Three

Es war ein interessantes Phänomen, dass die Zeit schneller verging, wenn man auf etwas wartete – den einen Moment war Patrick in ein Taxi gestiegen und hatte sich mit einem selbstzufriedenen Lächeln zurück nach Saint Petersburg fahren lassen, den nächsten Moment war er in Tampa angekommen und hatte sich von Gwendoline abholen und zu Grays bevorzugtem Tennis-Center bringen lassen. Patrick war schon einige Male in Tampa gewesen, aber nie, um jemand anderen im Tennis zu trainieren. Manchmal hatte er hier am Wochenende gegen andere Spieler aus der Gegend gespielt, manchmal war er auch einfach nur in einen Club gefahren und hatte die Nacht in den Tag verwandelt. Es war ihm nie in den Sinn gekommen, dass Gray nur eine kurze Fahrt von ihm entfernt lebte, noch hatte er jemals gefragt, wo er denn leben würde. Bisher war es einfach nie wichtig genug gewesen.

Das Tennis-Center sah ein wenig wie eine Parkanlage aus, mit hölzernen Bänken überall, schattigen Plätzen unter großen Bäumen und einem halben Dutzend offenen Asphalt-Plätzen mit gespannten Netzen. Die Tennisanlage war von einem Gitterzaun umschlossen, schien aber sonst nicht sonderlich gesichert zu sein. Es gab nicht einmal Sicherheitspersonal.

Gwen zeigte ihm die Umkleidekabinen – ein kleines, unscheinbares Häuschen in der Ecke, vor dem eine überquellende Mülltonne sowie eine kaputte Bank standen – bevor sie ihn durch ein Tor zum Zaun führte. „Gray spielt manchmal gegen die anderen Leute, die hierherkommen", erklärte sie, als sie an den leeren Feldern vorbeigingen. „Aber meistens ist es hier so leer wie heute."

„Wer ist sein üblicher Trainingspartner?", fragte Patrick, während er den Zustand des Bodens überprüfte. Heiß von der Sonne und mit einigen Rissen verunstaltet, aus denen kleine Gräser sprossen, aber ansonsten annehmbar für eine öffentliche Außenanlage.

„Im Moment niemand", sagte Gwen. „Normalerweise spielt er gegen Lizzy, aber die ist gerade auf ihren Flitterwochen und kommt erst nächsten Monat wieder. Sonst spielt er gegen Leute, die hier auch allein sind, oder eben ganz allein. Manchmal gegen mich oder Marcus – meinen Mann. Aber wir sind nicht wirklich gut, also nutzt er uns nur, um seine Aufschläge besser zu zielen oder Returnschläge zu üben." Sie zuckte mit den Schultern und deutete auf eine der Bänke. „Hier sitze ich meistens, während Gray übt."

Patrick hatte sich noch nicht ganz davon erholt, dass Grayson im Moment keinen Trainingspartner hatte, geschweige denn einen Trainer, der ihm die richtigen Spielzüge zeigte. Es sollte ihn nicht verwundern, denn bereits aus Akademie-Zeiten wusste er, dass Gray von allen immer nur nach seinem eigenen Kopf gegangen war, aber als jemand, der es in der professionellen Szene schaffen wollte, hätte er mehr von ihm erwartet. Etwas ungelenk ließ er sich neben Gwen nieder. „Wieso hat er keinen Coach?"

„Weil er lieber allein arbeitet", erwiderte Gwen achselzuckend. Sie zückte ein schlankes, schwarzes Handy hervor und begann darauf zu tippen. „Ich hab ihm bereits mehrmals gesagt, dass es ihm nur helfen könnte, sich jemanden zu suchen, der ihm hilft, aber manchmal weiß selbst ich nicht, wie ich durch seinen Dickschädel dringen soll. Er kann unfassbar stur sein, weißt du?"

„Ja, das weiß ich", murmelte Patrick. In seiner Zeit als Tennisspieler hatte Patrick sicherlich ein gutes Dutzend verschiedener Trainer gehabt, von denen er mal mehr, mal weniger gelernt hatte, wie er sein Spielen noch weiter verbessern konnte. Noch vor der Akademie hatte er Privatstunden genommen, wurde manchmal von seinem Großvater selbst unterrichtet oder hatte beim Training seines Vaters zugeguckt, bis er selbst mitspielen konnte. Es wäre ihm nie in den Sinn gekommen, für sich allein zu trainieren, geschweige denn eine Karriere daraus zu machen, wenn er niemanden hätte, der ihm seine Fehler aufzeigte.

Es dauerte nicht lange, bis Gray aus der Umkleidekabine kam. Er trug kurze, weiße Shorts und ein kurzärmliges, gestreiftes Shirt, sowie abgetretene Sportschuhe. Der Schläger in seiner Hand hatte bereits bessere Tage gesehen; die Farbe der Besaitung war an etlichen Stellen verblasst und die Griffbänder waren schon länger nicht neugewickelt worden. Grays Augen fanden Patrick und Gwen und er kam mit langen Beinen auf sie zugelaufen. „Du bist ja echt hier", sagte er zur Begrüßung. „Ich hätte nicht gedacht, dich mal an so einem Ort zu sehen."

„Ich kann dich schlecht coachen, wenn ich auf der anderen Seite des Bays hocke, oder?"

Gray schnaubte leise. „Wie du meinst." Er wandte sich wieder um und betrat eins der leeren Spielfelder. Es war so aufgebaut, dass eine Seite an der dicken Betonwand der Umkleiden angrenzte und noch bevor Gray den ersten Aufschlag gemacht hatte, wusste Patrick, was er vorhatte.

„Das kann nicht dein Ernst sein", sagte er laut, womit er Gray innehalten ließ. „So trainierst du?"

„Ich würde es gerne, wenn mich nicht jemand davon abhalten würde", erwiderte Gray säuerlich klingend. „Ich dachte, du bist nur hier, um zuzugucken?"

„Ja, das dachte ich auch, aber das ist... kein Wunder, dass ich ewig nicht mehr gegen dich gespielt hab." Er wusste, er hatte das falsche gesagt, noch als er es ausgesprochen hatte.

Grays Gesichtsausdruck wurde eisig und der Griff an seinem Schläger so fest, dass seine Knöchel deutlich weiß von seiner sonnengebräunten Haut hervorstachen. In seinen Augen braute sich ein Sturm zusammen, als er Patrick anstarrte. „Wenn das deine Meinung ist, dann weiß ich nicht, wieso du hier deine Zeit verschwenden willst."

„So hab ich es nicht gemeint", entgegnete Patrick seufzend. Er drückte sich von der Bank und fluchte lautlos. Mittlerweile bereute er es, die Gehhilfe nicht mitgenommen zu haben. Mehr schlecht als recht ging er auf Gray zu, der ihn mit verschränkten Armen betrachtete. Die Muskeln an seinem Kiefer zuckten, als Patrick vor ihm stehenblieb. Im Lehrerzimmer der IMG war es ihm kaum aufgefallen, aber Gray war in den letzten Jahren noch ein gutes Stück größer als er geworden. Er überragte ihn um knapp einen halben Kopf und mit seinen breiten Schultern und dem markanten Kreuz war er auch um einiges kräftiger als Patrick. Sein T-Shirt wölbte sich um seine Oberarmmuskeln und Patrick versuchte sich daran zu erinnern, wann er Gray das letzte Mal gesehen hatte, aber er war sich ziemlich sicher, dass er damals nicht so ausgesehen hatte. „Du kannst nicht erwarten, besser zu werden, wenn niemand da ist, der dir zeigt, wo du dich verbessern musst."

„Nicht jeder kann sich einen teuren Privatlehrer leisten", gab Gray defensiv zurück. „Ich habe mir bisher alles selbst beigebracht, also weiß ich nicht, wieso es dich auf einmal stören sollte. Du hast nicht mal gewartet, bis ich den ersten Aufschlag gemacht hab."

„Ich kenne deine Aufschläge", erwiderte Patrick. „Du hast den Hang, immer so nah wie möglich an die Mittellinie zu zielen, wobei du Kraft für Präzision eintauschst. In einem von zehn Spielen schaffst du es, ein Ass zu erzielen, wobei nie genau erkennbar ist, ob das an deinem Aufschlag oder am Fehler deines Gegners liegt. Wenn du beim Seitenwechsel bereits hinten liegst, dann hältst du deinen Schläger viel zu versteift, was dazu führt, dass du die Bälle ins Netz oder Aus schleuderst." Er lächelte, als Gray ihn mit geweiteten Augen und angezogenen Brauen ansah. „Du glaubst doch nicht, ich hätte keine Recherche betrieben, oder? Es gibt nicht viel über dich online, aber wenn es etwas gibt, dann kann man es finden."

„Das ist irgendwie unheimlich", gab Gray zurück. Er lockerte den Griff an seinem Schläger etwas. „Okay, schön. Was soll ich deiner Meinung nach machen?"

Patrick blickte sich auf dem Platz um. Noch immer waren sie die einzigen hier und er bezweifelte, dass er in kürzester Zeit jemanden auftreiben könnte, den er Gray als Gegenüber hinstellen könnte, der ihm auch ein erfrischendes und gewinnbringendes Training bieten würde. Für einen Moment überlegte er selbst gegen ihn zu spielen, aber verwarf den Gedanken wieder. So gerne er es auch würde, er konnte nicht. „Mach – Mach erstmal so weiter, wie du es sonst getan hättest, aber versuch an das zu denken, was ich dir gesagt hab. Wenn mir was auffällt, dann merke ich es mir."

„Okay", sagte Gray ein wenig hohl klingend. „Du... ich meine, klar. Danke, schätze ich." Er drehte sich um, ging einen Schritt, blieb stehen und wandte sich dann wieder zu Patrick um. „Bist du sicher, dass das 'ne gute Idee ist? Für dich hier zu sein, meine ich?"

Es gab einige Antworten, die Patrick darauf geben könnte, die eine falscher als die andere, aber schließlich zuckte er mit den Schultern und sagte: „Ich hab's versprochen." Er ließ Gray auf dem Spielfeld stehen, ging zurück zu Gwendoline und setzte sich mit steifem Knie neben sie.

Für ein paar stille Minuten sah er zu, wie Gray Aufschläge gegen die Wand übte, wie er den Ball immer wieder heftig zurückfeuerte, sodass Putz vom Beton blätterte, bis Gray mit sich hebenden und senkenden Schultern den Nacken kreisen ließ und sich auf das Spielfeld daneben bewegte. Statt gegen die Wand zu schlagen, nutzte er die freie Fläche hinter dem Feld, die bis zum Zaun unbegrenzt war, um seine Präzision zu üben. Er schlug so lange auf, bis ihm die Bälle ausgingen, dann ließ er den Schläger liegen und lief los, um sie alle aufzusammeln.

„Ich kann nicht fassen, dass er so trainiert", murmelte Patrick leise.

Gwen blickte nicht von ihrem Handy auf. „Er hat Trainer versucht, sagt er, aber niemand spielt so, wie er es sich vorstellt, also macht er es lieber allein."

„Ich will sein Können wirklich nicht kleinreden, aber wenn er so weitermacht, dann wird er es nie im Rang weiter als dreihundert schaffen."

„Ich weiß", erwiderte Gwen seufzend. „Aber versuch ihm das mal klarzumachen. Weißt du, irgendwie glaube ich ja sogar, dass er das selbst weiß, aber sein Ego oder was auch immer steht ihm im Weg, um es auch zuzugeben. Dad hat immer gesagt, dass Gray sich schon immer selbst ein Bein gestellt hat, wenn er glaubte, dass er sich verbiegen müsste, um etwas zu erreichen."

Patrick blinzelte langsam. „Dad? Du meinst –"

„Dass ich seine Schwester bin?" Gwen blickte von ihrem Handy auf und lachte. Weder von Nahem noch von Weitem hatten sie und Gray auch nur ansatzweise Ähnlichkeiten miteinander. Er war groß, dunkelhaarig und sonnengebräunt, während Gwen kleiner, mit hellen, blonden Haaren und einem eher rundlichen Gesicht war, sowie blasserer Haut und helleren, blauen Augen. „Ich bin nicht einmal mehr überrascht, dass du nicht wusstest, dass er eine Schwester hat", fügte sie an. „Ich wette, er hat auch früher nichts von sich erzählt."

„So ziemlich", gab Patrick zurück, der sich versuchte daran zu erinnern, ob er jemals gehört hatte, wie Gray von seiner Familie erzählt hatte. „Ich kann mich nur daran erinnern, dass er seinen Vater ein paar Mal erwähnt hat, aber mehr nicht."

Gwen gab ein leises, brummendes Geräusch von sich. „Das solltest du jetzt nicht mehr erwarten."

„Wieso das?"

„Wieso gibt es eigentlich noch nichts darüber zu finden, dass du offiziell zurückgetreten bist?" Falls Gwen einen simplen Themenwechsel eingehen wollte, dann hatte sie das damit deutlich gemacht. Sie blickte ihn mit großen, abwartenden Augen an. „Wird es nicht Zeit dafür?"

Patrick wollte ihr die Genugtuung nicht geben, ihre Frage sofort zu beantworten, wenn sie seine so unverfroren übergangen hatte, aber er hatte mehr oder weniger mit solch einer Frage bereits gerechnet, seit Gray zugestimmt hatte, ihn als Coach anzuheuern. Er war lediglich überrascht, dass es so lange gedauert hat, bis einer der beiden ihn tatsächlich fragte. „Es ist kompliziert, aber die simple Antwort ist, dass das nicht in meiner Hand liegt. Die Entscheidung wurde mir genommen."

„Oh?"

„Mein Großvater entscheidet so ziemlich alles, was in der Familie geschieht, also hat er sich auch das Recht vorbehalten, meiner Karriere das offizielle Aus zu geben. Er wartet wohl nur auf den richtigen Augenblick." Patrick zuckte mit einer Schulter. „Das ist so ziemlich der Grund, wieso ich nicht wollte, dass einer von euch darüber plaudert. Ich hab keine Lust, dass er mir mit seinem Anwalt droht."

„Nun, vielleicht sollte er sich mit dem Statement beeilen", sagte Gwen langsam, bevor sie ihm ihr Handy reichte. Auf dem Bildschirm war ein Artikel einer Klatschzeitung aufgerufen. „Es gibt schon einige neue Gerüchte."

„Gerüchte gibt es immer über mich", erwiderte Patrick abwehrend. „Das kommt mit dem Job."

„Involvieren diese Gerüchte auch, dass du anscheinend eine heimliche Affäre mit Gray hast?"

„Was!?" Patricks Ausruf ließ Gray in seinem Aufschlag innehalten und zu ihnen blicken. Ohne auf ihn zu achten, schnappte sich Patrick Gwens Handy und scrollte durch den Artikel der Klatschzeitung. Ein mehr als unscharfes Foto von Patrick, der in ein Taxi stieg, war die Hauptattraktion, mit einem kleineren darunter, auf dem deutlich Gray und Gwen zu sehen waren, die gerade aus dem Haupteingang der IMG kamen. Unter den Fotos stand: Heimliche Liebe oder unschuldiges Klassentreffen?

Beinahe hätte Patrick aufgelacht. „Das ist alles?"

„Das ist einer der Artikel. Es gibt noch ein halbes Dutzend mehr, plus so ziemlich einhundert verschiedene Social Media Beiträge. Niemand geht davon aus, dass deine Karriere vorbei ist, also spekulieren sie lieber darüber, wieso du dich mit jemandem wie Gray treffen würdest."

„Mit jemandem wie Gray, wow. Danke, Gwen."

Patrick blickte auf und traf Grays Blick, der vor ihnen aufgetaucht war. Die Sonne stand irgendwo über ihnen und malte harte Schatten auf seinen Kiefer und seine Stirn, und ließ seine dunklen Haare wie geschmolzenen Teer aussehen. Schweiß perlte ihm von der gebräunten Haut.

„Du weißt, was ich meine", erwiderte Gwen mit einem Augenrollen. „Du bist bei Weitem nicht so bekannt wie Patrick, also wird niemand glauben, er würde sich mit dir treffen, um sich Tipps für Aufschläge zu holen. Ich hab den ganzen Morgen schon E-Mails verschickt, falls es euch interessiert, und versucht das klarzustellen, aber mir antwortet keiner."

„Du wirst wahrscheinlich auch keine bekommen", sagte Patrick. „Ich habe schon oft genug versucht, irgendwelche Klatschartikel über mich entfernen zu lassen. Wenn man nicht mit Anwälten droht, dann machen die auch nichts. Aber wie kommen die überhaupt auf solche Ideen?", fügte er an und nickte dem Artikel auf Gwens Handy zu.

„Frag mich nicht", meinte sie achselzuckend. „Mit sowas musste ich mich bisher nicht herumschlagen. Hat wahrscheinlich auch Vorteile, dass Gray so ein Einzelgänger ist."

„Ich stehe hier und kann dich hören", sagte er.

„Wieso stehst du hier überhaupt? Hast du nicht Curvebälle zu üben, oder wie auch immer die heißen?"

Es war Gray deutlich anzusehen, dass er Gwen liebend gern verbessern würde, aber er schüttelte lediglich den Kopf und wandte den Blick dann zu Patrick. Der Augenkontakt löste ein seltsames Gefühl in ihm aus, das er schon lange nicht mehr gespürt hatte. Das letzte Mal, als er und Gray sich direkt in die Augen gesehen hatten, da hatten sie auf dem Spielfeld gegeneinander gespielt. Sie hatten sich die Hände geschüttelt und Gray hatte ihm zu seinem Sieg gratuliert, bevor er einmal mehr von der Bildfläche verschwunden war. Würde es auch jetzt geschehen?

„Ich dachte, deswegen bist du hier", sagte Gray an ihn gewandt. „Oder willst du hier rumsitzen und lesen, was über dich im Internet erzählt wird?"

„Nein, sicher nicht." Patrick schob sich etwas näher an die Kante der Bank, dann stemmte er sich auf. Sein Knie war ein wenig steif, aber er würde sich in Grays Nähe nicht anmerken lassen, dass es ihm noch immer Unbehagen bestritt, ohne Gehhilfe zu laufen. Es war bereits eine absurde, träumezerstörende Situation, da konnte er Grays falsche Sorge nicht auch gebrauchen. Patrick nickte ihm zu, und Gray wandte sich wieder seinem Spielfeld zu. Die Sonne brannte auf seiner Haut, als Patrick sich nahe der weißen Mittellinie hinstellte. Seine Finger kribbelten mit dem Verlangen, Gray den Schläger aus der Hand zu nehmen und selbst ein paar Aufschläge zu üben, aber er konnte sich nur ausmalen, wie das ausgehen würde; ein stechender Schmerz in seinem Bein, ein ungelenker Schritt und er würde auf dem Boden liegen. Dr. Torres hatte ihn mehrfach sanft, aber bestimmt davor gewarnt, was passieren könnte, wenn Patrick seine Anweisungen missachten und trotzdem weiterhin spielen würde. Tennis war zwar alles, was er jemals konnte, aber er würde seine Gesundheit nicht weiter dafür aufs Spiel setzen, so sehr er es auch wollte.

„Okay, dann zeig mir mal deinen Curveball", sagte er und grinste, als Gray die Augen verdrehte. Sein neuer Schüler demonstrierte ein paar Aufschläge, bei denen die Bälle zwar präzise, aber schwächlich durch die Luft flogen und auf der anderen Spielfeldseite nahe der Mittellinie landeten. Bisher war Patrick immer nur auf der anderen Seite gewesen und hatte noch nie versucht, jemandem etwas beizubringen, aber seine jahrelange Erfahrung kickte beinahe sofort ein, als er Grays Haltung sah. Es war, als würde eine Phantomhand ihn leiten. „Dein Treffpunkt muss höher sein, wenn du präzise sein willst. Du brauchst den Schwung, um mehr Kraft ausüben zu können. In jedem normalen Spiel wird dein Gegenüber nach spätestens zwei Aufschlägen merken, was du versuchst und dich kontern."

Er erwartete Widerworte oder einen Kommentar von Grays Seite aus, aber stattdessen nahm er Patricks Worte war, streckte sich etwas mehr, und feuert einen weiten Aufschlag übers Netz. Der Ball landete nicht mehr ganz so nah an der Mittellinie wie zuvor, aber er prallte deutlich härter auf dem Asphalt auf. „So?"

„Schon besser, aber du musst trotzdem noch zielen."

„Oh, wirklich?", erwiderte Gray bissig.

Patrick lächelte. Das war eher die Reaktion, die er erwartet und sich irgendwie erhofft hatte. Das war der gute alte Gray, den er kannte. „Lass deine Frust lieber am Ball aus und schlag richtig ordentlich zu. Mit solchen Nudelarmen ist es ja kein Wunder, dass jeder deinen Aufschlag returned."

„Nudel- bitte? Hast du dich mal angeguckt?" Gray starrte ihn mit geweiteten Augen an. „Du siehst immer noch aus wie siebzehn. Hast du den Innenraum eines Gyms in den letzten Jahren überhaupt gesehen?"

„Nutz deine schwachen Gegenargumente lieber, um dich aufs Spiel zu konzentrieren. Stell dir vor, ich würde auf der anderen Seite stehen und deine Nudelarme kritisieren. Willst du mir nicht richtig beweisen, was für Muskeln du darin versteckst?" Von Verstecken konnte bei Grays Oberarmen zwar nicht die Rede sein, aber Patrick würde auf deutlich härtere Mittel zurückgreifen müssen, wenn er Grays Stärke irgendwie hervorbringen wollte. Früher waren seine Aufschläge stärker gewesen, das wusste er. Patrick war oft genug auf der anderen Seite des Netzes gewesen, um zu wissen, wie kräftig Gray zuschlagen konnte. Er wusste nicht, was geschehen war, damit Gray seiner eigenen Kraft nicht mehr vertraute, aber wenn er – und Patrick – eine Chance haben wollte, es bis in das US Open zu schaffen, dann musste er ihn irgendwie dazu bringen, seine gesamte Kraft zu nutzen.

Gray gab ein kehliges Geräusch von sich, bevor er den Griff um seinen Schläger verstärkte und ein paar weitere Aufschläge übers Netz feuerte. Die Bälle landeten entweder präzise an der Mittellinie oder kräftig irgendwo dazwischen. Je länge er übte, desto näher gerieten seine Aufschläge ans Aus. Frustration schien sich in ihm breit zu machen, aber statt aufzugeben oder den Schläger wütend zur Seite zu werfen, schloss Gray die Augen und atmete ein paar Mal tief ein und aus. Als er die Augen wieder öffnete und merkte, dass Patrick ihn überrascht beobachtete, zog er die Augenbrauen in die Höhe. „Was ist?"

„Nichts, ich bin nur... egal. Mach einfach weiter."

„Ja, Coach."

Patrick verschränkte die Arme, und Gray grinste ihn an, bevor er sich wieder seinen Aufschlägen zuwandte. Irgendwie fühlte es sich erfüllend an, wieder auf dem Platz zu stehen, selbst wenn er einen Schläger selbst nicht nutzen durfte. In den letzten Tagen hatte Patrick immer mal wieder seinen Schläger in die Hand genommen und durch die Luft geschwungen, als würde er unsichtbare Punkte jagen, aber es war nie das gleiche Gefühl gewesen, wie wirklich auf dem Feld zu stehen und den unverkennbaren Geruch einzuatmen, den er mit Tennis in Verbindung brachte. Patrick konnte kaum in Worte fassen, wie sehr er es vermisste, selbst zu spielen. Seit dem Unfall hatte er nicht mehr gespielt, hatte den Hartplatz nicht mehr unter seinen Schuhen spüren können, weswegen er es jetzt umso mehr genießen musste. Vielleicht würde er nie wieder in den Genuss kommen, selbst zu spielen, aber sein kaputtes Knie würde ihn nicht daran hindern, in der Nähe zu bleiben und... und dieses Gefühl wie durch Osmose aufzunehmen.

Einige Minuten später gingen Gray erneut die Bälle aus. Er drückte Patrick wortlos seinen Schläger in die Hand und sprang über den niedrigsten Teil des Netzes, um sie alle wieder aufzusammeln. Mit dem Daumen fuhr Patrick über das raue Material am Griff. Er berührte das kühle, dünne Polyester im Netz und atmete beinahe erleichtert aus, als er mit dem Fingernagel darüber kratzte. Der Schläger war zwar abgenutzt und hatte schon weitaus bessere Tage gesehen, aber Patrick konnte die Liebe darin förmlich spüren. Das war ein Schläger, der oft gebraucht und oft gepflegt wurde, auch wenn er nicht so aussah. Er hatte nicht erwartet, dass Gray mit seinen Sachen schlampig umging, aber die Fürsorge, die in diesem Schläger steckte, überraschte ihn dennoch.

Gray kam mit seinen eingesammelten Bällen in einem Plastikeimer zurück und runzelte die Stirn, bevor er die Hand ausstreckte und Patrick ihm seinen Schläger zurückgab. Er hielt ihn in der Hand und drehte ihn ein wenig am Griff, bevor er sagte: „Ich weiß nicht, wie du es aushältst. Nicht mehr spielen zu können."

„Ich auch nicht", erwiderte Patrick.

„Du warst früher so unausstehlich, wenn es ums Spielen und Trainieren ging."

„Vielen Dank auch."

„Du weißt, was ich meine", sagte Gray lachend. „Du wolltest immer gewinnen, du hast dir jedes Feld genommen, wenn du meintest, es sei jetzt deine Zeit und du hast einen Scheiß darauf gegeben, was andere gesagt haben. Es war manchmal extrem nervig, mit dir zu spielen. Aber wahrscheinlich", fügte er an und wandte den Blick ab, „sollte ich dir auch irgendwie danken. Deine unausstehliche Nervigkeit war die perfekte Motivation, um besser zu werden."

Patrick würde gerne behaupten, dass Grays Erzählungen aus dem Kontext gerissen waren, aber damit würde er die Wahrheit nur verschleiern. „Zu meiner Verteidigung", gab er lahm zurück, „hab ich nur das gemacht, was man mir beigebracht hat. Es war also gar nicht meine Schuld, wenn wir ganz genau darüber nachdenken."

„Natürlich war es das nicht, Mr. Ich habe mir eine Yacht zum Geburtstag gekauft, weil ich es konnte."

„Ich hab sie nur ausgeliehen!", erwiderte er lachend. „Das hab ich dir schon –"

„Ja, ja, ich weiß." Gray sah nicht zu ihm, aber er konnte das Lächeln auf seinen Lippen trotzdem sehen. „Machen wir weiter, oder was?"

Das taten sie. Gray vollführte eine weitere Runde Aufschläge, bevor Patrick nicht mehr so tun konnte, als würde er kein unangenehmes Stechen in seinem Bein spüren, je länger er stand. Unter dem Vorwand, etwas mit Gwen besprechen zu wollen, ließ er Gray allein weitermachen, ging etwas steif wieder zu ihr und ließ sich auf der Bank sinken.

„Es ist wie ein verdammtes Buschfeuer", sagte sie irritiert. „Kaum taucht ein verrückter Artikel auf, kommen gleich zwanzig hinterher, die immer nur das Gleiche sagen. Hat denn niemand mal was von originellen Gedanken gehört?"

„Wird immer noch darüber spekuliert, was meine und Grays Beziehung so ist?", fragte Patrick und streckte sein Bein in die Sonne. Er hatte das Gefühl, als würde sein Knie pulsieren, auch wenn es das wahrscheinlich nicht tat. Für einen Moment erlaubte er sich, die Augen zu schließen und seinen Oberschenkel zu reiben, obwohl er mittlerweile besser wusste, dass das nichts half.

„So ziemlich", gab Gwen zurück. „Es ist alles ziemlich bescheuert, aber ich muss trotzdem irgendwie einen Weg finden, die Sache zu begraben."

„Wieso? Auch Gerüchte geben Publicity."

„Für jemanden wie dich vielleicht", entgegnete Gwen. „Du bist bekannt genug, dass es wahrscheinlich schon Gerüchte darüber gibt, wie viele uneheliche Kinder von dir herumlaufen, aber für jemanden, der nur wenige Online-Meldungen über sich hat, kann sowas das Karriere-Aus bedeuten."

Patrick versuchte nicht an seine heißen, roten Ohren zu denken, die an der Seite seines Kopfes brannten, als er antwortete: „In ein paar Tagen hat sich das sowieso gelegt, wenn sie kein neues Futter bekommen. Niemand wird mehr darüber nachdenken, ob das etwas zu bedeuten hat."

Mit einem ungeduldigen Blick sah Gwen auf. „Erneut, für jemanden wie dich ist das kein Problem, aber Gray – ich kann die Artikel und Beiträge, die im Monat über ihn veröffentlicht werden, an einer Hand abzählen, wenn ich unsere eigenen abziehe. Es muss nur ein verrückter Fan das falsche sagen, und alle könnten der Meinung sein, Gray würde dich nur für irgendwas ausnutzen oder was weiß ich. So ein dummes Gerücht kann jemanden ganz schnell auf die falsche Seite vom Internet katapultieren, aber es verwundert mich nicht, dass du davon nichts weißt. Du hast wahrscheinlich gesonderte Social-Media-Manager oder sowas."

Ertappt blickte er zu Boden. „Um sowas musste ich mir nie Gedanken machen. Ich musste mich nur aufs Spielen konzentrieren, mehr nicht."

„Auch wenig überraschend."

Es gab eine Menge Dinge, um die Patrick sich nie hatte kümmern müssen. Zuvor war alles über die Leute seines Großvaters gelaufen; er hatte Anwälte und Manager und Trainer von ihm gestellt bekommen, hatte Sponsorenverträge nur dank ihm unterschrieben, hatte sich nur zu Turnieren angemeldet, die sein Großvater ihm angegeben hatte. In den ganzen Jahren hatte er nie wirklich für sich allein denken müssen, geschweige denn sich darüber Gedanken machen müssen, was andere über ihn dachten. Patrick hatte dank seines Namens immer im richtigen Rampenlicht gestanden. Für einen Moment überlegte er, ob er sein Social-Media-Managerin nicht anrufen könnte, damit sie ihnen helfen würde, aber dann viel ihm ein, dass sie nicht mehr für ihn arbeitete und bereits in Leonards Team übergegangen war. Er wusste nicht einmal, ob er das Passwort für seinen eigenen Instagram-Kanal kannte.

„Es geht 'ne ganze Menge hinter den Kulissen vor sich, huh."

Gwen seufzte. „Reich und verwöhnt müsste man sein."


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