzige Geräusch, was man hören konnte, war Grays eigener, schwerer Atem. Er verschränkte die Arme fest vor der Brust und fühlte sich lächerlich, dass er überhaupt auf Gwen gehört und hergekommen war. Sein Instinkt hatte ihm bereits gesagt, dass das hier nur eine reine Zeitverschwendung sein würde, egal was es gewesen wäre, und er hatte Recht behalten. Es wäre besser für ihn und für Patrick, wenn sie nie hierhergekommen wären.

„Ich hatte nicht damit gerechnet, dass du mich so sehr hassen würdest, Gray." Patricks Stimme war leise und bestimmend.

„Mach dich nicht wichtiger, als du bist", erwiderte Gray. „Um dich zu hassen, müsste ich regelmäßig Zeit mit dir verbringen und wir wissen beide, dass das nicht passiert."

„Aber es könnte", antwortete er, „wenn du mich als dein Coach anheuerst. Dann könnten wir ständig aufeinander hocken und du hättest jeden Grund, um mich zu hassen. Ich bin sehr hassenswert, habe ich mir sagen lassen."

Widerwillig zuckte ein Lächeln über seine Lippen. „Ja, von mir. Das weißt du noch?"

„Ich hab ein gutes Gedächtnis", erwiderte Patrick schulterzuckend. „Du – oder besser gesagt ihr müsst euch nicht sofort entscheiden. Du warst der erste, an den ich gedacht habe, als ich realisiert habe, dass ich mich anderweitig beschäftigen muss, aber ich wette, es finden sich noch andere, die meine Dienste nicht so vehement ablehnen würden." Patrick fischte eine kleine, papierne Karte aus seiner Hemdtasche und reichte sie Gwen. „Hier ist meine Nummer, falls ihr eine Entscheidung getroffen habt. Es hat mich gefreut, deine Bekanntschaft zu machen. Mr. Hacking, ich danke Ihnen, dass wir uns hier treffen durften."

Mr. Hacking blickte Patrick überrascht an. „Wie meinen? Sie wollen schon gehen?"

Mit einem schmalen Lächeln drückte er sich vom Sofa auf, seine Kaffeetasse unberührt, der Kaffee mittlerweile kalt. Patrick klemmte sich die Gehhilfe unter den Arm und humpelte auf einem Bein vom Tisch weg.

„So schnell gibst du auf?", fragte Gray und war selbst von sich überrascht, dass er gesprochen hatte.

Mit einer angezogenen Augenbraue betrachtete Patrick ihn nachdenklich. „Ich weiß, wann ich alles gesagt habe, das gesagt werden musste. Du hast deinen Standpunkt bisher sehr deutlich gemacht, aber wenn du deine Meinung geändert hast... nun, du kannst mich ja anrufen. Oder deine Managerin ruft mich an." Er schenkte Gwen ein Kameralächeln, bevor er langsam an ihnen vorbeiging. „Lassen Sie es mich wissen, falls ich mal etwas für Sie tun kann, Mr. Hacking."

Die drei sahen zu, wie Patrick zur Tür ging, sie mit einer Hand öffnete und dann aus dem Lehrerzimmer ging. Die Tür fiel hinter ihm zurück ins Schloss und das Echo hallte unendlich laut in der gesamten Akademie wider. Erneut wurde es still im Zimmer und Gray blickte auf seine Hände, die er locker zwischen seinen Beinen hängen ließ. Er wusste nicht, wie Patrick überhaupt auf die Idee kam, ihn sowas zu fragen. War es nur eine dreiste Möglichkeit, um ihm seine eigenen Niederlagen noch bitterer zu machen, indem er ihm anbot, ihm zu helfen? Es gab im Moment keinen Zweifel daran, wer von ihnen der bessere Spieler war, auch wenn es Zeiten gegeben hatte, in denen sie Kopf an Kopf miteinander um den ersten Platz gerungen hatten. Es war wahrscheinlich auch unumstößlich, wer von ihnen es immer hatte weiterbringen können. Trotzdem hatte Gray die letzten Jahre gearbeitet und trainiert, geschwitzt und gelitten, nur um sich wenige Ränge nach vorne kämpfen zu können, während anderen jedes Spiel und jeder Sieg zuzufliegen schien. Sich mit anderen zu vergleichen hatte noch niemandem geholfen, und doch konnte Gray es nicht lassen, sich immer mit den Leuten zu vergleichen, mit denen er nicht vergleichbar war. Er und Patrick... das war eine Rivalität, die zu Akademiezeiten begonnen und bisher nicht geendet hatte. Wie sollte er sich jemals vorstellen, mit jemandem wie ihm zu trainieren? Die letzten zehn Jahre waren dafür drauf gegangen, dass er immer besser und besser werden wollte, damit er Patrick schlagen konnte.

Diese Möglichkeit war ihm genommen worden. Er würde Patrick nie wieder auf dem Spielfeld gegenüberstehen können.

Diese Feststellung traf ihn härter als erwartet. Seine Hände wurden klamm und seine Finger begannen zu zittern. Er biss sich fest auf den Mundwinkel, bis er spürte, wie seine Haut brach. „Gwen", sagte er und sie drehte den Kopf zurück zu ihm. „Was soll ich machen?"

Gwen öffnete den Mund, schloss ihn wieder und ließ sich zurück in das weiche Leder des Sofas sinken. „Das ist eine Sache, die ich dir nicht abnehmen sollte. Du weißt selbst, dass du unzufrieden mit deiner Leistung und deinem Training bist, und vielleicht könnte Patrick dir helfen. Vielleicht wäre es aber auch die schlechteste Entscheidung deiner Karriere." Sie zuckte mit den Achseln. „Ich hab keine Ahnung. Du kennst ihn besser."

„Gott, du bist eine miese Managerin", murmelte er, bevor er sich übers Gesicht wischte. „Sie haben nicht zufällig eine Lösung für mich, Mr. Hacking?"

Sein alter Lehrer blickte noch immer zur Tür, durch die Patrick verschwunden war, als er antwortete: „Wenn ihr beide noch immer wie die Jungs seid, die ich früher unterrichtet habe, dann weiß ich nur, dass ich euch so weit wie möglich auseinandersetzen würde, aber ich bin mir ziemlich sicher, dass jeder von euch in den letzten Jahren mehr als nur erwachsen geworden ist. Als Teenager war es keine gute Idee, euch allein in einem Raum zu lassen, aber als Erwachsene?" Mr. Hacking zuckte mit der Schulter. „Ihr seid Männer. Ist es nicht an der Zeit, eine dumme Jugend-Rivalität zu begraben?"

„Du kannst niemand anderen für dich entscheiden lassen", sagte Gwen, „auch wenn ich Mr. Hacking zustimmen muss. Du weißt selbst, dass du mir nicht die ganze Zeit von Patrick und seinen Spielen erzählst, weil du ihn so nervig findest." Sie lächelte ihn gewinnend an, als er leise stöhnte. „Falls du dich entschieden hast, dann hast du meinen Segen, aber solltest dich vielleicht beeilen."

„Ich hasse dich", flüsterte er ihr zu, ehe er aufstand. „Vielen Dank für die Möglichkeit, Mr. Hacking."

„Liebend gerne, es war ganz meine Freude. Es hat sich für einen Moment so angefühlt, als wäre ich in der Zeit gereist."

Gray schenkte seinem Lehrer ein dankbares Lächeln – und versuchte nicht zu sehr daran denken, was genau das heißen sollte – bevor er zur Tür ging. Wie er erwartet hatte, war Patrick mit seiner Gehhilfe nicht weitgekommen, oder er war extra langsam gelaufen, weil er sich genau diese Situation erhofft hatte. Egal was es war, Grays Magen zog sich ein wenig zusammen, als er den anderen Mann am Ende des Ganges sah. Goldenes Licht fiel durch die Fenster und ließ ihn in einem fast schon unnatürlichen Glanz erstrahlen, die Haare wie eine goldene, flüssige Krone auf seinem Kopf, die breiten Schultern und die ebenmäßige Haut wie die einer Marmorstatue. Er hasste ihn ein wenig, als er ihn so sah. Wie in seiner Erinnerung, nur besser.

„Ich hoffe, du fährst nicht zu weit weg", sagte Gray und seine Stimme hallte im leeren Korridor wider. „Andernfalls wird es ziemlich nervig für dich, wenn du mir bei meinem Training helfen willst."

„Falls das ein hinterlistiger Weg sein soll, damit du mich fragen kannst, ob ich bei dir einziehen will, dann ist die Antwort Nein", erwiderte Patrick. Obwohl er noch immer mit dem Rücken zu ihm stand, konnte Gray das Grinsen in seiner Stimme hören.

Dadurch hasste er ihn ein wenig mehr. „Ich werde es sicherlich bereuen, dir überhaupt eine Chance zu geben, aber... du hast es versprochen."

„Ich hab es versprochen", sagte Patrick, als er sich umdrehte. „Und ich halte meine Versprechen, auch wenn ich dieses hier ein wenig ändern muss. Ich schwöre dir, dass ich dich ins Finale eines Grand Slams bringe. Dann kannst du jeden anderen fertig machen und es ist fast so, als wäre ich dein Gegner gewesen."

„Irgendwann bringt deine Arroganz dich noch um", antwortete Gray, auch wenn er nicht wusste, ob er das wirklich ernst meinte. Adrenalin pumpte durch seine Venen, als er Patrick ansah. Er fühlte sich für einen Moment schon so an, als wäre er im Finale. Die ganze Welt hielt den Atem an. „Coach."


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