7
Keuchend blieb ich auf der Laufbahn stehen. Ich beugte mich vor und stützte mich mit den Händen auf den Knien ab. Ausgelaugt wischte ich mir mit dem Handrücken über die Stirn.
Es sollte echt ein Mittel gegen Schweiß erfunden werden. Das würde die Welt um einiges besser machen.
Ich sammelte mich kurz, ehe ich noch ein paar Meter ausging. Eine Trainingseinheit von mir beinhaltet meist 20 bis 25 Runden. Auch wenn ich mich in Topform befand, war es wichtig immer weiter zu trainieren. Es gab selten einen Tag wo ich mich nicht auf der Laufbahn, im Fitnessstudio, in der Schwimmhalle oder im VR-Raum befand.
Sport war für mich Entspannung. Also nicht im übertragenen Sinn. Natürlich war Sport anstrengend. Für mich war es Entspannung im Gehirn.
Dadurch kann ich einmal mein Gehirn abschalten. Es lenkt mich von der Welt dort draußen ab. Man könnte Sport als meine Wand zwischen mir und dem Chaos, das man Leben bezeichnet, nennen. Wenn mir die Arbeit zu viel wurde, ging ich laufen. Wenn die Schule stressig wurde, ging ich schwimmen und tauchte ab.
Im Moment lenkte es mich von der bevorstehenden Feier- soll ich echt mit Mary shoppen gehen?
Und den merkwürdigen Vorkommnissen ab- wird es durch die Zusammenarbeit mit Lucas' Team wirklich sicherer? Was ist, wenn es weitere Zwischenfälle gibt? Werde ich mein Team beschützen können?
Frustriert rubbelte ich mit den Händen über mein Gesicht. Wieso hatte ich bloß aufgehört, zu laufen?
In einer Stunde wird das Teammeeting sein. Morgen werden wir noch einen letzten Einsatz alleine haben. Danach werden wir unsere erste Sitzung als neues Team haben. Der Rest des Tages besteht aus Teambuildings und Gemeinschaftstrainings. Ich musste kurz auflachen, als ich daran dachte, wie wohl alle anderen reagieren werden, wenn wir in den Trainingsräumen mit den Jungs in Schlepptau auftauchen.
Freitags wird von uns erwartet, dass wir schon in den Einsatz gehen können. Kein Tag wird verschwendet.
Helen hatte mir bereits einen detaillierten Plan gesendet. Ich leitete ich sofort an Lucas weiter. Durch die Zusammenarbeit bekam ich auch den ID-Code der SmartGlasses von Lucas' Team.
Als Antwort bekam ich ein: "Hui, da hat es aber jemand eilig" und die Profile seiner Teammitglieder. Bis jetzt habe ich noch keinen Blick darauf geworfen.
Die Nachricht kam, als ich mir meine Pizza von Philippe schmecken ließ.
Sie war übrigens wieder einmal fabelhaft.
Ich wollte mein leckeres Mittagessen nicht mit Dingen verbringen, die mich sowieso die nächste Zeit beschäftigen werden.
Verdrängen. Ganz einfach.
Isabell eilte mit großen Schritten auf mich zu.
Ich seufzte und tippte auf mein Ohr. Pepas verklang und Stille kehrte wieder ein. Stille, die von einer wohlklingenden Stimme durchbrochen wurde.
"Ana!" Isabell schnaufte kurz, bevor sie wieder zu Atem kam. Selbst im Stress sah sie noch zum Dahinschmelzen aus.
Sie war einfach eine von den Personen, wo der Blick hängen blieb. Wo man sich denkt: Wow.
Würde ich auf Frauen stehen, würde ich wahrscheinlich auch auf sie stehen.
Lange Beine. Schmale Taille. Volle Lippen. Perfekt aufgetragenes Make-Up. Wellende Haare.
Kein Wunder, dass sie ihr Aussehen benutzte, um an Jungs heranzukommen. Würde ich auch, wenn ich so aussehen würde wie sie.
Ich meine, ich finde mich jetzt nicht hässlich oder so. Ich finde mich im Grunde ziemlich akzeptabel. Wenn ich mich im Spiegel sah, war ich die meiste Zeit zufrieden mit mir. Es kommt natürlich auf meine Stimmungslage darauf an. An guten Tagen ignorierte ich meine dünnen Wimpern und meine graublauen Augen (ich meine, wieso graublau? Könnten sie nicht einfach blau sein? Nein, es muss so eine eigenartige Mischung zwischen Schneematsch und Stauseeblau sein. Meiner Meinung gibt es einen großen Unterschied zwischen dem Blau eines Sees und eines Stausees.). Ich ignorierte auch meine Nase, die eine durchaus erkennbare Ähnlichkeit hatte mit der Nase von Papaschlumpf und meine großen Füße.
An anderen Tage, möchte ich am liebsten schreien, mich im Bett verstecken und mich nie mehr wieder raustrauen.
Aber im Fall von Isabell musste man einfach sagen, dass sie perfekt war. Gäbe es einen internen Modelwettbewerb würde sie sicherlich mit großem Abstand gewinnen.
"Stimmt das? Arbeitet ihr jetzt mit Jungs zusammen?" Sogar ihre Stimme war perfekt. Sie klang nach Frühling. Man sah Schmetterlinge fliegen. Man roch den angenehmen Duft der Veilchen. Man fühlte, wie sanftes Gras um die Füße strich.
Wie konnte man nur so perfekt sein?
"Ja. Das stimmt." Ich runzelte die Stirn. "Woher weißt du das?"
Schnellen Schrittes durchquerte ich die Halle Richtung Umkleideraum.
Der Umkleideraum bildete das Herz der Fitnessräume. Von dem Raum kommt man zu der Laufhalle, Schwimmhalle, usw.
Isabell blieb an meiner Seite und ging mit mir den Weg zurück, den sie erst eben hergejoggt war.
"Helen hatte vor Kurzem eine kurze Aussendung an alle geschickt. Hast du sie nicht bekommen?" Jetzt schon? Ich runzelte die Stirn. Ich dachte, sie würde sich erst nach dem Teammeeting öffentlich dazu äußern. Damit ich in Ruhe mit meinem Team darüber sprechen konnte, ohne dass vorher jemand nervige Fragen stellte. Ich wettete, den anderen ging es nicht anders. Der Unterschied war, dass sie vor der Aussendung genauso wenig wussten wie alle anderen außerhalb des Teams. Das wollte ich meinem Team eigentlich nicht antun.
Ich antwortete: "Wahrscheinlich schon, aber ich habe während des Trainings meine Glasses immer auf Off."
Als Beweis zeigte ich auf darauf. In der Brillenfassung war ein kleines Licht angebracht. Bei Grün wusste man, dass es vollkommen eingeschaltet und funktionsfähig war und bei Rot, dass es entweder komplett aus oder kaputt war.
Das Orange bei meiner Brille zeigte an, dass sie zwar komplett funktionsfähig war, aber eben auf Off und so nicht in der Lage, Nachrichten zu senden oder zu empfangen.
Ich tippte auf das Lämpchen, es wurde grün und sofort trudelten die ganzen neuen Benachrichtigungen ein. Werbung für die Kleider der Feier, der Kantinenspeiseplan für die nächste Woche, eine neue Nachricht von Mary und unter alldem die Aussendung von Helen.
Ich seufzte.
Der Moment der Ruhe war somit vorbei.
Die Arbeit begann wieder.
"Wieso seufzt du?" Isabell lehnte an dem Spind neben mir. Ihre grünen Augen musterten mich neugierig.
"Die Aussendung ist doch wirklich nicht so schlimm. Ich finde sie sogar sehr gelungen. Das Problem ist, dass ich ihre Ansage nicht so ganz verstehe." Sie stieß sich vom Spind ab. Ihre Augen glänzten nur so vor Eifer, die Neuigkeit, als Erstes in aller Genauigkeit zu wissen. "Stimmt es wirklich, dass ihr ab sofort mit einer Jungstruppe zusammen arbeitet? Ist das die von dem Lucas, oder? Und das ist wirklich erlaubt?"
Ich bejahte jeder ihrer Fragen und gab meiner Spindtür einen Schubs. Mit einem leisen Piep verriegelte sie sich wieder. Mit einem Handtuch und einem Deo bewaffnet, marschierte ich Richtung Ausgang.
Während dem Gehen drehte ich mich nochmal und sagte: "Keine Sorge Isabell. Lucas gehört ganz dir. Es wird dir keiner im Weg stehen." Ich zwinkerte ihr zu. Als ich ihr verblüfftes Gesicht sah, konnte ich mir einen kurzen Lacher nicht verkneifen.
○○○○
Ich klemmte mir die losen Haarsträhnen meines Pferdeschwanzes mit Haarklemmen nach hinten. Strich mit den Händen über die Frisur. Es war nur ein einfaches Teammeeting. Sie wussten bereits, um was es ging. Du brauchst nur Details bekannt zugeben. Details, die ich in der letzten halben Stunde stur auswendig gelernt hatte.
Ich atmete durch. Strich die hellblaue, offizielle Bluse der Athena glatt. Hineinstecken oder außerhalb der Jeans lassen? Ich drehte mich. Betrachtete mich von der Seite.
Sah man in mir eine Gruppenkommandantin? Ich stützte mich auf die hölzerne Kommode und versuchte aus mir schlau zu werden. Wieso hatte mich Helen befördert? Was sah sie in mir? Was sollte an mir besonders sein?
Meine Augen bestimmt nicht.
Ich seufzte wieder. Es half nichts. Jetzt war ich Gruppenkommandantin und musste ein Team anführen. Ich öffnete die oberste Schublade und nahm eines der vielen Anstecklogos, die sich darin tummelten, heraus. Jede Person, die eine höhere Position innehatte, musste bei jeder offiziellen Angelegenheit das Logo tragen. Egal, wie klein die Situation war. Es erfüllte mich immer noch mit Unglauben, wenn ich das Zeichen in den Händen hielt. Vorsichtig befestigte ich die steifen Buchstaben an meiner Bluse. Um die Buchstaben lag ein Ring, in dem am unteren Rand ein winziger, ovaler Kristall eingelassen war. Er blitzte silbern im hellen Licht der Spots.
Mein Blick fiel auf das Foto auf der Kommode. Glücklich in die Kamera blickend. Der Arm des Mannes lag fest um die Taille der Frau. Ihr Kopf ruhte vertraut auf die Schulter des Mannes. Ob sie wohl stolz auf mich sein würden?
Alt abgesessener Kummer braute sich in mir zusammen. Er drückte auf die Lunge. Es war als würde ich Staub einatmen. Raubte mir den Weg zum Atmen. Schnell wandte ich den Kopf wieder ab.
Ich sah wieder in den Spiegel. Gab ich jetzt mit dem Logo eine bessere Gruppenkommandantin ab?
Wohl kaum.
○○○○
"Da wir nun vollzählig sind, können wir jetzt beginnen." Ich blickte in die erwartungsvollen Gesichter meines Teams. "Wie ihr mittlerweile wisst, wird es in Zukunft einige" Ich suchte nach dem richtigen Wort. "Es wird einige personelle Änderungen geben."
Alice schnaubte und verschränkte die Arme. Kristin kniff die Augen zusammen, zeigte aber sonst keine Reaktion. Liz stützte aufmerksam die Arme auf den Tisch. Sie wirkte wissbegierig. Abwartend. Mary hingegen blieb völlig ruhig. Sie strahlte eine gewisse Gelassenheit aus.
Bea war nicht anwesend. Man brauchte ihr die Details nicht zusätzlich erklären. Sie brauchte nur eine Datei mit der entsprechenden Info. Eine Datei, die ich später noch zusammenstellen und in ihr System einarbeiten musste.
"Ich hatte gedacht, dass Helen die Aussendung erst nach unserem Teammeeting ausschicken wird." Die Aussendung bestand zwar nur aus knappen Worten, mit denen sie nüchtern den gegebenen Sachverhalt erklärte. Dass unter den gegebenen Umständen eine solche Zusammenarbeit ein guter und richtiger Schritt sei. Auch in der Hinsicht, dass Frauen und Männer wieder mehr zusammenarbeiten sollten.
Die Aussendung beinhaltet nicht viel Information, aber genug, um für ausreichend Gesprächsstoff zu sorgen.
Mein Team hatte sich in einem der vielen Meetingräume versammelt. Die Einrichtung war spärlich. Ein halbkreisförmiger Tisch in der Mitte. Sesseln. Eine tapfere Zimmerpflanze in der Ecke. Equipment für eine Präsentation. Die Wände wurden so eingestellt, dass man glauben konnte, es wären Fenster und man saß in einem riesigen Bürogebäude oberhalb der Skyline New Yorks. Wenn man genau schaute, konnte man sogar Vögel fliegen ausmachen, die in den Sonnenuntergang segelten. Meine Teammitglieder saßen entlang des gebogenen Teiles des Tisches, während ich alleine an der geraden Seite Platz genommen hatte.
Ich ratterte die Details herunter, die mir Helen zugeschickt hatte. Zusammenarbeit. Gegebene Situation. Das gemeinsame Teammeeting morgen. Die geplanten Teambuildings. Der erste geplante Einsatz. Der 2-Wochentakt.
Ich versuchte alles möglich einleuchtend zu erklären. Ging auf Fragen ein. -Wie lange wird die Zusammenarbeit dauern? -Bleibt die Schicht gleich? -Bekommen wir ein anderes Einsatzgebiet?
"Zum Schluss möchte ich euch noch etwas direkt fragen. Was haltet ihr von der Idee? Was war euer erster Gedanke, als ihr davon gehört habt?" Ich drehte mich ein wenig auf dem Stuhl und wandte mich Alice zu.
"Alice?"
Alice lehnte sich im Sessel nach hinten und verschränkte die Arme.
Sie hob trotzig das Kinn. "Also ich finde die Idee beschissen. Ich meine, was soll das? Wenn der letzte Einsatz etwas gezeigt hat, dann dass wir gut genug auf uns selbst aufpassen können. Soll das etwa heißen, dass wir schwach sind? Wir sind eines der besten Teams. Wir haben immer die zweitbeste Quote. Nein, wir brauchen keine billigen Bodyguards."
"Okay danke für deine ehrliche Meinung." Ich lächelte versöhnlich.
In Gedanken notierte ich: Alice - negative Einstellung.
"Kristin, was meinst du?"
Sie räusperte sich und sprach mit ruhiger Stimme: "Ich meine, dass dies etwas völlig Neues ist und ich die Situation noch nicht richtig bewerten kann. Ich bin auf jeden Fall aufgeschlossen gegenüber diesem Experiment."
Kristin war eindeutig die am logisch denkensde von uns. Ich mochte ihre ruhige, unaufgeregte Art.
Ich nickte ihr zu und fügte in Gedanken neutral hinzu. "Danke für deine diplomatische Einstellung." Ich ignorierte das Schnauben von Alice und wandte mich Mary zu. Innerlich wusste ich bereits, welche Antwort sie mir geben würde.
"Mary?"
Sie lehnte sich vor. Ihre Stimme klang verschwörerisch. "Also, wenn alle so gut aussehen wie dieser Lucas, dann freue ich mich darauf." Sie grinste schamlos. Ein weiteres Schnauben von Alice. Ich ignorierte es ebenfalls. "Und außerdem ist das für uns alle eine völlig neue Erfahrung. Man sollte offen für jede unerwartete Entwicklung in Leben sein. Sie bringen Erfahrung mit und wir bringen Erfahrung mit. Wir können alle etwas von dem anderen Team lernen."
"Komm schon Mary. Ist das dein Ernst?" Alice' genervte Stimme unterbrach Mary. "Was sollen wir von so Typen lernen? Jungs sind doch immer nur notgeil. Das weiß man doch."
Mary beugte sich nach vorne und blickte über Kristin hinweg Alice an. "Und wenn schon. Etwas neue Erfahrung schadet keinen von uns. Du solltest nicht immer so negativ sein."
Alice schaute noch grimmiger drein. "Ich bin nicht negativ. Ich bin nur realistisch." Bevor die Diskussion ausruderte, ging ich entschlossen dazwischen. Ich hob die Hände beruhigend "Hey Mädels, alles okay. Wir haben uns alle lieb und lassen das Gezanke. In Ordnung?"
Alice lächelte gezwungen: "Sorry, aber ich bin eben gegen diese Zusammenlegung. Ich finde es lächerlich. Dadurch schaut es doch aus, als wären wir nicht in der Lage auf uns selbst aufzupassen."
"Ich stimme Ali zu." Lizz hob entschlossen das Kinn. "Es war alles perfekt so wie es war."
Ich schrieb Lizz ebenfalls auf die negative Seite.
"So Leute." Ich warf einen Blick auf die digitale Uhr in den SmartGlasses. "Ich bin so weit fertig. Wenn niemand mehr Fragen hat, dann erkläre ich die Sitzung für geschlossen." Ich schaute in stumme, vermeinende Gesichter.
"Na dann" Mit einem Touchpen beendete ich per Knopfdruck die Aufzeichnung auf dem Tablet. Die Zeit stoppte.
1 Stunde 13 Minuten 46 Sekunden. Lange genug.
Erleichtert schob ich den Pen in die Halterung, schloss meine Hände um das Tablet und stand von meinem Sessel auf.
"Hey Ana." Alice' Stimme hielt mich an der Türe zurück.
"Wir wollen nachher noch etwas gemeinsam unternehmen. Vielleicht nach Turin oder Lyon. Ein wenig durch die Stadt ziehen. Willst du nicht auch mitkommen?" Dumpfe Kälte breitete sich in meinen Fingerspitzen aus. Sie lähmte meine Arme aufwärts. Wie Dornenranken kletterte sie hinauf.
Es war der erdrückende Schrecken vor Sozialkontakt. Mein Körper reagierte wie automatisch so auf ungewohnte und unplanbare Situationen. Ich konnte es nicht abstellen.
"Nein, also, ich, ich muss für die morgige Aufnahmeprüfung noch einiges vorbereiten. Papierkram und so." Ich lachte unsicher.
"Ich hätte es gerne schnellstmöglich erledigt, wisst ihr." Ich verspürte den Drang ganz weit wegzulaufen. Gott, Situationen der Art waren mir immer dermaßen peinlich.
"Naja, dann vielleicht beim nächsten Mal", meinte Mary betrübt. Das schlechte Gewissen lastete tonnenschwer, als ich mich umdrehte und zur Türe hinausging.
Bạn đang đọc truyện trên: AzTruyen.Top